Franziskaner Mission 3 | 2026

2026 Begegnung verwandelt Seid gesendet!

FRANZISKANER MISSION erscheint viermal im Jahr und kann als kostenfreies Abo bestellt werden unter Telefon 02 31-17 63 37 65 oder info@franziskanermission.de. »Franziskaner Mission« erscheint im Auftrag der Deutschen Franziskanerprovinz von der heiligen Elisabeth – Germania. HERAUSGEBER Franziskaner Mission REDAKTIONSLEITUNG Augustinus Diekmann ofm REDAKTION Dr. Cornelius Bohl ofm, Stefan Federbusch ofm, Natanael Ganter ofm, Heinrich Gockel ofm, Frank Hartmann ofm, Márcia Santos Sant'Ana, René Walke ofm, Pia Wohlgemuth GESTALTUNG sec GmbH, Osnabrück DRUCK Bonifatius GmbH, Paderborn Herstellungskosten dieser Zeitschrift: Die »Franziskaner Mission« wird nicht von Spendengeldern, sondern aus den Erlösen eines speziell hierfür eingerichteten Missionsfonds finanziert. Impressum FRANZISKANER MISSION Franziskanerstraße 1, 44143 Dortmund Telefon: 02 31-17 63 37 5 info@franziskanermission.de www.franziskanermission.de Spenden erbitten wir, unter Angabe des Verwendungszwecks, auf folgende Konten: SPARKASSE HELLWEG-LIPPE IBAN DE13 4145 0075 0026 0000 34 BIC WELADED1SOS VOLKSBANK HELLWEG EG IBAN DE44 4146 0116 0000 0051 00 BIC GENODEM1SOE PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC/04-31-0934 PEFC-zertifiziert Dieses Produkt stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern www.pefc.de PEFC-zertifiziert PEFC-zertifiziert PEFC/04-312

Liebe Leserin, lieber Leser! »Und, was macht das mit dir?« Diese Frage höre ich manchmal, wenn ich erzähle, was ich erlebt habe. Tatsächlich: Vieles, was mir passiert, prallt nicht einfach an mir ab. Es lässt mich nicht kalt. Es macht etwas mit mir – es ärgert oder freut mich, verunsichert oder bringt auf neue Ideen, verleiht mir Flügel oder macht mir Angst. Leben macht etwas mit uns. Darum werden zwei Menschen, wenn sie sich besser kennenlernen wollen, einander nicht mit ein paar dürren Begriffen ihre Eigenschaften präsentieren. Sie werden vielmehr erzählen – von ihrer Familie und ihrer Schulzeit, von Freundschaften und Schicksalsschlägen, von entscheidenden Begegnungen, Erfolgen und Enttäuschungen … Das, was ich erlebt habe, hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich bin, der ich bin – das kann nur Gott sagen. Wir sind, was wir durch Erfahrungen geworden sind. Vor 800 Jahren starb Franz von Assisi. Er hat viel in Bewegung gebracht. In seinem Testament erinnert er sich, wie alles begann: nicht im bloßen Nachdenken, nicht in einer Erleuchtung von oben, sondern in der Begegnung mit einem Aussätzigen. »Da wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit verwandelt«, schreibt er. Conversum fuit mihi – da wurde seine Lebensdatei konvertiert, neu formatiert, da hat sich eine echte Konversion ereignet. Umkehr geschieht normalerweise weder durch moralische Appelle (»Ändere Dich endlich!«) noch durch Vorsätze (»Ab jetzt werde ich mich ändern!«) oder ausgefeilte »Methoden« (»So kannst Du Dich ändern ...!«). Ich werde neu, wo ich Fremdes an mich heranlasse. Sie werden fragen, was das alles mit »Mission« zu tun hat, schließlich halten Sie eine Missionszeitschrift in den Händen. Sehr viel. Evangelisierung geschieht in Begegnungen. Da werden nicht einfach Informationen weitergegeben. Es geht vielmehr darum, miteinander Leben zu teilen und dabei dem Evangelium auf die Spur zu kommen. Das aber ist keine Einbahnstraße, da gibt es nicht die einen, die nur geben, und die anderen, die nur empfangen. Die Begegnung wird alle verändern. Anderen das Evangelium zu bezeugen bedeutet, sich selbst von diesem Evangelium verwandeln zu lassen. Ich habe das oft erlebt: Wenn ich versuche, jemandem