800 Jahre neues Leben Franziskus von Assisi 2026
FRANZISKANER MISSION erscheint viermal im Jahr und kann als kostenfreies Abo bestellt werden unter Telefon 02 31-17 63 37 65 oder info@franziskanermission.de. »Franziskaner Mission« erscheint im Auftrag der Deutschen Franziskanerprovinz von der heiligen Elisabeth – Germania. HERAUSGEBER Franziskaner Mission REDAKTIONSLEITUNG Augustinus Diekmann ofm REDAKTION Dr. Cornelius Bohl ofm, Stefan Federbusch ofm, Natanael Ganter ofm, Heinrich Gockel ofm, Frank Hartmann ofm, Márcia Santos Sant'Ana, René Walke ofm, Pia Wohlgemuth GESTALTUNG sec GmbH, Osnabrück DRUCK Bonifatius GmbH, Paderborn Herstellungskosten dieser Zeitschrift: Die »Franziskaner Mission« wird nicht von Spendengeldern, sondern aus den Erlösen eines speziell hierfür eingerichteten Missionsfonds finanziert. Impressum FRANZISKANER MISSION Franziskanerstraße 1, 44143 Dortmund Telefon: 02 31-17 63 37 5 info@franziskanermission.de www.franziskanermission.de Spenden erbitten wir, unter Angabe des Verwendungszwecks, auf folgende Konten: SPARKASSE HELLWEG-LIPPE IBAN DE13 4145 0075 0026 0000 34 BIC WELADED1SOS VOLKSBANK HELLWEG EG IBAN DE44 4146 0116 0000 0051 00 BIC GENODEM1SOE PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC-zertifiziert PEFC-zertifiziert PEFC/04-312
Liebe Leserin, lieber Leser! TITEL Vor 800 Jahren hat sich Franziskus von Assisi, im Kreise seiner Brüder, vom irdischen Leben verabschiedet und den Tod als Bruder begrüßt. Im sogenannten »Transitus« erklärt er sich bereit für den Übergang in ein Leben mit Gott. Auf unserer Titelseite zeigt der Maler Ulrich Viereck in seinem Kunstwerk Franziskus mit ausgebreiteten Armen, als wolle dieser das neue Leben freudig umarmen. Mit den Wundmalen Jesu gezeichnet, wird der Heilige selbst zum Kreuz (Tau) und macht sich auf den Weg zu seinem Ostermorgen. Wo soll man da beginnen? Von welcher Seite aus ist er am besten zu packen? Franz von Assisi starb vor 800 Jahren – und ist heute noch quicklebendig. Seine reiche und bunte Persönlichkeit entzieht sich jedem Versuch, in einem eindeutigen Bild festgehalten zu werden. Oder darf sich da jeder raussuchen, was ihm passt? Bitteschön, bedienen Sie sich: Da ist der Sänger des Sonnengesangs, der Patron der Ökologie, solidarisch mit allen Geschöpfen. Oder ziehen Sie den Friedenstifter vor, der verfeindete Städte versöhnt, einen bösen Wolf zähmt und sich, mitten in einem brutalen Kreuzzug, mit dem muslimischen Sultan zum freundschaftlichen Dialog trifft? Fasziniert hat schon immer der prophetische Aussteiger mit seiner radikalen Armut, kompromisslos an der Seite der Marginalisierten, Schutzherr ebenso der Minimalisten wie der Kapitalismus-Kritiker. Und dann, ja natürlich, leidenschaftlicher Gottsucher und Mystiker war er, monatelang verschwunden in Einsiedeleien und am Ende mit den Wunden an Händen und Füßen ein Bild des Gekreuzigten. Treuer Sohn Roms für die einen, für andere mutigweitsichtiger Reformer der Kirche, der von der Hierarchie mit seiner Heiligsprechung für den Erhalt des Status quo instrumentalisiert wurde. Vielleicht fällt Ihnen noch anderes ein zu diesem Mann aus dem fernen Mittelalter, der uns so sonderbar nah bleibt. Was mich am meisten an Franziskus anspricht, scheint dagegen ziemlich brav: Er wollte das Evangelium leben. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger! Genau das sollten auch seine Brüder tun, wie er ihnen programmatisch mit dem ersten Satz der Regel ins Stammbuch schreibt. Klara wird das später wortwörtlich in ihre eigene Regel übernehmen, es gilt also für Frauen und Männer gleichermaßen. Evangelium leben – das hört sich wenig aufregend an. Aber da steckt Dynamik drin. Wenn wir Christen das doch nur ehrlich versuchen würden! Evangelium leben – das macht Franziskus jenseits aller konfessionellen Grenzen zu einem der ökumenischsten Heiligen. Evangelium leben – das ist eine oft unbequeme Herausforderung und macht doch so herrlich frei: Ich muss nicht all das tun, was Franziskus getan hat. Franziskanisch leben heißt nicht, einen Menschen, der vor 800 Jahre gelebt hat, heute imitieren zu wollen. Aber es heißt, sich heute genauso ehrlich und konsequent dem Anspruch des Evangeliums zu stellen, wie er es damals getan hat. Dabei darf dann bei uns durchaus etwas anderes herauskommen als im Mittelalter. In solch verantwortungsvolle Freiheit hat er selbst seine Brüder entlassen: »Ich habe das Meine getan. Was ihr tun sollt, wird euch Christus lehren!« Was für ein Satz! Seit 800 Jahren versuchen von Franziskus inspirierte Menschen, etwas vom Evangelium zu leben. Bis heute. Davon berichtet das vorliegende Heft der Franziskaner Mission. Es will kein Museumsführer sein, eher so etwas wie ein Navi: Jubiläen blicken zwar zurück in die Geschichte, wollen aber Lust machen auf Zukunft. Unser Bruder Franziskus hat das Seine getan. Jetzt sind wir dran! Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre. P. Cornelius Bohl ofm Sekretär für Mission und Evangelisierung 3
Inhalt 6 Mutter Erde und die Vögel des Himmels Wie Franziskus seinem Osterfest entgegengeht Dr. Niklaus Kuster ofmcap 8 Der göttliche Ruf Wie Franziskus zum Minnesänger Gottes wurde Eurico Alves da Silva ofm 10 Option für die Armen Der Poverello von Assisi Darlei Pickler 12 Traumata heilen Versöhnungsarbeit im südlichen Afrika Teddy Lennon ofm 14 Das franziskanische Erbe Glauben, Musik und Kunsthandwerk Lic. Petrona Roca del Águila 16 Im Einklang mit der Schöpfung Familienlandwirtschaftsschulen in Maranhão, Brasilien Barbara Schmidt-Rahmer; Klaus Theodor Finkam ofm 20 »Ein Name und eine Zukunft« Interreligiöses Kinderprojekt in Aleppo, Syrien Camilla Sibra 22 Unser gemeinsames Haus Aufruf für globale Gerechtigkeit Rodrigo de Castro Amédée Péret ofm 24 »Neue Allianzen« Einsatz für Menschenrechte in Nordostbrasilien Johannes Holz 26 Evangelium in Wort und Tat Franziskanische Präsenz in Vietnam Ignatius Nguyen Duy Lam ofm 28 Authentischer Glaube Jugendkreuzweg in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien Armin Rivera Miranda ofm 30 Lebendige Gemeinde Kirchenbau in San Julián, Bolivien Robert Hof 32 Ort für Rückzug und Spiritualität Mystik und Gebetspastoral in Teresina Dr. Michael Kleinhans ofm 34 Kurznachricht 35 Projekt 12 8 20 16
