1/2022 1 Franziskanische Zeitschrift für das Heilige Land 79. Jahrgang 2025 / Heft 2 Papst Franziskus 1936–2025
IM LAND DES HERRN 2 2/2025 Ein Heilig-Land-Pilger hat uns verlassen: Sie sehen ein Bild vom verstorbenen Papst Franziskus auf der Vorderseite unserer Zeitschrift: am Ende einer Hl. Messe im Abendmahlssaal in Jerusalem anlässlich seiner Pilgerreise im Jahre 2014 verlässt er das „Obergemach“ mit seiner abgewetzten Aktentasche, ein Bild, das für sich spricht. Papst Franziskus war Pilger und er war mehr: jeden Abend, wenn es ihm möglich war, telefonierte er mit der Pfarrei zur Hl. Familie in Gaza und wurde nicht müde, in seinen Ansprachen an das unaussprechliche Leid der dortigen Bevölkerung zu erinnern. In dieser Ausgabe unserer Zeitschrift begeben wir uns wieder an den See von Genezareth, genauer nach Tabgha, ein Ort, den alle Heilig-Land-Pilger besuchen. P. Ulrich Rauch, neuer Missionar und momentan in Getsemani stationiert, erschließt uns in einer Betrachtung die Aufschrift auf dem dortigen Altarstein. Ein Artikel über das Heilige Grab und die „Bethlehem-Grotten“ in Schönbühel an der Donau wird sicher besonders unsere österreichischen Leser interessieren. In der Woche nach Ostern hatte ich die Gelegenheit, das Heilige Land zu Sehr verehrte Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Heiligen Landes! besuchen. Auch wenn es nur wenige Tage und fast nur in Jerusalem und Umgebung waren: überall war greifbar, wie radikal sich das Land verändert hat. Von einem Besuch im Westjordanland wurde mir übereinstimmend abgeraten, es wäre einfach zu gefährlich. Jerusalems Altstadt erscheint fast geisterhaft, wenn man mit früheren Zeiten vergleicht. Trotz all dem konnte ich die dortigen Brüder treffen und mir ein Bild machen: keiner hat das Land wegen der schwierigen Lage verlassen und wir können uns freuen über den dortigen Ordensnachwuchs; gerade wenn ich Ihnen jetzt Mitte Juni diese Worte schreibe, werden in unserem Hauptkloster St. Salvator 14 junge Brüder zu Diakonen geweiht. Und so kommen wir zum hinteren Umschlagbild: ein junger Franziskaner füllt die Ölampullen für Altarkerzen nach: die Franziskaner werden auch in dieser schwierigen Situation die Heimat Jesu nicht verlassen und ihren Dienst an den Heiligen Stätten fortführen. Bitte helfen Sie uns weiter in dieser Mission,
2/2025 3 Inhalt Biblische Gestalten Ismael und Isaak Sigfried Grän OFM Heiliges Grab und Bethlehem-Grotten in Schönbühel an der Donau Petrus Schüler OFM Tabgha Heinrich Fürst OFM / Gregor Geiger OFM + IN EMMAUS COGNITUS – ITERUM AD MARE SE MANIFESTAVIT IESUS + P. Ulrich Rauch P. Stanislaus Bertagnolli 1933–2025 Aus dem „Heiligen Land Tirol“ ins „Heilige Land“ Buchempfehlung P. Robert Jauch P. Hans-Josef Klauck 1946–2025 Ein Leben aus, mit und für die Bibel Petrus Schüler OFM Auf dem Weg nach Gaza (Apg 8,26–40) Hans-Josef Klauck OFM Nachrichten aus dem Heiligen Land Titelbild: Papst Franziskus nach der Hl. Messe im Abendmahlsaal Mai 2014 Rückseite: Franziskaner beim Einfüllen der Flüssigkerzen in S. Salvator Jerusalem Alle Fotos in der Zeitschrift (wenn nicht anders angegeben) © Petrus Schüler Seite 4 Seite 15 Seite 28 Seite 19 Seite 30 Seite 31 Seite 33 Seite 34 Seite 38
4 2/2025 achdem wir uns ausführlich mit Abraham beschäftigt haben, richten wir heute unseren Blick auf seine Nachkommen, auf seine Söhne Ismael und Isaak. Dabei müssen wir gelegentlich an Vorgänge erinnern, die wir schon kennen, die wir aber bis jetzt noch nicht näher darstellen konnten. Der Sohn der Magd Bekanntlich war Sara, die Ehefrau Abrahams, lange Zeit unfruchtbar gewesen. Um diesen Makel, der in der damaligen Welt besonders schwer wog, auszugleichen, hatte sie eines Tages ihrem Mann den Vorschlag gemacht: „Ich habe N Hagar und Ismael im Zelt Abrahams, unbek. Künstler, Diözesan Museum Salerno Biblische Gestalten Ismael und Isaak Sigfried Grän OFM
2/2025 5 Ismael und Isaak Ismael und Isaak eine ägyptische Magd namens Hagar in die Ehe gebracht. Und da Gott mir Kinder versagt hat, bitte ich dich: Schlafe mit meiner Magd. Vielleicht bekomme ich durch sie einen Sohn.“ Sara beschritt damit einen ganz legitimen Weg. Es gab damals weit verbreitete Rechtsbräuche, die Folgendes vorsahen: Die Frau konnte eine Leibmagd haben, die ihrem Mann nicht in demselben Maß wie seine eigenen Sklavinnen als Konkubine zur Verfügung stand. Gab nun die Frau bei Kinderlosigkeit diese Leibmagd dem Mann, dann galt das von der Magd geborenen Kind (die Sklavin gebar es in der Regel „auf den Knien der Herrin“) als Kind der Hausfrau (denn symbolisch war es ja aus dem Schoß der Herrin hervorgegangen). In unserer Geschichte kommt alles, wie es kommen muss: Hagar wird schwanger. Sie denkt aber nicht daran, das Kind in ihrem Schoß (gewissermaßen) zu verleugnen und es ihrer Herrin zuzuschreiben. Sie genießt vielmehr ihre Fruchtbarkeit wie einen Triumph über die kinderlose Sara. – Und da holt Sara, die sich in ihrer Rechtsstellung als Ehefrau und Herrin bedroht sieht, zum Gegenschlag aus. Sie überschüttet Abraham mit Vorwürfen: „Das Unrecht, das ich erfahre, komme auf dich! Ich habe dir meine Magd an den Busen gelegt, aber kaum merkt sie, dass sie schwanger ist, so verliere ich schon an Achtung bei ihr. Gott, der Herr entscheide zwischen mir und dir!“ – Abraham gibt sofort nach und erklärt: „Hager ist in deiner Hand, tu mit ihr, was du willst!“ Was das bedeutet, erfahren wir aus einer Rechtsordnung (Codex Hammurabi) aus der Umwelt Israels: Eine Magd, die von ihrem Herrn ein Kind hat – so wird dort bestimmt – und die sich verleiten lässt, sich deshalb ihrer Herrin gleichzustellen, möge wieder zur Sklavin degradiert werden. – Hagar wird also von Sara bewusst „erniedrigt“ („hart behandelt“, sagt unsere Übersetzung) und das erträgt sie nicht: Sie läuft ihrer Herrin davon, weit in Richtung Süden „an die Quelle auf dem Weg nach Schur“. Hier erscheint ihr der „Engel des Herrn“ (den man am besten als „die Person gewordene Hilfe Gottes für sein Volk“ deutet) und ermahnt sie: „Geh zurück zu deiner Herrin und ertrage ihre harte Behandlung ... Du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären und ihn Ismael (Gott hört) nennen; denn der Herr hat auf dich gehört in deinem Leid.