etwas zu erklären, verstehe ich es selbst besser. So helfen wir uns auch in der weltweiten Kirche gegenseitig, Jesus besser zu verstehen. Nur einer ist Euer Lehrer, sagt Jesus. Alle anderen, wir alle, lernen. Miteinander und voneinander. Auch darum ist Mission kein Nice-to-have. In der Begegnung gemeinsam das Evangelium zu lernen, das ist Grundvollzug von Kirche. Alles ein bisschen theoretisch? Dann lesen Sie mal die vorliegende Ausgabe der »Franziskaner Mission«. Da erzählen Menschen, wie die Begegnung mit anderen Teilen der Weltkirche ihren Horizont erweitert hat. Wie das Engagement für andere die Sicht auf das eigene Leben verändert. Wie sie bei dem Versuch, etwas vom Evangelium weiterzugeben, dieses Evangelium selbst neu entdeckt haben. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre. P. Cornelius Bohl ofm Sekretär für Mission und Evangelisierung TITEL Das Bild auf der Titelseite zeigt einen Ausschnitt aus dem Missionsalltag von Augustinus Wehrmeier ofm in Malawi vor 21 Jahren. An diesem Tag gratulierte er im kleinen Dorf Gomani der Bewohnerin Marguerita zu ihrem 100. Geburtstag. Neben ihr sitzt ihr Enkel Veke. Zum missionarischen Dienst gehören, damals wie heute, auch die Besuche bei alten und kranken Menschen. Dabei bringen die Missionare ihnen die heilige Eucharistie und, wenn gewünscht, das Sakrament der Krankensalbung. Bei solchen Gelegenheiten versammelt sich oft auch die Gemeinde, um Gottesdienst zu feiern. 3

16 12 8 10 Inhalt 6 Im Blick: das Reich Gottes Mission ist zuhören, lernen, gemeinsam handeln Pirmin Spiegel 8 Noch heute gültig Folgen der Begegnung zwischen Franziskus und dem Sultan Sr. M. Elisabeth Bäbler osf 10 Flüchtlingsarbeit 50 Jahre Engagement Paul Gerhard Stamm 12 Mission er-fahren Allen ein Bruder sein in Bolivien Michael Meyer 14 Die Welt braucht unsere Mission! Ein persönlicher Erfahrungsbericht Robert Hof 16 Kommunikation im Wandel der Zeit Augustinus Diekmann ofm 20 Zurück zu den Quellen Geschwisterlichkeit, Barmherzigkeit und Mission Jardiel Sousa Silva ofm 22 Afrika wird dich verändern! Ehrenamtliches Engagement in Ostafrika Valerie Kae Ken 24 Langfristig engagiert Freiwilligendienst in Subukia, Kenia Maren Herbert 26 Inklusion als gelebte Nächstenliebe Sonderpädagogische Erfahrungen aus Brasilien Valéria Silva de Sousa 28 Glaube und Entwicklung Bewusstseinsbildung in der Schule Jörg Schürmann 30 »Träume spinnen« Meine Zeit in der Zona Sur in Bolivien Carolina Graef Alarcón 32 Hoffnung für Körper und Seele 20 Jahre Psychologiezentrum in Campo Grande, Brasilien Wanderley Gomes de Figueiredo ofm; Aluísio Alves Pereira Júnior ofm 34 Pater Alfons Schumacher ofm Gratulation zum 80. Geburtstag 35 Projekt 6

22 30 28 24 Personalia DOMINIC TONG MINH KHAI OFM Dominic Tong Minh Khai ofm, Provinzsekretär der Franziskanerprovinz in Vietnam, reist anlässlich der Feierlichen Profess von Antôn H`ô Phi Thiê. n ofm im Auftrag der Provinz nach Italien. Neben der Teilnahme an der Feier besucht er vietnamesische Mitbrüder, die dort studieren oder pastoral tätig sind, und pilgert zu bedeutenden Stätten, die mit dem heiligen Franziskus verbunden sind. Diese Reise bietet Bruder Tong Minh Khai Gelegenheit, die Verbundenheit und Zusammen- arbeit zwischen den Franziskanern in Vietnam und der Franziskaner Mission in Dortmund persönlich zu pflegen und zu vertiefen. Auch kann er über laufende Projekte zugunsten der ethnischen Minderheiten berichten, die Dank Spenden aus Deutschland fortgeführt werden konnten. JARDIEL SOUZA SILVA OFM Jardiel Souza Silva ofm kommt aus der Franziskanerprovinz »Nossa Senhora da Assunção« («Unsere Liebe Frau der Himmelfahrt«) in Maranhão und