Franziskanische Zeitschrift für das Heilige Land 79. Jahrgang 2025 / Heft 4 Weihnachtliche Prozession im Kreuzgang der Franziskaner in Betlehem
In wenigen Wochen, am 6. Januar 2026, geht das Heilige Jahr zu Ende, dessen Motto „Pilger der Hoffnung“ war. Ganz passend dazu möchte ich die Worte von Kardinal Pizzaballa OFM aus dem ersten Artikel noch einmal hier zitieren, weil sie mir sehr wichtig erscheinen, wenn ich an die aktuelle Situation im Heiligen Land denke – und oft ratlos bin: Ich habe es satt, über Politik und Politiker zu sprechen. Im Heiligen Jahr ist es meine Aufgabe, über Hoffnung zu sprechen. Dieses Wort ist derzeit in aller Munde. Aber wie kann man über Hoffnung sprechen, wenn man Menschen sieht, die hungern und alles verloren haben? Wie lässt sich diesem Wort konkret Ausdruck verleihen? Die unsägliche Situation im Gazastreifen wird im Zentrum eines Vortrages stehen, der in München St. Anna im Rahmen der „Montagsgespräche“ stattfinden wird; auf Seite 38 finden Sie alle Informationen. In gewohnter Weise führt uns wieder ein Artikel über Hammat Gader an den See von Gennesaret. Auch wenn nur ganz wenige Pilgergruppen diesen Ort besuchen – denn es gibt ja nun wirklich für uns Christen viel wichtigere Orte am See – der „Petersfisch“ steht eigentlich immer auf dem Programm der Pilgergruppen am See. Und der kommt halt zum größten Teil aus Hammat Gader und weniger aus dem See selbst. Sehr verehrte Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Heiligen Landes! Mit den Artikeln zum „Studium Biblicum“ und zum aktuellen Stand der Fußbodenrenovierung in der Jerusalemer Grabeskirche geben wir der Archäologie des Heiligen Landes einen Platz in unserer Zeitschrift; mit dem Artikel über den Patriarchen Valerga beleuchten wir etwas die Geschichte. Und natürlich ist auch wieder etwas Biblisches dabei: Mose steht im Mittelpunkt unserer Artikelreihe zu den biblischen Gestalten. Noch etwas „in eigener Sache“ für die Leser in Deutschland: durch veränderte EU-Richtlinien bei Banküberweisungen und durch die Zusammenlegung von Banken gab es auch bei uns einige Veränderungen. Sie sehen alle wichtigen Informationen und vor allem die geänderten Bankdaten auf Seite 39 dieser Zeitschrift. Am Ende des Jahres sollten wir mit Hoffnung auf das neue Jahr schauen; für „alle Menschen guten Willens“, wie wir es in wenigen Tagen im Weihnachtsevangelium hören werden. Im Namen der deutschsprachigen Kommissare des Heiligen Landes wünsche ich Ihnen ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest und Zuversicht und Hoffnung für das kommende Jahr 2026,
Inhalt Kardinal Pizzaballa über den Konflikt im Heiligen Land „Frieden ist ein sehr anspruchsvolles Wort – wir sollten nicht leichtfertig damit umgehen“ Maximilian Feigl Biblische Gestalten Mose Sigfried Grän OFM Das Heilige Grab in der Gottesackerkapelle in Waldshut Petrus Schüler OFM Hammat Gader Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM Joseph Valerga Erster Lateinischer Patriarch von Jerusalem in der Neuzeit Robert Jauch OFM Männer, die die Geschichte des Studium Biblicum geprägt haben Claire Burkel Aktuelles von der Renovierung in der Grabeskirche Marie-Armelle Beaulieu Titelbild: Weihnachtliche Prozession im Kreuzgang der Franziskaner in Betlehem © Nadim Asfour CTS Rückseite: Mosefigur von Michaelangelo in S. Pietro in vincoli, Rom Alle Fotos in der Zeitschrift (wenn nicht anders angegeben) © Petrus Schüler Seite 4 Seite 10 Seite 23 Seite 20 Seite 26 Seite 32 Seite 37 4/2025 3
4 4/2025 achtlos und hilflos – so fühlte sich Kardinal Pierbattista Pizzaballa, der Lateinische Patriarch von Jerusalem, als er im Sommer den Gazastreifen besuchte, nachdem die dortige katholische Kirche „Heilige Familie“ angegriffen wurde. Wir sprachen Ende Oktober mit ihm über die Lage – nicht nur in Gaza, sondern auch im Westjordanland, wo die Menschen Angriffen extremistischer Siedler ausgesetzt sind. Im Interview spricht er über den täglichen Kampf ums Überleben, die Bedeutung von Einheit und Hoffnung sowie den schweren Prozess der Heilung, der noch bevorsteht. Trotz den tiefen Gräben betont er, dass Glaube und Mitgefühl die Antwort auf das Leid bestimmen müssen – und dass echte Versöhnung Zeit, Führungsstärke und Mut erfordert. M Patriarch Pizzaballa bei einem Besuch in Gaza © lpj.org Kardinal Pizzaballa über den Konflikt im Heiligen Land „Frieden ist ein sehr anspruchsvolles Wort – wir sollten nicht leichtfertig damit umgehen“ Maximilian Feigl
4/2025 5 Interview Interview Kardinal Pizzaballa, im Juli konnten Sie Gaza und die dortige christliche Gemeinde besuchen und sich selbst ein Bild vom Ausmaß von Armut, Hunger und der medizinischen Notlage machen. Wie hat sich die Lage in der Gemeinde nach Ihrem Besuch entwickelt? Wir konnten die Lieferung von Lebensmitteln und humanitärer Hilfe wieder aufnehmen, die für einige Monate ausgesetzt worden war. Das hilft den Menschen natürlich – sie haben jetzt mehr zu essen und nicht nur Notvorräte. Zum Beispiel bekommen sie zum ersten Mal seit etwa acht Monaten wieder etwas Gemüse. Aber trotzdem ist die Lage mehr oder weniger gleichgeblieben. In Gaza-Stadt sind etwa 85 Prozent der Häuser zerstört. Knapp 500 Menschen leben immer noch in der alten Pfarrschule auf unserem Kirchengelände. Das Einzige, was ihnen etwas zu tun gibt – oder, sagen wir, einen Sinn –, ist die Verteilung der von uns gelieferten humanitären Hilfe zu organisieren. Was der Waffenstillstand ebenfalls verändert hat, ist, dass sich die Soldaten hinter die gelbe Linie zurückgezogen haben. Dadurch gibt es jetzt mehr Bewegungsfreiheit: die Menschen können hinausgehen und Aktivitäten wie den Marktbetrieb wieder aufnehmen. Und es fallen jetzt weniger Bomben. Wie laufen die Hilfsmaßnahmen? Und was sind Ihre Prioritäten? In den letzten zwei Jahren waren Lebensmittel und Medikamente immer unsere oberste Priorität, da wir zu den wenigen gehören, die diese Güter ins Land bringen konnten. Das ist trotz der Waffenruhe immer noch problematisch, aber wir gehen nun davon aus, dass Lebensmittel geliefert werden. So können wir uns auf andere Aufgaben und Probleme konzentrieren. Da der Winter naht, werden Zelte, Decken und Medikamente benötigt, es sind ja alle Häuser zerstört. Und natürlich sind auch Hygieneartikel ein Problem, da es keine sanitären Einrichtungen gibt. Das Hygiene- problem ist sehr gravierend, insbesondere für Frauen. Aber Zelte sind natürlich nur eine