IM LAND DES HERRN 30 4/2025 vom Heiligen Grab geschlagen. Eine einzige englische Gräfin russischen Ursprungs drängte darauf, als erste Ordensdame investiert zu werden. Sie schaffte es, blieb zu Lebzeiten Don Valergas aber auch die einzige. Nach hundert Jahren war der Orden auf über 7.500 Ritter und 530 Damen angewachsen. Die Kathedrale des Patriarchen von Jerusalem blieb die Grabeskirche. Unter tatkräftiger Mitwirkung des Bischofs selbst, der ja vom Vater das Baumeisterblut geerbt zu haben schien, entstanden in der Altstadt auf Gelände, das die Franziskaner zur Verfügung gestellt hatten, ab 1859 das neue Patriarchat sowie eine Konkathedrale („Neben-Kathedrale“), die am 11. Februar 1872 feierlich eingeweiht werden konnte. In ihr sollte Joseph Valerga nach seinem Tod am 2. Dezember auch seine letzte irdische Ruhestätte finden. Auf dem I. Vatikanischen Konzil hatte der Patriarch letzte Gelegenheit, seine Position als Streiter für die orientalischen Kirche zu unterstreichen. Stets blieb er im Kontakt mit den orthodoxen Patriarchen. In Rom von seinem leiblichen Bruder P. Leonard als theologischem Berater begleitet, traf Valerga auch wieder seinen weiteren Bruder Hyazinth, der als Apostolischer Vikar von Quelon aus Indien zum Konzil angereist gekommen war. Im Februar 1870 war Joseph Valerga zum Kommissionsmitglied für die orientalischen Kirchen und die Missionen ernannt worden. Von seinen zwei Reden, die er auf dem Konzil halten konnte, war die am 31. Mai ein flammendes Plädoyer für die Unfehlbarkeit des Papstes. Sie sah er in der Tradition der Kirche bereits grund- und festgelegt, und sie passte auch zu der persönlichen Verehrung, die der Patriarch seinem Papst zeitlebens entgegengebracht hatte. Ein regelrechter Coup sollte dem Jerusalemer Oberhirten an Fronleichnam 1872 noch gelingen. Da mit Widerstand gegen ein triumphales Auftreten der Lateiner zu rechnen war, wurden die Vorbereitungen zur Prozession am 2. Juni 1872 heimlich getroffen. Sie wurde zu einem eindrucksvollen Lebenszeichen der Lateiner im Heiligen Land. Eine beschwerliche Reise zu Pferd musste Joseph Valerga noch bewältigen. Sie hatte Saida an der Mittelmeerküste zum Ziel. Von Beirut aus sollte auf dem Heimweg in Damaskus Halt gemacht werden, wo der Patriarch ein Tribunal für eine Untersuchung über die Märtyrer von Damaskus (1860; unter ihnen der Tiroler P. Engelbert Kolland OFM) errichten wollte. Der Patriarch führte in der ersten Sitzung des Tribunals höchstpersönlich den Vorsitz. In der Rückschau auf einen solchen Pionier, wie Joseph Valerga es im Heiligen Land war, besteht sicher die Gefahr der Überhöhung und gar Glorifizierung. Seine pastoralen Erfolge sind aber nicht zu trennen von seiner starken geistigen Haltung. „Nie die Betrachtung unterlassen“, schrieb er in seinen Vorsätzen 1859. Wenn irgend möglich widmete er frühmorgens der stillen Betrachtung eine Stunde, eine weitere für die Messfeier mit anschließender DanksaHeiliger Engelbert Kolland, Ölgemälde (2025) vom Franziskaner P. Jakob Wegscheider im Franziskanerkloster Brixen © Wegscheider
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