4/2025 9 Sie sagten, Palästinenser und Israelis seien untereinander gespalten. Wie sieht es mit den Christen aus? Es war schwierig, den Zusammenhalt zu bewahren, als der Krieg uns so stark in Richtung Polarisierung und Spaltung drängte. Wir Christen sind nicht neutral: Christliche Israelis sind Israelis, und palästinensische Christen sind Palästinenser. Aber wir sind keine politische Partei – wir dürfen unterschiedliche Ansichten haben. Israelische Katholiken denken nicht genau so wie palästinensische Katholiken, dennoch gehören sie derselben Kirche, demselben Bischof an. Trotz einigen Wunden, Schmerz und Missverständnissen ist uns aber gelungen, vereint zu bleiben. Und ich denke, das ist unsere Stärke als Christen. Im Krieg geht es um Spaltung, Ich oder Du, wir oder sie. Unser Ringen ist das Gegenteil davon: Es geht darum, die Einheit in unserer Gemeinschaft zu bewahren. Und auch aus spiritueller Sicht hat uns dieser Krieg tief getroffen. Wir haben uns gegen eine so starke Kraft des Bösen, des Todes und des Hasses gewehrt, aber wie geht man damit um? Wie lebt man damit und wie bringt man seinen Glauben mit dem in Einklang, was man im Alltag sieht? Diese Frage hat uns die ganze Zeit über beschäftigt. Und die einzige Antwort ist, auf Gott und natürlich auf Jesus zu blicken. Denn aus menschlicher Sicht haben wir keine Antworten darauf. Und was ist für Sie selbst als Bischof von Jerusalem in dieser Hinsicht am wichtigsten? Ich habe es satt, über Politik und Politiker zu sprechen. Im Heiligen Jahr ist es meine Aufgabe, über Hoffnung zu sprechen. Dieses Wort ist derzeit in aller Munde. Aber wie kann man über Hoffnung sprechen, wenn man Menschen sieht, die hungern und alles verloren haben? Wie lässt sich diesem Wort konkret Ausdruck verleihen? Wir wissen, dass das Ende des Krieges nicht das Ende des Konflikts bedeutet. Denn er ist nicht nur eine Phase unseres Lebens, er ist Teil unserer Identität. Daher müssen wir uns fragen, wie der Konflikt zu einem Raum werden kann, in dem wir unseren Glauben zum Ausdruck bringen. Und wir müssen entscheiden, wie wir mit diesem Konflikt umgehen, wenn wir zulassen, dass er unser Leben prägt. Dies ist unser Ringen – und ich glaube, für uns ist es weit bedeutender als all die politischen Fragen, die ohnehin ständig wechseln. Über Kardinal Pizzaballa: Kardinal Pierbattista Pizzaballa OFM ist Franziskaner und lebt seit 1990 in Jerusalem. Von 2004 bis 2016 war er Kustos des Heiligen Landes. Seit 2020 ist er Lateinischer Patriarch in Jerusalem, nachdem er vier Jahre lang das Amt des Apostolischen Administrators sede vacante des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem ausgeübt hatte. Palästinensische Fahne in Taybeh Interview Interview
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