Franziskaner Mission 1 | 2026

Kinder bekommen Hilfe und Bildung. TEXT: Camilla Sibra | FOTOS: Pro Terra Sancta Während der Feierlichkeiten in Aleppo zum 800. Jahrestag der Begegnung zwischen Franziskus und dem Sultan in Damiette, beschrieb der Direktor des franziskanischen Hilfszentrums in Aleppo, Firas Lutfi, die Freundschaft, die sich mit den muslimischen Gläubigen der Stadt entwickelt hatte, wie folgt: »Wir fühlen uns wie Geschwister, vereint in den verschiedenen Bereichen unseres täglichen Lebens. Es ist etwas Wunderbares, eine Freude, die uns direkt mit der Begegnung zwischen unserem Or- densvater Franziskus und dem Sultan AlMalik al-Kamil Muhammad verbindet.« Freundschaftsprojekt Diese Worte wurden zur Inspiration für das Projekt »Ein Name und eine Zukunft«, das im Jahr 2019 ins Leben gerufen wurde. Konkret wurde es durch den Dialog zwischen den christlichen und muslimischen Gemeinschaften von Aleppo, gefördert durch die Freundschaft zwischen dem Franziskaner Firas Lutfi, dem damaligen Apostolischen Vikar der lateinischen Kirche George Abou Khazen und dem Mufti von Aleppo, Scheich Mahmud Akam. Zu dieser Zeit war Syrien vom Krieg schwer getroffen. Ost-Aleppo war eines der am stärksten zerstörten Gebiete der Stadt. Während der Bombardierungen nahm die Residenz des Apostolischen Vikars 180 muslimische Kinder auf, von denen viele körperliche oder geistige Behinderungen hatten und teilweise aus vom Einsturz bedrohten Gebäuden gerettet wurden. Aus dieser konkreten Tat entwickelte sich ein umfassenderes Engagement mit dem Ziel, die Kinder nicht nur vor unmittelbarer Gefahr zu schützen, sondern ihnen auch dabei zu helfen, die tiefen psychologischen und sozialen Traumata zu überwinden, die der Konflikt in ihnen hinterlassen hat. Mit finanzieller und organisatorischer Unterstützung des Hilfswerks für die Kustodie des Heiligen Landes »Pro Terra Sancta« wurden in OstAleppo besondere Zentren eingerichtet. Diese sind über die am stärksten zerstörten Stadtteile verteilt und täglich geöffnet. Sie sind mit qualifiziertem Personal besetzt und bieten Bildungsprogramme sowie psychologische Begleitung an. Das Ziel ist es, die oft unsichtbaren Wunden der tausenden verlassenen und verwaisten Kinder zu behandeln. Einige haben ihre Eltern bei den Bombardierungen verloren, andere wurden sich selbst überlassen. Es gibt noch eine weitere versteckte und schmerzhafte Realität: Kinder von Frauen, die während der terroristischen Besetzung der Stadt vergewaltigt worden waren. Diesen sogenannten »Kindern der Sünde« wurde oftmals ein Name und die Eintragung ins Melderegister vorenthalten. Aus diesem Bewusstsein entstand die tiefste Bedeutung des Projekts: einen Namen geben, um eine Zukunft aufzubauen. Laut George Abou Khazen entstanden in diesen Jahren Beziehungen, die trotz vieler Herausforderungen »eine besondere und unerwartete Partnerschaft« schaffen konnten. Frieden schaffen Ein grundlegender Beitrag kam vom Mufti, der sich auf den Koran stützte und eine entscheidende Erkenntnis ein- brachte: Jeder, der ein Kind erzieht, kann dieses Kind als seinen eige- nen Sohn oder seine eigene Tochter betrachten. Damit wurde das Hin- dernis der Adop- »Ein Name und eine Zukunft« Interreligiöses Kinderprojekt in Aleppo, Syrien RITTER CHRISTI Im dreizehnten Jahre seiner Bekehrung zog Franziskus nach Syrien, wo täglich erbitterte Kämpfe zwischen Heiden und Christen ausbrachen. Er hatte einen Gefährten mitgenommen und fürchtete sich nicht, vor das Antlitz des Sultans der Sarazenen hinzutreten. Ehe er zum Sultan vorgelassen wurde, nahmen ihn dessen Leute gefangen, überhäuften ihn mit Schmähungen und misshandelten ihn mit Schlägen. Doch er ließ sich nicht abschrecken. Man stellte ihm Marterqualen in Aussicht, doch er kannte keine Furcht. Selbst als man ihm mit dem Tode drohte, erschrak er nicht. Wenn er auch von vielen, die ihm ganz und gar feindselig und ablehnend gegenüberstanden, geschmäht wurde, so wurde Franziskus dennoch vom Sultan höchst ehrenvoll empfangen. Seine Worte machten tiefen Eindruck auf ihn, und er hörte ihm sehr gerne zu. [vgl. Thomas von Celano] 20

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