Lebendige Gemeinde Kirchenbau in San Julián, Bolivien Den Hochaltar der Kathedrale in Concepción in Bolivien ziert ein Bild, das den heiligen Franziskus zeigt, wie er María, der Patronin dieses Gotteshauses, eine Kirche überreicht. Das ist eine Anspielung auf den Ruf, den der Heilige aus Assisi vernahm: »Franziskus, baue meine Kirche wieder auf!« Zugleich ist es eine Hommage an die großen Verdienste der Franziskaner, die sich in den 1980er und 1990er Jahren um die Restaurierung der sogenannten Urwaldkathedralen verdient gemacht hatten. Dieses Bild bringt auf eindrucksvolle Weise zum Ausdruck, dass Kirche immer wieder erneuert werden muss – äußerlich wie innerlich. So wie Franziskus diesen Ruf zunächst wortwörtlich verstand und die kleine Kirche San Damiano in Assisi Stein für Stein wieder aufbaute, so ging es auch bei den bayerischen Franziskanern unter Bischof Antonio Eduardo Bösl anfangs um eine physische Restaurierung der alten Kirchen. Die Bauten aus der Zeit der Jesuitenmissionen im östlichen Tiefland Boliviens gehören heute – auch dank der enormen Leistung des Schweizer Architekten Hans Roth – zum Weltkulturerbe der Menschheit. Und ebenso wie Franziskus bald begriffen hatte, dass die Kirche nicht nur einer baulichen Erneuerung bedarf, sondern auch einer inneren, spirituellen, machten sich die Franziskaner entschieden an die pastorale Arbeit, um eine Kirche aus »lebendigen Steinen« (vgl. 1 Petr 2,5) zu formen und lebendige, christliche Gemeinden zu bilden. Diese doppelte Dimension – Bauwerk und Gemeinschaft – prägt missionarische Arbeit bis heute. Kirche, als menschliche Gemeinschaft, braucht immer auch ein Dach über dem Kopf, einen Ort, an dem man sich versammeln, begegnen und Gottesdienst feiern kann. Ein konkretes Beispiel dafür ist die Situation heute in San Julián. TEXT UND FOTOS: Robert Hof KIRCHENBAUER Im Gebet vor dem Kreuz von San Damiano vertieft, hört der Heilige eine Stimme: »Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.« Franziskus interpretiert diesen Appell als Stimme Christi und nimmt den Auftrag zunächst wortwörtlich. Er bettelt Baumaterial zusammen und beginnt eigenhändig, die kleine Kapelle wieder aufzubauen. Ebenso tut er es mit der heute nicht mehr vorhandenen Kapelle San Pietro della Spina sowie mit dem Kirchlein in Santa Maria degli Angeli, das unter dem Namen »Portiunkula« später zur Wiege und zum geistlichen Zentrum des Franziskanerordens werden wird. [vgl. Thomas von Celano] »Lebendige Steine« San Julián, eine schnell wachsende Provinzstadt mit rund 44.000 Einwohnern, gehört wie Concepción zum Vikariat Ñuflo de Chávez. Es gibt zwar schon eine größere Kirche an der Plaza, aber es braucht auch auf der anderen Seite der Hauptstraße ein Gotteshaus und ein Pfarrzentrum. In Zeiten, in denen man in Deutschland aufgrund des Priestermangels Gemeinden zu Verbünden zusammenfassen oder Kirchen mangels Gottesdienstbesucher aufgeben muss, will auch in der Mission wohl überlegt sein, ob und wo es sich noch rentiert, in den Bau einer Kirche zu investieren und eine neue Pfarrei zu gründen. Als Missionar kann man leicht der Versuchung erliegen, sofort mit einem großen, beeindruckenden Kirchenbau zu beginnen, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Doch zuerst braucht es die lebendigen Steine: Menschen, die den Glauben leben und geistig Kirche bilden. Vielleicht ist es leichter eine Kirche zu bauen, als eine lebendige Gemeinde zu gründen? Wie baut man eine christliche Gemeinde auf? In San Julián begann dieser Aufbau ganz unscheinbar und unspektakulär – in den Häusern der Menschen, in ihrer Lebenswirklichkeit. Eine kleine Gruppe von Gläubigen sollte in dem neuen Zuzugsgebiet immer am Mittwochabend mit einem Marienbild Gemeinsam bauen wir an der Gemeinde San Julián weiter. 30 | 31
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