Piauí, Brasilien. Er besuchte im Juli die Franziskaner Mission in Dortmund. Er ist Provinzialbeauftragter »für die Wohltäter« und leitet das Franziskanische Bildungshaus (CEFRAM). Hier erhalten Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen sowie Laiengruppen Weiterbildung und franziskanische Spiritualität. Zudem begleitet er die Franziskanische Jugend von Maranhão geistlich und wirkt als Pfarrvikar. Nach seinem Besuch in Deutschland nahm er in Italien am »Under Ten« teil, einem internationalen Treffen junger Franziskaner. BERTHA ABASTO SOLÍS OSF Franziskanerschwester Bertha Abasto Solís trat 1976 in die Kongregation der »Hermanas Franciscanas Misioneras Rurales« (»Franziskanischen Missionsschwestern für den ländlichen Raum«) ein. Seit Jahrzehnten engagiert sie sich unermüdlich mit großer Nähe zu den Menschen für Seelsorge und Bildung. 1992 begann sie ihre Arbeit im Apostolischen Vikariat Ñuflo de Chávez im Tiefland Boliviens. Seit 1994 leitet sie eine Schule und 2008 gründete sie das Internat »Nueva Vida«. Schwester Berta hat Hunderten Kindern und Jugendlichen Bildung, Schutz und neue Zukunftsperspektiven ermöglicht.

Diese Option hat zu tun mit einer Kirche, die nicht über Leiden und Verletztheit hinwegsieht, sondern in ihnen ihren Ausgangspunkt nimmt. Ich kann von Erfahrungen erzählen, die bereits weit vor dem Schreiben von Papst Franziskus die oben genannten Haltungen und Optionen umarmten. Ab 2003 erarbeiteten verschiedene »Fidei Donum Gruppen« ein Papier zur eigenen Selbstvergewisserung über »Dienst und Leben von Fidei Donum«. Das Endpapier diente einer internen Bestandsaufnahme und war zugleich ein Werbepapier, um neue und weitere Interessierte in unterschiedlichen Berufsgruppen für diesen Dienst anzusprechen. An der Erstellung des Textes, der mehr als 20 Jahre zurückliegt, arbeitete ich mit. Der Text hat unter anderem den Wandel im Missionsverständnis, eine Bekehrung durch die Kirche der Armen und Herausforderungen durch die Globalisierung zum Inhalt. Was heißt Mission? Einige Zitate aus dem Papier von 2003 sind hilfreich zur Annäherung an das Wort und Verstehen von »Mission«, im Wissen, dass dessen Inhalte und praktische Bedeutung prozesshaft sind und nicht an ein definitives Ende kommen werden. In einer Positionsbestimmung fragten wir: »Wo ist unser Platz?« Unsere Antwort war: »Es gibt keinen Zweifel: bei den Armen, in Lateinamerika wie in Deutschland. Anfangs verstand man uns als Vertreter einer reichen Kirche für die arme Kirche.« Wir definierten uns als »Brückenbauer unter den Völkern (…), als Botschafter verschiedener Kulturen. In eine sind wir hineingeboren, in eine andere hineingewachsen. Wir wurden verpflanzt, haben neue Wurzeln geschlagen, uns inkulturiert. Wir sind in Lateinamerika im biblischen Sinne Mensch geworden.« Ambitioniert verstanden wir unsere »Mission« als eine »Com- Passion (…) in unserem Mit-Leiden mit den Armen, Jesu Auferstehung erleben wir in einer österlichen Befreiung, seiner Liebe zu den Armen folgen wir in unserer Solidarität mit den Not- leidenden, seine prophetische Kraft treibt uns an in unserer Verkündigung, sein Charisma der Heilung stärkt uns, die Wunden der Gesellschaft zu heilen.« Früher, so schrieben wir im Jahre 2003, »konzentrierte sich Mission auf die Überwindung des Mangels. Die Sorge der Mutterkirche für die Tochterkirchen (...). Transfer von Kapital und Personal galt als Abhilfe für die Not. Auf dieser alten Einbahnstraße der Mission wurden wir noch in den 50er und 60er Jahren als Lückenbüßer für den Priestermangel nach Lateinamerika geschickt, als Ersatzpriester für die fehlenden Einheimischen (…). Aus dem Projektmanager (…) und Spendenverteiler wird ein Bruder und TEXT: Pirmin Spiegel | FOTOS: Elmar Noe / Misereor; Kathrin Harms / Misereor Begleiter, aus dem Geber ein Beschenkter, aus dem Lehrer ein Lernender. Solche neuen Früchte hängen am Baum der Inkulturation.