Die Mission zerfiel später, wurde jedoch 1872 neu zusammengeführt und an ihren heutigen Standort verlegt – unter dem Namen Urubichá. Urubichá liegt nahe den Ufern des Flusses Río Blanco. Der Name »Urubichá« bedeutet in der Sprache der Guarayos »Lagune« oder »große Wasserfläche«. Der Ort gilt heute als ein kulturelles Zentrum der südamerikanischen Barockmusik. Für die Guarayos ist das Außergewöhnliche nicht nur das Spielen der Geige, sondern auch ihr Bau. In Urubichá erstellen Kunsthandwerker ihre Instrumente aus heimischen Hölzern wie Bibosi oder Tajibo, mit Techniken, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Resonanzkörper werden zur Veredelung mit Bienenwachs und regionalen Harzen behandelt. Europäische Saiten verbinden sich mit geschnitzten Verzierungen, die die Weltanschauung der Geigenbauer widerspiegeln: Jaguar, Papagei, Tukan, Spiralen und Gestalten des Waldes schmücken die Geigenköpfe. Für die Guarayos ist die Geige nicht nur ein Instrument – sie ist eine Brücke zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Talente fördern Der vor Jahrhunderten gesäte Samen begann 1996 kraftvoll zu wachsen. Im Umfeld des »Ersten Festivals für Barockmusik von Chiquitos« gründeten Pater Water Neuwith ofm und Schwester Ludmilla Wolf ofs das »Institut für Künstlerische Ausbildung Chor und Orchester Urubichá» (»Instituto de Formación Artística Coro y Orquesta Urubichá, IFACOU«). Aufbauend auf den Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen besitzt das Institut die Anerkennung zur Ausbildung von Musikern sowie von Kunsthandwerkern. In Urubichá wird die Ehrfurcht des heiligen Franziskus vor dem Leben konkret erfahrbar. Wenn Franziskus verbot, einen Baum vollständig zu fällen, damit er neu austreiben könne, oder darum bat, Blumen im Garten stehen zu lassen, damit sie vom Vater kündeten, dann schützen die jungen Guarayos ihr überliefertes Erbe durch die Kunst. In ihren Instrumenten erklingt nicht nur Technik, sondern die Schöpfung selbst. Im Jahr 2025 betreute das Institut 795 Studierende, unterrichtet von 30 Lehrkräften, die nicht nur Kunst, sondern auch Würde vermitteln. Die Ausbildung beschränkt sich nicht nur auf Musik. Der Studiengang Kunsthandwerk, heute gefragter denn je, ist ein Lebensmotor. Es werden Schneiderei, Stickerei und Webkunst gelehrt – Ausdruck der Identität des Volkes. In den Werkstätten für Tischlerei und Geigenbau lernen die Jugendlichen, jene Instrumente herzustellen, die sie später im Orchester zum Klingen bringen. Es ist ein vollkommener Kreislauf der Schöpfung: vom Baum zum Instrument, vom Instrument zur Seele. Trotz seines Erfolges und seines Rufes als eine der »wichtigsten Talentschmieden für Musiker Boliviens« steht das IFACOU vor großen Herausforderungen. Umso bedeutungsvoller ist die franziskanische Unterstützung und die Verwaltung durch das Bildungswerk Josefina Bálsamo. Hier werden Kräfte gebündelt, um die Kultur lebendig zu halten. Es geht nicht nur darum, Gebäude zu errichten oder Werkzeuge zu kaufen, sondern darum, »alle Dinge gut zu behandeln«. Trotz Jahrhunderten des Wandels hat Urubichá seine Tradition bewahrt. Heute ist es Kulturerbe Boliviens, und seine Musiker haben die Guarayo-Geige auf internationale Bühnen getragen. Sogar die UNESCO hat diese Tradition als Meisterwerk des immateriellen Kulturerbes gewürdigt. Auch heute unterstützt die franziskanische Gemeinschaft weiterhin die Kultur und die Barockmusik, die in Urubichá entsteht, und macht damit Entscheidendes möglich: In Urubichá ist Musik kein Zeitvertreib, sondern der Weg, auf dem ein ganzes Volk weiterhin den Spuren der Schöpfung Gottes in jeder Note folgt. Die Autorin Petrona Roca del Águila ist Beauftragte von Franziskanerbischof Antonio Reimann ofm für die Musikschulen des Vikariates Ñuflo de Chavez. Sie ist promovierte Pädagogin und Geschäftsführerin der Josefina-BálsamoBildungseinrichtung. Übersetzung aus dem Spanischen: Pia Wohlgemuth Die Jugendlichen fertigen ihre Instrumente selbst. 15
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