In einer improvisierten Küche versucht eine Anwohnerin, zum Alltag zurückzukehren. Wie die Mächtigen die Dorfbewohner durch Gewalt einschüchtern 598 Hektar zerstört, so Ronald Barros Sodré, Geograph an der Bundesuniversität Maranhão in Sao Luís, auf seiner Vortragsreise im Oktober 2025 durch Deutschland. Die Folgen: Biodiversität wurde und wird vernichtet, es entstehen erhebliche Gesundheitsgefahren, Starkregen und Überschwemmungen treten auf. Dazu kommen die Gefahren durch den Einsatz verschiedener Pestizide: Sieben der Zehn im Jahr 2023 am meisten verkauften Pestizide sind in Europa verboten. 56,2 Prozent der 370 in Brasilien registrierten chemischen Wirkstoffe sind in Europa verboten. Ko-Referentin Francisca Vieira da Paz, Leiterin des Zentrums für das Leben und Menschenrechte der Diözese Balsas, berichtet über massive Rechtsverletzungen gegenüber Betroffenen. Eine Gemeinschaft wurde mehrfach von Bewaffneten aufgesucht und bedroht. Senhor Rafael wurde mit Erschießung bedroht. D. Isolde wurde gefesselt, ihr wurde ein Eimer über den Kopf gestülpt und es wurden Schüsse abgegeben, die ihr Gehör zerstörten. Häuser wurden in Brand gesteckt, Gärten und Anwesen mit der Planierraupe niedergewalzt. Es sind keine Einzelfälle. Wir geben nicht auf! Hinzu kommen zahlreiche Fälle von Umweltkriminalität. So wurden Rodungen gesetzeswidrig bis an die Reliefkanten vorgenommen. Die Umweltbehörde gab illegalerweise Flächen zur Waldzerstörung – selbst in Naturschutzparks – frei. Und die Regierung, Justiz und Sicherheitskräfte förderten einseitig die Ausweitung landwirtschaftlicher Großbetriebe. Der Autor Johannes Holz war in den Jahren 1995 bis 2000 im Süden von Maranhão als Berater im Bereich der internationalen Kooperation und Entwicklungszusammenarbeit tätig. Derzeit ist er Vorsitzender des in Köln ansässigen Vereins »PEPP – Partner für Projekte und Programme nachhaltiger Entwicklung e.V.«, der den internationalen Austausch in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur durch verschiedene Programme fördert. Ein landesweites Schutzprogramm der Zivilgesellschaft bietet den Menschen heute in Abstufungen Schutzstrategien an. Dazu gehören im Extremfall andernorts verborgen zu wohnen, den Namen zu wechseln, keine Kontakte zu haben. Francisca Vieira da Paz selbst wurde vielfach bedroht: »Ich kann keine Mutter für meine Töchter wie alle anderen sein und sie zum Beispiel zur Schule bringen. Das würde mein Leben, vor allem das meiner Kinder gefährden. Unser Büro mussten wir schon aus Sicherheitsgründen in das Bischofshaus verlegen.« Die Corona-Pandemie hat die Basisbewegungen und Unterstützerkreise der betroffenen Menschen – die Verlierer der kapitalintensiven Entwicklungspläne der Regierung in der Region Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia – stark geschwächt. »Politisch stellt der industrielle Agrarsektor die große Mehrheit im Bundes- und Landesparlament. Von dort ist keine Veränderung zu erwarten, die Fronten sind verhärtet. Wir sind der Auseinandersetzungen gegen diese Übermacht müde, aber wir geben nicht auf«, so die Juristin. Die Afrobrasilianerin hat ihr Leben dem gewaltfreien Kampf für die Rechte der Menschen auf der Verliererseite gewidmet. Sie nennt es zivilgesellschaftlichen Widerstand, Militanz in einer Weise, die das Leben auf friedliche Weise schützt. Im Gespräch mit Politikern, in zahlreichen Workshops an Universitäten, in Gemeinden und bei Tagungen wurde mir als Teilnehmer deutlich, wie notwendig angesichts von politischer Aufweichung bestehender Regelungen Zivilcourage als »smarte Radikalität« (so die deutsche Philosophin Mirjam Schaub 2025) hierzulande ist und vor Ort in Brasilien mit einem entschiedenen Kampf für Umwelt- und Menschenrechte neue Allianzen prägen kann. So verstanden die Organisatoren den Titel ihrer Gespräche, Workshops und Begegnungen: Wir brauchen »Neue Allianzen« weltweit. 25
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