kurzfristige Lösung. Wir können nicht erwarten, dass die Menschen jahrelang in Zelten oder Klassenzimmern leben – zusammen mit anderen Familien, ohne Badezimmer und unter sehr prekären Bedingungen. Die zerstörten Häuser wieder aufzubauen erfordert aber die Abstimmung mit den lokalen Behörden, denn man braucht ja einen Bebauungsplan und Zugang zu Wasser, Strom und anderen Versorgungsleistungen. Aber wir wissen noch nicht, wer die lokalen Behörden sein werden. Deshalb ziehen wir auch provisorische Lösungen wie Wohnwagen in Betracht. In einem Komitee mit anderen christlichen und nichtchristlichen Organisationen diskutieren wir, wie wir hier vorgehen sollen. Außerdem besprechen wir, was bei der Verteilung Vorrang haben soll und wie wir uns untereinander besser koordinieren können. Zudem gibt es noch ein weiteres Problem, über das nur sehr wenige sprechen: Das ist jetzt das dritte Jahr ohne Schule. Es ist wichtig, alles zu Der Patriarch beim Besuch einer christlichen Familie in Gaza © lpj.org
6 4/2025 IM LAND DES HERRN tun, um zumindest einen Teil des Schulunterrichts wieder aufzunehmen. Vor dem Krieg haben wir vier Schulen betrieben. Eine davon ist teilweise beschädigt – die Menschen auf unserem Kirchgelände leben jetzt dort. Die anderen Schulen wurden zerstört. Unser Ziel ist es, mindestens eine davon so schnell wie möglich wieder zu eröffnen. Das ist absolut notwendig. Wenn man eine Zukunft haben will, muss man an die Kinder denken. Wird die christliche Gemeinschaft in Gaza bleiben? Ich denke, einige werden bleiben und andere werden gehen – das ist schwer vorherzusagen. Ob man geht hängt davon ab, ob man im Ausland eine Chance bekommt. Aktuell wollen einige von denen, die zu Beginn des Krieges, als die Grenze noch offen war, gegangen sind, zurückkommen. Das zeigt, dass auch sie mit ernsthaften Problemen konfrontiert sind. Sie haben keine Visa und keinen rechtlichen Status, daher kehren sie lieber nach Hause zurück. Wie war es eigentlich vor dem Krieg als Christ im von der Hamas kontrollierten Gazastreifen zu leben? Wie gesagt, wir hatten vier Schulen, die wir frei und problemlos betreiben konnten. Wir konnten auch innerhalb unseres Geländes unseren Glauben frei ausüben. Natürlich konnten wir keine Fronleichnamsprozession auf den Straßen veranstalten, aber das haben wir auch vor der Hamas nicht getan. Zeitweise hatte die HamasRegierung auch eine spezielle Abteilung, die für Nicht-Muslime zuständig war – also nur für uns, da wir die einzigen Nicht-Muslime dort sind. Gelegentlich kam es zu Konflikten oder Missverständnissen mit einigen muslimischen Familien, aber das gehört zum Leben dazu. Insgesamt waren die Beziehungen immer recht respektvoll. Diesen Sommer haben Sie Taybeh im Westjordanland besucht, kurz nachdem das Dorf von extremistischen Siedlern angegriffen wurde. Sie und andere Kirchenführer sind dorthin Sportunterricht in der Schule der Rosenkranzschwestern in Gaza vor dem Krieg
4/2025 7 gereist, um auf diese Angriffe aufmerksam zu machen. Was genau ist passiert? Taybeh ist das einzige christliche Dorf im Westjordanland und daher für uns neben Bethlehem natürlich eine Art Symbol. Aber das Problem der Siedler im Westjordanland betrifft alle Dörfer. Was passiert ist: Die Siedler haben versucht, sich Teile des Landes anzueignen und die Bewohner auf dem Weg zu ihren eigenen Feldern zu behindern. Viele von ihnen arbeiten in der Landwirtschaft. Jetzt ist zum Beispiel gerade Erntezeit für Oliven, und die Siedler wollen das verhindern, um der Bevölkerung dort Probleme zu bereiten. Wir mussten dorthin fahren und eine Messe feiern, auch mit der Presse, um der Gemeinde unsere Unterstützung zu zeigen und auf das Problem aufmerksam zu machen. Wir haben auch ein Ende der Angriffe und die strafrechtliche Verfolgung der Täter gefordert. Aber da ist nichts passiert. Deshalb haben wir uns mit mehreren Generalkonsulaten in Jerusalem abgestimmt, um während der Olivenernte jeden Tag vor Ort zu sein. Denn wenn die Siedler Ausländer und Diplomaten sehen, halten sie sich zurück. So weit müssen wir gehen, um das Recht der Menschen zu sichern, auf ihrem eigenen Land zu arbeiten. Sollten sich nicht die Sicherheitskräfte darum kümmern? Wie ist das in Taybeh organisiert? Ich muss daran erinnern, dass das Westjordanland in drei Gebiete unterteilt ist. Gebiet A steht vollständig unter der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde. In Gebiet B wird die Verwaltung von der Palästinensischen Autonomiebehörde geführt, aber die Sicherheitskräfte werden von Israel organisiert. In Gebiet C ist Israel für beides verantwortlich. Gebiet A ist fast ausschließlich städtisch, während Landwirtschaft und Dörfer wie Taybeh in den Gebieten B und C liegen. Die Palästinensische Autonomiebehörde hat keinen Zugang zu diesen Gebieten. Israelische Sicherheitskräfte sollten eigentlich präsent sein, sind es aber nicht. Warum das so ist, können wir nur vermuten, da wir keine verlässlichen Informationen haben. Häuser am Dorfrand von Taybeh, oben links erscheint die Stadt Jerusalem © Andrea Krogmann Interview Interview
IM LAND DES HERRN 8 4/2025 Mit welchen weiteren Problemen sind die Menschen im Westjordanland derzeit konfrontiert? Neben den Problemen mit den Siedlern stehen die Menschen vor einer großen wirtschaftlichen Herausforderung. Das Leben im Westjordanland hängt von zwei Haupteinnahmequellen ab: Pilgerreisen und Pendeln zur Arbeit nach Israel. Nach dem 7. Oktober wurden die Pilgerreisen ausgesetzt, aber ich hoffe, dass sie schon bald wieder aufgenommen werden können. Die Arbeitsgenehmigungen für Israel wurden fast vollständig gestrichen, und ich glaube nicht, dass sie wieder eingeführt werden. Nach den schrecklichen Anschlägen vom 7. Oktober haben die Israelis verständlicherweise Angst, Palästinenser unter sich zu haben. Man könnte also zusammenfassen, dass sich die Menschen im Westjordanland Lebensmittel nicht leisten können, während es für die Menschen in Gaza gar nicht genug Lebensmittel gibt. Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, da- mit endlich Frieden im Heiligen Land einkehrt? Frieden ist ein sehr anspruchsvolles Wort – wir sollten nicht leichtfertig damit umgehen. Frieden erfordert Vorbereitungen und Bedingungen, die wir nicht haben. Derzeit ist der Hass zwischen Israelis und Palästinensern zu tief und zu stark. Zunächst müssen die Wunden heilen, und das wird sehr lange dauern. Damit Vertrauen wachsen kann, brauchen wir glaubwürdige Zeugnisse, Vorbilder und neue Führungspersönlichkeiten – die wir derzeit nicht haben. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich die Lage in einigen Jahren ändern wird. Und ich glaube, dass die nächste Generation die emotionale Freiheit hierfür haben wird. Jetzt müssen wir aber erstmal auf das Ende des Krieges hinarbeiten und auf politischer und sozialer Ebene Gesten machen, die langsam wieder Vertrauen aufbauen. Es herrscht tiefes Misstrauen innerhalb der Bevölkerung, nicht nur zwischen Israelis und Palästinensern. Die Palästinenser selbst sind gespalten, ebenso wie die Israelis. Über Frieden zu reden, ohne die Voraussetzungen zu schaffen, die den Palästinensern eine klare nationale Perspektive bieten, ist nichts anderes als Gerede. Slogans. Gemeinsames Gebet der Kirchenoberhäupter in der Ruine der Georgs-Kirche in Taybeh © Andrea Krogmann
