Franziskaner Mission 2 | 2026

2026 Fremde Wege Sehnsucht nach Heimat

FRANZISKANER MISSION erscheint viermal im Jahr und kann als kostenfreies Abo bestellt werden unter Telefon 02 31-17 63 37 65 oder info@franziskanermission.de. »Franziskaner Mission« erscheint im Auftrag der Deutschen Franziskanerprovinz von der heiligen Elisabeth – Germania. HERAUSGEBER Franziskaner Mission REDAKTIONSLEITUNG Augustinus Diekmann ofm REDAKTION Dr. Cornelius Bohl ofm, Stefan Federbusch ofm, Natanael Ganter ofm, Heinrich Gockel ofm, Frank Hartmann ofm, Márcia Santos Sant'Ana, René Walke ofm, Pia Wohlgemuth GESTALTUNG sec GmbH, Osnabrück DRUCK Bonifatius GmbH, Paderborn Herstellungskosten dieser Zeitschrift: Die »Franziskaner Mission« wird nicht von Spendengeldern, sondern aus den Erlösen eines speziell hierfür eingerichteten Missionsfonds finanziert. Impressum FRANZISKANER MISSION Franziskanerstraße 1, 44143 Dortmund Telefon: 02 31-17 63 37 5 info@franziskanermission.de www.franziskanermission.de Spenden erbitten wir, unter Angabe des Verwendungszwecks, auf folgende Konten: SPARKASSE HELLWEG-LIPPE IBAN DE13 4145 0075 0026 0000 34 BIC WELADED1SOS VOLKSBANK HELLWEG EG IBAN DE44 4146 0116 0000 0051 00 BIC GENODEM1SOE PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC-zertifiziert PEFC-zertifiziert PEFC/04-312

Liebe Leserin, lieber Leser! Ich höre schon die kritischen Stimmen: Wie kann ein Franziskaner nur so herzlos sein gegenüber einem Tier? Franziskus hat doch die Tiere geliebt! Ja, hat er. Aber die Menschen auch. Nein, ich habe nicht verstanden, wie gefühlt eine ganze Nation wochenlang mit einem gestrandeten Buckelwal litt. Wer erinnert sich noch daran, dass zur gleichen Zeit, Ende März, 22 Migranten in einem von Libyen gestarteten Schlauchboot elend verhungert und verdurstet sind? Die Schlepper haben ihre Leichen über Bord werfen lassen. Und das war nur eine Meldung von vielen. Sie hat keinen Medienhype ausgelöst. Etwa 35.000 Geflüchtete kamen in den letzten zehn Jahren auf dem Mittelmeer um. Das ist kalte Statistik. Timmy aber hatte einen Namen. Unsere erste große Vergessenheit: »Die Flüchtlinge sind keine Zahlen, sie sind Personen: Sie sind Gesichter, Namen, Geschichten.« (Papst Franziskus) Es geht um Menschen. Und jeder Mensch hat die gleiche Würde. Jeder. Andere Vergessenheiten kommen dazu. Wie oft standen gerade wir in Deutschland auch auf der anderen Seite, waren selbst Schutzsuchende, Migranten, Vertriebene. Schätzungsweise sechs Millionen Menschen wanderten im 19. Jahrhundert als »Armutsmigranten« aus den deutschen Staaten aus und suchten bessere Lebensbedingungen in Übersee. Rund zwölf Millionen Deutsche verloren in Folge des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat und hofften auf ein neues Zuhause. Hundertausende Deutsche jüdischen Glaubens retteten sich durch Auswanderung und Flucht vor den Vernichtungslagern der Nazis, zehntausende Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt wurden, emigrierten ins Ausland. »Der Fremde soll euch wie ein Einheimischer gelten. Du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen«, sagt Gott (Lev 19,34). Und das ist eine dritte große Vergessenheit: Christen stehen unter dem Wort Gottes. »Ich war fremd, und ihr habt mich nicht aufgenommen« (Mt 25,43). Natürlich, hehre Grundsätze lassen sich leicht aufstellen, die Umsetzung in konkrete Politik ist schwieriger. Migrationspolitik darf nicht blauäugig sein. Schrankenlose irreguläre Migration ist ein Problem. Es braucht die Diskussion um sichere Herkunftsstaaten. Kommunen dürfen nicht überfordert werden. Papst Leo XIV. fordert in seiner neuen Enzyklika »Magnifica humanitas« (81), »das Recht auf Hoffnung derer zu wahren, die zur Flucht gezwungen sind, indem sichere und legale Wege, würdige Aufnahmebedingungen und echte Integrationsmöglichkeiten gewährleistet werden.« Zugleich gelte es, »das Recht zu fördern, in Frieden und Sicherheit in der eigenen Heimat zu bleiben, indem die tiefgreifenden Ursachen angegangen werden, die zur Migration zwingen«. So könne »Migration zu einer Gelegenheit der Begegnung und der gegenseitigen Bereicherung zwischen den Völkern werden«. Das komplexe Thema Migration braucht beides – Empathie und kluge politische Entscheidungen, ein mitfühlendes Herz und einen kühlen Kopf. Das vorliegende Heft der Franziskaner Mission will dazu beitragen. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre. P. Cornelius Bohl ofm Sekretär für Mission und Evangelisierung TITEL Die Titelseite zeigt eine Aufnahme von Migrierenden und Flüchtenden auf ihrem Weg in eine ungewisse Zukunft. Die lange Reihe wandernder Menschen symbolisiert Aufbruch, Hoffnung und Sehnsucht nach einem menschlicheren Leben. Migrierende können in den Aufnahmeländern neue Wege eröffnen sowie den interreligiösen und interkulturellen Dialog fördern. Zugleich erinnert das Bild daran, dass es unsere christliche Verantwortung ist, gegenüber Geflüchteten Nächstenliebe und konkrete Solidarität zu zeigen. 3

16 16 12 8 6 Inhalt 6 Auf fremden Wegen Biblische Fluchterfahrungen Dr. Johannes Roth ofm 8 Friedfertig durch die Welt Franziskanische Spiritualität als Begegnungskultur Dr. Johannes Baptist Freyer ofm 10 Reichtum der Schöpfung Leben mit denen, die anders sind Heribert Arens ofm 12 Das Leben ist eine Reise Migration gestern und heute Frank Hartmann ofm 14 Quer durchs Land Migration und Wohnrecht in Brasilien Rodrigo de Castro Amédée Péret ofm 16 Las Patronas Engagierte Frauen am Gleis in Mexiko Frank Hartmann ofm 20 Gelebte Nächstenliebe Migrantenpastoral in Guatemala Gustavo Adolfo Monzón Escobar TSSF 22 Universität »in der Pampa« Franziskaner bieten Alternative zur Landflucht Andrés Pardo Asllani 24 Freiheit und Würde Die Geschichte eines Bootsflüchtlings aus Vietnam Chi Thien Vu ofm 26 Grenzenlose Geschwisterlichkeit »Franziskanisches Netzwerk für Migranten« Daniel Rodríguez Blanco ofm 28 Im Land der 1000 Hügel Hoffnung für Geflüchtete in Ruanda Jean Eric Mutabazi ofm 30 »Kéré« – Hungersnot Migration durch Klimaveränderung in Madagaskar Thomas Kleinveld 32 Begegnung, die verbindet Partnerschaft mit der Frei-Alberto-Schule in São Luís Paul Hegmann, Anna Kurwinkel, Michelle Wortmann 34 Reisebericht 35 Projekt