Personalia SÉRGIO ANTÔNIO GÖRGEN OFM Sérgio Antônio Görgen ofm verstarb nach einem Herzinfarkt am 3. Februar im Alter von 70 Jahren in Rio Grande do Sul (RS), Brasilien. Seit 1975 gehörte er dem Franziskanerorden an. Im Laufe seines franziskanischen Lebens bekleidete er wichtige Ämter, darunter die des Provinzdefinitors und des Provinzökonomen. Er war außerdem für das Bundesland Rio Grand do Sul als Direktor für Agrarreform und ländliche Entwicklung tätig und setzte sich stets für die Agrarreform sowie die Rechte der Armen ein. Von 1995 bis zu seinem Tod lebte er in Bagé (RS) in einer ländlichen Siedlung. Dort widmete er sich der Seelsorge und der Stärkung von Volksorganisationen. Er war ein wichtiger Fürsprecher der Verteidigung der bäuerlichen Landwirtschaft und des würdigen Lebens für alle. OCTAVIO HUANCA BERNAL OFM Octavio Huanca Bernal ofm wurde am 20. November 1976 in San Agustín geboren, einem kleinen Dorf im Departamento Potosí, an der Grenze zwischen Bolivien und Chile. Er ist heute Guardian des Konventes San Francisco in Potosí und Rektor der großen franziskanischen Schule dort. Er ist Pädagoge, Philosoph, Theologe und Priester und hat mehrere Bücher geschrieben. Auch hat er ein großes Herz und Sinn für das Praktische. Als Rektor der Schule setzt er sich besonders für Kinder mit persönlichen, psychischen und finanziellen Schwierigkeiten ein. In der Gemeindearbeit pflegt er einen lebendigen Dialog. Seine Predigten sind mitreißend. Im Herbst 2025 wurde Octavio Huanca Bernal zum Provinzvikar der bolivianischen Franziskaner gewählt. GABRIELE MARIA ALLEGRA OFM Am 26. Januar 2026 erinnerte Generalminister Massimo Fusarelli ofm an den 50. Todestag des italienischen Franziskaners Gabriele Maria Allegra (1907–1976). Er war Missionar und Seelsorger in China. Nach dem Studium der chinesischen Sprache war ihm klar: »Ich muss lernen, wie ein Chinese zu denken.« Er tauchte völlig in die chinesische Kultur ein und gründete 1945 in Peking das Franziskanische Bibelinstitut, das 1948 wegen des Krieges nach Hongkong verlegt werden musste. Mit seinen Mitbrüdern vor Ort und Pater Theobald Diederich ofm († 2008) aus Deutschland wurde dort in 26 Jahren intensiver Arbeit die vollständige Bibel ins Chinesische übersetzt. Am 29. September 2012 wurde Gabriele M. Allegra seliggesprochen. 24 30 28 26
Die Skulptur steht sinnenfällig bei der Kirche Santa Maria von Rivotorto, in der italienischen Gemeinde Assisi: Geerdet und beflügelt blickt Franz von Assisi singend zum Himmel, von einem Reigen tanzender Kinder und von flatternden Vögeln umringt. Die Botschaft des Künstlers Fiorenzo Bacci ist unüberhörbar: Schöpfungs-, Menschen- und Tierliebe verbinden sich im Leben des Gottesfreundes untrennbar. Mutter Erde und die Vögel des Himmels Wie Franziskus seinem Osterfest entgegengeht Bevor es Barockkünstlern gefallen sollte, den Poverello mit Kreuz und Totenkopf als ausgemergelten Asketen in finsterer Zeit zu malen, war die Vogelpredigt das häufigste Motiv, mit dem der Bruder dargestellt wurde. Sein Leben und seine Botschaft haben ihren Ort mitten in der geschaffenen Welt, deren Gotteslob alle Geschöpfe einbeziehen soll. Einzig das Evangeliar in den Händen des Bruders konnte als Attribut mit den Vögeln mithalten. Das älteste Fresko vom Heiligen in seiner Grabeskirche Basilika San Francesco verbindet beide Motive: Von einem Gefährten begleitet, trägt Franz das Evangelium beherzt durch die Welt und richtet die frohe Botschaft auch an die Vogelwelt. Dass die Skulptur in Rivotorto vor Assisis Kulisse steht, könnte biografisch nicht stimmiger sein. Erst der Bruch mit der Stadt und das Leben vor ihren Mauern als »Bruder, der durch die Welt zieht«, taucht Franz derart in die Schöpfung ein, dass auch die Tiere zu seinen Geschwistern werden. Aufatmende Schöpfung Vögel begleiten das ganze Wanderleben des Bruders. Im Kinohit »Bruder Sonne – Schwester Mond« lässt Franco Zeffirelli 1972 einen Spatzen den Auftakt setzen. Der kleine Vogel weckt auf dem Fenstersims mit seinem Gesang die Lebensfreude des Genesenden neu, der durch Krieg, Kerker und schwere Krankheit tief erschüttert und über Monate ans Bett gebunden war. Franz verlässt sein Bett wackelig auf den Beinen und wird vom Vögelchen ans Fenster und auf den Ziegelfirst des darunterliegenden Daches gelockt. Es sind die ersten Schritte in ein neues Leben. Als Franz in diesem Film später mit ersten Gefährten vor Papst Innozenz III. steht Fiorenzo Baccis Skulptur in Rivotorto in der Gemeinde Assisi TEXT UND FOTO: Dr. Niklaus Kuster ofmcap 6
Dasselbe soll in Siena, wo Franz im Frühling 1226 schwer krank gepflegt wird, mit einem gefangenen Fasan geschehen. Der Vogel freundet sich mit ihm an (2 C 169: FQ 392). Die Vision auf La Verna wird im Frühherbst 1224 von Vögeln vorbereitet, die Franz bei seiner mystischen Tabor-Erfahrung näherstehen als die Brüder: »In aller Frühe nun, beim Morgenrot, als er gerade beim Gebet weilte, erschienen Vögel verschiedener Gattungen über der Zelle, wo er wohnte, nicht alle gleichzeitig zusammen, sondern zuerst kam einer, sang seine liebliche Weise und flog wieder weg; dann kam ein anderer, sang und flog wieder weg; und so machten es alle. Franziskus war darüber höchst verwundert ... Da wurde ihm von Gott im Geiste gesagt: ›Dies ist ein Zeichen, dass der Herr dir in dieser Zelle Gutes tun und dir viele Tröstungen schenken wird‹.« (Per 118: FQ 1203). So sehr sich Franz den Vögeln verbunden fühlt, er erwähnt sie in seinem Sonnengesang erstaunlicherweise nicht. Das Schöpfungslied nennt keine Tiere, weil dessen Urversion diese wie auch Pflanzen und Menschen durch die vier Urelemente »mit allen Geschöpfen« einbezieht: Alle Lebewesen bestehen aus Erde, atmen Luft, brauchen Wasser und tragen Energie in sich. Eine Vorform des Sonnengesangs nennt die Vögel jedoch prominent als Vertreter der ganzen Tierwelt. Die »Einladung zum Gotteslob«, vom Poverello in der Eremitage Romita von Cesi gedichtet und für die Brüder auf eine Holztafel geschrieben, singt in einer Passage: »11 Alle Geschöpfe, lobpreist den Herrn. 12 Alle Vögel des Himmels, lobt den Herrn. 13 Alle Kinder, lobt den Herrn. 14 Jünglinge und Jungfrauen, lobt den Herrn!