IM LAND DES HERRN 8 4/2025 Mit welchen weiteren Problemen sind die Menschen im Westjordanland derzeit konfrontiert? Neben den Problemen mit den Siedlern stehen die Menschen vor einer großen wirtschaftlichen Herausforderung. Das Leben im Westjordanland hängt von zwei Haupteinnahmequellen ab: Pilgerreisen und Pendeln zur Arbeit nach Israel. Nach dem 7. Oktober wurden die Pilgerreisen ausgesetzt, aber ich hoffe, dass sie schon bald wieder aufgenommen werden können. Die Arbeitsgenehmigungen für Israel wurden fast vollständig gestrichen, und ich glaube nicht, dass sie wieder eingeführt werden. Nach den schrecklichen Anschlägen vom 7. Oktober haben die Israelis verständlicherweise Angst, Palästinenser unter sich zu haben. Man könnte also zusammenfassen, dass sich die Menschen im Westjordanland Lebensmittel nicht leisten können, während es für die Menschen in Gaza gar nicht genug Lebensmittel gibt. Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, da- mit endlich Frieden im Heiligen Land einkehrt? Frieden ist ein sehr anspruchsvolles Wort – wir sollten nicht leichtfertig damit umgehen. Frieden erfordert Vorbereitungen und Bedingungen, die wir nicht haben. Derzeit ist der Hass zwischen Israelis und Palästinensern zu tief und zu stark. Zunächst müssen die Wunden heilen, und das wird sehr lange dauern. Damit Vertrauen wachsen kann, brauchen wir glaubwürdige Zeugnisse, Vorbilder und neue Führungspersönlichkeiten – die wir derzeit nicht haben. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich die Lage in einigen Jahren ändern wird. Und ich glaube, dass die nächste Generation die emotionale Freiheit hierfür haben wird. Jetzt müssen wir aber erstmal auf das Ende des Krieges hinarbeiten und auf politischer und sozialer Ebene Gesten machen, die langsam wieder Vertrauen aufbauen. Es herrscht tiefes Misstrauen innerhalb der Bevölkerung, nicht nur zwischen Israelis und Palästinensern. Die Palästinenser selbst sind gespalten, ebenso wie die Israelis. Über Frieden zu reden, ohne die Voraussetzungen zu schaffen, die den Palästinensern eine klare nationale Perspektive bieten, ist nichts anderes als Gerede. Slogans. Gemeinsames Gebet der Kirchenoberhäupter in der Ruine der Georgs-Kirche in Taybeh © Andrea Krogmann
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