“ – Und dann wird Ismael von dem göttlichen Boten schon im voraus charakterisiert: Er wird ein echter Beduine werden, ein „Wildpferdmensch“, d.h. frei und ungestüm, kampfbereit sein Leben verzehrend in einem Krieg aller gegen alle, kurz: ein würdiger Sohn seiner aufsässigen und stolzen Mutter. Hagar gehorcht. Sie kehrt in Abrahams Haus zurück und bringt dort ihren Sohn zur Welt. Abraham nennt ihn Ismael. Und die Erzählung endet mit der Bemerkung: „Abraham war 86Jahre alt, als Hagar ihm den Ismael gebar.“ Die verzögerte Verheißung Zahlreiche Nachkommen hatte Gott seinem treuen Knecht Abraham verheißen. Aber die Erfüllung dieser Verheißung ließ lange, zermürbend lange, auf sich warten. So haben Abraham und Sara nach einem Ausweg gesucht, indem sie Hagar als „Mittelsperson“ für ihre Absichten und Pläne einsetzten. Das Kind, das aus dieser Verbindung entstand, war aber nicht der „Erbe der Verheißung“, sondern ein „Seitentrieb“, der aus der Verheißungslinie wieder ausgeschieden wurde. – Die Personen, die in unserer Geschichte die Handlung tragen, erscheinen in keinem guten Licht. Abraham wirkt kleingläubig und ungeduldig seinem Gott gegenüber. Den Frauen gegenüber ist er schwach und nachgiebig. Wie er Hagar sofort an Sara ausliefert und sie degradiert, wirkt auf den Leser unerfreulich. Auch Sara macht in ihrem Bestreben, sich mit allen Mitteln gegen Hagar durchzusetzen, keinen guten Eindruck. Die meisten Sympathien hat der Erzähler (und Leser) wohl für Hagar, auch wenn er zugeben muss, dass sie sich gegen Recht und Sitte verfehlt hat. – Kurz gesagt: Es herrscht in der ganzen Erzählung eine gespannte, trotzige, aggressive Stimmung. Und so hat es eine gewisse Logik, wenn der Leser vermutet: Das Kind, das in einer solchen Atmosphäre zur Welt kommt, kann nicht
6 2/2025 IM LAND DES HERRN „Erbe der Verheißung“ sein. Es wird ein Kind des Protestes sein, freiheitsliebend und kämpferisch. – Aber auch diesem Kind, das aus dem Hause Abrahams heraustritt und eigene Wege einschlägt, folgt Gottes Segen. – In der islamischen Überlieferung gilt Ismael bis heute als Ahnherr der Araber. – Aber betrachten wir den weiteren Lebensweg Ismaels, wie ihn die biblischen Schriftsteller beschrieben haben. Hagars zweite Vertreibung Endlich hatte auch Sara (auf eine spezielle Verheißung Gottes hin, der in Gestalt von drei Wanderern bei Abraham eingekehrt war) einen Sohn zur Welt gebracht, nämlich den kleinen Isaak (über den wir gleich Näheres erfahren werden). Abraham war 100 Jahre alt, als Isaak geboren wurde. Als das Kind entwöhnt wurde, mit etwa drei Jahren, veranstaltete Abraham ein großes Fest. Sara blickte voll Stolz auf ihr wohlgeratenes Kind und dachte natürlich an seine Zukunft. In diesem Augenblick sah sie wie Ismael mit seinem kleinen Bruder scherzte. Und da stiegen Gedanken des Misstrauens in ihr auf. Könnte dieser Ismael, „der Sohn dieser Magd“, nicht durch väterliche Adoption zum Konkurrenten Isaaks werden und eines Tages das väterliche Erbe mit ihm teilen? – Berechnend und schnell entschlossen, wie Sara nun einmal war, versuchte sie die (vermutete) Gefahr durch eine Gewaltlösung zu bannen. Sie verlangte: Abraham möge „diese Magd und ihren Sohn“ (man hört den verächtlichen Ton) verstoßen. Denn (so sagt Sara wörtlich) „der Sohn dieser Magd soll nicht zusammen mit meinem Sohn Isaak Erbe sein“. – Falsch verstandene Mutterliebe kann (das lehrt uns diese Episode) über Leichen gehen. Wie reagiert Abraham? – Ganz anders als in der uns schon bekannten Parallel-Erzählung, wo er sich um des lieben Friedens willen als willfähriges Werkzeug seiner Frau erweist, ist Abraham jetzt „verdrossen“, er will und kann sich nicht einfach von Hagar und ihrem Sohn, der ja sein Erstgeborener ist, trennen. Erst ein Gotteswort, das wohl im Traum an Abraham ergeht, bewegt ihn, seiner selbstsüchtigen Ehefrau zu folgen. Erleichtert wird ihm dieser Schritt durch Gottes Verheißung: „Zwar soll deine Nachkommenschaft nach Isaak benannt werden. Aber den Sohn der Magd will ich zu einem großen Volk machen, denn er ist ja dein Nachkomme!“ – Die Schilderung der Vertreibung Hagars ist ein Meisterstück hebräischer Erzählkunst. Der Leser erfährt, wie Abraham am nächsten Morgen in aller Frühe Brot und einen Schlauch mit Wasser herrichtet, beides an Hagar übergibt und ihr das Kind auf die Schulter legt. Jeder Hinweis auf Gefühle unterbleibt. Aber gerade dieses Schweigen bei Abrahams Hantierungen wirkt auf den Leser besonders bedrückend. Lakonisch heißt es am Schluss: „Dann verstieß er sie. Sie aber ging und irrte in der Wüste von Beerscheba umher.“ Vertreibung Hagars, aus Allioli, Heilige Schrift, Klosterbibliothek St. Anna München © Raynald Wagner
2/2025 7 Ismaels Errettung An dieser Stelle sei wieder einmal daran erinnert, dass unsere Erzählungen über die Urväter Israels von späteren Theologen aus verschiedenen Einzelüberlieferungen zusammengefügt worden sind. – Bei dieser Tätigkeit waren die geistlichen Redaktoren nicht immer ganz aufmerksam. In Bezug auf Ismael z.B. versäumten sie es, die Daten über sein Alter, die sie uns schon mitgeteilt haben, bei „Hagars Verstoßung“ in Rechnung zu stellen. Wir haben erfahren, dass Abraham bei Ismaels Geburt 86 Jahre und bei Isaaks Geburt 100 Jahre alt war. Drei Jahre später, bei der Feier von Isaaks Entwöhnung, muss Ismael ein junger Bursche von 17 Jahren gewesen sein, den man schwerlich seiner Mutter „auf die Schulter legen“ konnte. – Aber der Erzähler hat den Ismael unserer „Verstoßungsgeschichte“ zweifellos noch für ein kleines Kind gehalten. Hagar trägt ihren Sohn, und als das Wasser in ihrem Schlauch zu Ende ging, „warf sie das Kind unter einen Strauch“. – Sehr anrührend ist die Äußerung der verzweifelten Mutter. Sie weiß, dass sie mit ihrem Kind in der unwirtlichen Landschaft dem Tod geweiht ist: sie werden beide in den nächsten Stunden verdursten. So setzt sich Hagar „einen Bogenschuss entfernt“ von ihrem erschöpften Kind nieder, denn sie sagt laut weinend: Ich kann und will es nicht ansehen, wie das Kind stirbt. – Auch der Knabe schrie und weinte, und Gott hörte (gemäß dem Namen Ismael, der bedeutet: „Gott hört“) seinen Hilferuf. In einer Situation, da mit menschlicher Hilfe nicht mehr zu rechnen ist, kann nur noch Gott Hagar und Ismael in der Wüste (Genesis 21,17), Gaspare Vismara, Terracotta Modell Dommuseum Mailand Ismael und Isaak Ismael und Isaak
