Franziskaner Mission 1 | 2026

Ort für Rückzug und Spiritualität Mystik und Gebetspastoral in Teresina Im Jahr 1989 baute der 2011 verstorbene Franziskanerbischof Heinrich Johannpötter in Teresina das Eremitério (deutsch: Einsiedelei). Das ist ein kleines Haus, in dem die Ordensbrüder, wie auch interessierte Besucher, sich dem Gebet hingeben. Auf Anregung des Franziskanerordens wurde damit ein entscheidender christlicher Aspekt grundgelegt und kultiviert. Das Wort Mystik hat eine griechische Sprachwurzel. »myein« heißt: Ich schließe die Augen, zum Beispiel dann, wenn ich sehr betroffen bin oder mein Herz »brennt«, wie bei den Emmausjüngern (Lk 24,32). Im zweiten Fall schließt man oft vor glücklicher Betroffenheit die Augen. Man will mit diesem inneren und intimen Ereignis plötzlich allein sein und wird zum »Mystiker«. Darüber hinaus lehrt uns die franziskanische Tradition Folgendes: Es gibt einen tiefen, inneren Zusammenhang zwischen dem persönlichen Gebet und einem glücklichen Lebenslauf. Es gibt auch eine Kultur und eine Pädagogik des Betens. Man muss lernen zu beten. Zum kirchlichen und liturgischen Gebet muss das persönliche hinzukommen(»Herr, lehre uns beten«, Lk 11,1). Zum Gebet unbedingt dazu gehört Stille. In der Stille des eigenen Bewusstseins gewinnt Gottes Wort an Bedeutung. Das eigentliche Gebet aber verarmt durch Rubriken, zum Beispiel vorgegebene Strukturen, Monotonie und zu enge Gebetsrhythmen. Denn das Gebet erwächst vielmehr aus Erfahrungen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Und: Die Heilige Schrift ist nicht irgendeine Nachricht aus vergangener Zeit, sondern sie ist Gegenwart, Stimme, Handlung TEXT: Dr. Michael Kleinhans ofm| FOTOS: Dr. Michael Kleinhans ofm, Ulrike Schwerdtfeger Eremitério in Teresina MYSTIKER Franziskus hat sich häufig in die Einsamkeit der Einsiedeleien zurückgezogen, um im Zwiegespräch mit Gott zu sein (vgl. Regel für Einsiedeleien). Daraus gestärkt, ist er wieder durch die Welt gezogen und hat die Menschen teilhaben lassen an der Wirklichkeit Gottes, wie er sie erfahren hat. Gemäß einer zeitgenössischen lateinischen Formel wollte Franziskus »contemplando se tradere« – sich der Haltung der Kontemplation hingeben, d. h. alles wird für ihn zum Ort der Kontemplation. Für Franziskus ist »Bruder Leib« seine »Zelle« (seine Klausur), »und die Seele ist die Einsiedlerin, die zum Gebet und zur Meditation darin weilt«. Kontemplation und Aktion gehören für Franziskus zusammen. [vgl. Thomas von Celano] 32

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