« (FQ 14). Franz will Anfang Oktober 1226 sterbend den Sonnengesang hören. Seine Brüder erfüllen ihm den Wunsch und machen dann eine berührende Erfahrung: »Am späten Samstagabend nach der Vesper vor der Nacht, in welcher der selige Franziskus zum Herrn ging, flogen viele Vögel, die man Lerchen nennt, nicht sehr hoch über dem Dach des Hauses, in welchem unser Bruder ruhte, und zogen singend eine kreisförmige Bahn. Wir, die wir mit Franziskus zusammen gewesen sind, bezeugen dies und haben es aufgeschrieben« (Per 14: FQ 1103). Franz wollte nackt auf der Mutter Erde sterben und die Welt so verlassen, wie er in sie geboren worden war. Und die Vögel des Himmels, die sein Wanderleben begleiteten, kündigten den Brüdern in Franziskus’ eigener Osternacht seinen Einzug in den Himmel an. und dieser die Armut der Brüder nicht verstehen kann, zitiert Franz die Bergpredigt Jesu: »Lernt von den Vögeln des Himmels: Sie säen nicht und ernten nicht! Der himmlische Vater sorgt für sie ...«. Tatsächlich rufen sowohl Gefährten wie die Biografen des Poverello in Erinnerung, wie ermutigend Franz seinen Brüdern das Leben und Singen der Vögel vor Augen stellte. So kommt eine Textsammlung, in die Erinnerungen von Bruder Leo einflossen, auf die Verwandtschaft der Brüder mit Lerchen zu sprechen: »Franziskus pflegte von der Lerche zu sagen: ›Schwester Lerche hat eine Kapuze wie wir Brüder und ist ein demütiger Vogel, der sich auf den Wegen der Welt ein paar Getreidekörner sucht ... Im Flug lobt sie Gott, wie gute Ordensleute das Irdische im Blick und zugleich dem Himmel zugewandt. Ihr Federkleid ist braun wie die Erde und ermutigt uns, keine farbigen und feinen Kleider haben zu wollen‹.« Dieser Nähe zu »den Schwestern Lerchen« wegen »liebte er sie sehr und sah sie gerne« (Per 14: FQ 1103). Die Vogelpredigt wird von den Biografen einhellig erzählt und auf den frühesten Tafelbildern derart prominent als herausragende Szene seines Lebens dargestellt, dass am Faktum nicht zu zweifeln ist (1 C 49: FQ 234-235). Allerdings spricht aus der für mehrere Orte bezeugten Geschichte nicht Naturromantik, sondern ein Ernstnehmen des Evangeliums, wie es uns vergleichbar einzig bei irischen Mönchen des Frühmittelalters begegnet. Sandte Jesus seine Jünger in Galiläa aus, um Frieden in die Häuser, Dörfer und Städte zu tragen, weitet sich der Auftrag nach Ostern: Der Auferstandene sendet seinen Kreis bis »an die Grenzen der Erde« (Mt 28), um »das Evangelium allen Geschöpfen zu verkünden« (Mt 16). Paulus legt im Römerbrief nach: »Die ganze Schöpfung wartet sehnlich darauf, dass wir Menschen uns als Söhne und Töchter Gottes erweisen« (Röm 8). Franz lernt, als Sohn Gottes und Jünger Jesu so zu leben, dass die Schöpfung aufatmen kann und mit ihm gemeinsam ins Gottes- lob einstimmt. Lobpreis Gottes Unter den Tiergeschichten, die das Wanderleben des Bruders prägen (2 C 56: FQ 332), gesellen sich weitere Episoden mit Vögeln zu den Vogelpredigten. Auf La Verna gewöhnt sich ein Falke an die Gebetszeiten des Bruders und flattert jeweils auf einen Baumast über seiner Höhle, wenn Franz sieben Mal am Tag und einmal in der Nacht das Gotteslob singt (2 C 168: FQ 392). Auf dem See von Rieti wird Franz von einem Fischer ein junger Wasservogel geschenkt, dem der Bruder mit den Händen ein Nest formt, bis er sich beruhigt, ihn dann segnet und frei in seinen Lebensraum zurückkehren lässt (2 C 167: FQ 391). Der Autor Niklaus Kuster ist Mitglied der Schweizer Kapuzinerprovinz, promovierter Theologe und Franziskusforscher. Er lehrt Spiritualität an der Universität Luzern, an der franziskanischen Universität Antonianum in Rom sowie an den Philosophisch-Theologischen Hochschulen in Münster und Madrid. 7
MINNESÄNGER Der junge Franziskus findet Eingang in die »Gemeinschaft der Tänzer«, die im Tanzschritt durch die Straßen Assisis ziehen und auf den Plätzen weltliche oder religiöse Tanzspiele aufführen. Franziskus wird sogar zum Vortänzer gewählt. Während seines ganzen Lebens wird er davon geprägt bleiben. Es ist gut bezeugt, dass er bei der Predigt oft voll Begeisterung Tanzschritte macht, dass seine Predigten eine Art Ballade auf die Liebe Gottes sind. Ebenso wird er den Sinn des Spielens, der Inszenierung, des Dichtens nie verlieren. [vgl. Anton Rozetter, Ein Anfang und was davon bleibt] Der göttliche Ruf Wie Franziskus zum Minnesänger Gottes wurde Wenn wir das 800-jährige Jubiläum des Todes von Franz von Assisi feiern, sind wir eingeladen, beide Facetten dieses Mannes zu sehen: Wir richten unseren Blick auf den gereiften Heiligen, der von den Stigmata und einer tiefen Christusverbundenheit geprägt war, und auch auf den jungen Franziskus – voller Träume, Fragen und Sehnsucht. Bevor er als der Poverello von Assisi bekannt wurde, war er ein junger Mann, fest in seiner Zeit verwurzelt und von dem Wunsch nach Anerkennung, Ehre und Glück erfüllt. In dieser frühen Lebensphase zeigt sich Franziskus in besonderer Weise als »Minnesänger Gottes« – ein Ausdruck seiner künstlerischen Sensibilität und seiner inneren Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes und den göttlichen Ruf, der nach und nach in seinem Herzen vernehmbar wurde. Sensibel für das Schöne Franziskus wurde um 1181 in Assisi in eine wohlhabende und gesellschaftlich angesehene Familie hineingeboren. Sein Vater, Pietro Bernardone, war ein erfolgreicher Tuchhändler und wünschte sich für seinen Sohn eine Zukunft voll gesellschaftlichen Ansehens und wirtschaftlichen Wohlstands. Der junge Franziskus wuchs inmitten von Festen, Liedern, eleganter Kleidung und ritterlichen Idealen auf, die für eine Gesellschaft im Übergang vom feudalen Mittelalter zum Aufstieg der Handelsstädte typisch waren. Er liebte Musik, Poesie und gesellige Treffen mit Freunden. Bekannt war er für seine überschwängliche Fröhlichkeit, seine spontane Großzügigkeit und seine Freude am Leben. Schon früh zeichnete er sich als jemand aus, der auf den Straßen von Assisi sang, seine Gefährten mit Versen und Melodien unterhielt und so zu einer beliebten Figur unter den Jugendlichen der Stadt wurde. In diesem kulturellen Kontext entsteht das Bild des Minnesängers: eines Menschen, der singt, verzaubert und Schönheit vermittelt. Schon vor seiner Bekehrung brachte Franziskus, wenn auch unbewusst, eine Seele zum Ausdruck, die zutiefst empfänglich für das Schöne, Wahre und Gute war. Seine Fähigkeit, sich von Musik, Freundschaft und Festen berühren zu lassen, offenbart ein Herz, das offen ist für die Erfahrung der Freude. Seine Jugend, die oft lediglich als Zeit der Eitelkeit und Zerstreuung gedeutet wird, erweist sich zugleich als wichtige Phase menschlicher und spiritueller Reifung. Man kann sagen, dass Gott bereits still in seinem Herzen wirkte und ihn auf einen radikaleren Weg der Nachfolge des Evangeliums vorbereitete. TEXT: Eurico Alves da Silva ofm | FOTO: Natanael Ganter ofm Krise, Bruch und Einsicht Die Erfahrung des Krieges zwischen Assisi und Perugia, gefolgt von der Zeit der Gefangenschaft und der langen Krankheit, die Franziskus vom gesellschaftlichen Leben fernhielt, markiert einen ersten tiefen Einschnitt in seinem Lebensweg. Der junge Träumer beginnt, den Sinn des menschlichen Ruhmes und der ritterlichen Ideale, die ihn bis dahin fasziniert hatten, zu hinterfragen. Seine bisherigen Gewissheiten geraten ins Wanken, und die durch die Krankheit auferlegte Stille schafft Raum für das innere Hören. In dieser Zeit der Schwäche erkennt Franziskus allmählich, dass seine Träume von äußerer Größe ihm nicht den erhofften Frieden bringen. Nach und nach wandeln sich seine Wünsche. Er beginnt, sich immer eindringlicher zu fragen: »Herr, was willst du, dass ich tue?