IM LAND DES HERRN 8 2/2025 helfen, der Abraham zugesichert hat (was freilich Hagar nicht wissen kann): „Ich will auch den Sohn der Magd zu einem großen Volk machen.“ – „Was ist dir, Hagar?“, ertönt plötzlich eine Stimme vom Himmel, „fürchte dich nicht, denn Gott hat die Stimme des Knaben dort, wo er liegt, gehört. Steh auf, nimm den Knaben und halte deine Hand schützend über ihn, denn zu einem großen Volk will ich ihn machen.“ – Ein Trost für alle Leidenden und Verzweifelten: Gerade dann, wenn Gott fern zu sein scheint, kann er nahe sein. In der Herrlichkeit seiner himmlischen Existenz kann er durchaus das Wimmern eines ausgesetzten Menschenkindes vernehmen. Und er kann dieses Kind, das nach irdischen Maßstäben verloren erscheint, zum Stammvater eines großen Volkes machen. Gott muss, um seine Ziele zu verwirklichen, keine spektakulären Wunder tun. Er muss nur (und das tut er in unserem Fall) Hagars Augen für die bereits vorhandenen Möglichkeiten öffnen. Er zeigt ihr einen Brunnen, der schon immer in der Nähe war, den Hagar aber in ihrer Verzweiflung nicht wahrgenommen hat. Nun aber sieht sie ihn und wird tätig. Sie tränkt ihren halbtoten Sohn, so dass er mit dem Leben davonkommt. – Und unsere Erzählung schließt mit Sätzen voller Optimismus: „Gott war mit dem Knaben. Er wuchs heran, ließ sich in der Wüste nieder und wurde ein Bogenschütze. Er wohnte in der Wüste Paran, und seine Mutter nahm ihm eine Frau aus dem Land Ägypten“ (vgl. Gen 21,20f.). Das weitere Schicksal Ismaels Ein Bibel-Leser, der sich für das weitere Schicksal Ismaels interessiert und ein Fachlexikon befragt, erfährt Folgendes: Ismael taucht noch einmal auf, als Abraham gestorben ist und bestattet werden soll. Er begräbt ihn zusammen mit seinem Bruder Isaak in der Höhle von Machpela (Gen 25,9). Er selber stirbt mit 137 Jahren, und obwohl er nicht „Erbe der Verheißung“ war, wurde er von Gott gesegnet. Und die zwölf von ihm abstammenden Fürsten, die Ahnherren der zwölf arabischen Stämme, fühlten sich berufen, „zu einem großen und unabhängigen Volk zu werden“ (vgl. Gen 17,20). – Für den durchschnittlichen Israeliten waren die Nachkommen Ismaels immer respektierte, aber auch gefürchtete Leute. Sie waren tüchtige Beduinen, die frei umherschweiften und in der Steppe lebten, die aber auch vorübergehend in der Nähe der sesshaften Bevölkerung ihre Zelte aufschlugen und fähig zu Raub und Plünderung waren. – Vom (ägyptischen) Josef erfahren wir, dass er an „ismaelitische Kaufleute“ als Sklave verkauft wurde. Im Buch der Richter hören wir, dass Gideon die Ismaeliter besiegte (Ri 8,24). In der jüdisch-christlichen Theologie spielen Ismael und seine Nachkommen eine schillernde Rolle. Auf der einen Seite haben wir höchst positive Prophezeiungen über Ismael („Ich will ihn zu einem großen Volk machen“, Gen 21,13). Auf der anderen Seite wird im frühen Christentum, nämlich vom hl. Paulus, wieder ein scharfer Unterschied gemacht zwischen den „Kindern der Verheißung“ und dem „Sohn der Sklavin“ (vgl. Gal 4,28f.). Und Paulus schärft seinen Christen nachdrücklich ein: Wir sind keine „Ismaeliten“, d.h. keine Kinder der Sklavin, sondern der Freien, d.h. „Kinder der Verheißung wie Isaak“ (Gal 4,28ff.). – Der Gott Abrahams ist hier großherziger: Für ihn ist auch Ismael ein „Sohn und Nachkomme Abrahams“, auf dem das Wohlgefallen des Schöpfers ruht. Isaak, das Kind der Verheißung Richten wir unsere Aufmerksamkeit nun auf Isaak, den mittleren der drei großen Patriarchen („Abraham, Isaak und Jakob“), den der hl. Paulus ehrfürchtig als „unseren Vater“ bezeichnet (Röm 9,10). – Wir haben in der vorletzten Folge schon darauf hingewiesen, dass er einen merkwürdigen, nicht ganz leicht zu deutenden Namen trägt. „Isaak“ kommt von der hebräischen Wortform „jizchak“ und heißt: „er lacht“, wobei allerdings offen bleibt, wer der Lachende ist. Es könnte der Vater sein, dann würde der Name die Freude Abrahams zum Ausdruck bringen,
2/2025 9 dass Sara ihm endlich einen Sohn hat schenken dürfen. – Häufiger aber denkt man bei dem Lachenden an eine Gottheit (und damit gerät man in gewisse Schwierigkeiten, denn im Alten Testament lacht Gott fast ausschließlich über die Überheblichkeit der Sünder). – Neuere Untersuchungen aber konnten zeigen, dass man damals schon ein „Lachen Gottes“ als Zeichen der Freude und Huld kannte. „Isaak“ könnte dann als Glückwunsch verstanden werden: „Gott möge dich anlächeln und dir jederzeit mit freundlicher Miene Gnade erweisen!“ Wie immer man den Namen auslegt, eines steht fest: Die Umstände der Empfängnis und Geburt Isaaks haben (nach Auskunft unseres Textes) mehrmals zu verlegenem oder skeptischem „Lachen“ geführt. Abraham lacht in sich hinein, als ihm (einem Hundertjährigen) von Gott ein Sohn verheißen wird (Gen 17,17). Sara lacht bald darauf über dieselbe Sache (denn „es erging ihr längst nicht mehr, wie es Frauen zu ergehen pflegt“, Gen 18,11). Als aber das Kind zur Welt gekommen ist, lacht Sara noch einmal und mit ihr alle, die von ihrem Glück hören, und diesmal ist es ein Lachen aus Freude, Dankbarkeit und Stolz („wer hätte gedacht, Sara werde noch einmal Kinder stillen!“). – Das Kind Isaak ist also in Lachen eingebettet, und das zeigt seine Besonderheit, seine Erwählung, seine Stellung im Heilsplan Gottes, die bei den Menschen freudiges Staunen erregt. Durchkreuzte Zukunftspläne Sara ist so stolz auf ihren Sohn und von seiner Bedeutung so nachdrücklich überzeugt, dass sie seine (glückliche und erfolgreiche) Zukunft mit allen Mitteln sichern will. Sie bringt Abraham dazu, Hagar und Ismael in die Wüste zu schicken, damit die Rechte Isaaks als „Erbe der Verheißung“ in keiner Weise durch einen Konkurrenten geschmälert werden können. Dass sie selbst ihren Mann zur Zeugung dieses Stiefsohnes aufgefordert hat und dass Ismael deshalb symbolisch auch ihr Kind ist, davon will Sara plötzlich nichts mehr wissen. – Sie stellt die Weichen für Isaak und freut sich, ihn zu einem gesunden jungen Mann heranwachsen (und in die hohe Stellung und das reiche Erbe seines Vaters hineinwachsen) zu sehen. Doch eines Tages werden Saras hochfliegende Pläne radikal in Frage gestellt. Wir kennen das Ereignis und wollen es nur kurz erwähnen: Gott will die Glaubensstärke Abrahams erproben und befiehlt ihm, seinen einzigen, geliebten Sohn Isaak als Brandopfer darzubringen. Natürlich ist Abraham bei dieser Episode die Hauptfigur. Aber für Isaak geht es immerhin (auch wenn er mehr Objekt als Subjekt ist) um Sein oder Nichtsein. – Abraham besteht die Probe, er wird für sein Gottvertrauen gepriesen, und an Stelle Isaaks wird ein Widder geopfert. „Lächeln der Sara“ beim Besuch der drei Männer (Engel), Ulm, Münster Ismael und Isaak Ismael und Isaak