« Das war sehr ambitioniert und nicht weniger als ein Paradigmenwechsel: von der Mutterkirche zu Schwesterkirchen, von Filialkirchen zu Ortskirchen, von der Volkskirche zur Basiskirche, von der Kleruskirche zur Gemeindekirche, von einer eurozentrischen Kirche zur Kirche der Befreiung und Inkulturation. Wir schrieben überzeugt, dass »die Inkulturation unser Berufsverständnis verändert hat (…), aus dem Veränderer wurde ein Veränderter, aus Mit »Evangelii Gaudium« schenkte uns Papst Franziskus ein Manual, ein »vade mécum«, eine missionarische Handreichung. Er unterstreicht darin: »Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient« (EG 27). »Evangelisieren bedeutet, das Reich Gottes in der Welt gegenwärtig machen« (EG 176). Im Blick: das Reich Gottes Mission ist zuhören, lernen, gemeinsam handeln 6

dem Lehrer ein Lernender, aus dem Helfer eine Schwester und ein Bruder der Armen.« Beim Schreiben dieser Zeilen merke ich, wie schwer ein Vermitteln und Andocken solcher Gedanken in meine heutige Arbeit ist. Wissen und Erfahrung Zuhören – ein mit dem Herzen hören – ist ein Lernprozess! Sich Zeit nehmen, um sich einzulassen und zu spüren. Zuhören ist Ausdruck der Begegnung, die es erlaubt, andere Gedanken nachzudenken, vielleicht sogar, sich verunsichern zu lassen, Wahrheiten aufzugeben, andere sprechen zu lassen, sich Romantisierungen und Vorurteilen zu stellen. Zuhören, Zeit, um alte Geschichten zu hören, und Zeit, um gemeinsam neue Geschichten zu schreiben. Heute kann ich sagen, dass dieser Lernprozess schmerzhaft war und ist, herausfordernd bleibt, verwundbar macht und verunsichert, aber Solidarität wachsen lässt. »Wann war das nochmal, das Geburtsdatum von Joao, Comadre?« »Weiß nicht genau! Ich kann mich erinnern, dass er am Ende der Regenzeit geboren ist, Fátima!« »Welcher Monat?« »Es war die Nacht vor dem Vollmond.« Jahre zurück liegt diese Begebenheit und diese hat sich immer wieder wiederholt. Mir hat sich das eingeprägt. Mit Schwester Lucinete im Interior in der Diözese Bacabal in Nordostbrasilien unterwegs, wollen wir die Papiere zur Taufe ausfüllen in einer der Comunidades. Im Gespräch nähern wir uns dem Geburtsdatum von Joao an, um dies dann gemeinsam festzulegen! Ich lernte: Leben! Comadre Fátima, Maria und die Hebamme, Feiern, Überleben, gegenseitige Hilfeleistung, Geburtswehen einer weiteren Hoffnung – das exakte Datum hat nicht erste Priorität. Ortswechsel; Kontinent-Wechsel; (globales) Lernen; Weisheit; Lebensqualität; Widerstand; Mission integral. Von einer Erfahrung in Bangladesch will ich erzählen, einem Land, in dem 170 Millionen Menschen leben und das etwa 2/5 der Fläche der Bundesrepublik ausmacht; geprägt durch den Monsun, durch ausgedehnte Sumpfgebiete, flaches Tiefland, Überflutungen, den steigenden Meeresspiegel, durch klimabedingte Migration. Hier geht es um Ernährung, Ernährungsvielfalt, Leben und Überleben, um Reis, um Mystik; um eine von Frauen geleitete Kooperative im Inneren des Tieflandes. Wir stehen vor einer Samenbank mit mehr als 60 verschiedenen Reissorten. Stolz zeigen die Frauen auf eine der Reissorten, die mit Salzwasser zurechtkommt, auf ein anderes Samenkorn, das nicht verfault, auch wenn es tagelang unter Wasser steht und viel mehr. Wir kommen über wesentliche Aspekte der Biodiversität ins Gespräch, über die Stabilität von Ökosystemen. Ich erlebe und erfahre, dass eine hohe Biodiversität eine hohe Resilienz bei