« Diese einfache und zugleich entscheidende Frage wird zum Mittelpunkt seines ganzen Lebens. Der Franziskus, der zuvor sang, um den Menschen zu gefallen, beginnt, auf die Stimme Gottes zu hören. Musik, Gesang und Poesie verschwinden nicht aus seinem Leben, sondern werden vielmehr tiefgreifend verwandelt: Franziskus bleibt ein Minnesänger, aber nun nicht mehr der weltlichen Feste, sondern des Evange8
liums. Sein Gesang wird zu Gebet, Lobpreis und Verkündigung. Er beginnt, die Freude am Leben nach dem armen und gekreuzigten Christus zu besingen und wird so zum lebendigen Zeugen eines nahen, einfachen und barmherzigen Gottes, der sich besonders in den Kleinen und Ausgegrenzten offenbart. Wahre Freude Als Minnesänger Gottes verkündet Franziskus mit seinem eigenen Leben, dass wahre Freude nicht aus Besitz, Macht oder Erfolg entsteht, sondern aus innerer Freiheit und der Gemeinschaft mit Gott und den Brüdern. Seine Jugend, geprägt von Exzessen und Illusionen, verwandelt sich in einen Weg der Loslösung und Einfachheit. Er tauscht seine feinen Kleider gegen ärmliche Gewänder, die Bankette gegen den Tisch, den er mit den Ärmsten teilt, und den Beifall der Menschen gegen die stille Freude, Jesus nachzufolgen. Diese radikale Veränderung macht ihn nicht traurig oder verbittert, sondern zutiefst frei, gelassen und voller Hoffnung sowie fähig, auch inmitten von Schwierigkeiten zu singen. Diese jugendliche Dimension von Franziskus spricht die Jugendlichen von heute in besonderer Weise an. Er zeigt uns, dass Gott unsere Suche, unsere Träume und unsere Talente nicht verachtet, sondern sie annimmt, reinigt und zu einem höheren Ziel hinführt. Franziskus hat durch seine Bekehrung nichts von seiner Fröhlichkeit eingebüßt, sondern ist noch fröhlicher geworden. Sein jugendliches Herz fand Ruhe, als er sich ganz in die Hände Gottes begab und seine Unruhe in eine Mission und seine Begeisterung in großzügigen Dienst verwandelte. Seine Geschichte erinnert uns daran, dass die Jugend kein Hindernis für die Heiligkeit ist, sondern ein fruchtbarer Boden, auf dem Gott frei wirken kann. Wenn wir uns an Franziskus als Minnesänger Gottes erinnern, sind wir eingeladen, einen Glauben wiederzuentdecken, der singt, feiert und Hoffnung ausstrahlt. In einer Welt, die oft von Gewalt, Individualismus und Enttäuschung geprägt ist, erinnert uns der junge Franziskus weiterhin daran, dass es möglich ist, das Evangelium mit Leichtigkeit, Mut und Freude zu leben. Sein Gesang hallt noch immer durch die Jahrhunderte und ruft uns dazu auf, unser eigenes Leben in Lobpreisung des allerhöchsten Gottes und guten Herrn zu verwandeln. Der Autor Eurico Alves da Silva gehört der Franziskanerkustodie »Sete Alegrias de Nossa Senhora« (»Sieben Freuden Unserer Lieben Frau«) an. Über 25 Jahre hat er junge Franziskaner in Brasilien ausgebildet. Von 2019 bis 2024 lebte er im Franziskanerkloster Dortmund. Derzeit ist er Kustodieökonom und Guardian des Klosters São Francisco in Campo Grande, Mato Grosso do Sul, Brasilien. Übersetzung aus dem Portugiesischen: Márcia Santos Sant’Ana Georg Schmaußer ofm drückt seine Freude über die Schöpfung Gottes in einem Tanz durch den Klostergarten aus. Möge das 800-jährige Jubiläum des Todes von Franz von Assisi uns helfen, diese Jugend des Geistes wiederzufinden, die fähig ist, Brüderlichkeit, Frieden und das Gute zu besingen, selbst inmitten der Herausforderungen unserer Zeit, und unser Leben zu einem lebendigen, einfachen und sinnstiftenden Zeugnis des Evangeliums zu machen. 9
POVERELLO Ein direkter Ansatz für das Wirken der Gnade ist bei Franziskus die außerordentliche Sensibilität für die Armen. Schon früh geht ihm auf, dass Armut eine Provokation für das Herz ist. Einmal übersieht er wegen seines geschäftlichen Tuns im Laden des Vaters einen Bettler. Als ihm das bewusst wird, lässt er alles liegen und rennt dem Bettler nach. Fortan will er seine Sensibilität für die Armen noch mehr als bisher ausbilden. [vgl. Anton Rozetter, Ein Anfang und was davon bleibt] Option für die Armen Der Poverello von Assisi Niemand wird arm geboren, wie Frei Betto in einem seiner Interviews gesagt hat: »Es gibt keine armen Menschen! Es gibt Menschen, denen der Zugang zu lebensnotwendigen Gütern verwehrt wurde.« Menschen werden verarmt, benachteiligt, ausgegrenzt, marginalisiert und stigmatisiert. Dieser Zustand des »Armseins« ist die Folge menschlicher Entscheidungen und gesellschaftlicher Strukturen. Er ist nicht zufällig, sondern bewusst herbeigeführt. Der heilige Franziskus hatte in seiner Jugend viele Sorgen. Eine davon galt den verarmten Menschen. Er war tief bewegt von seinen Brüdern und Schwestern am Rand der Gesellschaft. An einem bestimmten Punkt seines Lebens beschloss er, »wie« ein Armer zu leben, »zu sein« und »mit« den Armen zu sein – mit Mitgefühl, Demut und Respekt. Diese Entscheidung wurde von seinen Eltern nicht sofort verstanden. Schließlich stammte Franziskus aus einer wohlhabenden Familie, die innerhalb der starken Mauern von Assisi lebte. Diese privilegierte Lebensweise zu verlassen, um sich denen anzuschließen, die außerhalb dieser Mauern lebten, war ein mutiger Akt des Widerstands gegen jene Ideologien, die Armut hervorbringen und aufrechterhalten. Auch heute hat diese Maschinerie zur Reproduktion von Armut nicht aufgehört zu laufen. Sie ist weiterhin in vollem Gange – in verschiedenen Formen, mit großer Kreativität und erschreckender Effizienz. Papst Franziskus lädt uns ein, insbesondere in seiner Enzyklika »Laudato Si’«, über diese Realität nachzudenken. Ausgangspunkt seiner Reflexion ist der Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi, der uns daran erinnert, dass die Erde unsere Schwester und eine gute Mutter ist. TEXT: Darlei Pickler | FOTOS: SEFRAS; Augustinus Diekmann ofm Eine warme Mahlzeit bleibt häufig vielen von Armut bedrohten Menschen in Brasilien verwehrt; die Suppenküche schafft Abhilfe. 10