10 2/2025 IM LAND DES HERRN So wird Isaak seinen Eltern ebenso unverhofft zurückgeschenkt wie er ihnen geboren worden ist. – Für Sara aber mochte dieses Ereignis eine Lehre sein: Der Mensch hat das eigene Leben und das Leben seiner Kinder nicht in der Hand. Gewiss, er darf Pläne machen, aber „Herr der Zukunft“ ist Gott allein, und er kann jederzeit „seine Gedanken und seine Wege“ gegen die des Menschen ausspielen. – Im gesegneten Alter von 127 Jahren starb Sara und wurde von Abraham in Hebron bestattet, in einer Grabstätte, die er von dem Hetiter Efron gekauft hatte. Isaak war noch nicht verheiratet. Er war sehr traurig über den Tod seiner Mutter. Isaak und Rebekka Da Isaak nun schon auf die 40 zuging, wurde es für seinen Vater höchste Zeit, sich nach einer Frau für seinen Sohn umzuschauen (die Heirat des Sohnes zu regeln, gehörte damals zu den Pflichten eines Vaters!). Damit Isaak keine Kanaaniterin heiratete, schickte Abraham seinen Hausverwalter („Großknecht“) in seine alte Heimat Haran in Obermesopotamien zurück (in der heutigen Osttürkei, nahe der syrischen Grenze). Dort lebte noch die Großfamilie seines Bruders Nahor und in ihr gab es bestimmt genügend junge Frauen, von denen eine Isaaks Ehefrau werden konnte (und wollte). Die Geschichte dieser „Brautwerbung“ ist innerhalb der „Fünf Bücher des Mose“ (Pentateuch) die längste in sich geschlossene Erzählung. Man hat sie die „freundlichste und anmutigste aller Vätergeschichten“ (G.v.Rad) genannt. Sie nimmt in unserer Bibel-Ausgabe ein ganzes Kapitel ein (Gen 24) und wer die literarische Kunst genießen will, mit der unsere Erzählung aufgebaut ist, muss sich die Mühe (und das Vergnügen) machen, den Originaltext zu lesen. Wir können hier nur eine kurze Inhaltsangabe bieten: Der von Abraham ausgeschickte „Großknecht“, der sich mit zehn Kamelen und „allerlei kostSara, Mosaik in der Paulskirche Harissa, Libanon
2/2025 11 baren Sachen aus dem Besitz seines Herrn“ auf die Reise gemacht hatte, wurde in Haran freundlich empfangen. Ein hübsches, lediges Mädchen namens Rebekka gab ihm an einem Brunnen zu trinken und schöpfte auch gleich Wasser für die durstigen Kamele des Fremden.Für den Knecht war diese Hilfsbereitschaft ein Zeichen des Himmels. Rebekka stammte übrigens genau aus der Familie, die der Bote Abrahams aufsuchen wollte. Er stimmte das Mädchen noch freundlicher durch drei Schmuckstücke „einen goldenen Nasenreif, einen halben Schekel schwer, und zwei goldene Spangen für ihre Arme, zehn Goldschekel schwer“ (Gen 24,22). Rebekka war eine Enkelin Nahors, des Bruders Abrahams, und die Großfamilie hörte gerne, dass der einst ausgewanderte Bruder und Onkel im Ausland zu großem Vermögen gekommen war. Zum Beweis verteilte der Besucher übrigens an die maßgeblichen Leute der Sippe „kostbare Geschenke“. – Die entscheidende Frage: Will Rebekka mit dem Fremden ziehen und in die Familie des Abraham einheiraten, war schnell beantwortet: Rebekka sagte ohne Zögern ja, und die Verwandten segneten sie und sprachen: „Werde Mutter von tausendmal Zehntausend ...“ So brach Rebekka mit ihrer Amme und ihren Mägden auf. Sie bestiegen ihre Kamele und folgten dem fremden Mann. Isaak hatte sich inzwischen im Negev, beim Brunnen von Lahai-Roi, niedergelassen. Er empfing das fremde Mädchen zartfühlend und rücksichtsvoll und „führte sie in das Zelt seiner Mutter Sara“ (Gen 24,67). Wohl hing er noch immer an seiner Mutter, die ja eine starke Persönlichkeit gewesen war. Aber Rebekka, die er bald darauf heiratete, war ihm eine verständnisvolle Partnerin. Unser Text sagt: „Isaak gewann sie lieb und tröstete sich so über den Verlust seiner Mutter.“ Unsere Geschichte ist nicht nur menschlich sehr anrührend, sie ist auch theologisch bedeutsam. Sie ist ein Zeugnis dafür, dass Gott bei gewissen menschlichen Aktionen nicht nur mitwirkt, sondern die Führung übernimmt und alle Vorgänge so lenkt, dass sie seinen Auserwählten zum Segen werden. Die Gefährdung der Ahnfrau Isaak blieb mit Rebekka zwanzig Jahre lang ohne Kinder, bis ihnen Gott auf ihr Gebet hin endlich Zwillinge, Esau und Jakob, schenkte. Von diesen beiden (mit denen wir uns in der nächsten Folge unserer Artikel-Serie beschäftigen wollen) war nur einer, nämlich Jakob, Erbe der Verheißung, die Gott dem Abraham gegeben hatte. – Es sind (beiläufig bemerkt) sehr unscheinbare und zögernde Anfänge, aus denen heraus sich Israel zu einem großen Volk entwickelt hat. Als eines Tages eine Hungersnot ausbrach, begab sich Isaak nach Gerar zu Abimelech, dem König der Philister. Gott hatte nämlich zu ihm gesprochen: „Halte dich als Fremder in diesem Land auf. Ich will mit dir sein und dich segnen ... Ich mache deine Nachkommen zahlreich wie die Sterne am Himmel und gebe ihnen alle diese Länder“ (Gen 26,3). Als die Männer von Gerar sich bei Isaak nach der schönen Frau an seiner Seite erkundigten, gab er Rebekka als seine Schwester aus, denn er dachRebekka, die Braut Isaaks, Martin Joh. Schmidt, Kunstsammlungen Stift Seitenstetten Ismael und Isaak Ismael und Isaak
12 2/2025 te: Sie könnten mich umbringen und Rebekka in den Harem holen. – Durch Zufall schaute König Abimelech einmal bei Isaak vorbei und sah durch ein Fenster, wie Isaak seine Frau liebkoste. Da machte ihm Abimelech Vorwürfe und sagte: „Sie ist ja deine Ehefrau. Wie konntest du sagen: Sie ist meine Schwester! Beinahe hätte einer meiner Männer mit deiner Frau geschlafen. Und das wäre Ehebruch gewesen und hätte Fluch über uns gebracht.“ Isaak entschuldigte sich und erklärte seine „Notlüge“. Abimelech aber stellte Isaak und Rebekka unter seinen besonderen Schutz und ordnete an: „Wer diesen Mann oder seine Frau anrührt, wird mit dem Tod bestraft“ (Gen 26,11). – An dieser Geschichte bestätigt sich wieder, dass Gott seine Hand über die von ihm Erwählten hält. Obwohl Isaak keine besonders gute Figur macht (er wirkt feige und unaufrichtig), begleitet ihn jederzeit Gottes Fürsorge. Der erfolgreiche Brunnenbauer Der auf Isaak ruhende göttliche Segen führte bald dazu, dass Isaak immer größeren Besitz gewann. Er erntete „hundertfältig“ (Gen 26,12) und wurde so reich an Herdentieren, dass ihm die Philister aus Neid die lebenswichtigen Brunnen zuschütteten. König Abimelech sah sich eines Tages sogar gezwungen, missgünstigen Stimmen aus seinem Volk nachzugeben und den erfolgreichen Fremden des Landes zu verweisen: „Zieh fort von uns, denn du bist mächtiger geworden als wir.“ – Isaak, der alles andere als eine Kämpfernatur war, gab sofort nach. Er suchte sich neue Weideplätze. Ohne Wasser aber konnte er in der Steppe nicht überleben. So suchte er Gegenden auf, in denen es Brunnen gab, die einst sein Vater Abraham angelegt hatte, die aber von den Philistern nach Abrahams Tod zugeschüttet worden waren. Er ließ sie wieIM LAND DES HERRN Blick vom Tell Beersheba nach Süden in die Wüste Paran