4/2025 9 Sie sagten, Palästinenser und Israelis seien untereinander gespalten. Wie sieht es mit den Christen aus? Es war schwierig, den Zusammenhalt zu bewahren, als der Krieg uns so stark in Richtung Polarisierung und Spaltung drängte. Wir Christen sind nicht neutral: Christliche Israelis sind Israelis, und palästinensische Christen sind Palästinenser. Aber wir sind keine politische Partei – wir dürfen unterschiedliche Ansichten haben. Israelische Katholiken denken nicht genau so wie palästinensische Katholiken, dennoch gehören sie derselben Kirche, demselben Bischof an. Trotz einigen Wunden, Schmerz und Missverständnissen ist uns aber gelungen, vereint zu bleiben. Und ich denke, das ist unsere Stärke als Christen. Im Krieg geht es um Spaltung, Ich oder Du, wir oder sie. Unser Ringen ist das Gegenteil davon: Es geht darum, die Einheit in unserer Gemeinschaft zu bewahren. Und auch aus spiritueller Sicht hat uns dieser Krieg tief getroffen. Wir haben uns gegen eine so starke Kraft des Bösen, des Todes und des Hasses gewehrt, aber wie geht man damit um? Wie lebt man damit und wie bringt man seinen Glauben mit dem in Einklang, was man im Alltag sieht? Diese Frage hat uns die ganze Zeit über beschäftigt. Und die einzige Antwort ist, auf Gott und natürlich auf Jesus zu blicken. Denn aus menschlicher Sicht haben wir keine Antworten darauf. Und was ist für Sie selbst als Bischof von Jerusalem in dieser Hinsicht am wichtigsten? Ich habe es satt, über Politik und Politiker zu sprechen. Im Heiligen Jahr ist es meine Aufgabe, über Hoffnung zu sprechen. Dieses Wort ist derzeit in aller Munde. Aber wie kann man über Hoffnung sprechen, wenn man Menschen sieht, die hungern und alles verloren haben? Wie lässt sich diesem Wort konkret Ausdruck verleihen? Wir wissen, dass das Ende des Krieges nicht das Ende des Konflikts bedeutet. Denn er ist nicht nur eine Phase unseres Lebens, er ist Teil unserer Identität. Daher müssen wir uns fragen, wie der Konflikt zu einem Raum werden kann, in dem wir unseren Glauben zum Ausdruck bringen. Und wir müssen entscheiden, wie wir mit diesem Konflikt umgehen, wenn wir zulassen, dass er unser Leben prägt. Dies ist unser Ringen – und ich glaube, für uns ist es weit bedeutender als all die politischen Fragen, die ohnehin ständig wechseln. Über Kardinal Pizzaballa: Kardinal Pierbattista Pizzaballa OFM ist Franziskaner und lebt seit 1990 in Jerusalem. Von 2004 bis 2016 war er Kustos des Heiligen Landes. Seit 2020 ist er Lateinischer Patriarch in Jerusalem, nachdem er vier Jahre lang das Amt des Apostolischen Administrators sede vacante des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem ausgeübt hatte. Palästinensische Fahne in Taybeh Interview Interview
10 4/2025 er Leser sei wieder einmal daran erinnert: Die Überlieferungen über die jüdischen Urväter dürfen nicht als Geschichtsschreibung im modernen Sinn verstanden werden. Sie stellen spätere Systematisierungen dar und setzen Verhältnisse voraus, die es in der Urzeit noch gar nicht gab. – So sprechen unsere biblischen Texte ganz unbefangen von „den Israeliten“ in Ägypten (die der berühmte „ägyptische Josef“ während einer Hungersnot ins Land geholt hat). Die Historiker aber erklären uns, dass zu der Zeit der Josefsgeschichten das „Volk Israel“ als völkische und politische Größe noch gar nicht existierte. Es gab lediglich semitische Nomadenstämme, von denen der eine oder andere in Zeiten der Dürre im fruchtbaren Nildelta Zuflucht gesucht haben mochte. Es fanden sich übrigens bis heute keine ägyptischen Quellen, die einen Aufenthalt der Israeliten in Ägypten (oder deren Auszug) belegen, aber es gibt immerhin Zeugnisse dafür, dass die ägyptischen Herrscher in Notzeiten fremde Stämme als Gäste im Land wohnen ließen, als Gegenleistung aber Mithilfe beim Bau von Städten und Festungen verlangten. So haben wir zwar keine außerbiblischen Nachrichten zum Thema „Israel in Ägypten“, aber wir wissen doch genug, um sagen zu können: Die Erzählungen, mit denen wir uns heute befassen, stehen auf einem historisch zuverlässigen Hintergrund. „Israels Anführer und Befreier“ Wer von Israel und Ägypten spricht, muss unbedingt einen Mann vorstellen, der in der Apostelgeschichte (Stefanusrede, Apg 7,35) den Titel „Anführer und Befreier Israels“ trägt. Die Rede ist von Mose aus dem Stamme Benjamin, der in der hebräischen Bibel 770-mal und im Neuen Testament 80-mal genannt wird, und der damit (nach König David) die am meisten zitierte menschliche Person unserer Heiligen Schrift ist (mit weitem Abstand zu den ebenfalls populären Gestalten Jakob und Abraham). – Mose ist ein Mann von höchster Autorität und die Palette seiner Ehrentitel ist reich und bunt. Sie reicht vom „demütigsten Menschen, den die Erde Mose am Sinai, Mosaik auf Golgotha, Grabeskirche Jerusalem Biblische Gestalten Mose Sigfried Grän OFM D