20 30 24 22 Personalia MARIA ALAIDE MIOR FDC Maria Alaíde Mior FDC wurde am 25. April 80 Jahre alt und gehört seit dem 02. Februar 1969 der Kongregation der Töchter der Göttlichen Liebe an. In Brasilien war sie als Krankenschwester, Kommunitätsoberin, Provinzrätin sowie in der administrativen Leitung des Krankenhauses der Päpstlichen Katholischen Universität (PUC) in Porto Alegre, Bundesstaat Rio Grande do Sul, tätig. Seit Oktober 1998 wirkt sie in Uganda als Krankenschwester, Gründerin und erste Leiterin des MotherFrancisca-Lechner-Gesundheitszentrum in Rushooka. Im Laufe ihres Ordenslebens übernahm sie zahlreiche weitere Aufgaben, unter anderem als Ausbilderin junger Ordensschwestern, als Oberin der Vizeprovinz Barmherziger Jesus in Uganda sowie als Provinzrätin. IVALDO EVANGELISTA MENDONÇA OFM Ende Mai besuchte Ivaldo Evangelista Mendonça ofm die Franziskaner Mission in Dortmund und nahm aktiv am Klosterleben teil. Er gehört der Franziskanerprovinz von Bacabal, Nordostbrasilien, an. Seit vier Jahren lebt und promoviert er in biblischer Theologie an der Päpstlichen Universität Antonianum in Rom, Italien. Seine Forschung konzentriert sich auf das Markusevangelium, insbesondere auf die Heilung des blinden Bartimäus. Diese Szene untersucht er mithilfe der TraumaHermeneutik. Im Juni dieses Jahres kehrt er nach Brasilien zurück, um seine Forschung fortzusetzen und an der Katholischen Fakultät von Piauí zu lehren. GERMAN FAUSTINO TAX OFM Im Mai besuchte Ordensbruder German Faustino Tax die Franziskaner Mission München. Der gebürtige Guatemalteke gehört zur Provinz Unserer Lieben Frau von Guadelupe. Das Gebiet umfasst die Länder Zentralamerikas – von Panama über Costa Rica, Nicaragua, Honduras bis El Salvador und Guatemala. Bruder German ist Geschäftsführer einer Schule seiner Ordensprovinz in Mezquital, Guatemala. Diese Schule ist Lern- und Lebensort für 420 Schülerinnen und Schüler einer von Armut und Gewalt geprägten Region. Die Franziskaner Mission München unterstützt Projekte an der Schule sowie ein Krankenhaus für Bedürftige in Antigua, Guatemala.

Der Anlass für die Flucht und den Aufbruch war oft eine Hungersnot, aber auch manchmal die Suche nach einer neuen Heimat oder der Auftrag Gottes. In der Regel verlassen Menschen nicht ohne Grund und ohne Anlass ihre Heimat, weder in der Bibel noch in der heutigen Zeit. Auch wenn die biblischen Erzählungen schon sehr alt sind, sind sie immer noch aktuell, denn die Probleme der Menschen haben sich eigentlich nicht verändert. So gibt es auch heute viele Menschen, die auf der Flucht sind. Wahrscheinlich mehr als jemals zuvor. Wir brauchen nur Nachrichten zu hören oder die Zeitung aufzuschlagen. Schauen wir uns einige der biblischen Fluchterfahrungen etwas genauer an. Der Weg nach Kanaan Eine der ersten Personen, die sich in der Bibel auf den Weg gemacht hat und aufgebrochen ist, um seine Heimat zu verlassen, ist Abram. Sein Vater Terach beschließt, mit seiner ganzen Familie aus Ur in Chaldäa auszuwandern, um in das Land Kanaan zu gehen. Den Anlass dafür erfahren wir allerdings nicht. Auch nicht, warum sie in Haran – also ungefähr auf halbem Weg – bleiben und sich dort niederlassen. Nach dem Tod seines Vaters Terach erhält Abram von Gott den Auftrag, sein Land, seine Verwandtschaft und sein Vaterhaus zu verlassen – und damit seine ganze Vergangenheit. Gott verbindet diesen Auftrag mit der Verheißung von Land, Nachkommen und Segen. Abram reagiert unverzüglich, bricht mit seiner Familie nach Kanaan auf und siedelt sich dort an. Damit vollendet er sozusagen den ursprünglichen Plan seines Vaters Terach. Nach einer nicht genannten Zeit kommt eine Hungersnot über das Land. Deshalb verlässt Abram Kanaan und zieht mit allem, was zu ihm gehört, nach Ägypten, um sich dort als Fremder niederzulassen. Als die Hungersnot vorbei ist, kehren sie wieder nach Kanaan zurück. Erfolg und Leid Eine Hungersnot ist es auch, die die Söhne Jakobs veranlasst, nach Ägypten zu ziehen, um Getreide zu holen. Sie treffen dort auf ihren Bruder Josef, den sie aus Hass und Eifersucht nach Ägypten verkauft hatten und der beim Pharao sehr angesehen ist. Am Ende ist es Josef, der seine Familie vor dem Verhungern rettet. Sie alle siedeln gemeinsam mit ihrem Vater Jakob nach Ägypten über und lassen sich dort nieder. Ihnen scheint es dort zu gefallen und gut zu gehen. Die Söhne Israels sind sehr fruchtbar und bevölkern das ganze Land. Auch nach dem Tod Jakobs und seiner Söhne bleiben sie dort. Sie haben sich gut integriert, sind fleißig und haben eine neue Heimat gefunden, auch wenn es nicht ihr eigenes Land ist. Aber ihr Erfolg führt auch zur Missgunst beim neuen Pharao und seinem Volk. Die Ägypter haben Angst, dass die Söhne Israels sie aus TEXT: Dr. Johannes Roth ofm | ABB.: Wikimedia Commons, Giotto di Bondone »Flucht nach Ägypten« ihrem Land verdrängen könnten, weil sie so groß und stark sind. Der Pharao beschließt, sie mit schwerer Arbeit unter Druck zu setzen. Aber das macht sie noch stärker und größer. Deshalb macht er sie zu Sklaven und sie werden mehr und mehr unterdrückt. Schließlich ist es Gott, der die Not seines Volkes sieht und beschließt, es aus dem Sklavenhaus Ägyptens zu befreien. Dazu beruft er Mose und beauftragt ihn, mit dem Pharao zu verhandeln. Das ist keine leichte Aufgabe, und der Pharao will das Volk nicht zieIn der Bibel lesen wir im Alten wie auch im Neuen Testament an vielen Stellen und in vielen Büchern von Flucht- und Aufbruchserfahrungen, die Menschen in ihrem Leben gemacht haben – mal gewollt und oft ungewollt. Prominente Beispiele hierfür sind: Abram und Sara (Genesis 11,31–12,20); die Söhne Jakobs beziehungsweise die Brüder Josefs (Genesis 41–46); der Exodus, der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten (Exodus 12,1–18,27); Rut und ihre Schwiegermutter Noomi (Rut 1–4); die Heilige Familie bestehend aus Josef, Maria und Jesus (Matthäus 2,13–15). Diese Liste ließe sich noch verlängern. Am vertrautesten sind uns wahrscheinlich der Exodus und die Flucht der Heiligen Familie, die beide mit Ägypten verbunden sind. Auf fremden Wegen Biblische Fluchterfahrungen 6