2/2025 13 der aufgraben. Einmal hatten seine Leute das Glück, beim Graben auf frisches Grundwasser zu stoßen. Doch machten ihnen andere Nomadengruppen das Recht auf das lebensnotwendige Wasser streitig. Isaak nannte daher den Brunnen „Esek“, d.h. Zank, und zog weiter. Darauf ließ er einen anderen graben, und auch um ihn stritten sich die Hirten. Da nannte Isaak diesen Brunnen „Sitna“, d.h. Streit, und verließ die ungastliche Gegend. – Isaak war ein nachgiebiger, friedlicher Mensch. Es lag ihm nicht, um seine Existenz zu kämpfen. Und schließlich wurde seine Friedfertigkeit belohnt. Er konnte endlich einen Brunnen graben, den er „Rehobot“ nannte, d.h. Weite, und er sagte: „Jetzt hat uns der Herr weiten Raum verschafft und wir sind im Land fruchtbar geworden“ (Gen 26,22). Isaak lebte jetzt wieder im Wesentlichen in seiner alten Heimat Beerscheba. Wie angesehen und mächtig er inzwischen geworden war, geht aus folgender Episode hervor: König Abimelech, der ihn vor kurzem des Landes verwiesen hatte, kam eines Tages mit zwei Vertrauten zu ihm, um mit ihm einen Nichtangriffspakt zu schließen. Der Vertreiber von gestern war zum Bittsteller von heute geworden, der einen so mächtigen Mann wie Isaak unter keinen Umständen zum Feind haben wollte. Isaak, friedfertig wie immer, willigte in den angebotenen Vertrag ein („Du wirst uns nichts Böses zufügen, wie auch wir dich nicht angetastet haben“). Durch ein religiöses Mahl am Abend und einen beiderseitigen Schwur am nächsten Morgen wurde der Vertrag besiegelt. – Interessant ist, was der fremde König bei dieser Gelegenheit mit Hochachtung von Isaak sagt: „Wir haben erkannt, dass Gott mit dir ist. Du bist nun einmal der Gesalbte des Herrn!“ – Und noch einmal kommt in unserem Text das Thema „Brunnen“ ins Spiel. Am Tag des Vertragsschlusses waren Isaaks Knechte beim BrunnenBrunnen am Stadttor Tell Beerscheba Ismael und Isaak Ismael und Isaak
14 2/2025 IM LAND DES HERRN graben auf Wasser gestoßen. Isaak nannte diesen Brunnen „Schiba“ (Eid) und die Stadt Beerscheba „Eidbrunn“. Familien-Nachrichten Zum Schluss noch ein paar Familien-Nachrichten: Isaak starb im Alter von 180 Jahren und wurde von seinen Söhnen Jakob und Esau in der Höhle von Machpela neben Abraham begraben. Über das Ende Rebekkas wird uns nichts berichtet. Wir hören von ihr, dass sie ihren Lieblingssohn Jakob angestiftet hat, den blinden Isaak zu täuschen und sich den Segen zu erschleichen, der für Esau vorgesehen war (mit diesem „frommen Betrug“ werden wir uns in der nächsten Folge dieser Serie beschäftigen). Wir erfahren auch noch, wie sie Jakob vor dem Zorn Esaus in Sicherheit brachte. Dann aber haben wir keine Nachrichten mehr über Rebekka. Offenbar hat sie nicht mehr erlebt, wie Jakob nach langem „Exil“ mit zwei Frauen und zwölf Söhnen in die Heimat zurückgekehrt ist und sich mit Esau versöhnt hat. Wir hören nur noch, dass sie in der Höhle von Machpela neben Isaak bestattet wurde (Gen 49,31). Rückblick: Eine farblose Gestalt Neben Abraham und Jakob wirkt der sanfte Isaak etwas farblos. Die Rolle als Opferlamm, die er bei Abrahams Glaubensprüfung spielt, scheint für seine Wesensart kennzeichnend zu sein. Es sind oft andere Menschen, die über Isaak verfügen. Außerdem stellen die Fachleute fest, dass es in den Isaak-Erzählungen Doppelungen zur Abrahams-Überlieferung gibt (denken wir etwa an die „Gefährdung der Ahnfrau“, die schon von Sara erzählt wurde). Aber die neuere Forschung hat erkannt, dass bei solchen Doppelungen nicht Isaak seinen Vater beerbt hat, sondern dass es umgekehrt war: die biblischen Autoren haben Isaak-Erzählungen auf Abraham übertragen. Für die Fachleute der Kulturgeschichte ist unser Isaak auf jeden Fall deshalb wichtig, weil wir bei ihm das Milieu der halbnomadischen Existenzweise der Urväter (die in Zelten wohnten und sich von Kleinviehzucht ernährten) in ursprünglicher Frische vorgeführt bekommen. Besonders eindrucksvoll erleben wir den Existenzkampf dieser Menschen mit, der sie von Weidegrund zu Weidegrund führte, immer auf der Suche nach dem kostbaren Wasser, um das nicht selten mit der sesshaften Bevölkerung heftig gestritten werden musste. In dieser Hinsicht hat „Isaak der Brunnengräber“ besonders altertümliche Züge in seinem Bild bewahrt. Wie schon erwähnt, nennt der hl. Paulus im Römerbrief (9,6–13) Isaak „unseren Vater“. Als Kind der Verheißung ist Isaak ein Vorbild der wahren Kinder Gottes. Deshalb kann der Apostel im Galaterbrief schreiben: Meine Schwestern und Brüder, „ihr seid Kinder der Verheißung wie Isaak“ (Gal 4,28). Der „Grenzbach Ägyptens“ (vgl. Genesis 15) in der Negev-Wüste; erkennbar ist die Vegetation, die nomadisches Leben an Gewässern möglich macht
2/2025 15 n unserer Serie mit Heiligen Gräbern haben wir in den vergangenen Folgen fast nur Bauten aus Deutschland im Blick gehabt. Besonders für unsere zahlreichen Leser in Österreich wollen wir in dieser Ausgabe der Zeitschrift eines der wenigen Heiligen Gräber in Österreich vorstellen: Schönbühel in der Wachau, ein Kloster- und Kirchenbau auf einem malerisch hoch über der Donau gelegenen Felssporn, nordöstlich von Stadt und Kloster Melk. Der Dichter Ernst Moritz Arndt beschreibt die außergewöhnliche Lage mit den Worten: … lieblich in dem Strom sich spiegelnd, ein freundliches Kind der Sonne und des Aethers … Österreich ist in seiner Sakralarchitektur stark geprägt von den sehr zahlreichen Kalvarienbergen: unzählig sind die vielen Anlagen in allen Regionen des Landes. Diese Anlagen verfügen natürlich immer auch über ein „Heiliges Grab“, sei es in Form einer Nische, einer Höhle oder etwa eines Altarunterbaues. Ein Beispiel für einen Nachbau der „Edicola“, des eigentlichen Grabbaues von Jerusalem haben wir hier in Schönbühel. Seit 1411 befindet sich das ganze Gebiet im Besitz des Geschlechtes der Herren von Starhemberg und wird mit dem Einzug der Reformation zu einem protestantischen Zentrum. Erst mit der Figur des Konrad Balthasar von Starhemberg (1612–1687), der im Jahre 1639 