4/2025 11 getragen hat“ bis zum „Freund Gottes“, mit dem Jahwe „von Angesicht zu Angesicht gesprochen hat“. – Leider können wir über diesen großen Mann (aus Gründen, die wir eben angedeutet haben) kaum etwas historisch Verlässliches sagen. Gewiss: Mose hat gelebt und unter seinen Brüdern und Schwestern gewirkt. Aber was ihm in unserer Bibel an einzelnen Handlungen und Unternehmungen zugeschrieben wird, ist eine Mischung aus geschichtlichen Erinnerungen und vielen späteren theologischen (und legendären) Ausschmückungen. – Bedenken wir folgendes: Nach der Ansicht der Fachleute dürfte der Pharao, mit dem Moses sich auseinandersetzen musste, Ramses II. (1304–1237 v. Chr.) gewesen sein. Die Geschichten, die wir heute in unserer Bibel über Mose und den Auszug Israels aus Ägypten lesen, wurden aber erst im 5. Jahrhundert v. Chr., also über 700 Jahre nach Mose endgültig geformt und schriftlich fixiert. Sie verraten deshalb nur noch wenig über den „realen“, sondern mehr über den „idealen“ Mose. Anders gesagt: Sie schildern einen „Propheten, Priester und Gottesmann“, dessen Bild in den Seelen frommer Juden durch Jahrhunderte der Verfolgung und Glaubensnot immer lebendig geblieben war. Und das übrigens im Christentum seine Fortsetzung und Erfüllung fand. Für die Christen war Mose ein Vorbild Christi. Was Mose anstrebte und in menschlicher Schwäche verfehlte (den uneingeschränkten Glauben an Gott, die Gleichförmigkeit mit seinem Willen): Das war in Jesus Christus erreicht worden. Bei der Verklärung Jesu ist Mose anwesend, aber er tritt hinter Jesus zurück. Er verweist auf den, der die Sendung des Mose erfüllt, indem er der vollkommene Mittler zwischen Gott und Menschheit ist und einen „neuen Bund“ begründet, für den der alte nur ein Vorzeichen war. Aber kehren wir nach diesem Ausflug in die Sphären der theologischen Spekulation auf die Erde zurück. Genauer gesagt: Schauen wir uns in dieser Folge die Lebensgeschichte des Mose an, wie sie uns in den biblischen Schriften vorliegt. – Da diese Lebensgeschichte viel „Theologie in erzählender Form“ enthält, werden wir uns in der nächsten Fortsetzung (ähnlich wie wir es bei Abraham gemacht haben), mit markanten Szenen aus dem MoseLeben befassen und sie theologisch auslegen. Ein ägyptischer Name Der Name Mose ist vermutlich ägyptischen Ursprungs und von dem Verbum „msj“ abzuleiten, das „erzeugen, gebären“ heißt. In Eigennamen steht dieses Wort immer in Verbindung mit einem Götternamen. Ramose heißt z. B. „Der Sonnengott Ra hat geboren“, und der Sohn der Sonne ist bei diesem Beispiel der Pharao Ramses. – Ähnlich ist es bei dem Pharao Thutmosis: hier hat der Weisheitsgott Thot den Herrscher Ramses II, Granitkoloss bei der Bergung, jetzt im Museum in Memphis, Ägypten, Dia-Archiv Kommissariat München Mose Mose Verklärung Christi, Altarmosaik St. Peter, Vatican
12 4/2025 IM LAND DES HERRN geboren. – Im Falle des biblischen Mose gab es ursprünglich vielleicht auch eine Vorsilbe, die auf einen Gott verwies. Dieser Hinweis wurde aber später von den Israeliten wohl als anstößig empfunden und deshalb weggelassen. Für bibelkundige Leser sei darauf verwiesen, dass in Ex 2,10 eine andere Deutung von „mose“ geboten wird. Sie setzt beim hebräischen „maschah“ (herausziehen) an und lässt die Pharaotochter sagen: „Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen, deshalb soll er Mose heißen.“ Die Fachleute meinen jedoch, hier liege eine „Volksetymologie“ vor, die sich sprachwissenschaftlich nicht überzeugend begründen lasse. – „Mose“ heißt also (ägyptisch gedeutet) „Sohn oder Kind eines (unbekannten) Gottes“. Mose und der Pentateuch Wie schon angedeutet, ist der Name Mose eng verknüpft mit dem Aufenthalt Israels in Ägypten und dem noch berühmteren „Auszug (Exodus) aus Ägypten“. Auch an Wüstenwanderung, Manna, Sinai, Zehn Gebote und Goldenes Kalb denkt ein gebildeter Christ, wenn er „Mose“ hört. – Nun hat man in der Tradition alle Bücher, die von diesen Ereignissen erzählen, dem Mose zugeschrieben und sie die „Fünf Bücher Mose“ genannt (nach dem griechischen Wort für fünf, nämlich pente, spricht man auch vom „Pentateuch“). – Aber heute wissen wir längst, dass Mose nicht als Verfasser des Pentateuch anzusehen ist. Erst viele Jahrhunderte nach seinem Tod hat man die Gesetze und Vorschriften, die der Pentateuch reich enthält, auf Mose und seine Gottesbegegnung am Sinai zurückgeführt. Man wollte ihnen damit höhere Verbindlichkeit und Autorität verleihen. – Außerdem kann man unschwer nachweisen, dass der Pentateuch nicht aus der Feder eines einzigen Verfassers stammt, sondern ein im Lauf langer Zeiträume aus verschiedenen Quellen gewachsenes und mit vielen Ergänzungen angereichertes Gebilde ist. – Indem wir das hier noch einmal erwähnen, wollen wir uns auf die „Biografie“ des Mose einstimmen, wie wir sie dem Pentateuch entnehmen können, und die sich mehr auf eine Idealgestalt bezieht als auf eine historisch klar fassbare Person. Gefährdete Kindheit Mose wurde in Ägypten aus dem Stamm Levi geboren. Nach einer späteren Überlieferung Nilgott (Dio Nilo), Piazetta Nilo, Neapel
4/2025 13 hießen sein Vater Amram und seine Mutter Jochebed. Er hatte eine ungefähr 15 Jahre ältere Schwester Mirjam und einen drei Jahre älteren Bruder Aaron. – Da sich die unter dem „ägyptischen Josef“ nach Ägypten gekommenen Israeliten stark vermehrt hatten und für die Ureinwohner zu einer politischen Gefahr zu werden drohten, hatte sie der Pharao zu schweren Zwangsarbeiten gezwungen und außerdem den Befehl erlassen, alle neugeborenen jüdischen Buben im Nil zu ertränken. Mose, der offenbar von Geburt an schon ein von Gott Erwählter war, entging durch wunderbare Umstände diesem grausamen Schicksal. Weil er ein besonders schönes Kind war, hielt ihn seine Mutter zunächst drei Monate lang verborgen. Als dies nicht mehr länger möglich war, setzte sie ihn im Nil aus, allerdings in einem wasserdichten Binsenkörbchen. Dieses Körbchen wurde von der Tochter des Pharao beim Baden gefunden, und die junge Dame nahm aus Mitleid den hebräischen Säugling an Kindes statt an und gab ihm den Namen Mose. Nachdem Mose von einer jüdischen Amme (nämlich seiner eigenen Mutter) gestillt und größer geworden war, wechselte er an den Königshof, wo er wie ein ägyptischer Prinz erzogen wurde. Flucht nach Midian Als der junge Mose eines Tages seinen Landsleuten bei ihrer Fronarbeit zusah, erlebte er, wie ein ägyptischer Aufseher einen hebräischen Sklaven misshandelte. Im Zorn schlug Mose den Ägypter tot und verscharrte ihn im Sand. Weil die Tat ruchbar wurde und ihm der Pharao nach dem Leben trachtete, musste Mose aus Ägypten fliehen. Er begab sich in die östliche Wüste jenseits der Sinaihalbinsel, nach Midian, wo er dem Zugriff seiner Verfolger entzogen war. Hier verdingte er sich beim Priester Jitro (der nach anderen Quellen auch Reguel genannt wird) als Hirte, heiratete Zippora, eine Tochter des Priesters, und weidete lange Jahre das Kleinvieh seines Schwiegervaters. – Wie alle großen Propheten (so kann man diesen Lebensabschnitt deuten) erfuhr Mose, nach den luxuriösen Jahren am Königshof, nun eine heilsame Zeit der Stille, der Beschauung und der inneren Läuterung. Er horchte lange in sich hinein, bevor er fähig war, als Verkünder göttlicher Aufträge vor seine Landsleute zu treten. Die Berufung Als Mose schon 80 Jahre alt war, erschien ihm eines Tages, während er seine Herden hütete, Gott in einem Dornbusch, der brannte, aber nicht verbrannte. Er offenbarte dem Mose seiMose wird aus dem Nil gerettet, F. Gedeon um 1750, Museum Stift Seitenstetten Mose Mose Grab des Jitro in drusischer Tradition bei den „Hörnern von Hittin“ in Galiläa