hen lassen, weil sein Herz verhärtet ist. So kommt es zum Exodus, zur Herausführung des Volkes Israel aus Ägypten und zur Befreiung aus der Sklaverei durch Gott. Weil das Volk aber immer wieder murrt und sich gegen Mose und Gott auflehnt, dauert die Wanderung durch die Wüste am Ende 40 Jahre – viel länger als ursprünglich gedacht. Mose darf nur vom Berg Nebo aus auf das verheißene Land schauen. Josua, sein Diener und Nachfolger, wird es sein, der nach dem Tod des Mose das Volk über den Jordan in das verheißene Land hineinführt. Verheißenes Land Das Land ist aber nicht leer, sondern es leben viele Menschen dort, und es ist bereits besiedelt. Trotzdem gelingt es dem Volk Israel unter der Führung Josuas in einem spektakulären und gewaltsamen Feldzug, das Land Kanaan zu erobern. Nach biblischer Darstellung werden dabei die einzelnen Städte militärisch eingenommen und die Bevölkerung ausgerottet. Danach werden die eroberten Gebiete unter den Stämmen Israels aufgeteilt und Israel besitzt zum ersten Mal als Volk eigenes Land. Somit erfüllt sich die Landverheißung, die an Abram ergangen ist. Bibel versus Archäologie Die biblische Darstellung des Exodus und auch der Landnahme lässt sich archäologisch nicht bestätigen und damit auch nicht historisch verifizieren. Es gibt weder archäologische Funde noch schriftliche Quellen, außer der Bibel, die einen so großen Menschenzug mit 600.000 Männern – dabei sind die Frauen und Kinder nicht mitgerechnet – bezeugen. Ein solch gewaltiges Ereignis hätte vermutlich zumindest in ägyptischen Quellen einen Niederschlag gefunden, und der 40-jährige Aufenthalt einer so großen Menschengruppe hätte in der Wüste irgendwelche Spuren hinterlassen. Außerdem machen es die archäologischen Befunde eher wahrscheinlich, dass das Volk Israel in einem längeren Prozess der Sesshaftwerdung und Umschichtung entstanden ist und dass es aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die bereits im Land waren und mit denen es zusammengelebt hat, gebildet wurde. Es ist also davon auszugehen, dass es statt einer gewaltsamen Landnahme mit einem großen einheitlichen Feldzug und militärischen Eroberungen wohl eher eine Gründungswelle von Dörfern zwischen den Stadtstaaten Kanaans und dem bis dahin wenig besiedelten judäisch-samaritanischen Gebirge gab. Somit entsteht das Volk Israel in und aus Kanaan. Die Posaunen vor Jericho waren demzufolge eher leise, melodisch und friedvoll. In den biblischen Fluchterzählungen machen Menschen immer wieder die Erfahrung, dass Gott ihr Leid sieht und hört und dass es andere Menschen gibt, die sie bei sich aufnehmen und ihnen helfen. Diese Erzählungen plädieren unabhängig von den archäologischen Befunden für eine gesellschaftliche Solidargemeinschaft. Menschliche Solidarität soll keine ethnischen Grenzen kennen. Und sie ist auch nicht durch gesellschaftliche Normen begrenzt, denn in ihr verwirklicht sich Gottes Handeln in dieser Welt. Der Autor Johannes Roth, Doktor der Theologie und Diplom-Pädagoge, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Exegese des Alten Testaments an der PhilosophischTheologischen Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main, sowie Seelsorger und VizeKommissar des Heiligen Landes der Deutschen Franziskanerprovinz. Er lebt im Konvent in Düsseldorf. 7

Die Lebensgeschichte des heiligen Franziskus von Assisi ist eng mit dem Thema der Heimatlosigkeit verbunden. Er selbst beschreibt seine Abkehr von seiner Beheimatung in der bürgerlichen Welt seines Elternhauses als einen bewussten Schritt in ein Leben ohne materielle Sicherheit. Friedfertig durch die Welt Franziskanische Spiritualität als Begegnungskultur TEXT: Dr. Johannes Baptist Freyer ofm | FOTO: Deutsche Franziskanerprovinz In seinem Testament schreibt er im Anschluss an seine Begegnung mit dem Aussätzigen: »Und danach verließ ich diese Welt« – eine Welt, die ihm durch die Enge der Stadtmauern und gesellschaftliche Zwänge und die Erwartungen seines Vaters keine wahre Heimat bot. Stattdessen wählte er ein Leben als Pilger und Fremdling, das ihn in die Nähe derer brachte, die ebenfalls keine Beheimatung hatten: der Armen, der Bettler und der Ausgegrenzten. Diese Haltung des heiligen Franziskus bietet heute eine wertvolle Perspektive für die Auseinandersetzung mit den Themen Migration und Flucht. Seine Spiritualität der Heimatlosigkeit und der Solidarität mit den »Unbehausten« kann als Inspiration dienen, um die Herausforderungen der modernen Migrationsbewegungen zu verstehen und zu bewältigen. Die Ausgegrenzten Franziskus’ Entscheidung, alle Besitzansprüche aufzugeben und sich in aller Öffentlichkeit als »nackt und heimatlos« zu bezeichnen, war nicht nur ein radikaler Akt der Armut, sondern auch ein bewusster Schritt in die Solidarität mit den Marginalisierten seiner Zeit. Er erkannte, dass Jesus Christus selbst als Fremdling in diese Welt kam – »weil es keinen Platz in der Herberge hatte« (Lk 2,7). Diese Identifikation mit den Heimatlosen und Ausgegrenzten prägte sein ganzes Leben und das seiner Brüder. Für Franziskus und seine Gefährten wurde die Erfahrung der Heimatlosigkeit zu einer neuen Lebensform. Sie lebten als »Pilger und Fremdlinge in dieser Welt« (BR 6,1), ohne Besitz und ohne feste Bleibe, angewiesen auf den guten Willen, die Hilfsbereitschaft und die Freundschaft von ihnen wohlgesonnenen Menschen. Doch gerade in dieser scheinbaren Unsicherheit fanden sie eine neue Art von Geborgenheit: in der Geschwisterlichkeit. Die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern wurde zu einem Ort der Sicherheit und des Vertrauens, der nicht an materielle Besitzverhältnisse gebunden war. Pilgersein als Haltung Die Lebensform, Regel und Spiritualität der Minderbrüder, deren erste Generationen im wahrsten Sinne des Wortes »Itineranten« (»wandernde Brüder«) waren, betont auch den Transitus – das Hinübergehen, das Unterwegssein. Die franziskanischen Quellen beschreiben diese Haltung mit dem für die franziskanische Spiritualität wichtig werdenden lateinischen Wort transire, transeo, transitus (hinübergehen, überqueren, vorbeiziehen). Das Wort bringt zum Ausdruck, dass die Welt als Durchgang, nicht als Heimat verstanden werden soll, denn das Leben des gläubigen Christen ist ein fortwährender Transitus. Als Wanderprediger, die das Evangelium verkünden, verstehen sich die ersten Brüder mit Franziskus allerdings nicht als ungeborgene Vagabunden, vielmehr erschließt sich ihnen die zeitgenössisch verbreitete Frömmigkeit des Pilgerseins auf neue Weise. Als Pilger und Fremdlinge in dieser Welt wollte Franziskus, dass die Brüder unter fremdem Dach wohnen, friedfertig durch die Welt gehen und Verlangen nach dem eigentlichen Vaterland tragen. Die Welt wird nicht als endgültige Heimat verstanden, sondern als ein Durchgangsort auf dem Weg zu einer höheren Bestimmung. Dennoch ist diese Haltung des Pilgerseins nicht weltflüchtig. Wie der Text des nach dem Tode von Franziskus entstandenen Mysterienspiels »Sacrum Commercium – Der Bund des Heiligen Franziskus mit der Herrin Armut« berichtet, verstanden die Brüder die ganze Welt als ihr Kloster. Folglich war die Haltung des Transitus keine Weltflucht, sondern folgte in den Fußspuren Jesu dessen Inkarnation in der Welt. Die Lebensgestaltung als Itineranten in der Welt bewegte die Brüder und Schwestern aber, die bestehende Ordnung kritisch zu hinterfragen und sich für die Verwirklichung der Werte des Evangeliums einzusetzen. Franziskus und seine Brüder sahen sich als »Pilger, die nach den für Pilger geltenden Gesetzen lebten« (2C 59). Das bedeutete, friedfertig durch die Welt zu ziehen und sich für die wahre »Heimat» – das Reich Gottes – zu engagieren. Diese Vision einer zukünftigen Heimat, die in der Gerechtigkeit, im Frieden und in der Verbundenheit mit der ganzen Schöpfung verwirklicht wird, ist auch heute noch relevant. Sie erinnert uns daran, dass wahre Heimat nicht in Besitz oder geografischen Grenzen liegt, sondern in der Gemeinschaft und der Solidarität mit allen Menschen und Geschöpfen, wie sie von Jesus Christus vorgelebt wurde. Geschwisterlichkeit Die Antwort der Brüder auf die Frage, wo denn nun ihr Kloster sei, »das ist unser Kloster« – und dabei auf die ganze Welt (SC 63) zeigend, unterstreicht die Vision einer universalen Geschwisterlichkeit, die alle Menschen einschließt, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Status. Für Franziskus war die ganze Welt ein Ort der Beheimatung, 8

