Ereignisse des Glaubens Mit dem Wachstum der Gemeinschaft wurde die Ausbildung zu einem zentralen Anliegen. Nach dem heiligen Franziskus ist der ideale Minderbruder einer, der die lebendigen Tugenden der Brüder in sich vereint. Gott formte die vietnamesischen Franziskaner nicht nur in den Klöstern, sondern auch durch die Härten der Geschichte – durch Krieg, Vertreibung und Unsicherheit. Besonders die Jahre von 1954 bis 1975 wurden zu einer Zeit des Unterwegsseins und des radikalen Vertrauens auf Gott. Das Licht, das sie führte, war jener Glaube, den Franziskus bekennt: »Der Herr gab mir einen solchen Glauben an die Kirche.« So wurden geschichtliche Umbrüche zu Ereignissen des Glaubens. Im Gebet entdeckte Franziskus die betende Kirche. Dieses geistliche Erbe – ein Leben der Hingabe, des Gebetes und der beständigen Suche nach Gott – blieb der innere Halt der franziskanischen Ordensbrüder auch in Zeiten großer Herausforderungen. Auf ihrem Weg nach Süden entstanden zahlreiche Gemeinschaften und Werke: Pfarreien, Ausbildungsstätten und soziale Einrichtungen. Gemeinsam mit Franziskanerpater Maurice Bertin wandten sich die Ordensbrüder besonders den Armen, Kranken und Ausgegrenzten zu. Im Dienst an den Armen lernten sie die Würde der Arbeit neu zu schätzen. Wie Franziskus im Testament sagt: »Ich habe mit meinen Händen gearbeitet … und ich will, dass alle Brüder ehrliche Arbeit verrichten.« Der Autor Ignatius Nguyen Duy Lam gehört der Franziskanerprovinz von Vietnam an und war unter anderem als Provinzökonom und Provinzialminister tätig. Derzeit ist er Präventionsbeauftragter, Missionssekretär und Mitglied der Provinzleitung. Die Zitate von Franz von Assisi stammen aus: »Fontes Franciscani (FF)«, Hrsg.: Enrico Menestò, Stefano Brufani, 1995, Vol. I/II. Ein Lebensprogramm Nach 1975 wurde diese Haltung zu einer entscheidenden Orientierung. In kleinen Bruderschaften lebten die Franziskaner unter den Armen und mit den Armen. Auch in den letzten Jahrzehnten schenkte der Herr der Provinz neue Berufungen, soziale Werke und missionarische Präsenz – getragen vom Geist von Laudato Si’. Das Engagement in der Gesellschaft ist für die Franziskaner kein Trend, sondern gelebtes Evangelium. Jeder Bruder ist gerufen, das Gute zu säen. Die Sendung des heiligen Franziskus bleibt aktuell: »Der Herr gebe dir Frieden« – nicht als bloßer Gruß, sondern als Lebensprogramm. Heute, im Gedenken an 800 Jahre seit dem Heimgang des heiligen Franziskus und im Blick auf 100 Jahre franziskanischen Wirkens in Vietnam, werden wir daran erinnert: Jeder Tag ist eine neue Einladung, zu beginnen. Wie Franziskus sind wir gesandt, als Brüder ohne Angst in die Welt zu gehen. Denn: »Gott hat keine Angst! Er hat keine Angst! Er geht immer über unsere Schemata hinaus und hat keine Angst vor den Rändern. Er selbst hat sich zum ›Rand‹ gemacht. Deshalb werden wir, wenn wir es wagen, an die Ränder zu gehen, ihn dort antreffen, er wird schon dort sein«, so Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Gaudete et exsultate (Freut Euch und jubelt). Und mit diesem Denken wird in Vietnam das Evangelium in Wort und Tat gelebt und weitergegeben. Hausbesuch eines Franziskaners im Rahmen der Seniorenpastoral 26 | 27
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