zum Katholizismus konvertierte, setzt sich der katholische Glaube in dieser Gegend wieder durch. Die Gründungslegende des Baues erzählt von einem Traum des Grafen und wird in einer 1675 in Wien gedruckten Schrift (Kurtze Entwurff und Abbildung des Newandächtig und Gottseligen Haus Bethlehem … bey denen P.P Serviten zu schönbichel …) so beschrieben, dass jener Konrad Balthasar von Starhemberg in einer Vision hörte: „… ein Stimm mit einem überaus lieblichen Gesang oder Musica, also lautend: Fa fili mi, fa fili mi, welches, als er erwacht, continuierlich erschalte und sich hören ließe…“. Als Autor dieser Schrift konnte der Servitenpater P. Ambrosius M. Sautter ermittelt werden: der Graf hatte schon bald nach seiner Konversion den Serviten-Orden, den er öfter begünstigte, den Ort anvertraut und dieHeiliges Grab und Bethlehem-Grotten in Schönbühel an der Donau Petrus Schüler OFM I Kloster Schönbühel von der Donau aus © WikiCommons/Karl Gruber CC BY-SA 3.0
16 2/2025 IM LAND DES HERRN se damals weit verbreitete Ordensgemeinschaft mit dem Bau eines Grabes Christi beauftragt. Die Entscheidung gerade für den Servitenorden mit seiner ausgeprägten Verehrung der Muttergottes und seinem pastoralen Eifer war auch damit begründet, dass der Graf damit seinen katholischen Glaubenseifer demonstrieren konnte. Der gewählte Ort war in gewisser Weise „vorbelastet“: Teufelsschloss wurde der Ort auf dem Felssporn genannt und von diesem ehemaligen Schloss wird gesagt: „so aber schon gantz eingefahlen gewesen, dahero die Schöffleuth, wie sie einstmahls alda Geister gesehen, am gantzen Donaustrom ausgeschrien“. 1667 wurde bei diesem neu errichteten Heiligtum die erste Heilige Messe gefeiert. Der Bautyp orientiert sich an einem damals bekannten Prototyp der Grabkapellen vom Hernalser Kalvarienberg (heute ein Stadtteil von Wien), der oft kopiert wurde: ähnlich dem Jerusalemer Vorbild erfolgt der Eingang über eine rechteckige Engelskapelle mit dem dort befindlichen „Engelstein“. Hier in Schönbühel ist der Eingang zur Grabkammer später vom Chorraum der Kirche überbaut worden, aber an der Rückseite des Hochaltars hat sich der Engelstein gut sichtbar erhalten. Auf der gegenüberliegenden Seite öffnet sich die Grabkammer, die identisch mit der Anordnung in Jerusalem die Grabstätte Jesu an der rechten Seite hat. Der Zugang ist auch hier, ähnlich wie in Jerusalem, nur durch eine gebückt zu durchschreitende niedrige Tür möglich. Die Figur des Leichnams Christi stammt aus dem Grödnertal. Auch das Äußere orientiert sich am Jerusalemer Vorbild des Heiligen Grabes: die Blendarkaden erscheinen wie die Fortsetzung des Chores der Kirche und können hier in Schönbühel auf einem hohen Umgang umschritten werden: atemberaubend der Blick entlang der Donau zum Stift Melk, auf der anderen Seite bis zur Burgruine Aggstein. Leider ist der kleine Dachreiter, der sein Vorbild in der „Laterne“ der „Edicola“ hat, im Laufe der Zeiten verloren gegangen. Parallel zur Errichtung der Kirche und des angrenzenden Klosters ist der Kalvarienberg errichtet worden: schon nach zwei Jahren öffnete Heiliges Grab hinter dem Hochaltar
2/2025 17 sich auf einer weiteren Plattform über der Donau die Kreuzigungsszene unter einem schützenden Dach. Die Verhältnisse in Jerusalem wurden hier konsequent angewendet: 40 m beträgt die Entfernung zum Grab Christi, welches sich nun im Chor der neuen Kirche befand und wie in Jerusalem erhebt sich der Golgota-Felsen einige Meter über dem Niveau des Grabes. Somit waren die zentralen Glaubensgeheimnisse von Tod und Auferstehung Christi schon wenige Jahre nach der Gründung baulich fixiert, aber die Gesamtanlage wurde in den nächsten Jahren noch um die „Bethlehem-Grotten“ ergänzt. Diese Nachbildung der Grotten von Betlehem sind in Österreich einzigartig, in Deutschland gibt es in „Klein-Jerusalem“ in Neersen eine ähnliche Anlage und auch beim Kreuzberg in Bonn, der auch von Serviten betreut wurde, wird von einer Betlehem-Grotte berichtet. Auf dem räumlich sehr begrenzten Areal von Schönbühel war es nicht einfach, in möglichster Treue zum Detail die Örtlichkeiten Betlehems darzustellen. Graf von Stahemberg hatte sich bei den Franziskanern nach den örtlichen Gegebenheiten erkundigt. Beim Eingang der Kirche führt eine einzige Treppe (keine Doppeltreppe wie in Betlehem) zu den unterirdischen Grottenräumen: zunächst zu einem Nebenraum mit einigen Altarnischen, in der die Flucht nach Ägypten, der „Heilige Wandel“ und der Kindermord von Betlehem dargestellt sind. Dann folgt die eigentliche Ansicht von Süden, rechts die Rosalienkapelle über einem Brunnen, mittig der Kalvarienberg, dann links die Wallfahrtskirche Betlehem-Grotten (einzigartig in Österreich) Flucht nach Ägypten, Figuren aus den Grotten, heute in der Kirche aufgestellt Schönbühel an der Donau Schönbühel an der Donau
18 2/2025 Geburtsgrotte mit einer etwas tiefer liegenden Nische für die Krippe und die Anbetung der drei Weisen, ganz ähnlich der Situation im Heiligen Land. Im Scheitelpunkt des Kapellenraumes, unter dem „Weihnachtsaltar“ kann man die gleichen lateinischen Worte wie in Betlehem lesen: Hic de Virgine Maria Jesus Christus natus est. Weiter unten zur Donau zu öffnet sich ein Atrium mit einem „Gloria-Fresko“ und einer Tür zu einem Pfad: wenigstens theoretisch kann der Wallfahrer auch heute noch von der Donau aufsteigend die Menschwerdung Christi betrachten, um dann an der Kreuzigungsgruppe in die Kirche einzutreten und hinter dem Hochaltar das Grab Christi zu finden. Dieser unterhalb der Kirche gelegene Bereich der Grotten war im Jahr 1773 vollendet. Das 18. Jahrhundert war die Blütezeit der Wallfahrten zum Heiligen Grab, im Mirakelbuch wird von Gebetserhörungen und zahlreichen Votivgaben berichtet. Allmählich gab es aber auch einen Wechsel in der Verehrung: war anfänglich die Verehrung des Heiligen Grabes im Vordergrund, traten nach und nach noch die hl. Rosalia und Peregrinus auf den Plan: Rosalia wurde die Patronin der Kirche und bekam unterhalb der Kreuzigungsgruppe einen eigenen Kapellenbau über einem Brunnen. Dem heiligen Peregrinus Latiosus (1265–1345) wurde eine Seitenkapelle geweiht. Wenn Schönbühel auch nie zu den großen Wallfahrtsstätten Österreichs zu zählen ist, so werden doch zum Beispiel im Jahre 1731 17.450 Kommunikanten gezählt. Doch am Ende des 18. Jahrhunderts machte sich die neue kirchenpolitische Situation unter Kaiser Joseph II. bemerkbar. 