POVERELLO Ein direkter Ansatz für das Wirken der Gnade ist bei Franziskus die außerordentliche Sensibilität für die Armen. Schon früh geht ihm auf, dass Armut eine Provokation für das Herz ist. Einmal übersieht er wegen seines geschäftlichen Tuns im Laden des Vaters einen Bettler. Als ihm das bewusst wird, lässt er alles liegen und rennt dem Bettler nach. Fortan will er seine Sensibilität für die Armen noch mehr als bisher ausbilden. [vgl. Anton Rozetter, Ein Anfang und was davon bleibt] Option für die Armen Der Poverello von Assisi Niemand wird arm geboren, wie Frei Betto in einem seiner Interviews gesagt hat: »Es gibt keine armen Menschen! Es gibt Menschen, denen der Zugang zu lebensnotwendigen Gütern verwehrt wurde.« Menschen werden verarmt, benachteiligt, ausgegrenzt, marginalisiert und stigmatisiert. Dieser Zustand des »Armseins« ist die Folge menschlicher Entscheidungen und gesellschaftlicher Strukturen. Er ist nicht zufällig, sondern bewusst herbeigeführt. Der heilige Franziskus hatte in seiner Jugend viele Sorgen. Eine davon galt den verarmten Menschen. Er war tief bewegt von seinen Brüdern und Schwestern am Rand der Gesellschaft. An einem bestimmten Punkt seines Lebens beschloss er, »wie« ein Armer zu leben, »zu sein« und »mit« den Armen zu sein – mit Mitgefühl, Demut und Respekt. Diese Entscheidung wurde von seinen Eltern nicht sofort verstanden. Schließlich stammte Franziskus aus einer wohlhabenden Familie, die innerhalb der starken Mauern von Assisi lebte. Diese privilegierte Lebensweise zu verlassen, um sich denen anzuschließen, die außerhalb dieser Mauern lebten, war ein mutiger Akt des Widerstands gegen jene Ideologien, die Armut hervorbringen und aufrechterhalten. Auch heute hat diese Maschinerie zur Reproduktion von Armut nicht aufgehört zu laufen. Sie ist weiterhin in vollem Gange – in verschiedenen Formen, mit großer Kreativität und erschreckender Effizienz. Papst Franziskus lädt uns ein, insbesondere in seiner Enzyklika »Laudato Si’«, über diese Realität nachzudenken. Ausgangspunkt seiner Reflexion ist der Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi, der uns daran erinnert, dass die Erde unsere Schwester und eine gute Mutter ist. TEXT: Darlei Pickler | FOTOS: SEFRAS; Augustinus Diekmann ofm Eine warme Mahlzeit bleibt häufig vielen von Armut bedrohten Menschen in Brasilien verwehrt; die Suppenküche schafft Abhilfe. 10
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