14 4/2025 nen Namen, nämlich Jahwe, und erklärte ihn mit „Ich-bin-da, d. h. ich bin für dich und dein Volk da, um zu helfen und zu retten; ich habe euer Elend gesehen und bin entschlossen, euch zu befreien“. – Mose erhielt den Auftrag, nach Ägypten zurückzukehren („denn alle, die dir nach dem Leben getrachtet haben, sind tot“), er möge dort den Pharao um die Freilassung der Israeliten bitten und sie dann durch die Wüste zum Gottesberg Sinai führen. – Unter dem Vorwand, ein schlechter Redner zu sein, wollte sich Mose diesem Auftrag entziehen. Aber Gott ermutigte ihn, indem er ihm seinen Bruder Aaron als Sprecher an die Seite gab und ihm außerdem die Fähigkeit verlieh, mit seinem Hirtenstab Wunder zu wirken. Schwierige Verhandlungen Wie nicht anders zu erwarten, war der Pharao nicht bereit, auf das Ansinnen der Israeliten und ihres zweifelhaften Gottesboten einzugehen. Nachdem ihn Mose und Aaron zum ersten Mal aufgesucht hatten, vermehrte er vielmehr seine Schikanen gegen die aufmüpfigen Fronarbeiter. Auch als Mose nacheinander verschiedene Plagen über Ägypten verhängte, reagierte der Pharao ablehnend. Immer wieder taucht in den Erzählungen der Satz auf: „Das Herz des Pharao blieb hart und er ließ die Israeliten nicht ziehen.“ – Erst nach der berühmten zehnten Plage, als alle Erstgeborenen der Ägypter, darunter auch der Sohn des Pharao, in einer Nacht starben, durften, ja mussten die Kinder Israels unter Führung des Mose das Land verlassen. Vorher aber feierten sie zur Erinnerung an dieses denkwürdige Ereignis das Paschafest, wie Gott es mit vielen detaillierten Bestimmungen dem Mose aufgetragen hatte. Die Rettung am Schilfmeer Schon bald bereute der Pharao die Freilassung seiner billigen Fronarbeiter. Und er setzte mit „Brennender Dornbusch“, Gestühlwange in St. Marien Stendal IM LAND DES HERRN Rettung am Schilfmeer, Rom, Laterankirche
4/2025 15 einer Streitmacht den Israeliten nach, die inzwischen am Schilfmeer angekommen waren. Da spaltete Gott das Meer, über das Mose seinen Stab ausgestreckt hatte, und die Israeliten konnten trockenen Fußes hindurchziehen. Als aber die ägyptischen Truppen nach ihnen ins Meer hineingezogen waren, ließ Gott die Wasser wieder zusammenfluten, so dass alle Ägypter mit ihren Pferden und Wagen in den Fluten umkamen. Dieses Wunder löste bei den Israeliten ungeheuren Jubel aus. Die Leute glaubten jetzt fest an Jahwe und seinen Knecht Mose. Und zusammen mit seiner Schwester Mirjam (die die Pauke schlug) stimmte Mose ein Siegeslied an, einen psalmenartigen Dank- und Preisgesang auf Gottes Macht, den alle begeistert mitsangen. Der Wüstenzug Bekanntlich haben die Israeliten nach ihrem Auszug aus Ägypten vierzig Jahre in der Wüste verbracht. Wenn man alle Texte, die von „Israels Wüstenzug“ handeln, nebeneinander stellt und alle darin vorkommenden Ortsnamen sammelt, kommt man auf eine Liste von vierzig Namen und gewinnt so etwas wie die Marschroute, die Mose mit seinem Volk eingeschlagen hat. Aber wieder gilt: diese Angaben sind nicht historisch, sondern spätere künstliche Stilisierungen. – Interessanter für uns sind einzelne Erfahrungen, die Mose in der Wüstenzeit machen musste und durfte. – Zunächst ist festzuhalten: Trotz ihrer wunderbaren Rettung neigten die Juden permanent dazu, zu kritisieren und zu murren, wenn ihnen das ungewohnte Wanderleben Opfer abverlangte, weil z. B. die Nahrung und das Wasser knapp wurden. Mose geriet in solchen Situationen oft an den Rand der Verzweiflung. Aber er bzw. das Volk durfte immer wieder Gottes wunderbare Hilfe in der Not erfahren. So spendete ihnen der Himmel Manna und Wachteln als Speise. – In Refidim („Ort der Ruhe“), der letzten Station des Wüstenzugs vor dem Sinai, erhielt Mose von Gott die Vollmacht, mit seinem Stab Wasser aus einem Felsen zu schlagen und so das dürstende Volk samt seinen Herden zu tränken. Schlacht gegen Amalek In derselben Gegend kam es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und den Amalekitern, einem Stämmeverband von Nomaden, die zwischen dem Sinai und dem Südwesten Palästinas siedelten. Es war die erste Schlacht zwischen Israel und Amalek, der noch viele weitere Kämpfe (bis in die Zeit von Saul und David) folgen sollten. Bemerkenswert ist diese Schlacht für uns, weil sie uns etwas über die Rolle verrät, die Mose seinem Volk gegenüber spielt: Er tritt nicht als Feldherr und Kriegsführer auf, sondern beauftragt Josua, den Kampf zu leiten. Er selber begibt Mose schlägt Wasser aus dem Felsen, Deckenmalerei im Gebäude der ersten „Schmidt-Schule“ Hillel-Straße Jerusalem, Vorgänger des heutigen Paulushauses Mose Mose
16 4/2025 sich in Begleitung zweier Gefährten mit seinem wundertätigen Stab auf einen Berg, von dem er aus das Kriegsgeschehen überblicken kann. Hier erhebt er seine Hände zum Gebet, und sein Gebet lenkt gewissermaßen die Schlacht. Solange Mose die Arme zum Himmel streckt, behält Israel die Oberhand. Wenn er sie sinken lässt, sind die Feinde stärker. Da Mose nach einiger Zeit ermüdet, setzt er sich auf einen Steinbrocken und lässt sein Arme von seinen Gefährten Aaron und Hur stützen, bis schließlich die Sonne untergeht und der Kampf für Israel entschieden ist. Am Sinai Im dritten Monat nach dem Auszug aus Ägypten kamen die Israeliten schließlich am Sinai an und schlugen ihr Lager gegenüber dem heiligen Berg auf. Nur Mose wurde gewürdigt, den Gottesberg zu besteigen und mit Jahwe zu sprechen. Er erhielt den Auftrag, das Volk auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten, die „am dritten Tag“ stattfinden sollte. Tatsächlich begann es am dritten Tag im Morgengrauen schon zu donnern und zu blitzen und der ganze Berg war in Rauch gehüllt. Gott stieg auf den Berg herab und verkündete den am Fuß des Berges versammelten Israeliten die Zehn Gebote, die auf zwei steinernen Tafel geschrieben standen. – Von da an stieg Mose noch mehrmals auf den Sinai, um weitere Gesetze und Vorschriften für den Kult entgegenzunehmen. – Nach den Anweisungen, die Gott ihm persönlich gegeben hatte, ließ Mose das jüdische „Wüstenheiligtum“, nämlich ein Heiliges Zelt mit verschiedenen Kultgeräten, anfertigen. Außerdem weihte er seinen Bruder Aaron und dessen Söhne zu Priestern und ließ durch sie die Opfer darbringen, die Gott von ihm verlangt hatte. Das Goldene Kalb Als Mose wieder einmal zu einer langen Audienz bei Jahwe auf dem Sinai weilte, wurden die Leute im Tal ungeduldig. Sie wandten sich an Aaron Schlacht gegen die Amalekiter, Pfarrkirche Oberammergau IM LAND DES HERRN