Der Autor Darlei Pickler ist Mitarbeiter des franziskanischen Netzwerkes von Sozialprojekten (SEFRAS) und leitet eines dieser Projekte in Tanguá, Rio de Janeiro, Brasilien. Übersetzung aus dem Portugiesischen: Márcia Santos Sant’Ana Die Haltung der Solidarität und Verbundenheit war ein zentrales Anliegen des heiligen Franz von Assisi. Heute ist sie mehr denn je ein Schlüssel zur Bewahrung unseres gemeinsamen Hauses. Auch der Nachfolger von Papst Franziskus, Papst Leo XIV., bringt in seiner Enzyklika »Dilexi Te« diese Sorge um die Armen zum Ausdruck. Wenn wir im lebendigen Strom der Kirche bleiben wollen, der aus dem Evangelium entspringt und jeden historischen Moment befruchtet, dürfen wir die Armen nicht vergessen. Diese Ermahnung ist eng mit dem Leben des heiligen Franziskus verbunden, der mit und wie die Armen lebte. Sie ist zugleich eine Einladung zu einer christlichen Nächstenliebe, deren Kern die persönliche und strukturelle Umkehr ist. Seit einigen Jahren setzt sich der Franziskanische Solidaritätsdienst (SEFRAS) in Brasilien konkret für verarmte Menschen ein, vor allem in São Paulo und Rio de Janeiro. Meine Mitbrüder und ich kommen tagtäglich mit hungernden Menschen in Berührung. Besonders berührend ist die Erfahrung, einem Menschen zu begegnen, der seit vielen Jahren nicht mehr in Würde essen konnte. Ihm einen Tisch und einen Stuhl anzubieten, damit er in Ruhe essen kann, ist mehr als eine kleine Geste. Für einen Moment wird ihm ein grundlegendes Recht zurückgegeben: das Recht, zu essen, einen »Platz unter der Sonne« zu haben und seinen Hunger in Würde zu stillen. Solche Erfahrungen stehen jedem Menschen offen. Sie erfordern keine außergewöhnlichen Mittel, sondern vor allem Aufmerksamkeit, Offenheit und Mitgefühl. Wer sich darauf einlässt, wird entdecken, dass es viel einfacher ist, mit den Armen zusammen zu sein, als es zunächst scheint. So bleibt uns das franziskanische Erbe als Auftrag: in Einfachheit zu leben, solidarisch zu handeln und die Geschwisterlichkeit mit allen Geschöpfen zu pflegen – im Dienst an den Armen und im Schutz unseres gemeinsamen Hauses. Alles, was auf ihr lebt, ist unser Bruder und unsere Schwester. In diesem Sinn stellt sich die Frage: Werden die vielen Handlungen, die tagtäglich auf der ganzen Welt vollzogen werden, vom Prinzip der Geschwisterlichkeit geleitet? Die Antwort lautet eindeutig: Nein. Deshalb betont Papst Franziskus in seinem Text, dass alle Lebewesen tief miteinander verbunden sind. Die Zerstörung der Umwelt hat direkte Auswirkungen auf das Leben der Menschen – vor allem auf das Leben der Ärmsten. Umweltschutz ist daher nicht nur eine technische oder politische, sondern vor allem eine soziale und ethische Aufgabe. Diese Herausforderung betrifft nicht nur einzelne Länder oder Kontinente, sondern alle Menschen. Begriffe wie gemeinsames Haus, integrale Ökologie, sozioökologische Krise, Vernetzung und Humanismus stehen für diese Perspektive. Alles ist miteinander verbunden. Kein Lebewesen ist davon ausgenommen. Jedes Geschöpf ist Teil derselben Schöpfung. Die Mitarbeiterinnen von SEFRAS bereiten sorgfältig und voller Freude das Essen für die Gäste der Suppenküche vor. 11
FRIEDENSSTIFTER Wie Franziskus später selbst bezeugt hat, hatte er diese Art von Gruß durch Gottes Offenbarung gelernt, nämlich: »Der Herr gebe dir den Frieden!« Deshalb verkündete er in jeder Predigt den Frieden und grüßte so am Anfang der Predigt das Volk. Und gewiss ist es auffallend, wenn nicht gar ein Wunder, dass er für diesen Gruß schon vor seiner Bekehrung einen Vorläufer hatte, der oft durch Assisi gegangen war und auf folgende Weise gegrüßt hatte: »Friede und Heil, Friede und Heil!« Allsogleich verkündete der Mann Gottes Franziskus, vom Geist der Propheten erfüllt, also sofort nach seinem erwähnten Vorläufer gemäß dem prophetischen Wort den Frieden und predigte das Heil. Durch seine heilbringenden Ermahnungen wurden sehr viele mit dem wahren Frieden verbunden, die im Widerspruch zu Christus gewesen und weit vom Heil entfernt waren. [vgl. Thomas von Celano] Traumata heilen Versöhnungsarbeit im südlichen Afrika Jeder Mensch hat seine persönliche Geschichte und diese ist wichtig. Im südlichen Afrika ermutigen wir Franziskaner Frauen und Männer, ihre Lebensgeschichten zu erzählen und den Geschichten anderer zuzuhören. Auf diesem Weg werden in unseren »Healing of Memory«-Seminaren innere Heilung und Frieden, gegenseitiges Verständnis und Versöhnung gefördert. Unser Engagement zur Heilung von Erinnerungen wurde angeregt durch Michael Lapsley, einen anglikanischen Priester aus Neuseeland. Er kam in den 1970er-Jahren als Missionar nach Südafrika, um zu helfen, das abscheuliche Apartheidsregime – das politische System staatlich festgelegter und organisierter Rassentrennung – zu überwinden. Seine Bemühungen fanden jedoch nicht bei allen Zustimmung. Deswegen wurde er 1990 Opfer eines Mordanschlags, bei dem er beide Hände und ein Auge verlor. Trotz seiner Behinderungen begann er, Menschen, die während der Apartheid seelisch oder körperlich gelitten hatten, auf ihrer inneren Reise zur Heilung zu begleiten. Einige Franziskaner und Franziskanerinnen aus Namibia, Simbabwe und Südafrika erkannten in seinen Bemühungen wahren franziskanischen Geist am Werk. Sie ließen sich von seinen Mitarbeitern als Moderatoren für diese echte franziskanische Aufgabe ausbilden. Heilungsprozess Heute besuchen Angehörige aus allen Volksstämmen Namibias unsere Seminare: Baster, Damara, Deutsche, Herero, Nama und Owambo. Unter ihnen sind auch Nachkommen der Opfer des Herero- und Nama-Völkermords. Dieser wurde zwischen 1884 und 1915 durch deutsche Kolonialherren verübt. Wir begrüßen auch Namibier, die während des Befreiungskrieges zwischen 1961 bis 1974 in Gefängnissen in Angola brutale Behandlungen erlitten. Auch Überlebende von Misshandlungen während der Apartheid (1948–1994) in Südafrika besuchen unsere Seminare. Alle bringen tiefe persönliche Verletzungen mit in den Heilungsprozess und sind bereit, sich mit uns auf die gemeinsame innere Reise von Heilung und Versöhnung zu begeben. Der Franziskaner Teddy Lennon (Mitte) während eines »Healing of Memory«-Seminars TEXT: Teddy Lennon ofm | FOTOS: Selma Melkisedek Mwalulilandje CSNJ 12