weil sie von Gott geschaffen und geliebt ist. Diese Haltung hat heute eine besondere Bedeutung im Kontext von Migration und Flucht. In einer Zeit, in der Millionen von Menschen auf der Suche nach Sicherheit und einer neuen Heimat sind, erinnert uns die franziskanische Tradition daran, dass wahre Geborgenheit nicht in Mauern oder Grenzen liegt, sondern in der Bereitschaft, den anderen als Schwester oder Bruder anzunehmen. Die Solidarität mit Migranten und Flüchtlingen ist daher nicht nur eine humanitäre Pflicht, sondern auch eine spirituelle Herausforderung, die uns auffordert, unsere eigene Haltung zur Heimat und zum Fremdsein zu überdenken. Kultur der Solidarität Die Spiritualität des heiligen Franziskus zeigt uns, dass Heimatlosigkeit anderer für uns nicht eine Last sein muss, sondern auch eine Chance sein kann – eine Chance, die eigene Perspektive zu erweitern und sich für eine Welt einzusetzen, in der alle Menschen einen Platz haben. Die von Franziskus angestrebte Lebensform der Armut, der Geschwisterlichkeit und des Pilgerseins, die nicht nur von Ordensbrüdern und Ordensschwestern im engeren Sinne, sondern auch von vielen »Weltleuten« angenommen wurde, ist eine Einladung, die Herausforderungen der Migration nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit zur Begegnung und zum gemeinsamen Aufbau einer neuen, inklusiven Heimat zu verstehen. In einer Zeit, in der die Fragen nach Zugehörigkeit und Heimat drängender denn je sind, kann die franziskanische Tradition uns helfen, eine Kultur der Solidarität und der offenen Türen zu entwickeln. Denn wie uns die franziskanische Spiritualität lehrt, ist »die ganze Welt unser Kloster« – ein Ort, an dem wir alle als Geschwister zusammenleben und uns gegenseitig Beheimatung schenken können, ohne dabei aus dem Auge zu verlieren, dass diese Welt nicht das endgültige Zuhause darstellt. Wandgemälde aus dem Kloster La Verna, Italien Der Autor Johannes Baptist Freyer gehört seit 1977 dem Franziskanerorden an. Momentan ist er Gastprofessor an der franziskanischtheologischen Fakultät der Universität von San Diego, Kalifornien / USA, sowie Mitglied der Leitungsgruppe (Definitorium) der Deutschen Franziskanerprovinz und Hausoberer der Gemeinschaft in Dorsten. 9

Reichtum der Schöpfung Leben mit denen, die anders sind Wohin Sie auch schauen, liebe Leserinnen und Leser, Sie werden keinen Menschen entdecken, der wie Sie ist. Jeder ist anders! Jeder ist einmalig. Je weiter weg Sie schauen, desto deutlicher nehmen Sie das wahr: Ein Bayer ist anders als ich Norddeutscher, erst recht ein Afrikaner oder Asiate. Jeder ist anders. Selbst wenn Sie in Ihre engste Umgebung schauen, keiner ist wie Sie: Ihre Tochter, Ihr Sohn, Ihre Mutter, Ihr Vater, Ihre Frau, Ihr Mann – jeder ist einmalig und darum anders als Sie, selbst wenn Sie sich gleichen. Das Anderssein ist geradezu die Voraussetzung, dass ich lebe. Wäre meine Mutter nicht eine Frau, mein Vater nicht ein Mann, es gäbe mich nicht. Wie geht es Ihnen mit dem Anderssein der anderen? Wie können Sie damit leben, dass es nichts auf dieser Welt gibt, das wie Sie ist: keinen Menschen und erst recht kein anderes Geschöpf? Wie können Sie damit leben, dass selbst Menschen, die Ihnen ganz vertraut sind, immer noch etwas Fremdes und Geheimnisvolles behalten? Manche erleben das als Bedrohung, die Aggression weckt oder sie auf Distanz gehen lässt. Andere sind geradezu fasziniert, fremde Menschen und Bräuche kennenzulernen; sie legen weite Strecken zurück, um andere Länder und Kulturen zu erleben; sie gehe zum Italiener, um zu 10

Der Autor Heribert Arens war Dozent für Homiletik am Priesterseminar Paderborn, Provinzial der damaligen sächsischen Franziskanerprovinz und lebt seit 2020 im Franziskanerkloster Dorsten. essen, oder zum Chinesen, sie sind kontaktfreudig, wenn ein Fremder – vielleicht sogar mit anderer Hautfarbe – auftaucht. Wie geht es Ihnen mit dem Anderssein des anderen? Mich erfreut diese Vielgestaltigkeit, auch wenn mir ab und zu der Atem stockt, auch wenn ich oft erst über eine Schwelle muss. Ich bin fasziniert vom Ideenreichtum des Schöpfers. Wie kriegt der das bloß hin, frage ich mich: Kein Gesicht wie das andere, kein Charakter wie der andere: jeder einmalig! Und ich staune mit dem Apostel Paulus: »O Tiefe des Reichtums und der Weisheit Gottes. Aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Alles gereicht zur Ehre.« (Röm 11,33+36, frei übersetzt) 11

