Dasselbe soll in Siena, wo Franz im Frühling 1226 schwer krank gepflegt wird, mit einem gefangenen Fasan geschehen. Der Vogel freundet sich mit ihm an (2 C 169: FQ 392). Die Vision auf La Verna wird im Frühherbst 1224 von Vögeln vorbereitet, die Franz bei seiner mystischen Tabor-Erfahrung näherstehen als die Brüder: »In aller Frühe nun, beim Morgenrot, als er gerade beim Gebet weilte, erschienen Vögel verschiedener Gattungen über der Zelle, wo er wohnte, nicht alle gleichzeitig zusammen, sondern zuerst kam einer, sang seine liebliche Weise und flog wieder weg; dann kam ein anderer, sang und flog wieder weg; und so machten es alle. Franziskus war darüber höchst verwundert ... Da wurde ihm von Gott im Geiste gesagt: ›Dies ist ein Zeichen, dass der Herr dir in dieser Zelle Gutes tun und dir viele Tröstungen schenken wird‹.« (Per 118: FQ 1203). So sehr sich Franz den Vögeln verbunden fühlt, er erwähnt sie in seinem Sonnengesang erstaunlicherweise nicht. Das Schöpfungslied nennt keine Tiere, weil dessen Urversion diese wie auch Pflanzen und Menschen durch die vier Urelemente »mit allen Geschöpfen« einbezieht: Alle Lebewesen bestehen aus Erde, atmen Luft, brauchen Wasser und tragen Energie in sich. Eine Vorform des Sonnengesangs nennt die Vögel jedoch prominent als Vertreter der ganzen Tierwelt. Die »Einladung zum Gotteslob«, vom Poverello in der Eremitage Romita von Cesi gedichtet und für die Brüder auf eine Holztafel geschrieben, singt in einer Passage: »11 Alle Geschöpfe, lobpreist den Herrn. 12 Alle Vögel des Himmels, lobt den Herrn. 13 Alle Kinder, lobt den Herrn. 14 Jünglinge und Jungfrauen, lobt den Herrn!« (FQ 14). Franz will Anfang Oktober 1226 sterbend den Sonnengesang hören. Seine Brüder erfüllen ihm den Wunsch und machen dann eine berührende Erfahrung: »Am späten Samstagabend nach der Vesper vor der Nacht, in welcher der selige Franziskus zum Herrn ging, flogen viele Vögel, die man Lerchen nennt, nicht sehr hoch über dem Dach des Hauses, in welchem unser Bruder ruhte, und zogen singend eine kreisförmige Bahn. Wir, die wir mit Franziskus zusammen gewesen sind, bezeugen dies und haben es aufgeschrieben« (Per 14: FQ 1103). Franz wollte nackt auf der Mutter Erde sterben und die Welt so verlassen, wie er in sie geboren worden war. Und die Vögel des Himmels, die sein Wanderleben begleiteten, kündigten den Brüdern in Franziskus’ eigener Osternacht seinen Einzug in den Himmel an. und dieser die Armut der Brüder nicht verstehen kann, zitiert Franz die Bergpredigt Jesu: »Lernt von den Vögeln des Himmels: Sie säen nicht und ernten nicht! Der himmlische Vater sorgt für sie ...«. Tatsächlich rufen sowohl Gefährten wie die Biografen des Poverello in Erinnerung, wie ermutigend Franz seinen Brüdern das Leben und Singen der Vögel vor Augen stellte. So kommt eine Textsammlung, in die Erinnerungen von Bruder Leo einflossen, auf die Verwandtschaft der Brüder mit Lerchen zu sprechen: »Franziskus pflegte von der Lerche zu sagen: ›Schwester Lerche hat eine Kapuze wie wir Brüder und ist ein demütiger Vogel, der sich auf den Wegen der Welt ein paar Getreidekörner sucht ... Im Flug lobt sie Gott, wie gute Ordensleute das Irdische im Blick und zugleich dem Himmel zugewandt. Ihr Federkleid ist braun wie die Erde und ermutigt uns, keine farbigen und feinen Kleider haben zu wollen‹.« Dieser Nähe zu »den Schwestern Lerchen« wegen »liebte er sie sehr und sah sie gerne« (Per 14: FQ 1103). Die Vogelpredigt wird von den Biografen einhellig erzählt und auf den frühesten Tafelbildern derart prominent als herausragende Szene seines Lebens dargestellt, dass am Faktum nicht zu zweifeln ist (1 C 49: FQ 234-235). Allerdings spricht aus der für mehrere Orte bezeugten Geschichte nicht Naturromantik, sondern ein Ernstnehmen des Evangeliums, wie es uns vergleichbar einzig bei irischen Mönchen des Frühmittelalters begegnet. Sandte Jesus seine Jünger in Galiläa aus, um Frieden in die Häuser, Dörfer und Städte zu tragen, weitet sich der Auftrag nach Ostern: Der Auferstandene sendet seinen Kreis bis »an die Grenzen der Erde« (Mt 28), um »das Evangelium allen Geschöpfen zu verkünden« (Mt 16). Paulus legt im Römerbrief nach: »Die ganze Schöpfung wartet sehnlich darauf, dass wir Menschen uns als Söhne und Töchter Gottes erweisen« (Röm 8). Franz lernt, als Sohn Gottes und Jünger Jesu so zu leben, dass die Schöpfung aufatmen kann und mit ihm gemeinsam ins Gottes- lob einstimmt. Lobpreis Gottes Unter den Tiergeschichten, die das Wanderleben des Bruders prägen (2 C 56: FQ 332), gesellen sich weitere Episoden mit Vögeln zu den Vogelpredigten. Auf La Verna gewöhnt sich ein Falke an die Gebetszeiten des Bruders und flattert jeweils auf einen Baumast über seiner Höhle, wenn Franz sieben Mal am Tag und einmal in der Nacht das Gotteslob singt (2 C 168: FQ 392). Auf dem See von Rieti wird Franz von einem Fischer ein junger Wasservogel geschenkt, dem der Bruder mit den Händen ein Nest formt, bis er sich beruhigt, ihn dann segnet und frei in seinen Lebensraum zurückkehren lässt (2 C 167: FQ 391). Der Autor Niklaus Kuster ist Mitglied der Schweizer Kapuzinerprovinz, promovierter Theologe und Franziskusforscher. Er lehrt Spiritualität an der Universität Luzern, an der franziskanischen Universität Antonianum in Rom sowie an den Philosophisch-Theologischen Hochschulen in Münster und Madrid. 7
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