Am Ende unserer Treffen erleben wir freudig tanzende Frauen und Männer, nachdem sie ihre seelischen Lasten abwerfen konnten. Zufrieden äußern sie zum Beispiel: »Jetzt habe ich mein Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zurück. Ich sehe: Ich bin wichtig und glaube wieder an zweite Chancen, meine Perspektiven zu verbessern. Diese Seminar-Tage sollten öfter angeboten werden.« Die gute Nachricht unserer Seminare verbreitet sich: So bat vor einiger Zeit ein pensionierter Polizist aus Harare in Simbabwe um Kontakt zu unserem dort lebenden Moderator. Auch laden wir Politiker und Vertreter des öffentlichen Lebens zur Teilnahme an unseren Seminaren ein. Ich glaube, Franz von Assisi wird über unser Engagement erfreut sein und uns ermutigen: »Macht weiter! Habt keine Angst!« Denn Franziskus selbst überschritt im Jahr 1219 mutig Grenzen: Begleitet von Bruder Illuminato, wagte er während des Kreuzzugs das Gespräch mit dem mächtigen muslimischen Sultan Al-Malik al-Kamil Muhammad im ägyptischen Damiette. Viele hielten ihn für einen Träumer und seinen Plan für eine fixe Idee. Franziskus aber wollte ernsthaft Frieden stiften zwischen Christen und Muslimen und fand im Sultan einen Mann, der ihn in Ehren empfing und ihm gern zuhörte. Mit unseren Moderatoren, Brüdern und Schwestern der franziskanischen Familie und anderen Ordensmitgliedern, die persönlich unter der Kolonialherrschaft gelitten haben, planen wir in diesem Jahr dreitägige Treffen für Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Durch Reflexion und Begegnung kann aufrichtige Heilung Wege bahnen zu Frieden, Gerechtigkeit, Hoffnung und Gemeinschaft. Ferner planen wir, ehemalige Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu regelmäßigen Begegnungen einzuladen und mit ihnen kleine feste Gemeinschaften aufzubauen. Vergebung schenken In unseren dreitägigen Tagungen versuchen wir, die Teilnehmerzahl auf 30 zu begrenzen und erwarten von allen die ununterbrochene Teilnahme. Fünf Moderatoren begleiten die Menschen durch Stille und Meditation und konzentrieren sich mit ihnen auf den Austausch von Wut, Hass und Vergebung. Das kann für jede und jeden eine sehr emotionale Erfahrung werden. Bei Nachfolgetreffen berichten alle von ihrer bisherigen inneren Reise und sind eingeladen, unsere Zusammenkünfte so oft zu besuchen, wie sie möchten. Wir stellen fest: Nach weiteren Besuchen sind einige in der Lage, Schritte zur Versöhnung zu unternehmen und Fortschritte im Umgang mit ihren Verletzungen zu machen. Wir freuen uns, dass alle Zweige der franziskanischen Familie im südlichen Afrika die heilsame Botschaft unseres franziskanischen Dienstes annehmen und verbreiten. Wir hoffen, in Zukunft auch Menschen in anderen Ländern Afrikas und darüber hinaus auf diese innere Heilungsreise mitzunehmen. Einige Namibier deutscher Abstammung, die an unseren Treffen teilnahmen, arbeiten jetzt in der deutsch-lutherischen Gemeinde von Swakopmund, an der namibischen Südatlantikküste, mit ihrem Pastor und dessen Frau zusammen. Sie feiern regelmäßig Versöhnungsgottesdienste in einem alten Amphitheater der Stadt. Der Pfarrer trägt bewusst das franziskanische Tau-Kreuz und erklärt: »Während meines Studiums in den Niederlanden hatte ich einen Franziskaner als Lehrer und lernte durch ihn die Bedeutung des Tau-Kreuzes kennen und schätzen.« Gewiss wird Franz von Assisi sich freuen über unsere Initiativen und vom Himmel uns zulächeln und zurufen: Pace e Bene! Frieden und alles Gute! Der Autor Teddy Lennon ist irischer Franziskaner und gehört zur südafrikanischen Franziskanerprovinz. Seit 1976 arbeitet er im Dienst von »Healing of Memory«. Übersetzung aus dem Englischen: Heinrich Gockel ofm Versöhnungsarbeit mit Kreativität und Gebet 13
TROUBADOUR Franziskus war erfüllt von schöpferischer Kraft. Gern sang er seine Lobgesänge auf Französisch (obwohl er die Sprache nur unzureichend konnte), er nahm sich zwei Stöcke und spielte darauf wie auf einer Geige, er dichtete und komponierte in großer Sprachfülle den Lobpreis Gottes, den Sonnengesang. Das zentrale Heilsgeheimnis von Weihnachten stellte er als Krippenspiel nach. Am Ende seines Lebens teilte er mit seinen Brüdern Brot, wie es Jesus beim Abendmahl getan hatte. In großer Freiheit und sensibler Kreativität gestaltete er immer wieder situationsbezogene Rituale, um seine Brüder und Schwestern auf wichtige Aspekte hinzuweisen. [vgl. Thomas von Celano] Das franziskanische Erbe Glauben, Musik und Kunsthandwerk In der Literatur ist der heilige Franziskus auch als »Troubadour Gottes« bekannt, denn nach seiner Bekehrung ließ er das weltliche Leben hinter sich und wurde zu einem wandernden Sänger der Freude des Evangeliums und der Schönheit der Schöpfung. Mit Liedern und Gedichten pries er Gott, erkannte Gott in jedem Geschöpf wieder und brachte im »Sonnengesang« das wohl klarste Beispiel seiner Poesie dar, die ganz der Verherrlichung Gottes und seiner Schöpfung gewidmet ist – getragen von Demut und Armut. Für Franziskus jedoch war die Liebe zur Schöpfung kein Selbstzweck, sondern eine Erweiterung seiner grenzenlosen Liebe zum Schöpfer. Wie sein Biograf Thomas von Celano schrieb, lobte Franziskus »in jedem Werk des Künstlers den Künstler selbst«. Für ihn war die Schönheit der Welt kein Schmuck, sondern eine »Leiter«, die zum Thron Gottes hinaufführt. In Urubichá, ein Dorf am Rand des Amazonasgebietes im Nordosten Boliviens, bauen die Menschen Tag für Tag an genau dieser Leiter: mit musikalischen Noten und mit Händen, die Holz formen. Musik baut Brücken Die Geschichte Urubichás begann im Jahr 1823, als eine Gemeinschaft aus dem bolivianischen Urwald unter der Führung franziskanischer Patres in der Mission von Guarayos eine Heimat und eine Stimme fand. Die Franziskanerbrüder nutzten die Musik als Werkzeug der Evangelisierung der indigenen Völker, darunter der Guarayos. Doch hier geschah keine Überstülpung: Die Guarayos nahmen die Geige an – und machten sie zu ihrer eigenen. Die Menschen der Region besaßen eine angeborene Begabung für Streichinstrumente. Sie eigneten sich die Musik mit solcher Leichtigkeit an, dass sie die reinen Klänge des Regenwaldes in ihr Spiel aufnahmen. Dies faszinierte die Missionare, die die Indigenen zunehmend in ihre Feierlichkeiten einbezogen. Berichte erzählen, dass die ersten Geigen in Kanus über die Flüsse der Region gebracht wurden – zusammen mit Notenblättern, mit denen die Bewohner unterrichtet wurden. So entstand unter der Leitung der Franziskaner in der Mission Guarayos eine Verschmelzung von überlieferten Traditionen mit europäischer religiöser und musikalischer Bildung. TEXT: Lic. Petrona Roca del Águila | FOTOS: Instituto de Formación Artística Coro y Orquesta Urubichá Früh übt sich, wer eine Meisterin werden will. 14
