Im Land des Herrn | 79. Jahrgang | 2025-4

4/2025 5 Interview Interview Kardinal Pizzaballa, im Juli konnten Sie Gaza und die dortige christliche Gemeinde besuchen und sich selbst ein Bild vom Ausmaß von Armut, Hunger und der medizinischen Notlage machen. Wie hat sich die Lage in der Gemeinde nach Ihrem Besuch entwickelt? Wir konnten die Lieferung von Lebensmitteln und humanitärer Hilfe wieder aufnehmen, die für einige Monate ausgesetzt worden war. Das hilft den Menschen natürlich – sie haben jetzt mehr zu essen und nicht nur Notvorräte. Zum Beispiel bekommen sie zum ersten Mal seit etwa acht Monaten wieder etwas Gemüse. Aber trotzdem ist die Lage mehr oder weniger gleichgeblieben. In Gaza-Stadt sind etwa 85 Prozent der Häuser zerstört. Knapp 500 Menschen leben immer noch in der alten Pfarrschule auf unserem Kirchengelände. Das Einzige, was ihnen etwas zu tun gibt – oder, sagen wir, einen Sinn –, ist die Verteilung der von uns gelieferten humanitären Hilfe zu organisieren. Was der Waffenstillstand ebenfalls verändert hat, ist, dass sich die Soldaten hinter die gelbe Linie zurückgezogen haben. Dadurch gibt es jetzt mehr Bewegungsfreiheit: die Menschen können hinausgehen und Aktivitäten wie den Marktbetrieb wieder aufnehmen. Und es fallen jetzt weniger Bomben. Wie laufen die Hilfsmaßnahmen? Und was sind Ihre Prioritäten? In den letzten zwei Jahren waren Lebensmittel und Medikamente immer unsere oberste Priorität, da wir zu den wenigen gehören, die diese Güter ins Land bringen konnten. Das ist trotz der Waffenruhe immer noch problematisch, aber wir gehen nun davon aus, dass Lebensmittel geliefert werden. So können wir uns auf andere Aufgaben und Probleme konzentrieren. Da der Winter naht, werden Zelte, Decken und Medikamente benötigt, es sind ja alle Häuser zerstört. Und natürlich sind auch Hygieneartikel ein Problem, da es keine sanitären Einrichtungen gibt. Das Hygiene- problem ist sehr gravierend, insbesondere für Frauen. Aber Zelte sind natürlich nur eine kurzfristige Lösung. Wir können nicht erwarten, dass die Menschen jahrelang in Zelten oder Klassenzimmern leben – zusammen mit anderen Familien, ohne Badezimmer und unter sehr prekären Bedingungen. Die zerstörten Häuser wieder aufzubauen erfordert aber die Abstimmung mit den lokalen Behörden, denn man braucht ja einen Bebauungsplan und Zugang zu Wasser, Strom und anderen Versorgungsleistungen. Aber wir wissen noch nicht, wer die lokalen Behörden sein werden. Deshalb ziehen wir auch provisorische Lösungen wie Wohnwagen in Betracht. In einem Komitee mit anderen christlichen und nichtchristlichen Organisationen diskutieren wir, wie wir hier vorgehen sollen. Außerdem besprechen wir, was bei der Verteilung Vorrang haben soll und wie wir uns untereinander besser koordinieren können. Zudem gibt es noch ein weiteres Problem, über das nur sehr wenige sprechen: Das ist jetzt das dritte Jahr ohne Schule. Es ist wichtig, alles zu Der Patriarch beim Besuch einer christlichen Familie in Gaza © lpj.org

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