MINNESÄNGER Der junge Franziskus findet Eingang in die »Gemeinschaft der Tänzer«, die im Tanzschritt durch die Straßen Assisis ziehen und auf den Plätzen weltliche oder religiöse Tanzspiele aufführen. Franziskus wird sogar zum Vortänzer gewählt. Während seines ganzen Lebens wird er davon geprägt bleiben. Es ist gut bezeugt, dass er bei der Predigt oft voll Begeisterung Tanzschritte macht, dass seine Predigten eine Art Ballade auf die Liebe Gottes sind. Ebenso wird er den Sinn des Spielens, der Inszenierung, des Dichtens nie verlieren. [vgl. Anton Rozetter, Ein Anfang und was davon bleibt] Der göttliche Ruf Wie Franziskus zum Minnesänger Gottes wurde Wenn wir das 800-jährige Jubiläum des Todes von Franz von Assisi feiern, sind wir eingeladen, beide Facetten dieses Mannes zu sehen: Wir richten unseren Blick auf den gereiften Heiligen, der von den Stigmata und einer tiefen Christusverbundenheit geprägt war, und auch auf den jungen Franziskus – voller Träume, Fragen und Sehnsucht. Bevor er als der Poverello von Assisi bekannt wurde, war er ein junger Mann, fest in seiner Zeit verwurzelt und von dem Wunsch nach Anerkennung, Ehre und Glück erfüllt. In dieser frühen Lebensphase zeigt sich Franziskus in besonderer Weise als »Minnesänger Gottes« – ein Ausdruck seiner künstlerischen Sensibilität und seiner inneren Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes und den göttlichen Ruf, der nach und nach in seinem Herzen vernehmbar wurde. Sensibel für das Schöne Franziskus wurde um 1181 in Assisi in eine wohlhabende und gesellschaftlich angesehene Familie hineingeboren. Sein Vater, Pietro Bernardone, war ein erfolgreicher Tuchhändler und wünschte sich für seinen Sohn eine Zukunft voll gesellschaftlichen Ansehens und wirtschaftlichen Wohlstands. Der junge Franziskus wuchs inmitten von Festen, Liedern, eleganter Kleidung und ritterlichen Idealen auf, die für eine Gesellschaft im Übergang vom feudalen Mittelalter zum Aufstieg der Handelsstädte typisch waren. Er liebte Musik, Poesie und gesellige Treffen mit Freunden. Bekannt war er für seine überschwängliche Fröhlichkeit, seine spontane Großzügigkeit und seine Freude am Leben. Schon früh zeichnete er sich als jemand aus, der auf den Straßen von Assisi sang, seine Gefährten mit Versen und Melodien unterhielt und so zu einer beliebten Figur unter den Jugendlichen der Stadt wurde. In diesem kulturellen Kontext entsteht das Bild des Minnesängers: eines Menschen, der singt, verzaubert und Schönheit vermittelt. Schon vor seiner Bekehrung brachte Franziskus, wenn auch unbewusst, eine Seele zum Ausdruck, die zutiefst empfänglich für das Schöne, Wahre und Gute war. Seine Fähigkeit, sich von Musik, Freundschaft und Festen berühren zu lassen, offenbart ein Herz, das offen ist für die Erfahrung der Freude. Seine Jugend, die oft lediglich als Zeit der Eitelkeit und Zerstreuung gedeutet wird, erweist sich zugleich als wichtige Phase menschlicher und spiritueller Reifung. Man kann sagen, dass Gott bereits still in seinem Herzen wirkte und ihn auf einen radikaleren Weg der Nachfolge des Evangeliums vorbereitete. TEXT: Eurico Alves da Silva ofm | FOTO: Natanael Ganter ofm Krise, Bruch und Einsicht Die Erfahrung des Krieges zwischen Assisi und Perugia, gefolgt von der Zeit der Gefangenschaft und der langen Krankheit, die Franziskus vom gesellschaftlichen Leben fernhielt, markiert einen ersten tiefen Einschnitt in seinem Lebensweg. Der junge Träumer beginnt, den Sinn des menschlichen Ruhmes und der ritterlichen Ideale, die ihn bis dahin fasziniert hatten, zu hinterfragen. Seine bisherigen Gewissheiten geraten ins Wanken, und die durch die Krankheit auferlegte Stille schafft Raum für das innere Hören. In dieser Zeit der Schwäche erkennt Franziskus allmählich, dass seine Träume von äußerer Größe ihm nicht den erhofften Frieden bringen. Nach und nach wandeln sich seine Wünsche. Er beginnt, sich immer eindringlicher zu fragen: »Herr, was willst du, dass ich tue?« Diese einfache und zugleich entscheidende Frage wird zum Mittelpunkt seines ganzen Lebens. Der Franziskus, der zuvor sang, um den Menschen zu gefallen, beginnt, auf die Stimme Gottes zu hören. Musik, Gesang und Poesie verschwinden nicht aus seinem Leben, sondern werden vielmehr tiefgreifend verwandelt: Franziskus bleibt ein Minnesänger, aber nun nicht mehr der weltlichen Feste, sondern des Evange8
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