Die Mission zerfiel später, wurde jedoch 1872 neu zusammengeführt und an ihren heutigen Standort verlegt – unter dem Namen Urubichá. Urubichá liegt nahe den Ufern des Flusses Río Blanco. Der Name »Urubichá« bedeutet in der Sprache der Guarayos »Lagune« oder »große Wasserfläche«. Der Ort gilt heute als ein kulturelles Zentrum der südamerikanischen Barockmusik. Für die Guarayos ist das Außergewöhnliche nicht nur das Spielen der Geige, sondern auch ihr Bau. In Urubichá erstellen Kunsthandwerker ihre Instrumente aus heimischen Hölzern wie Bibosi oder Tajibo, mit Techniken, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Resonanzkörper werden zur Veredelung mit Bienenwachs und regionalen Harzen behandelt. Europäische Saiten verbinden sich mit geschnitzten Verzierungen, die die Weltanschauung der Geigenbauer widerspiegeln: Jaguar, Papagei, Tukan, Spiralen und Gestalten des Waldes schmücken die Geigenköpfe. Für die Guarayos ist die Geige nicht nur ein Instrument – sie ist eine Brücke zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Talente fördern Der vor Jahrhunderten gesäte Samen begann 1996 kraftvoll zu wachsen. Im Umfeld des »Ersten Festivals für Barockmusik von Chiquitos« gründeten Pater Water Neuwith ofm und Schwester Ludmilla Wolf ofs das »Institut für Künstlerische Ausbildung Chor und Orchester Urubichá» (»Instituto de Formación Artística Coro y Orquesta Urubichá, IFACOU«). Aufbauend auf den Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen besitzt das Institut die Anerkennung zur Ausbildung von Musikern sowie von Kunsthandwerkern. In Urubichá wird die Ehrfurcht des heiligen Franziskus vor dem Leben konkret erfahrbar. Wenn Franziskus verbot, einen Baum vollständig zu fällen, damit er neu austreiben könne, oder darum bat, Blumen im Garten stehen zu lassen, damit sie vom Vater kündeten, dann schützen die jungen Guarayos ihr überliefertes Erbe durch die Kunst. In ihren Instrumenten erklingt nicht nur Technik, sondern die Schöpfung selbst. Im Jahr 2025 betreute das Institut 795 Studierende, unterrichtet von 30 Lehrkräften, die nicht nur Kunst, sondern auch Würde vermitteln. Die Ausbildung beschränkt sich nicht nur auf Musik. Der Studiengang Kunsthandwerk, heute gefragter denn je, ist ein Lebensmotor. Es werden Schneiderei, Stickerei und Webkunst gelehrt – Ausdruck der Identität des Volkes. In den Werkstätten für Tischlerei und Geigenbau lernen die Jugendlichen, jene Instrumente herzustellen, die sie später im Orchester zum Klingen bringen. Es ist ein vollkommener Kreislauf der Schöpfung: vom Baum zum Instrument, vom Instrument zur Seele. Trotz seines Erfolges und seines Rufes als eine der »wichtigsten Talentschmieden für Musiker Boliviens« steht das IFACOU vor großen Herausforderungen. Umso bedeutungsvoller ist die franziskanische Unterstützung und die Verwaltung durch das Bildungswerk Josefina Bálsamo. Hier werden Kräfte gebündelt, um die Kultur lebendig zu halten. Es geht nicht nur darum, Gebäude zu errichten oder Werkzeuge zu kaufen, sondern darum, »alle Dinge gut zu behandeln«. Trotz Jahrhunderten des Wandels hat Urubichá seine Tradition bewahrt. Heute ist es Kulturerbe Boliviens, und seine Musiker haben die Guarayo-Geige auf internationale Bühnen getragen. Sogar die UNESCO hat diese Tradition als Meisterwerk des immateriellen Kulturerbes gewürdigt. Auch heute unterstützt die franziskanische Gemeinschaft weiterhin die Kultur und die Barockmusik, die in Urubichá entsteht, und macht damit Entscheidendes möglich: In Urubichá ist Musik kein Zeitvertreib, sondern der Weg, auf dem ein ganzes Volk weiterhin den Spuren der Schöpfung Gottes in jeder Note folgt. Die Autorin Petrona Roca del Águila ist Beauftragte von Franziskanerbischof Antonio Reimann ofm für die Musikschulen des Vikariates Ñuflo de Chavez. Sie ist promovierte Pädagogin und Geschäftsführerin der Josefina-BálsamoBildungseinrichtung. Übersetzung aus dem Spanischen: Pia Wohlgemuth Die Jugendlichen fertigen ihre Instrumente selbst. 15
Eine Schülerin der Familienland- wirtschaftsschule in Lago da Pedra bewässert selbstgezogene Pflanzen. Im Einklang mit der Schöpfung Familienlandwirtschaftsschulen in Maranhão, Brasilien Schon in den 1950er Jahren begann die Missionsarbeit der Franziskaner in der Medio Mearim-Region mit ihrem Zentrum Bacabal im Bundesstaat Maranhão, einem der ärmsten Bundesländer Brasiliens. Seit den frühen 1980er Jahren war ein wichtiger Schwerpunkt der franziskanischen Arbeit die Betreuung der verarmten Landbevölkerung. Die Region mit viel offenem Land und mit Flüssen hatte viele Siedler aus dem von Dürre geplagten Nordosten angezogen. Außerdem gibt es in der Region eine große Anzahl von Quilombos, Dorfgemeinschaften von Nachfahren geflohener Sklaven. Die Kleinbauern lebten mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft – ohne jegliche öffentliche Unterstützung. Die überall wachsenden Babaçu-Palmen ermöglichten es den Frauen, die Kokosnüsse zu sammeln, in mühsamer Handarbeit zu knacken und zu verkaufen. Die Regierung, auf Landes- und auf Bundesebene, war weniger am Wohl der Kleinbauern interessiert als an der »Modernisierung« der Landwirtschaft: Landbesitz wurde eingezäunt, Kleinbauern ohne offizielle Titel teilweise vertrieben und die Frauen verloren den freien Zugang zu den Babaçu-Palmen. Für die größeren Landbesitzer gab es Kredite und Anreize, das Land zu roden und in Viehweiden oder Sojafelder umzuwandeln. Für die Kleinbauern und BabaçuNussknackerinnen bedeutete die Entwicklung eine generelle Abwendung TEXT: Barbara Schmidt-Rahmer; Klaus Theodor Finkam ofm | FOTOS: Natanael Ganter; Vanderval Spadetti von einer Landwirtschaft im Einklang mit der Natur und für die Menschen, sondern stattdessen eine Hinwendung zum Agrobusiness. Und