4/2025 17 und erklärten: „Dieser Mose – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Mach du uns Götter, die vor uns herziehen!“ (Ex 32,1). Aaron ließ sich Goldschmuck bringen und goss daraus ein Kalb, das das Volk alsbald umtanzte mit den Worten: „Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben!“ Und man feierte ein Freudenfest zu Ehren der neuen Gottheit. – Mose, den Gott auf diesen Frevel aufmerksam gemacht hatte, stieg alsbald vom Sinai herab. Und als er das Treiben der Götzendiener sah, packte ihn heiliger Zorn. Zum Zeichen des Bundesbruchs, den Israel seinem einzigen und wahren Gott gegenüber begangen hatte, zerschmetterte er die beiden Gesetzestafeln, die er bei sich trug, am Fuß des Berges. – Nachdem er von den Schuldigen Sühne verlangt hatte, legte er bei Gott Fürbitte für die Abtrünnigen ein. Jahwe ließ sich versöhnen und er neuerte seinen Bund mit Israel. Auch die Gesetzestafeln schrieb er neu. Der gehörnte Mose Fast alle gebildeten Christen kennen den berühmten Mose von Michelangelo. (Siehe hintere Umschlagseite) Dieser Mose ist mit Hörnern auf dem Kopf dargestellt. Wie kommt es zu diesem merkwürdigen Zug? – Die Bibel sagt: Wenn Mose mit Gott geredet hatte, lag noch lange danach ein geheimnisvoller Glanz auf seinem Gesicht, der seine Mitmenschen irritierte. Um niemand zu erschrecken, verhüllte Mose sein Gesicht mit einem Schleier. – Nun hatte die lateinische Bibelübersetzung das hebräische Wort qaran „es strahlte“ fälschlich mit dem Ausdruck „es war gehörnt“ wiedergegeben. Es ist also ein Übersetzungsfehler, auf Grund dessen Mose zu seinen Hörnern gekommen ist. – Aber betonen wir noch einmal, was wir schon angedeutet haben: Trotz seiner Privilegien und seiner herausragenden Stellung Gott gegenüber war Mose kein Halbgott, sondern blieb immer ein Mensch unter Menschen, einer, der ständig mit der Widerspenstigkeit und Verzagtheit seiner Brüder zu kämpfen hatte. Und der am Ende seiner Laufbahn selber an der Macht seines Gottes zu zweifeln begann und dafür hart gestraft wurde. Widerstand aus den eigenen Reihen und Glaubenszweifel Als Mose nach einem etwa einjährigen Aufenthalt am Sinai sein Volk in Richtung „Gelobtes Land“ zu führen begann, kam es wieder einmal zu einem allgemeinen Protest. Das Volk hatte die Strapazen der Wüstenwanderung satt. Selbst die Geschwister des Mose, Mirjam und Aaron, hatten an ihrem berühmten Bruder so manches zu kritisieren. Unter anderem war es eine „Kuschiterin“, d. h. eine dunkelhäutige Schönheit aus Äthiopien, die Mose zur Frau genommen hatte und die von seinen Verwandten zunehmend als anstößig empfunden wurde. Außerdem fragten sich seine Geschwister: Hat Gott denn nur zu Mose gesprochen? Oder sind nicht auch wir von Gottes Geist erfüllt und haben bei der Planung der Zukunft Israels einiges mitzureden? – Die Bibel betont an dieser Stelle die „Demut“ des Mose, seine Bereitschaft, sich jederzeit der Sache Gottes und seines Volkes unterzuordnen. – Und Gott hält in dieser Krisensituation auch uneingeschränkt zu Mose. Er bestraft Mirjam mit Aussatz und bestätigt die Ausnahmestellung des Mose. Die Geschwister unterwerfen sich. – Dann aber kommt es zu einem Ereignis, wie wir es Mose mit den Gesetzestafeln und Tanz um das Goldene Kalb, Šibenik (Kroatien), Kathedrale Mose Mose
18 4/2025 schon kennen: Es herrscht wieder einmal Wassermangel. Und die Gemeinde rottet sich gegen Mose und Aaron zusammen. Mose wird von Gott bevollmächtigt, mit seinem Stab Wasser aus dem Felsen zu schlagen. – Mose gehorcht, aber mit halbem Herzen. Er sagt zu seinen Volksgenossen: „Hört, ihr Meuterer, können wir wohl aus diesem Felsen Wasser fließen lassen?“ (Num 20,10). – Mit anderen Worten: Mose zweifelt an dem Wunder, das er gleich wirken wird, und damit an seinem Gott. – Das aber kann und wird Gott ihm nicht nachsehen. Das Ende des Mose Gott spricht zu Mose und Aaron: „Weil ihr mir nicht geglaubt habt und mich vor den Augen der Israeliten nicht als Heiligen bezeugen wolltet, werdet ihr dieses Volk nicht in das Land hineinführen, das ich ihm geben will“ (Num 20,12). Und so endet die Biografie des Mose nicht mit dem bekannten Happy End, bei dem der Held nach Kämpfen und Umwegen schließlich an das Ziel seiner Wanderung gelangt. Nein, der biblische Mose ist wohl noch so manches Jahr Hirt und Führer seines Volkes. Er bringt es bis an die Grenzen des Verheißenen Landes. Am Jordan, gegenüber von Jericho, schärft er seinen „Kindern“ zum letzten Mal das Gesetz ein (nachzulesen im Buch Deuteronomium) und ermahnt sie, den Bund mit Gott zu halten. Er bestellt dort seinen Diener Josua zu seinem Nachfolger. – Dann aber kommt die Stunde, wo er langsam auf den Berg Nebo hinaufgeht, von dem aus ihm sein Gott (als letzten Gnadenerweis) das Verheißene Land zeigt. Hier stirbt Mose im Alter von 120 Jahren. In einem nahegelegenen Tal wird er begraben. Niemand kennt bis heute sein Grab. – Der Erzähler unserer Geschichte aber schließt mit einer lobenden und bewundernden Notiz: „Mose war 120 Jahre alt, als er starb. Sein Auge war noch nicht getrübt, seine Frische war noch nicht geschwunden. – Die Israeliten beweinten Mose 30 Tage lang in den Steppen von Moab. Mose schlägt Wasser aus dem Felsen, Unbekannter Maler des 18. Jahrhunderts, Monte sacro Varese IM LAND DES HERRN