Aufgrund von Jahrtausenden der Migration leben Menschen heute überall auf der Welt und fühlen sich in allen Ländern zuhause. Migration ist eher normal als außergewöhnlich. Aber in heutigen Zeiten wird das Thema oft politisch instrumentalisiert. Das Leben ist eine Reise Migration gestern und heute TEXT: Frank Hartmann ofm | FOTO: Macela Villalobos Cid Migration ist nichts Neues. Migration ist wesentlicher Bestandteil unserer Menschheitsgeschichte. Alle heutigen Menschen, so sagen viele Wissenschaftler, besäßen sogar noch die DNA von Vorfahren, die vor etwa 200.000 Jahren im südlichen Afrika lebten. Die Geschichte der Migration beginnt buchstäblich »bei Adam und Eva« und mit deren Vertreibung aus dem Paradies. Einige Sprünge durch die Zeit: Vor rund 48.000 Jahren erreicht »homo sapiens« Europa und vor 20.000 Jahren Nordamerika. Eine kleine Gruppe Israeliten flüchtet vor 3.000 Jahren aus Ägypten. Im Römischen Reich vermischen sich Kulturen aus ganz Europa, dem Balkan und Nahen Osten bis nach Nordafrika. Im achten nachchristlichen Jahrhundert erobern Muslime aus Syrien die iberische Halbinsel. Einige Jahrhunderte später teilen Spanien und Portugal Südamerika unter sich auf. Europäische Invasoren kolonisieren Nordamerika. Mindestens zwölf Millionen Afrikaner werden dorthin zur Sklavenarbeit zwangsmigriert. Während der Französischen Revolution fliehen Tausende vor der Gewalt ins Ausland. Seit dem 19. Jahrhundert wandern Menschen aus Asien in die USA aus. Ende des gleichen Jahrhunderts »exportiert« Japan Arbeitsmigranten nach Taiwan, Indonesien und Brasilien. Zwischen 1850 und 1950 verlassen 55 Millionen Menschen Europa, um sich in den USA, Kanada oder Südamerika niederzulassen. Zwei Weltkriege ziehen mörderische Vertreibungen nach sich. 1937 fliehen 100 Millionen Chinesen vor den japanischen Truppen. Seit über 40 Jahren fliehen Menschen vor den Taliban aus Afghanistan. 2015 kommt etwas mehr als eine Million Geflüchtete vorwiegend aus Syrien nach Europa. Etwa die gleiche Zahl Menschen aus der Ukraine sucht derzeit Schutz in Deutschland. Unterwegs statt sesshaft Migration, freiwillig oder erzwungen, ist weder etwas Außergewöhnliches noch ein Problem. Es ist der Normalzustand in der Menschheitsgeschichte – überall auf der Welt und zu allen Zeiten. Globalisierung ist keine Erfindung der Neuzeit. Forschende und Vertriebene, Auswanderer, Schutzsuchende,

Kolonialherren, Missionare, Siedler, verschleppte Sklaven, Abenteurer, Soldaten, osteuropäische Erntehelfer, Arbeitsmigranten: Ihre Geschichte, Sprachen und Kulturen, Religionen und Weltanschauungen prägen – nicht immer konfliktfrei – die Welt. Aus christlicher Perspektive bemerkenswert: Ohne die christlichen Missionare – allesamt Migranten aus Irland oder Schottland – gäbe es in Deutschland und den Nachbarländern kein Christentum. Migration und Mission gehören zusammen. Im Sprachgebrauch der Vereinten Nationen gilt als »Migrant«, wer länger als ein Jahr seinen gewöhnlichen Wohnsitz verlässt. Dabei müssen sprachliche, kulturelle und soziale Grenzen überschritten werden. Das müssen nicht unbedingt Staatsgrenzen sein. Auch eine indische Familie, die von ihrer im Norden gelegenen Heimatstadt Delhi 2.500 Kilometer Wegstrecke zu ihrem neuen Lebensort Kerala im Süden Indiens auf sich nimmt, gilt als migrierend. Doch meist wird »Migration« mit der Überschreitung von Landesgrenzen verbunden. Und in dieser Umschreibung haben die meisten Menschen Migrationshintergrund – Der Autor Frank Hartmann ist Guardian im Franziskanerkloster in Dortmund und Seelsorger im Pastoralen Raum Dortmund-Mitte. Von 2022 bis 2025 arbeitete er in der Herberge »Santo Hermano Pedro« für Migrierende in Mezquital, Guatemala. von Papst Leo XIV. bis zu der aus dem Kongo geflüchteten Familie. Derzeit befinden sich nach Schätzungen rund 300 Millionen Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder außerhalb ihres Heimatlandes auf der Suche nach einem neuen Zuhause – einem sicheren Ort, an dem sie bleiben dürfen. Das entspricht den durch die Geschichte hindurch konstanten drei bis vier Prozent der Weltbevölkerung. Die Gründe für eine Aus- und Einwanderung sind vielfältig. Es gibt nicht den einen Grund, der Einzelne, Familien und oft auch ganze Volksgruppen in Migration bringt. Wenn Menschen ihr Zuhause verlassen, liegt es meist an nicht mehr auszuhaltenden Lebensbedingungen. In der Heimat gibt es keine oder nur unzureichende Arbeit, um eine Familie zu ernähren. Gleichzeitig locken höhere Löhne, bessere Arbeits- und Lebensbedingungen Menschen in andere Weltgegenden. In vielen Ländern droht Verfolgung aus politischen oder religiösen Gründen. In den zentralamerikanischen Ländern El Salvador, Nicaragua und Guatemala flohen zwischen 1960 und 1990 Hunderttausende vor Bürgerkrieg und Revolutionen. Heute suchen sie weiterhin Schutz vor Gewalt – ausgeübt durch kriminelle Banden und/oder diktatorische Regime. Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, vertreiben viele Großprojekte Menschen aus ihren Lebensorten. Für den Bau des 2025 eingeweihten Nil-Staudamms in Äthiopien mussten 16.000 Menschen ihre Dörfer verlassen. Der neue Flughafen in Peking kostete 20.000 Menschen ihre angestammte Umgebung. Jahr für Jahr werden Millionen Menschen für solche und andere Projekte aus ihren Dörfern und Städten, aus ihren Hütten und Behausungen vertrieben. Umgang mit Migranten Fast klischeehaft werden »Migranten« als Arme geschildert, ohne Ausbildung. Doch die Ärmsten der Armen können nur von einem Weggang aus ihrem albtraumhaften Leben träumen. Ihnen fehlen sämtlich notwendige Mittel. Sie haben kein Haus, das sie verkaufen und damit die Reise finanzieren könnten. Sie sind nicht in der Lage, einen bis zu 20.000 Euro teuren Platz im Schlauchboot zu kaufen. Sie können sich keinen Schlepper leisten, der sie durch den gefährlichen Darien-Dschungel von Kolumbien nach Panama bringt. Sie stehen ohnmächtig vor Polizisten, die ihnen drohen, ihre Papiere zu zerreißen, wenn sie kein Schutzgeld zahlen. »Migration« ist nicht unbedingt identisch mit moderner »Mobilität«. Migration ist lebensgefährlich und sehr kostspielig. In seiner Botschaft zum Welttag des Migranten und des Flüchtlings 2018 benannte der damalige Papst Franziskus klar seine Haltung: »Jeder Fremde, der an unsere Tür klopft, gibt uns eine Gelegenheit zur Begegnung mit Jesus Christus, der sich mit dem aufgenommenen oder abgelehnten Gast jeder Zeitepoche identifiziert (vgl. Mt 25,35.43). […] Diesbezüglich möchte ich erneut bekräftigen, dass man unsere gemeinsame Antwort in vier Verben gemäß den Grundsätzen der Lehre der Kirche aufgliedern könnte: aufnehmen, schützen, fördern und integrieren.« (dbk.de) Konkret geschieht dies auf vielfältige Weise: Das Engagement reicht von solidarischer Gastfreundschaft in Herbergen und Unterkünften über psychologische und medizinische Betreuung bis hin zur Interessenvertretung von Migrierenden bei der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen sowie zu lokalem kirchlichen und politischen Engagement. Dabei müssen wir genau hinschauen und fragen, wer aus welchen Gründen ein Migrant ist und wer tatsächlich unsere Hilfe braucht. So wird Unterstützung nicht nur praktisch geleistet, sondern auch gesellschaftlich und politisch sichtbar gemacht. 12 | 13