1783 erging ein Aufhebungsdekret, in dem auch das Servitenkloster Schönbühel mit elf Ordensleuten genannt wird. Aus rein praktischen Gründen – die Übernahme der Pastoral, die anzustellenden Weltgeistlichen – wurde die Aufhebung nicht durchgesetzt, der Konvent wurde aber auf fünf Priester und zwei Laienbrüder „reduziert“ und konnte so weiterbestehen, aber kirchliche Bräuche wurden eingeschränkt, worunter die Wallfahrt fast gänzlich eingeschränkt wurde. Immerhin gibt es im 19. Jahrhundert noch einzelne Berichte über „Angelobungen an das Heilige Grab“, noch 1877 gelobte ein Jüngling, ein Holzkreuz zum Wallfahrtsort zu tragen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts erholte sich das kirchliche Leben von den Auswirkungen des Josephinismus, die Wallfahrt zum Hl. Grab erreichte freilich nicht mehr die einstige Blüte. Im Jahre 1980 wurde das Kloster der Serviten aus Nachwuchsmangel schließlich aufgelöst: doch vorher wurde die ganze Anlage unter der umsichtigen Aufsicht der letzten Serviten umfassend renoviert. Heute wird die Kirche von einem Benediktiner von Stift Melk seelsorgerlich betreut. Verwendete Literatur Wolfgang Häusler, Konvertitenstiftung und „Volksfrömmigkeit“ – Aspekte der Wallfahrtskultur des Servitenklosters Schönbühel (Beiträge zur Kirchengeschichte Niederösterreichs, 10) Peda Kunstführer 1053/2020 Schönbühel an der Donau Blick von Schönbühel in Richtung Melk IM LAND DES HERRN
2/2025 19 Tabgha Heinrich Fürst OFM / Gregor Geiger OFM as arabische Wort Tabgha ist eine Verstümmelung vom griechischen Heptapegon und bedeutet „Sieben-Quell“. In der Tat ist das kleine Fleckchen Land reich an Quellen, die schon in der Römerzeit zur Bewässerung der Ebene von Ginnosar genutzt wurden. Ob es sich dabei tatsächlich um sieben Quellen handelte, von denen einige nicht mehr existieren, ob in der Antike das Wasser der Quellen auf sieben Teiche oder Brunnen verteilt war, oder ob die Zahl Sieben symbolisch die Fülle des Wassers beschreibt, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Heute gibt es in Tabgha drei reichlich fließende Quellen, die die Grundstücke der Benediktiner (bei der Brotvermehrungskirche), der Franziskaner (bei der Primatskapelle) und das dazwischen liegende Grundstück der franziskanischen Schwestern (Living Water, „lebendiges Wasser“) in blühende Oasen verwandeln. Die Nur-Quelle („Ofen-Quelle“) entspringt im überdachten Wasserbecken auf dem Gelände Living Water. Dieses achteckige Becken, 20m im Durchmesser, 8m tief, stammt aus der Römerzeit. Es wurde mehrfach restauriert und ist heute D Blick auf Tabgha vom Tell Kinneret aus, gut sichtbar die üppige Vegetation
20 2/2025 noch in Verwendung. Das Wasser aus der Quelle ist ungefähr 30°C warm, ist leicht salzig (Salzgehalt: 0,3 %; zum Vergleich: Meerwasser hat 3,5%), und hat eine Schüttung von ca. 2000m3 in der Stunde. Das Wasser wird, zusammen mit dem anderer salzhaltiger Quellen, in einem Kanal um den See Gennesaret herumgeleitet, um eine Versalzung des Sees zu verhindern. Eine Besonderheit der Nur-Quelle ist der Somit ha-Galil („Galiläa-Blindling“), ein blinder Krebs, der, an das Salzwasser angepasst, ausschließlich in diesen Quellhöhlen vorkommt. Die Scheva-Quelle („Sieben-Quell“) trägt den alten Namen des Quellgebiets. Sie entspringt im Grundstück der Franziskaner und ist kleiner, kühler (ca. 25°C) und weniger salzig als die Nur-Quelle. Über Kanäle fließt ihr Wasser bis zur Begegnungsstätte bei den Benediktinern und dann in den See. Die dritte Quelle entspringt ebenfalls auf dem Grundstück der Franziskaner und fließt an dessen Südostecke (beim „Hiobsbrunnen“) in einem Wasserfall in den See. Die Brotvermehrungskirche Um das Jahr 1880 kam der Maurermeister Franz Keller nach Palästina und mit Hilfe des damaligen Palästina-Vereins konnte er von Beduinen hier am See ein Stück Land erwerben In der selben Zeit waren die Franziskaner unter ähnlichen Schwierigkeiten um den Mensa-Christi-Felsen nebenan und um das vermutete Kafarnaum bemüht. Die heutigen Besucherscharen machen sich keine Vorstellung mehr davon, welche endlosen Verhandlungen und wie viele Behördenbesuche notwendig waren, um selbst ein Stück wenig genutztes, malariaverseuchtes Land zu erwerben, das Beduinen als Freiraum ihrer nomadischen Lebensweise betrachteten. Im Jahr 1900 hielt sich hier der Schriftsteller Karl May auf und schenkte dem Haus seine Bücher. Von 1907 bis 1939 betreuten deutsche Lazaristen den Ort, die in dieser Zeit Pionierarbeit leisteten – nicht nur in Tabgha, sondern auch, indem sie in Galiläa und im angrenzenden südlichen Libanon über zwanzig Schulen aufbauten. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mussten die deutschen Lazaristen den Ort und das Land verlassen. Zunächst als Notlösung – die sich aber bald als dauerhaft und segensreich erweisen sollte – wurde Tabgha den Benediktinern von der Dormitioabtei aus Jerusalem anvertraut. Diese war zwar auch ein deutsches Kloster, aber einige der Mönche waren keine reichsdeutschen Staatsbürger; vier von ihnen wurden nach Tabgha gesandt. Fast von Anfang an war P. Hieronymus Brizič († 2014) dabei, ein Kroate, der mit wenigen Unterbrechungen in Tabgha lebte und unzählige Pilger hier begrüßt hat. Seine Erinnerungen an die lange Zeit, vor allem an die verschiedenen Kriegszeiten, sind ein eindrucksvolles Zeugnis von den Schwierigkeiten und vom zähen Fleiß, mit dem es den Mönchen gelang, diesen Ort der Kirche und den christlichen Pilgern zu erhalten. „Living Water“ Grundstück der Franziskanerinnen IM LAND DES HERRN