4/2025 19 Danach war die Zeit des Weinens und der Klage um Mose beendet“ (Dtn 34,7). Tod im Angesicht des Zieles Der Mose unserer Geschichte, der sein Ziel gewissermaßen nur um wenige Schritte verfehlt hat, wurde für die Frommen in alter und neuerer Zeit zu einer Symbolfigur. Er verkörpert eine Erfahrung, die so mancher Gläubige bis heute machen muss: Das Scheitern nach langer Bemühung, die Unfähigkeit, aus eigener Kraft, die letzte Strecke ins „Gelobte Land“ zurück- zulegen. – Der bekannte evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat sich am Vorabend seiner von den Nazis verfügten Hinrichtung (er starb am 9. April 1945) mit dem sterbenden Mose auseinandergesetzt und identifiziert. Das Gedicht, das er in dieser Stimmung geschrieben hat, mag kein Meisterwerk sein. Aber es spricht jeden an, der um das Schicksal des Dichters weiß. Und es bringt uns den Mose der Bibel nahe, der bis zuletzt mit seinem Gott und seinem Volk gerungen hat. – Hören wir die wichtigsten Verse aus der Dichtung Bonhoeffers: „Auf dem Gipfel des Gebirges steht Mose, der Mann Gottes und Prophet. Seine Augen schauen unverwandt in das heilige, gelobte Land ... Treuer Herr, dein ungetreuer Knecht weiß es wohl: du bist allzeit gerecht. So vollstrecke heute deine Strafe, nimm mich hin zum langen Todesschlafe... Sinkend, Gott, in deine Ewigkeiten, seh mein Volk ich in die Freiheit schreiten. Der die Sünde straft und gern vergibt, Gott, ich habe dieses Volk geliebt. Dass ich seine Schmach und Lasten trug und sein Heil geschaut: das ist genug. Halte, fasse mich! Mir sinkt der Stab, treuer Gott, bereite mir mein Grab!“ Brennender Dornbusch und die Sandalen des Mose, St. Matthias Berlin Mose Mose Berg Nebo in Jordanien, im Hintergrund die Hauptstadt Amman © G. Pinto Ostuni OFM
20 4/2025 Blick in das Innere der Kirche, der Grabbau im Chor n Waldshut, Teil der Doppelstadt Waldshut-Tiengen im Südwesten Baden-Württembergs an der Schweizer Grenze befindet sich auf dem „Alten Friedhof“ die „Gottesackerkapelle“, dem eigentlichen Patronat nach aber eine „Allerheiligenkapelle“. Die ansehnliche kleine Kirche birgt einen Nachbau des Heiligen Grabes, der leider wenig bekannt ist und darum hier vorgestellt werden soll. Es gab an gleicher Stelle einen Vorgängerbau, denn eine der nunmehr drei Glocken im Dachreiter der heutigen Kirche aus dem Jahre 1575 beklagt die Toten des umliegenden Friedhofes. Ab dem Jahr 1572 finden sich im Stadtarchiv Waldshut Rechnungsbelege für eine Erneuerung des Friedhofes und schließlich erfahren wir aus einem Eintrag des „Jahreszeitenbuch“ der Pfarrei Waldshut aus dem Jahre 1641: „Dedicatio Ecclesiae Sanctorum Omnium. Im Gotzackher. Proxima Dominica ante festum Sancti Laurentii.“, also eine Feier der Kirchweihe der Allerheiligenkirche am Sonntag vor dem Fest des hl. Laurentius. Der heutig Kirchenbau geht auf das Jahr 1683 zurück, als der kaiserliche Salzkontrahent (Salzhändler) Adam Tröndlin den Bau neu errichten I Das Heilige Grab in der Gottesackerkapelle in Waldshut Petrus Schüler
4/2025 21 ließ „Gott, dem dreimal Besten und Größten, der seligen Jungfrau Maria und dem ganzen himmlischen Hofstaat wurde dieser Tempel von Grund auf errichtet auf Kosten der Eheleute Adam Tröndlin und Anna Maria Ulmerin MCCLXXXIII“. Diese Widmung findet sich auf der westlichen Empore. Der Sohn des Erbauers, Adam Tröndlin von Grafenegg – auch er Salzhändler – führte das Vermächtnis seines Vaters weiter, indem er eine Kaplanei stiftete und im Stiftungsbrief ausdrücklich erwähnt: „… mit einem in dem Chor nach heiligem hierosolymitanischen (Jerusalemer) Grab gleichförmig von Stein ausgehauener Begräbnis …“. Der Stifter selbst sowie Mitglieder der weitverzweigten wohlhabenden Familie haben in der Mitte der Kirche ihren Begräbnisplatz gefunden, unter dem neuen Zelebrationsaltar würdevoll unter Glasplatten sichtbar. (siehe Bild auf Seite 20) Woher kam die Inspiration des Stifters, den Ort seiner Grabstätte dem Heiligen Grab in Jerusalem nachbilden zu lassen? Auch wenn er selbst nicht im Heiligen Lande war – jedenfalls gibt es keinen Hinweis darauf –, waren es wohl Einflüsse, die Tröndlin durch Handelsbeziehungen und Reisen aus Tirol mitbrachte: das Kalvarienkirchlein bei Toblach wurde Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet, in Innichen war das im Jahre 1653 der Fall, der Kalvarienberg bei Bozen wurde bis 1684 errichtet. Anders wäre die aufwändige und kunstvolle Gestaltung der „Schauseite“ kaum zu erklären. Dalman bezeichnet das Waldshuter Heilige Grab „…nicht das treueste Nachbild des Originals, aber das im Barockstil am sorgsamsten gebaute und geschmückte …“ Eine weitere Inspiration kann dann aber doch eine (16-monatige) Heilig-Land-Reise sein, die der Kapuzinerpater Ignatius Eggs 1656 unternahm und über die er sehr ausführlich und originell berichtet; 1664 erschien die erste Auflage, die schon drei Jahre später erneut wieder aufgelegt wurde, jetzt mit zahlreichen Abbildungen und Beilagen versehen. Der Autor ist sehr gründlich in seinen Maßangaben, er erwähnt auch was an welchen Heiligtümern als „Bakschisch“, also „Trinkgeld“ zu entrichten ist und er setzt die Heiligen Stätten in Beziehung zu den verschiedenen biblischen Texten. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts gab es weitere Auflagen, Zeichen für das gewachsene Interesse am Heiligen Land. Kommen wir nun zum eigentlichen Baukörper, der dem Aussehen des Hl. Grabes in Jerusalem recht gut entspricht; Gustav Dalman bezeichnet diesen Typus als „Das Heilige Grab der Franziskaner seit 1555“. Wie im Bild auf Seite 22 zu sehen, krönt auch hier ein kleiner Dachreiter das Gebäude und lässt Licht und Luft herein. Die Frontseite (2,80 m breit, in Jerusalem 4,35 m) trägt über dem Türsturz die Jahreszahl der Erbauung MDCLXXXIII, gerahmt von den Familienwappen Tröndlin (links) und rechts jenes der Familie Ulmer, aus dem die Gattin des Stifters stammt. Die lateinische Inschrift ERIT SEPULCHRUM EIUS GLORIOSUM ISAIAIE CAP XI Heilige Grab in Waldshut Heilige Grab in Waldshut Erste Ausgabe des Pilgerberichtes von P. Ignatius Eggs, Bibliothek des Franziskanerklosters München