Seit Jahrzehnten vollzieht sich die Binnenmigration in Brasilien vor allem von Nordosten nach Südosten, insbesondere nach São Paulo und Rio de Janeiro. Sie ist angetrieben durch die Industrialisierung und die Suche nach Arbeit. Obwohl die Mehrheit der Binnenmigranten nach wie vor aus dem Nordosten stammt und im Südosten bleibt, verändert sich dieses Muster zunehmend: Andere Bundesstaaten ziehen die Bevölkerung an, traditionelle Regionen verlieren Einwohner, und die Rückwanderung nimmt zu – geprägt durch den Wiederaufbau von Bindungen an die Herkunftsorte. Diese Binnenmigrationsbewegungen nehmen unterschiedliche Formen an: Landflucht, Pendlerverkehr zwischen Städten und saisonale Wanderungen im Zusammenhang mit Arbeit in der Landwirtschaft. In den letzten Jahren hat auch der Klimawandel Migrationsbewegungen verstärkt, da Dürren, Überschwemmungen und extreme Wetterereignisse die Bevölkerung zur Flucht zwingen und Migration so zunehmend zu einer Reaktion auf die Umweltkrise wird. »Heilige Rechte« Trotz aller Unterschiede laufen die Wege all dieser Menschen auf das Streben nach einem besseren Leben hinaus. Doch sie stoßen auf Hindernisse, vor allem beim Zugang zu Wohnraum. In den brasilianischen Städten sehen sich Binnenmigranten mit hohen Brasilien ist ein Land in Bewegung. Die Wege, die seine Bevölkerung geht, beschränken sich nicht auf die geografischen Grenzen. Sie sind vor allem innerhalb des Landes selbst. Millionen von Menschen durchqueren das eigene Land auf der Suche nach einem würdigen Leben. Laut der Volkszählung von 2022 leben etwa 19,2 Millionen Menschen (von insgesamt 215,3 Millionen Einwohnern) außerhalb ihrer Geburtsregion. Darüber hinaus wohnen etwa 29 Millionen in anderen Bundesstaaten als denen, in denen sie geboren wurden. Diese Zahlen zeigen mehr als nur Wanderungsbewegungen. Sie zeigen Lebenswege, die von Hoffnung geprägt sind. Quer durchs Land Migration und Wohnrecht in Brasilien TEXT: Rodrigo de Castro Amédée Péret ofm | FOTOS: Franziskaner Mission Mieten und unzureichenden staatlichen Hilfen konfrontiert. Dies führt zu einer Zunahme von prekären Wohnverhältnissen in Slums oder Vororten von Großstädten ohne ein Minimum an Infrastruktur: Es gibt weder Abwassersysteme noch eine Stromversorgung oder asphaltierte Straßen, geschweige denn Zugang zu Schulbildung oder Gesundheitsvorsorge. Die Stadt, die eigentlich Aufnahme bieten sollte, grenzt aus. Gleichzeitig wird Land zur Ware, und Spekulationen verschärfen die Ungleichheiten. Angesichts dieser Realität ist es von entscheidender Bedeutung anzuerkennen, dass Migranten Opfer eines ungerechten Systems sind. Aber sie sind auch Akteure ihrer eigenen Geschichte. Migration erfordert Mut, Entschlossenheit und die Fähigkeit, sich neu zu orientieren. Bei ihrer Ankunft in den Städten organisieren sich viele Binnenmigranten zu einer Gemeinschaft. Sie bauen Unterstützungsnetzwerke auf, entwickeln Alternativen zur vorhandenen Situation und kämpfen für ihre Rechte. In verschiedenen Regionen Brasiliens entstehen Initiativen direkt durch die Betroffenen. Hervorzuheben sind Wohnungsbewegungen wie die »Bewegung der obdachlosen Arbeiter« (MTST – Movimento dos Trabalhadores sem Teto), die Familien ohne Zugang zu angemessenem Wohnraum helfen. Sie besetzen brachliegende Grundstücke, üben Druck auf die Behörden aus und kämpfen für eine andere Wohnungspolitik. Und sie tun mehr als nur zu protestieren: Sie bauen Räume auf mit Gemeinschaftsküchen, Bildungsräumen und mit Platz für gegenseitige Fürsorge in den von ihnen besetzten Gebieten. Ein zentraler Bestandteil dieser Initiativen ist die »Mutirão«. Dabei handelt es sich um Arbeiten, die gemeinsam geleistet werden. Familien schließen sich zusammen, um ihre eigenen Häuser zu bauen. Gleichzeitig knüpfen sie Bande der Solidarität. Die »Mutirão« ist nicht nur eine praktische Lösung. Sie verkörpert eine Vision von Gesellschaft, die auf Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe basiert. In diesem Prozess bleiben Binnenmigranten nicht länger unsichtbar. Sie werden zu Protagonisten ihres Kampfes um Land, Obdach und Arbeit. Dieses Streben nach Würde wird aktiv und bewusst vollzogen: Migranten und Binnenmigranten verstehen sich als Menschen mit Rechten, organisieren sich, erheben Forderungen und ebnen neue Wege. Diese Sichtweise findet ihren Widerhall in den Lehren von Papst Franziskus, der Land, Obdach und Arbeit als »heilige Rechte« definiert und zudem das Recht verteidigt, nicht migrieren zu müssen, also in Würde im eigenen Land bleiben zu können. Kampf um Würde In diesem Umfeld ist die katholische Kirche in Brasilien präsent. Eines ihrer zentralen Instrumente ist der 1985 gegründete Seelsorgedienst für Migranten und 14