2/2025 21 Tabgha Tabgha Seit 1994 stehen philippinische Benediktinerinnen den deutschen Mönchen zur Seite. 2007 bis 2012 bauten die Benediktiner ein neues, schmuckes Kloster an der Südseite der Kirche, da das bisherige Klostergebäude auf der anderen Seite der Kirche baufällig geworden war. Zum Komplex gehört außerdem ein Gästehaus und die Begegnungsstätte „Beit Noah“; sie ermöglicht Begegnungen zwischen Einheimischen und Gästen, zwischen Israelis und Arabern, zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. In der Nacht zum 18. Juni 2015 zerstörte ein Brandanschlag das Atrium und die angrenzenden Räume. Ihren religiösen Hintergrund haben die Täter mit einem hebräischen Graffiti zum Ausdruck gebracht: „Die Götzen werden gewiss ausgerottet werden.“ Von einer wunderbaren Brotvermehrung ist in den Evangelien nicht weniger als sechsmal die Rede: Mk 6,30–44, Mt 14,13–21, Lk 9,10–17, Joh 6,1–13, Mk 8,1–10, Mt 15,32–39. Trotz deutlicher Differenzen in Einzelheiten und besonders in den Zahlenangaben glauben viele Fachleute, dass es sich immer um die gleiche Grundgeschichte handelt, die nur in verschiedenen Gemeinden und damit von den verschiedenen Evangelisten verschieden erzählt wurden. Die Zahlenangaben lassen die beiden Hauptströmungen der frühen christlichen Gemeinden erkennen, die Judenchristen und die Heidenchristen: 5 Brote, 2 Fische, 5000 Männer, 12 Körbe voll übrig; vgl. die 5 Bücher der Tora und die beiden weiteren Teile der jüdischen Bibel (Propheten und Schriften), 12 Stämme Israels und 12 Apostel – 7 Brote, einige Fische, 4000 Männer, 7 Körbe voll übrig; vgl. die 70 Heidenvölker, 72 (oder 70?) Jünger, 7 Diakone zum Dienst an den Hellenisten (griechischsprachigen Gläubigen). Dem entsprechen auch die (freilich unklaren) Lokalisierungen der beiden Speisungen: die der 5000 am (jüdischen) Nord- (oder West-?)Ufer, die der 4000 am (heidnischen) Ostufer. Nur Markus und Matthäus haben zwei Berichte aufgenommen, während sich Lukas und Johannes mit einem begnügen. Der erste Bericht bei Markus lautet: Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg. sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können! Er erwiderte: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen, für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen zu essen geben? Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische. Dann befahl er ihnen, sie sollten sich in Mahlgemeinschaften im grünen Gras lagern. Und sie ließen sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig nieder. Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Nach dem Brandanschlag im Jahre 2015
22 2/2025 Brote und gab sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten. Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen. Und alle aßen und wurden satt. Und sie hoben Brocken auf, zwölf Körbe voll, und Reste von den Fischen. Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten (Mk 6,32–44). Einfach von „Brotvermehrung“ zu sprechen, ist eine eingebürgerte, freilich zu sehr am Vordergründigen hängende Redeweise, welche die Absicht Jesu nicht recht trifft. „Speisung des Volkes“ bringt den weiten Horizont der Erzählung sicher besser zum Ausdruck. Im Johannesevangelium sagt nämlich Jesus: Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird! Denn ihn hat Gott, der Vater, mit seinem Siegel beglaubigt (Joh 6,26–27). Der Ort, an dem diese Geschichte sich zugetragen haben mag, kann nach den Evangelien nicht eindeutig festgelegt werden. Nach Matthäus zog sich Jesus „mit dem Boot in eine einsame Gegend zurück“ (Mt 14,13, ähnlich Mk 6,31), was für das östliche Ufer spricht, das viel weniger besiedelt war. Lukas nennt die Stadt Betsaida „Dann nahm er sie beiseite und zog sich mit ihnen allein in eine Stadt zurück, die Betsaida heißt“ (Lk 9,10). Markus aber sagt nach dem Speisungswunder, Jesus habe seine Jünger vorausgeschickt ans andere Ufer nach Betsaida (Mk 6,45), und war damit die Ursache, dass man Betsaida lange auf der westlichen Seite des Sees zu lokalisieren suchte. Sein Text könnte aber so verstanden werden, dass Jesus seinen Jüngern von der OstBrotvermehrung, Fenster der kathol. Pfarrkirche Bad Nauheim Heutige Fischerei am See IM LAND DES HERRN
2/2025 23 seite des Sees die Vorausfahrt nach Betsaida am nördlichen Ufer befahl. Die zweiten Berichte von der Speisung der Viertausend bei Markus und Matthäus tragen zur Klärung wenig bei, da sie zwei andere, nicht sicher lokalisierte Zielorte der Überfahrt nennen: Bei Markus landen die Jünger nach dieser Speisung im Gebiet von Dalmanuta (Mk 8,10), bei Matthäus in der Gegend von Magadan (Mt 15,39) – letzteres mag eine andere Namensform von Magdala sein. Nach dem Markusevangeliumn ist Jesus vorher im Gebiet der Dekapolis, also am Ostufer, wo er einen Taubstummen heilte (Mk 7,31–37). 1911 und 1932 unternahm der Deutsche Verein vom Heiligen Lande auf seinem Grundstück Ausgrabungen. Man fand die Überreste von zwei byzantinischen Kirchen übereinander. Die ältere (18x9,5m) war in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts gebaut worden und fiel wohl dem Erdbeben des Jahres 419 zum Opfer. Ihr folgte gegen 480 ein zweiter Kirchenbau, der im 7. Jahrhundert (614 von den Persern?) zerstört wurde. Er war wesentlich größer (30x20m), etwas anders ausgerichtet und vor allem mit prächtigen Mosaiken geschmückt. Unter dem Altar war ein Steinblock, der schon in der ersten Kirche Verwendung gefunden hatte – bereits die Pilgerin Aetheria erwähnt ihn. Die Mosaike und der Altarstein wurden 1932 durch P.Johann Evarist Mader gefunden und 1936 durch einen einfachen Notüberbau gesichert. 1969 führte ein Erdbeben zu Aufwerfungen; die kostbaren Mosaike mussten abgenommen und auf Beton gesichert werden. 1980/1982 hat der Deutsche Verein vom Heiligen Lande nach Plänen der Architekten A. Goergen und F. Baumann eine harmonische neue Kirche erbaut, welche der zweiten byzantinischen Kirche folgt. Bemerkenswert ist das Bronzeportal von Elmar Hillebrandt, Köln, am Mitteleingang der Kirche. In der rechten Ecke der Eingangsfront der Kirche dokumentiert eine Jesajafigur vom Kölner Dom die enge Beziehung zwischen Köln und Tabgha. Die Worte des Jesajaprophetie, „das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht“, beziehen sich ja gerade auf diesen Landstrich im Gebiet von Seblon und Naftali, auf den Weg am Meer (Jes 8,23–9,1). Beherrschendes Zentrum der Kirche ist der Altarraum mit dem weltberühmten Mosaik, dem Korb mit vier Broten und zwei Fischen. Es dokumentiert, dass hier des besonderen Zeichens der Speisung der Menge durch Jesus gedacht wurde. Eine kleine Änderung im liturgischen Sinn und im Interesse der Gottesdienstteilnehmer ist vorgenommen worden, indem man das Brot-undFische-Mosaik vor den Altar gelegt hat, während es ursprünglich dahinter war. Verwunderung wird bei aufmerksamen Betrachtern erregen, dass der Künstler neben den zwei Fischen nur vier Brote abgebildet hat, obwohl in den Evangelien von fünf Broten die Rede ist. Manche antworten, das fünfte Brot sei unter den vier sichtbaren zu denken; doch überzeugt das kaum. So darf eine theologische Erklärung versucht werden: Der Künstler denkt sich das fünfte Brot auf dem Atrium der Kirche © Vuk Mosaik und Stein unter dem Altar © G. Klaus Tabgha Tabgha
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