IM LAND DES HERRN kennen wir von sehr vielen Heiligen Gräbern, es ist die Bibelstelle aus Jesaja 11,10 die laut Vulgata dann auch immer übersetzt wurde mit: Sein Grab wird herrlich sein. Zwei weitere Bibelstellen werden an den beiden Seiten des Eingangs zitiert: auf der linken Seite vom Betrachter aus hält eine Figur das Spruchband mit den Worten: Ipse Autem vulneratus est propter iniquitates nostras. Isa C.53 übersetzt: Er selbst aber wurde verwundet wegen unserer Ungerechtigkeiten (Jesaja 53,5 vgl. Vulgata). So kann diese linke Figur als der Prophet Jesaja gedeutet werden. Auf der rechten Seite vom Eingang begegnet uns wieder eine Figur in orientalischer Tracht, die wir wegen der Bibelstelle in seinen Händen als den Apostel Paulus identifizieren können: Resurrexit propter iustificationem nostram. Rom. C.4. übersetzt: Auferstanden wegen unserer Rechtfertigung (Römer 4,25 vgl. Vulgata). Im Inneren der Grabkapelle fällt auf, dass die „Engelskapelle“ vollständig fehlt, die Anordnung der Grabbank im rechten Teil entspricht wieder dem Jerusalemer Original, es gibt keine Figur des toten Heilands, aber ein barockes Gemälde mit dem Auferstandenen zwischen zwei Engeln über der Grabbank, so wie es auch der Kapuziner Ignatius Eggs in Jerusalem vorgefunden hat und beschreibt: und ein uberauß alte Tafel / an welcher die Aufferstehung Christi / neben zween Englen abgemahlet … Ein früher angebrachtes Antependium befindet sich nun im Kirchenraum und trägt die Aufschrift DUX VITAE MORTUS REGNAT VIVUS – Die Worte aus der Sequenz der Ostermesse: Der Fürst des Lebens, der gestorben war, herrscht lebend. Das Äußere der Grabkapelle in hellem Sandstein wiederholt das Aussehen des Grabes in Jerusalem, wie es bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zu sehen war: spitzbogige Blendarkaden. Im Inneren wie auch hier in den Bögen sind Graffiti aus verschiedenen Jahrhunderten angebracht, Zeichen einer intensiven Ver- ehrung. Die Kirche liegt nur wenige Gehminuten vom Ortskern Waldshut entfernt und wird von der Pfarrei mustergültig gepflegt und unterhalten. Der umliegende historische Friedhof ist parkähnlich angelegt und erinnert an die Topografie in Jerusalem, lesen wir doch im Johannes-Evangelium: An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch nie niemand bestattet worden war (Joh 19, 41). Verwendete Literatur G. Dalman, Das Grab Christi in Deutschland, Leipzig 1922 W. Wolpert, Erit sepulchrum eius Gloriosum, 300 Jahre Gottesackerkapelle mit Heiligem Grab in Waldshut, in „Heimat am Hochrhein“ 1984, Verlag Südkurier Konstanz Neue Jerosolomytanische Bilger-Fahrt, Konstanz, Geng 1664 Vorderansicht des Grabbaues 22 4/2025
4/2025 23 ehn Kilometer südlich Ein Gev zweigt eine Straße nach Hammat Gader und weiter auf den Golan ab. Hammat Gader, direkt am Jarmukfluss an der Grenze zu Jordanien gelegen, bedeutet „Thermen von Gader“ – hier waren die Thermen der antiken Stadt Gadara (auch Gader). Das antike Gadara liegt auf dem südlichen, jordanischen Steilufer des Jarmuktales, heute Umm Qais. Hammat Gader mit seinen heißen Quellen war in römischer Zeit der berühmteste Badeort des Orients. Alles, was Rang und Namen hatte, kam hierher, auch die bedeutenden jüdischen Gelehrten und Schulhäupter von Tiberias. Diese erörterten beispielsweise die Frage der Sabbatgrenzen zwischen Gadara oben und dem Bad unten; wohnten doch die Wohlhabenden oben auf der Frische des Gebirges, konnten aber die Annehmlichkeiten der Thermen genießen. Seine größte Blüte erreichte der Ort mit seinen prächtigen Bauten in der späteren byzantinischen Zeit. Unter den Arabern scheint zunächst ein Stillstand eingetreten zu sein. Doch der erste Omaijadenkalif Muawija in Damaskus sorgte für Restaurierung; eine Inschrift aus dem Jahr 662 in griechischer (!) Sprache berichtet davon. Das katastrophale Erdbeben von 749, das BetSchean zerstörte, scheint auch Hammat Gader zum Verhängnis geworden zu sein. Der Badebetrieb ging zwar weiter, aber nicht mehr im großen Stil von einst. Auch heute wieder ermöglicht ein modernes Thermalbad, im heißen Wasser zu baden. Eindrucksvoll sind auch heute noch die Überreste der römischen Badeanlagen, die bis zu beträchtlicher Höhe erhalten sind, am besten die ovale Halle (12x24 m). Ihre Mauern erreichen die Höhe von 8 m, die Deckenwölbung mag 10 m hoch gewesen sein. Dazu kommen noch die Überreste eines kleinen römischen Theaters und einer Synagoge aus dem 5. oder 6. Jahrhundert, der schon zwei andere vorausgegangen waren. Die Mosaikdekoration zeigte keine Menschendarstellungen, wohl aber im Hauptstreifen oben zwei Löwen und zwei Zypressen neben einer Inschrift. Zu den Stifterfamilien gehörten Leute von weither, z. B. „Sisiphus (?) aus Sepphoris, Dositheus aus Kafarnaum, Judan der Architekt (?) von Emmaus“. Die antiken wie die modernen Badeanlagen sind heute Teil eines Nationalparks und ganzjährig zu besichtigen. Die Hauptattraktion dabei sind sicher die modernen Badeanlagen mit ihrem mäßig warmen Wasser. Das Amphitheater und leider auch die antiken Badeanlagen werden kaum besucht, aber die zahlreichen Restaurants und auch der „Kinder-Zoo“ mit seiner ausgedehnten Krokodil-Abteilung sind besonders an Wochenenden ein Ziel für zahlreiche Familien. An dieser Stelle soll auch etwas zum sogenannten „Peters-Fisch“ gesagt werden: dieser Buntbarsch (tilapia galilaea) der seinen Namen vom Apostel Petrus hat (Mk 1,16 ff.), wird in den RestauBlick von Umm Quais (Gadara) in Jordanien über Hammat Gader (Israel) zum Golan (israelisch besetzt), links im Dunst der See Gennesaret Hammat Gader Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM Z
24 4/2025 IM LAND DES HERRN rants am See Gennesaret angeboten und es gehört wohl zum Programm aller Pilgergruppen, einmal „Petersfisch“ zu essen. Wirtschaftlich wesentlich wichtiger sind jedoch die Sardinen aus dem See Gennesaret, welche im ganzen Land in Dosen erhältlich sind. Wer beides genießen will und auch bei der Fischerei und Fischverarbeitung zusehen möchte, ist im Kibbuz Ein Gev ganz richtig. Dieser Kibbuz, der 1937 hauptsächlich von österreichischen Juden gegründet wurde, bietet in seinem Restaurant als Spezialität den sogenannten Petrusfisch an (zuweilen, wenn man Glück hat, ist auch eine Art „Apfelstrudel“ im Angebot). Es sei aber an dieser Stelle ehrlich gesagt, dass der „Petersfisch“ nicht zwingend nur vom See Gennesaret kommt: gerade im Tal von Hammat Gader sind zahlreiche Zuchtteiche die Lieferanten für diese spezielle Fischart, wie im Bild zu sehen. Der Hafen von Ein Gev wird gerne als Ausgangs- oder Zielpunkt für Bootsfahrten über den See genutzt. 1948 bis 1967 war der Kibbuz die letzte Spitze israelischen Gebietes und stieß im Norden und Osten an das syrische Golangebiet, von wo aus er mehrfach angegriffen wurde; der Zugang war längere Zeit nur über den See möglich. Ein prominenter Bewohner dieses Kibbuz war Teddy Kollek. 1961 und 1990 wurden Ausgrabungen an einem Hügel nahe dem Kibbuz gemacht. Außerdem wurden in der Nähe des Kibbuz vier prähistorische Stätten (etwa 15.000 v. Chr.) entdeckt. Großes Becken in den antiken Badeanlagen Moderne Badeanlagen Petersfisch und Zuchtteiche bei Hammat Gader
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