Liebe Leserin, lieber Leser! Ich höre schon die kritischen Stimmen: Wie kann ein Franziskaner nur so herzlos sein gegenüber einem Tier? Franziskus hat doch die Tiere geliebt! Ja, hat er. Aber die Menschen auch. Nein, ich habe nicht verstanden, wie gefühlt eine ganze Nation wochenlang mit einem gestrandeten Buckelwal litt. Wer erinnert sich noch daran, dass zur gleichen Zeit, Ende März, 22 Migranten in einem von Libyen gestarteten Schlauchboot elend verhungert und verdurstet sind? Die Schlepper haben ihre Leichen über Bord werfen lassen. Und das war nur eine Meldung von vielen. Sie hat keinen Medienhype ausgelöst. Etwa 35.000 Geflüchtete kamen in den letzten zehn Jahren auf dem Mittelmeer um. Das ist kalte Statistik. Timmy aber hatte einen Namen. Unsere erste große Vergessenheit: »Die Flüchtlinge sind keine Zahlen, sie sind Personen: Sie sind Gesichter, Namen, Geschichten.« (Papst Franziskus) Es geht um Menschen. Und jeder Mensch hat die gleiche Würde. Jeder. Andere Vergessenheiten kommen dazu. Wie oft standen gerade wir in Deutschland auch auf der anderen Seite, waren selbst Schutzsuchende, Migranten, Vertriebene. Schätzungsweise sechs Millionen Menschen wanderten im 19. Jahrhundert als »Armutsmigranten« aus den deutschen Staaten aus und suchten bessere Lebensbedingungen in Übersee. Rund zwölf Millionen Deutsche verloren in Folge des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat und hofften auf ein neues Zuhause. Hundertausende Deutsche jüdischen Glaubens retteten sich durch Auswanderung und Flucht vor den Vernichtungslagern der Nazis, zehntausende Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt wurden, emigrierten ins Ausland. »Der Fremde soll euch wie ein Einheimischer gelten. Du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen«, sagt Gott (Lev 19,34). Und das ist eine dritte große Vergessenheit: Christen stehen unter dem Wort Gottes. »Ich war fremd, und ihr habt mich nicht aufgenommen« (Mt 25,43). Natürlich, hehre Grundsätze lassen sich leicht aufstellen, die Umsetzung in konkrete Politik ist schwieriger. Migrationspolitik darf nicht blauäugig sein. Schrankenlose irreguläre Migration ist ein Problem. Es braucht die Diskussion um sichere Herkunftsstaaten. Kommunen dürfen nicht überfordert werden. Papst Leo XIV. fordert in seiner neuen Enzyklika »Magnifica humanitas« (81), »das Recht auf Hoffnung derer zu wahren, die zur Flucht gezwungen sind, indem sichere und legale Wege, würdige Aufnahmebedingungen und echte Integrationsmöglichkeiten gewährleistet werden.« Zugleich gelte es, »das Recht zu fördern, in Frieden und Sicherheit in der eigenen Heimat zu bleiben, indem die tiefgreifenden Ursachen angegangen werden, die zur Migration zwingen«. So könne »Migration zu einer Gelegenheit der Begegnung und der gegenseitigen Bereicherung zwischen den Völkern werden«. Das komplexe Thema Migration braucht beides – Empathie und kluge politische Entscheidungen, ein mitfühlendes Herz und einen kühlen Kopf. Das vorliegende Heft der Franziskaner Mission will dazu beitragen. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre. P. Cornelius Bohl ofm Sekretär für Mission und Evangelisierung TITEL Die Titelseite zeigt eine Aufnahme von Migrierenden und Flüchtenden auf ihrem Weg in eine ungewisse Zukunft. Die lange Reihe wandernder Menschen symbolisiert Aufbruch, Hoffnung und Sehnsucht nach einem menschlicheren Leben. Migrierende können in den Aufnahmeländern neue Wege eröffnen sowie den interreligiösen und interkulturellen Dialog fördern. Zugleich erinnert das Bild daran, dass es unsere christliche Verantwortung ist, gegenüber Geflüchteten Nächstenliebe und konkrete Solidarität zu zeigen. 3
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