Binnenmigranten. Er begleitet Menschen auf der Flucht durch Maßnahmen zur Aufnahme, zur Verteidigung ihrer Rechte und zur Integration. Der Dienst vereint Glauben und soziales Engagement. Zu den Initiativen des Seelsorgedienstes zählt insbesondere die »Woche der (Binnen-)Migranten«, die jährlich im ganzen Land stattfindet. Im Jahr 2025 feierte sie ihr 40-jähriges Bestehen unter dem Motto »Migration und Hoffnung« und erkannte Migration als einen menschlichen und spirituellen Weg an, der von Träumen angetrieben wird. Die 41. Ausgabe vom 14. bis 21. Juni 2026 stand unter dem Thema »Migration und Wohnen« und dem Motto »Ich habe keinen Platz zum Wohnen!«. Sie machte damit auf die Wohnungskrise aufmerksam, die Migranten durch hohe Mieten in Randgebiete drängt und sogar zum Leben auf der Straße zwingt. Der Mangel an menschenwürdigem Wohnraum wird so nicht nur zu einem sozialen Problem, sondern zu einer Verweigerung der Menschenwürde. Die Migrantenwoche orientiert sich an den vier von Papst Franziskus vorgeschlagenen Schwerpunkten – aufnehmen, schützen, fördern und integrieren – und umfasst Feierlichkeiten, Fortbildungen, Kulturfestivals, Räume für den Dialog und konkrete Solidaritätsaktionen unter Beteiligung von vielen Gemeinschaften und Organisationen. Es werden vier Schritte zusammengefasst: die Realität sehen, sie durch den Glauben erhellen, die Hoffnung feiern und handeln, um ungerechte Strukturen zu verändern. Dabei wird nicht nur Hilfe geleistet, sondern auch Gerechtigkeit gefördert. Auch Leser in Deutschland kennen Situationen der Migration. Viele Migrationsschicksale stehen im Zusammenhang mit globalen Herausforderungen. Migration, Ungleichheit und Wohnungsnot sind Themen, die überall auf der Welt aktuell sind. Gleichzeitig zeigt Brasilien, wie stark die Organisation der Bevölkerung und der Gemeinschaften ist. Aus christlicher Sicht gewinnt diese Realität an Tiefe. Auch Jesus war ein Migrant und erlebte die eigene Verletzlichkeit. In den Evangelien sagt er, er habe keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen könne (Mt 8,20). Wer also Menschen die Unterkunft verweigert, verweigert Christus selbst den Raum. Diese Überzeugung prägt das pastorale Handeln. Inspiriert von der Spiritualität des heiligen Franziskus von Assisi begleitet die Kirche die Migranten auf ihrem Weg. Auch Franziskus ging einen Weg des Übergangs und der Verwandlung: Er gab seine Privilegien auf, überschritt soziale Grenzen und entschied sich, an der Seite der Armen und Ausgegrenzten zu gehen. In der franziskanischen Tradition wird sein Tod als »Übergang des heiligen Franziskus« bezeichnet: nicht nur ein von Trauer geprägtes Ende, sondern ein Übergang zum vollen Leben in Gott, gefeiert mit Hoffnung, Wiedersehen und Vertrauen. Die Vorstellung dieses Transitus hilft auch, die Erfahrung der Migranten und Binnenmigranten zu verdeutlichen. Ihre Wege sind geprägt von Unsicherheiten, Abschieden und Schwierigkeiten, aber auch von Hoffnung, Neuanfang und der Suche nach einem würdigen Leben. Migrieren bedeutet, geografische, soziale und menschliche Grenzen zu überschreiten und dabei Träume, Erinnerungen und den Wunsch nach einer besseren Zukunft im Gepäck zu tragen. Wie beim Transitus von Franziskus geht es nicht nur darum, etwas hinter sich zu lassen, sondern auf das Leben zuzugehen. Im Geiste des heiligen Franziskus sind alle Menschen Brüder und Schwestern. Migranten sind keine Zahlen, sondern lebendige Geschichten. Die Kirche in Brasilien begleitet sie auf ihrem Weg und erkennt die aktive Rolle der Migranten an. Die Menschen zeigen, dass Hoffnung im Kampf um Würde entsteht. Offene Wege Diese Wege, die durch Brasilien führen, bleiben offen. Sie sind voller Schmerz, aber auch voller Hoffnung. Es sind Wege des Durchgangs, der Überquerung und der Suche nach einem erfüllten Leben. Angesichts dessen stellt sich eine wesentliche Frage: Wird es Platz für alle geben? Die Antwort hängt von kollektiven Entscheidungen und dem Aufbau gerechterer Städte ab. Sie hängt auch davon ab, jeden Migranten als Mensch mit Rechten und als Protagonisten seiner eigenen Geschichte anzuerkennen. Der Autor Rodrigo de Castro Amédée Péret ist Franziskaner und engagiert sich im franziskanischen Dienst für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Seit einigen Jahren konzentriert er sich vor allem auf das Thema Bergbau in Brasilien und weltweit. Übersetzung aus dem Portugiesischen: Márcia Santos Sant’Ana Das Wachstum der Favelas in Großstädten hängt mit der mangelnden Versorgung der Bevölkerung zusammen, die vom Land in die Stadt gezogen ist. 15

Eine zierliche Frau mit gütigem Blick begrüßt uns unter der Veranda ihres bescheidenen Hauses. Sie sitzt im Rollstuhl. Doña Eleonore, 88 Jahre alt, lud Joaquín Garay und mich zu sich nach Hause ein, um ihren Hausaltar zu segnen. Sie wohnt in La Patrona de Guadalupe, 400 Kilometer östlich von Mexiko-City. Las Patronas Engagierte Frauen am Gleis in Mexiko Zahlreiche Mariendarstellungen und Heiligenfiguren stehen zwischen brennenden Kerzen auf einem großen Tisch an der Wand. Mit jedem dieser Andachtsgegenstände verbindet die alte Dame eine persönliche Geschichte. Nach dem gemeinsamen Gebet und Segen beginnt sie mit brüchiger, aber fester Stimme zu erzählen: »Das hier ist mein Elternhaus. Hier bin ich und hier sind auch unsere fünf Kinder aufgewachsen. Hier begann auch unser Projekt: Als vor rund 30 Jahren immer mehr Menschen auf den Zügen saßen, hat mich das nicht mehr losgelassen.« Das Projekt, das sind »Las Patronas«: Frauen, die Flüchtlingen Essen und Trinken bringen. Die Flüchtlinge nutzen zur Flucht die schweren Güterzüge – im Volksmund »La Bestia«, das Ungeheuer, genannt. Die Züge donnern keine 50 Meter von Doña Eleonores Haus entfernt vorbei. Auf ihnen hockten, zumindest bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie, dicht gedrängt meist junge Männer. Sie alle hatten nur ein einziges Ziel: Möglichst schnell die US-amerikanische Grenze zu erreichen, weg von Armut und Gewalt ihres jeweiligen Heimatlandes. Essen für Migrierende Doch seit etwa zwei Jahren hat sich die Situation drastisch verändert. Viele Güterzüge nehmen heute einen anderen Weg. Durch La Patrona kommen jetzt nur noch in der Frühe ein oder zwei Züge vorbei, abends höchstens einer. Manches Mal stehen die Helferinnen vergeblich am Gleis, kein Mensch ist auf dem Zug zu sehen. Der Grund dafür ist erschütternd: Während in den letzten Jahrzehnten vorwiegend junge Männer ihre Heimat verließen, sind nun zunehmend ganze Familien unterwegs. Für Minderjährige und Kleinkinder ist die gefährliche Fahrt auf dem Dach der »Bestie« jedoch schlicht unmöglich. Sie weichen auf skrupellose Schleuserbanden aus, die sie per LKW – dicht gedrängt im Dunkel der Ladefläche – auf der Straße befördern. Doch die Gefahren bleiben bestehen: Im Inneren der Trucks ist es entweder drückend heiß oder lebensgefährlich kalt, wenn die Kühlung läuft. Manchmal werden die Trucks verlassen am Straßenrand aufgefunden – im Innenraum Frauen, Männer und Kinder kurz vor dem Ersticken oder bereits tot. Doña Eleonore erinnert sich an die Anfänge ihres Wirkens: »Als unsere Kinder in der Schule waren, habe ich Brot, Bohnen und Reis in Beutel gepackt. Damit sind wir dann am Nachmittag und Abend an das Gleis gegangen und haben es den Menschen auf der Bestie gereicht.« Das war in den 1980er Jahren – der Beginn des bis heute fast ausschließlich von Frauen getragenen Projektes »Las Patronas«. Dabei ist der Name bereits TEXT UND FOTOS: Frank Hartmann ofm vielsagend und mehrdeutig. »Las Patronas«, das sind die Einwohner des rund 400 Kilometer östlich von Mexiko-City gelegenen Ortes La Patrona de Guadalupe, benannt nach Maria, der Mutter Jesu, der Schutzpatronin Mexikos. Heute wird die Initiative von Norma Gonzales, der Tochter Doña Eleonores, geleitet. Zusammen mit ihrer Schwester Bernadina sowie mit Julia, Viki, Tita und Uriel – dem einzigen Mann im Team – leisten sie diesen Dienst. Sie alle arbeiten ehrenamtlich, manche sind Tag für Tag von morgens bis abends vor Ort. Es ist faszinierend, mit welcher Hingabe und Leidenschaft sie ihre Arbeit verrichten. Sie packen Brötchen, Kekse und was gerade gespendet wurde in weiße Plastiktüten mit dem Aufdruck: »Las Patronas, defensoras de la dignidad del migrante« (»Verteidigerinnen der Würde des Las Patronas rund um Leonila Vásquez Alvizat, freundschaftlich Doña Eleonore genannt (links vorne im Rollstuhl) 16

