Franziskaner Mission 1 | 2026

Liebe Leserin, lieber Leser! TITEL Vor 800 Jahren hat sich Franziskus von Assisi, im Kreise seiner Brüder, vom irdischen Leben verabschiedet und den Tod als Bruder begrüßt. Im sogenannten »Transitus« erklärt er sich bereit für den Übergang in ein Leben mit Gott. Auf unserer Titelseite zeigt der Maler Ulrich Viereck in seinem Kunstwerk Franziskus mit ausgebreiteten Armen, als wolle dieser das neue Leben freudig umarmen. Mit den Wundmalen Jesu gezeichnet, wird der Heilige selbst zum Kreuz (Tau) und macht sich auf den Weg zu seinem Ostermorgen. Wo soll man da beginnen? Von welcher Seite aus ist er am besten zu packen? Franz von Assisi starb vor 800 Jahren – und ist heute noch quicklebendig. Seine reiche und bunte Persönlichkeit entzieht sich jedem Versuch, in einem eindeutigen Bild festgehalten zu werden. Oder darf sich da jeder raussuchen, was ihm passt? Bitteschön, bedienen Sie sich: Da ist der Sänger des Sonnengesangs, der Patron der Ökologie, solidarisch mit allen Geschöpfen. Oder ziehen Sie den Friedenstifter vor, der verfeindete Städte versöhnt, einen bösen Wolf zähmt und sich, mitten in einem brutalen Kreuzzug, mit dem muslimischen Sultan zum freundschaftlichen Dialog trifft? Fasziniert hat schon immer der prophetische Aussteiger mit seiner radikalen Armut, kompromisslos an der Seite der Marginalisierten, Schutzherr ebenso der Minimalisten wie der Kapitalismus-Kritiker. Und dann, ja natürlich, leidenschaftlicher Gottsucher und Mystiker war er, monatelang verschwunden in Einsiedeleien und am Ende mit den Wunden an Händen und Füßen ein Bild des Gekreuzigten. Treuer Sohn Roms für die einen, für andere mutigweitsichtiger Reformer der Kirche, der von der Hierarchie mit seiner Heiligsprechung für den Erhalt des Status quo instrumentalisiert wurde. Vielleicht fällt Ihnen noch anderes ein zu diesem Mann aus dem fernen Mittelalter, der uns so sonderbar nah bleibt. Was mich am meisten an Franziskus anspricht, scheint dagegen ziemlich brav: Er wollte das Evangelium leben. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger! Genau das sollten auch seine Brüder tun, wie er ihnen programmatisch mit dem ersten Satz der Regel ins Stammbuch schreibt. Klara wird das später wortwörtlich in ihre eigene Regel übernehmen, es gilt also für Frauen und Männer gleichermaßen. Evangelium leben – das hört sich wenig aufregend an. Aber da steckt Dynamik drin. Wenn wir Christen das doch nur ehrlich versuchen würden! Evangelium leben – das macht Franziskus jenseits aller konfessionellen Grenzen zu einem der ökumenischsten Heiligen. Evangelium leben – das ist eine oft unbequeme Herausforderung und macht doch so herrlich frei: Ich muss nicht all das tun, was Franziskus getan hat. Franziskanisch leben heißt nicht, einen Menschen, der vor 800 Jahre gelebt hat, heute imitieren zu wollen. Aber es heißt, sich heute genauso ehrlich und konsequent dem Anspruch des Evangeliums zu stellen, wie er es damals getan hat. Dabei darf dann bei uns durchaus etwas anderes herauskommen als im Mittelalter. In solch verantwortungsvolle Freiheit hat er selbst seine Brüder entlassen: »Ich habe das Meine getan. Was ihr tun sollt, wird euch Christus lehren!« Was für ein Satz! Seit 800 Jahren versuchen von Franziskus inspirierte Menschen, etwas vom Evangelium zu leben. Bis heute. Davon berichtet das vorliegende Heft der Franziskaner Mission. Es will kein Museumsführer sein, eher so etwas wie ein Navi: Jubiläen blicken zwar zurück in die Geschichte, wollen aber Lust machen auf Zukunft. Unser Bruder Franziskus hat das Seine getan. Jetzt sind wir dran! Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre. P. Cornelius Bohl ofm Sekretär für Mission und Evangelisierung 3

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