Im Land des Herrn | 79. Jahrgang | 2025 - 1

32 2/2025 IM LAND DES HERRN ereilt ihn in der Grabeskirche, in die hineinzugehen er sich am Anfang fast sträubt; wer diese „heiligste“ christliche Pilgerstätte kennt, kann Schmitt und seine Befürchtungen gut verstehen. Am Kreuzigungsaltar auf Golgota „begegnet“ er dem Herrn auf mystische Weise „körperlich“. Der erfahrene Autor findet Formulierungen, die den Leser direkt mit in seine Erfahrungen oder Widerfahrnisse hineinnehmen, ja faszinieren. Von da an ist der Beobachter Schmitt ein Überzeugter und Bekenner. Die Minuten in der Grabeskirche haben ihn verwandelt. Er spürt die göttliche Liebe und den hohen Anspruch, in ihren Dienst einzutreten. Er verlangt nach der eucharistischen Begegnung mit dem Herrn und empfängt regelmäßiger die Hostie, wie er es ausdrückt. Hier hätte in der Übersetzung zutreffender „Heilige Kommunion“ oder „Eucharistie“ (als „Hostie“) verwendet werden können. Wenn der Leser das Heilige Land schon kennengelernt hat, dann findet er sich in den Gedanken und Schilderungen von Schmitt oft wieder. Die Fragen um die Authentizität und den spirituellen Wert der Bauten an den heiligen Stätten treiben auch ihn bisweilen um. Zur Mauer zwischen Jerusalem und Betlehem zitiert Schmitt einen jüdischen Freund: „Wenn du die heutige Situation Jerusalems verstehst, dann hat man sie dir schlecht erklärt.“ (S. 93) Ansonsten sind politische Anmerkungen selten in Schmitts Tagebuch zu finden. Sie führten den Autor weg von seiner Ausgangsmotivation. Auf dem Platz vor der Grabeskirche thematisiert er seine durchaus erschütternde Kernerfahrung in dieser Pilgerfahrt: „Ja, es ist das erste Mal, dass ich den Sprung von einem spirituellen Christentum zu einem verkörperten Christentum vollziehe. Ja, es ist das erste Mal, dass mein Glaube fünf Sinne bekommt. Ja, es ist das erste Mal, dass ich mich so sehr geliebt fühle. Und so sehr bereit bin zu lieben.“ (S. 183) Auf die Frage Jesu: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ habe er, so Schmitt, im Laufe seines Lebens vier Antworten gegeben: Anfangs erschien ihm Jesus als ein Mythos, bekennt er, dann war er für ihn ein Prophet, später ein Philosoph und schließlich war Jesus wirklich der Sohn Gottes. Eric-Emmanuel Schmitt bringt kurz und knapp ins Wort, was sicher viele Besucher Jerusalems bewegt: „Anstrengendes Jerusalem … Während ich sie durchstreife, fragt die Stadt mich jeden Tag: ,Wer bist du?‘“ (S. 197) In einigen besinnlichen Tagen nach seiner Pilgerfahrt kommt Schmitt bei den Dominikanern in der École biblique unter, nachdem er verschiedene Ausflüge unternommen hat, und sagt unvermittelt „in einem Anfall von Fröhlichkeit: Guten Abend, Jerusalem, du hast mir schrecklich gefehlt, ich gebe es zu. Obwohl du mich durcheinanderbringst, fesselst du mich. Ich werde nicht mehr weggehen“. (S. 199) Schmitts Glaubensweg hatte in der Sahara bei einer beruflichen Arbeit zu Charles de Foucault begonnen. Papst Franziskus kommt in seinem Nachwort auf diesen Heiligen zu sprechen, der ihn selbst besonders fasziniert. Schmitt: „Laufen, sich verausgaben, schwitzen, entdecken, begegnen, das ist es, was jedes Mal die Erneuerung meines spirituellen Lebens ausgelöst hat. Hätte ich die Sahara nicht durchquert, hätte ich niemals den Glauben empfangen. Wäre ich nicht nach Jerusalem gekommen, hätte ich niemals Jesus als Person und als Gott wahrgenommen. Immer hatten in meinem Leben am Ende der Wege Offenbarungen auf mich gewartet.“ Welcher Pilgerführer wünschte sich nicht auch solche Nachwirkungen bei denen, die er begleitet hat? Eric-Emmanuel Schmitt bringt Erfahrungen des Pilgerns so sprachlich gekonnt, schön und mitreißend ins Wort, er nimmt den Leser so gekonnt mit, dass sein Buch wirklich wärmstes empfohlen werden kann. Der Rezensent hat es in einem Tag und einer Nacht regelrecht verschlungen. Besonders anregend, weil spirituell tiefschürfend, sind die Meditationen zu den Kreuzwegstationen beim Gang auf der Via Dolorosa durch die Altstadt Jerusalems (S. 134–156), Gedanken, die manche Kreuzwegandacht in der Heimat dramatisch verlebendigen könnten!

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