TEXT ZUR MITTELSEITE »Das Gleis, an dem sich Mut und Liebe verbinden.« (Titel der Wandmalerei) Der baskische Künstler Manuel Solis Leire Aranburu, geboren 1992, erinnert in seinem Wandgemälde im Innenhof der Einrichtung »Las Patronas« an dessen Gründerin Doña Eleonora. Aus ihren Händen gibt sie Mais, das wichtigste Grundnahrungsmittel der Region, und Liebe. Der Güterzug »La Bestia« (Die Bestie), mit den Nationalflaggen vieler Länder Zentral- und Lateinamerikas, steht für Hoffnung und Verzweiflung zugleich. Tausende Migrantinnen und Migranten reisen auf seinen Dächern durch Mexiko Richtung USA. Der Maler widmet sein Bild Kelvin, einem jungen Migranten, der auf der Fahrt tödlich verunglückte. »La Bestia« nahm ihm das Leben. Der Autor Frank Hartmann ist Guardian im Franziskanerkloster in Dortmund und Seelsorger im Pastoralen Raum Dortmund-Mitte. Von 2022 bis 2025 arbeitete er in der Herberge »Santo Hermano Pedro« für Migrierende in Mezquital, Guatemala. Migranten«). Daneben prangt die Silhouette einer Friedenstaube. Jeden Morgen überprüfen sie den Inhalt der Tüten streng: »Würde ich selbst essen, was da drin ist?«, lautet das Kriterium. Brötchen mit dem kleinsten Ansatz von Schimmel werden konsequent aussortiert. Die Frauen binden zudem jeweils zwei Plastikflaschen Wasser aneinander, die sie später auf einer Schubkarre ans Gleis fahren. Verteidiger der Würde Mich beeindruckt ihre tiefe Motivation. »Wir konnten doch Gott nicht die Tür verschließen«, sagt Norma Gonzales auf die Frage nach dem Umgang mit dem Lockdown während der CoronaKrise. Aus ihrem Mund klingt das absolut glaubhaft und bodenständig. »Wäre das, was wir hier tun, nicht von Gott, wären wir längst am Ende«, so ihre Überzeugung. Es hat nicht die geringste Spur von Überheblichkeit, wenn sie das sagt. In ihren Worten benennt die gläubige Christin ihren Beweggrund: »Auch die Menschen auf den Zügen sind unsere Schwestern und Brüder. Wir geben ihnen nur etwas zu essen und zu trinken. Das ist doch das Evangelium, oder?« Dabei stieß ihr Einsatz anfangs nicht überall auf Gegenliebe. Nachbarn beschimpften sie früher, wie sie denn »dieses Pack« auch noch unterstützen könnten. Heute ist es friedlicher geworden. Norma Gonzales wird mittlerweile zu Vorträgen weltweit eingeladen – von der Päpstlichen Gregoriana-Universität in Rom bis zur Harvard-University in den USA. Und andererseits sucht Norma Helfende. Sogar die Chefetage des nahen Krankenhauses wird von Norma zum Essen eingeladen, um die fachärztliche Unterstützung für Notfälle zu sichern – kostenlos. Am Beispiel von Rigoberto aus Honduras wird deutlich, wie dringend diese Hilfe benötigt wird. Der junge Mann floh vor sechs Wochen aus seiner Heimat, um der dortigen Gewalt zu entkommen. Sein linkes Bein ist komplett eingegipst. »Ich wollte vom Zug abspringen, bei voller Geschwindigkeit«, erzählt der 38-Jährige. »Dabei habe ich mir das Bein gebrochen. Wir waren mitten im Nirgendwo, weit weg von jedem Ort. Gott sei Dank kam ein Taxifahrer vorbei, der uns zu den Patronas brachte.« Dank Normas Kontakten bekam er sofort einen OP-Termin. Es ist zutiefst berührend, wie Julia, eine kleine Frau mit silbernem Haar, ihn tröstet: »Du hast den Sturz überlebt. Gott hat dir gute Menschen an den Weg gestellt. Jetzt kann dein Bein ausheilen. Wir sind für dich da.« Dann kommt der Moment, auf den alle gewartet haben. Aus der Ferne ertönt ein lang gezogener Pfeifton. »Der Zug!«, ruft Viki. Wir lassen alles stehen und liegen, packen die Kisten und die Schubkarre und laufen die 100 Meter zum Gleis. Es ist bereits dunkel, nur wenige LED-Taschenlampen werfen ein fahles Licht. Wir verteilen uns mit weitem Abstand am Schotterbett. Jeder hält einen Beutel bereit. Der Ton schwillt an, das Lichterdreieck der Lokomotive rollt auf uns zu. Mit gewaltigem Getöse rauschen die riesigen Loks an uns vorbei, gefolgt von einer nicht enden wollenden Schlange aus Stahlwaggons. Das Szenario flößt mir gewaltigen Respekt ein: Das also ist die »Bestie«. Ich suche die Waggons ab und entdecke eine vermummte Gestalt auf einem Trittbrett. Als sie auf meiner Höhe ist, ergreift sie blitzschnell den Beutel und ruft laut: »Gracias!«, bevor sie wieder in der Dunkelheit verschwindet. Dieser Moment der Übergabe, dieser flüchtige Kontakt von zwei Sekunden, wird mich wohl nie wieder loslassen. Diese Frau auf dem Zug – schutzlos dem eiskalten Fahrtwind, der Abschiebehaft oder kriminellen Banden ausgesetzt. Wie groß muss die Not sein, dass man sich dieser Gefahr stellt? Ich schaue den roten Rücklichtern des Ungeheuers noch lange nach. Wie den Patronas hier am Gleis, möge Gott den Migrierenden viele Verteidiger ihrer Würde an den Weg stellen. Frauen haben Mineralwasser zum Anreichen für die Migrierenden auf dem nächsten Zug vorbereitet. 17

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