das hieß: Für den Profit gab es mehr Leid, Hunger und Verstrickung in Landkonflikte. Die schlechte öffentliche Gesundheitsversorgung und Schulbildung taten ihr übriges: Hunger, hohe Kindersterblichkeit, Analphabetismus, Landflucht. Entwicklungsprozess Die Franziskaner und andere Organisationen der Katholischen Kirche machten mit ihrer Missionsarbeit ein Gegenangebot. Sie stellten die Armen, Schwachen und Benachteiligten in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Ihr Ziel war es, Menschen zu befähigen, ihre Lebensumstände selbstbestimmt zu verbessern. Sie setzten auf Gemeinschaft, Solidarität und nachhaltige Entwicklung, anstatt auf kurzfristige Hilfsmaßnahmen und Abhängigkeit. Die Arbeit wurde auf vier sich gegenseitig ergänzenden Grundpfeilern aufgebaut: Bildung mit für die Landbevölkerung relevanten Inhalten; Gesundheitsversorgung einschließlich Erziehung zu Prävention und gesunder Ernährung; Förderung der kleinbäuBRUDER ALLER GESCHÖPFE Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne, welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest. Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz: Von dir, Höchster, ein Sinnbild. Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter. [aus dem Sonnengesang des Hl. Franziskus]
Die Autorin Barbara Schmidt-Rahmer, Gründerin von »Vencer Juntos« (»Zusammen gewinnen«) in Salvador in Brasilien, unterstützt und finanziert schwache Familien und Gemeinschaften in Nordostbrasilien bei der Vergabe von Kleinkrediten. Der Autor Klaus Theodor Finkam gehört der Deutschen Franziskanerprovinz an. In Teresina, Piauí, ist er als Arzt für Sozialmedizin und Naturheilverfahren tätig. Zusammenarbeit in der Familienlandwirtschaftsschule Manoel Monteiro in Lago do Junco bei der Bodenvorbereitung erlichen Produktion mit Schwerpunkt auf Ökologie und Produktion gesunder Lebensmittel für den Eigenbedarf; Förderung der kollektiven Organisation der Landbevölkerung und der Jugend in Vereinen und Genossenschaften, um ihre Interessen und Rechte zu verteidigen und die Arbeit selbstbestimmt fortzuführen. Bei der Bildungsarbeit war die Gründung der Familienlandwirtschaftsschulen (»Escola Família Agrícola«, EFA) ein Hauptschwerpunkt. Sie entstanden aus der Erkenntnis, dass herkömmliche Schulen den Bedürfnissen der ländlichen Jugend nicht gerecht wurden. Ziel der EFAs war es, eine praxisnahe und gemeinschaftsorientierte Bildung zu ermöglichen, die auf die Lebensrealität der Kleinbauernfamilien zugeschnitten ist. Herzstück der Familienlandwirtschaftsschulen ist die Lehr- und Lernmethode der Wechselpädagogik. Das bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler abwechselnd Zeit in der Schule verbringen und dann wieder in ihren Familienbetrieben arbeiten, wo sie das Gelernte direkt in der Praxis umsetzen. Und so ist der Ablauf: Eine Gruppe von Jugendlichen verbringt zwei Wochen im Internat der Schule und lernt dort theoretisches und praktisches Wissen – etwa zu nachhaltiger Landwirtschaft, Umweltschutz, Organisation und Menschenrechten. Anschließend kehren sie für zwei Wochen in ihre Dörfer zurück und wenden das Gelernte direkt auf dem Hof an, teilen es mit ihren Familien und Nachbarn und beobachten, wie sich Veränderungen auswirken. In der nächsten Schulphase bringen sie ihre Erfahrungen wieder mit in die Gruppe ein und reflektieren gemeinsam. Hilfe zur Selbsthilfe Im Zeitraum 1986 bis 2005 entstanden 20 Familienlandwirtschaftsschulen in Maranhão. Unter den ersten waren die EFAs von Poção de Pedras, Vitorino Freire, Lago da Pedra, São Luis GonTEXT ZUR MITTELSEITE »Franziskus von Assisi wurde in den letzten 800 Jahren in viele Schubladen gesteckt, obwohl er in keiner ganz zu finden ist.« Diese Erkenntnis stammt aus einem der fast unzähligen Franziskusbücher. Unser Jubilar hat eben viele Gesichter, wie diese Ausgabe der »Franziskaner Mission« durch die einzelnen Beiträge zeigen möchte. Das Puzzle der Franziskusdarstellungen auf der folgenden Mittelseite greift verschiedene Attribute des Heiligen auf und spiegelt den Reichtum und die kulturelle Vielfalt in der Volkskunst wider. zaga, Paulo Ramos und Lago do Junco (»Manoel Monteiro«). Die Schulen begannen ihre Arbeit als eingetragene Vereine mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland, wie der Franziskaner Mission und anderen Organisationen. Im Laufe der Jahre gelang es, die offizielle Anerkennung der Schulen durch die Schulbehörden zu gewinnen und staatliche Förderung aus öffentlichen Mitteln zu erhalten. Trotz dieser Anerkennung fließen nur sehr begrenzt staatliche Mittel für den Unterhalt der Schulen. Daher ist die weitere Unterstützung aus Deutschland wichtig, um die Schließung einiger Schulen zu vermeiden. Die genannten Schulen werden nach wie vor von franziskanischen Organisationen, wie die Franziskaner Mission Dortmund, finanziell unterstützt. Neben ihrem wichtigen Beitrag zur Verbreitung nachhaltiger Methoden der Landwirtschaft und steigender Produktivität der Bauern, wurden die Schulen zu einer wichtigen Quelle gut ausgebildeter junger Menschen, die Führungspositionen in Projekten und lokalen Vereinen und Genossenschaften übernahmen. Hand in Hand mit dem Aufbau der EFAs ging die Unterstützung für die Gründung einer Reihe von Basisorganisationen der Bauern und BabaçuNussknackerinnen in der Region. Drei Beispiele sind die ASSEMA (»Verein der Landreformorganisationen von Maranhão«), ACESA (»Ermunterung für Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft«) und COPALJ (»Genossenschaft der Nussknackerinnen von Lago do Junco«). Die Organisation der Babaçu-Nussknackerinnen hat sich weiterentwickelt in die Gründung einer interstaatlichen Bewegung der Frauen, die heute wichtigen politischen Einfluss hat. ASSEMA und ACESA gehören mittlerweile zu den anerkanntesten Basisorganisationen in Maranhão. Seit das Land eine progressivere und volksnahe Regierung hat, gelang und gelingt es diesen Organisationen immer öfter, öffentliche Gelder aus Brasilien selbst und aus dem Amazonienfonds für Wald- und Klimaschutz – 2008 von der Regierung Brasiliens mit dem Ziel des Aufhaltens der weiteren Zerstörung der Wälder im Amazonasgebiet gegründet – zu erwerben. Solange das nicht geschieht, schafft die franziskanische Hilfe, zusammen mit lokalen Hilfsorganisationen, sichtbare Verbesserungen für die jungen Menschen. 16 | 17
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