REFORMATOR So eilte Kardinal von Sabina an die Kurie und sprach zum Herrn Papst Innozenz III.: »Ich habe einen äußerst vollkommenen Mann gefunden, der nach der Form des heiligen Evangeliums leben und die evangelische Vollkommenheit in allem einhalten will; ich glaube, durch ihn will der Herr auf der ganzen Welt den Glauben der heiligen Kirche erneuern.« Als der Herr Papst dies hörte, war er sehr verwundert und beauftragte den Kardinal, dass er den seligen Franziskus zu ihm führe. [vgl. Dreigefährtenlegende] Unser gemeinsames Haus Aufruf für globale Gerechtigkeit Die Katholische Kirche hat bei der 30. Klimakonferenz der Vereinigten Nationen in Belém, Brasilien, sichtbare Präsenz gezeigt. Wenn wir an den 800. Todestag des heiligen Franz von Assisi erinnern, feiern wir nicht nur ein vergangenes Ereignis. Wir erinnern uns auch an ein Leben tiefgreifender Wandlung. Franziskus erlebte innere und äußere Veränderungen, die ihn bis heute zu einem aktuellen Reformer machten. Für mich als Franziskaner, der für Gemeinden in Brasilien zuständig ist, ist diese Erinnerung eine Einladung, mein eigenes Leben zu prüfen und zu fragen: Was verlangt Gott heute von der Kirche? Wir leben auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen, verhalten uns jedoch, als wären sie unerschöpflich. Übermäßiger Konsum, Ausbeutung der Natur und Profitstreben prägen unsere Gesellschaft. Der »Transitus« des heiligen Franziskus wird so zu einem dringenden Appell: Anzustreben sind Einfachheit, Demut und eine ganzheitliche Ökologie, die soziale Gerechtigkeit und die Sorge um die Schöpfung verbindet. Fürsorge und Ehrfurcht Im Sonnengesang verkündet Franziskus die universelle Geschwisterlichkeit: Alles ist miteinander verbunden. Menschen, Natur, Wirtschaft und Kultur bilden ein gemeinsames Haus. Franziskus wandte sich von der Idee einer Herrschaft ab und entschied sich für Fürsorge und Ehrfurcht. Er erkannte die Erde nicht als Ware, sondern als Schwester und Mutter. Menschen und Ökosysteme sind für ihn keine Objekte. TEXT UND FOTOS: Rodrigo de Castro Amédée Péret ofm Diese Haltung widerspricht der heutigen Wegwerfkultur. Inspiriert von der franziskanischen Tradition rufen deshalb auch die päpstlichen Enzykliken »Laudato Si’« und »Laudate Deum« zu einer ökologischen Umkehr auf. Sie kritisieren eine Wirtschaft, die Profit über das Leben stellt, und fordern eine Erneuerung von Herzlichkeit und einem entsprechenden Lebensstil. In seiner Jugend war Franziskus vom Handel geprägt. Die Begegnung mit Christus führte jedoch zu einer tiefen inneren Wandlung. Er verstand sich als kleiner Bruder an der Seite der Schöpfung. Alles wurde für ihn zur Familie: Menschen, Erde und Geschöpfe. Er ersetzte Herrschaft durch Respekt und Aneignung durch Fürsorge. Die Schöpfung wurde zu einem Raum der Gemeinschaft und des Lobes. Aus dieser Haltung wächst heute das Bewusstsein, dass auch die Natur Rechte hat. Der Transitus des heiligen Franziskus ist ein österlicher Über- gang: ein Sterben von Egoismus und Gleichgültigkeit, eine Wiedergeburt von Solidarität und Verantwortung. Er bedeutet einen Wandel von Ausbeutung zu Brüderlichkeit und von Besitz zu Fürsorge. Franziskus verzichtete auf Reichtum und Ansehen. Er lebte wie
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