Franziskaner Mission 1 | 2026

TROUBADOUR Franziskus war erfüllt von schöpferischer Kraft. Gern sang er seine Lobgesänge auf Französisch (obwohl er die Sprache nur unzureichend konnte), er nahm sich zwei Stöcke und spielte darauf wie auf einer Geige, er dichtete und komponierte in großer Sprachfülle den Lobpreis Gottes, den Sonnengesang. Das zentrale Heilsgeheimnis von Weihnachten stellte er als Krippenspiel nach. Am Ende seines Lebens teilte er mit seinen Brüdern Brot, wie es Jesus beim Abendmahl getan hatte. In großer Freiheit und sensibler Kreativität gestaltete er immer wieder situationsbezogene Rituale, um seine Brüder und Schwestern auf wichtige Aspekte hinzuweisen. [vgl. Thomas von Celano] Das franziskanische Erbe Glauben, Musik und Kunsthandwerk In der Literatur ist der heilige Franziskus auch als »Troubadour Gottes« bekannt, denn nach seiner Bekehrung ließ er das weltliche Leben hinter sich und wurde zu einem wandernden Sänger der Freude des Evangeliums und der Schönheit der Schöpfung. Mit Liedern und Gedichten pries er Gott, erkannte Gott in jedem Geschöpf wieder und brachte im »Sonnengesang« das wohl klarste Beispiel seiner Poesie dar, die ganz der Verherrlichung Gottes und seiner Schöpfung gewidmet ist – getragen von Demut und Armut. Für Franziskus jedoch war die Liebe zur Schöpfung kein Selbstzweck, sondern eine Erweiterung seiner grenzenlosen Liebe zum Schöpfer. Wie sein Biograf Thomas von Celano schrieb, lobte Franziskus »in jedem Werk des Künstlers den Künstler selbst«. Für ihn war die Schönheit der Welt kein Schmuck, sondern eine »Leiter«, die zum Thron Gottes hinaufführt. In Urubichá, ein Dorf am Rand des Amazonasgebietes im Nordosten Boliviens, bauen die Menschen Tag für Tag an genau dieser Leiter: mit musikalischen Noten und mit Händen, die Holz formen. Musik baut Brücken Die Geschichte Urubichás begann im Jahr 1823, als eine Gemeinschaft aus dem bolivianischen Urwald unter der Führung franziskanischer Patres in der Mission von Guarayos eine Heimat und eine Stimme fand. Die Franziskanerbrüder nutzten die Musik als Werkzeug der Evangelisierung der indigenen Völker, darunter der Guarayos. Doch hier geschah keine Überstülpung: Die Guarayos nahmen die Geige an – und machten sie zu ihrer eigenen. Die Menschen der Region besaßen eine angeborene Begabung für Streichinstrumente. Sie eigneten sich die Musik mit solcher Leichtigkeit an, dass sie die reinen Klänge des Regenwaldes in ihr Spiel aufnahmen. Dies faszinierte die Missionare, die die Indigenen zunehmend in ihre Feierlichkeiten einbezogen. Berichte erzählen, dass die ersten Geigen in Kanus über die Flüsse der Region gebracht wurden – zusammen mit Notenblättern, mit denen die Bewohner unterrichtet wurden. So entstand unter der Leitung der Franziskaner in der Mission Guarayos eine Verschmelzung von überlieferten Traditionen mit europäischer religiöser und musikalischer Bildung. TEXT: Lic. Petrona Roca del Águila | FOTOS: Instituto de Formación Artística Coro y Orquesta Urubichá Früh übt sich, wer eine Meisterin werden will. 14

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