Krisen (wie Naturkatastrophen, Klimaänderungen) bedeutet und damit Lebensqualität. »Alles auf eine Karte zu setzen« beziehungsweise nur wenige Arten zuzulassen, sei ein enormes Risiko und die Geschichte weise Beispiele auf, wo dies bereits für die Menschen fatal war. »Mission« kann Menschen befähigen und dazu beitragen, sich als Teil einer größeren, über die Grenzen des eigenen Staates und der eigenen Kirche hinausreichenden Gesellschaft wahrzunehmen und daraus resultierende Verantwortlichkeiten zu erkennen. Unsere Kirche hat dafür richtig gute Bedingungen und Möglichkeiten: unterschiedliche Produktionen von Wissen und Erfahrungen, von Glauben und Spiritualität. »Mission« lädt uns ein zu fragen, aus welcher geschichtlichen Lage heraus andere handeln, welche Brüche und Umbrüche sie selbst erlebten, welche Glaubens- und Hoffnungsgeschichten sie ausmacht. Heutzutage kann ich in Brasilien nicht genauso Christ oder Christin sein wie im Brasilien vor 100 Jahren. Man ist nicht auf gleiche Weise Christ in Bangladesch, auf Fidschi oder in Rom. Die Mystik, schreibt Papst Franziskus, »schließt auch das liebevolle Bewusstsein ein, nicht von den anderen Geschöpfen getrennt zu sein, sondern mit den anderen Wesen des Universums eine wertvolle allumfassende Gemeinschaft zu bilden« (LS 220). Dom Pedro Casaldáliga, 2020 im Alter von 92 Jahren gestorben, Dichter und Theologe der Befreiung, Bischof und Prophet, legte mir 2011 die Hände auf und sandte mich zur Aufgabe bei Misereor mit den Worten: »Bleibe den Armen und Indigenen nahe – mit deren Orientierung, Weisheit und Glauben im Herzen wirst Du Dich nicht verlieren.« Der Autor Pirmin Spiegel war von 2012 bis 2024 Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender von Misereor, dem Werk für Entwicklungszusammenarbeit der katholischen Kirche. Er wurde 1986 zum Priester geweiht, lebte und arbeitete 15 Jahre als Missionar in Brasilien. Seit Januar 2025 arbeitet er in seiner Heimatdiözese Speyer im Bereich »Innovation und Transformation«. Information zu Fidei Donum Die Gruppe ist benannt nach einer Missionsenzyklika von Pius XII. aus dem Jahr 1957 mit dem Namen »Fidei Donum«, »Geschenk des Glaubens«. Es gibt drei unterschiedliche Gruppen: a) die temporär in Lateinamerika und der Karibik leb(t)en und arbeite(te)n; b) die in der lateinamerikanischen Ortskirche inkardiniert sind; c) die nach Ablauf ihres Zeitvertrags wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind. 7

Im Jahr 1219 berichten mehrere Chronisten des Kreuzzuges von zwei Klerikern, die aus dem Lager der Kreuzfahrer, die vor Damiette im heutigen Ägypten lagern, unbewaffnet ins Lager des Sultans gehen wollen, um mit diesem zu sprechen. Alle sind sich einig, dass sie nicht lebend zurückkehren werden. Der Heerführer des Kreuzfahrerheeres will die Verantwortung dafür nicht übernehmen und beschließt, es ihnen zu verbieten. Erst als sie versichern, auf eigene Verantwortung zu gehen, lässt er sie ziehen. Die beiden beschriebenen Kleriker waren Franziskus von Assisi und Bruder Illuminatus. Noch heute gültig Folgen der Begegnung zwischen Franziskus und dem Sultan TEXT: Sr. M. Elisabeth Bäbler osf | MALEREI: João Batista Bezerra da Cruz Die Begegnung des Mannes aus Assisi und dem Sultan Al-Malik al-Kamil Muhammad ist in verschiedenen, auch islamischen Quellen bezeugt. Die christlichen Quellen unterstreichen alle, Franziskus habe dies getan, um den Sultan zu missionieren. Dies sei ihm jedoch nicht gelungen. Er selbst scheint jedoch aus der Begegnung verändert hervorgegangen zu sein. Wir haben wenig Informationen darüber, was das Treffen in der islamischen Welt bewirkt hat. Was Franziskus aber aus dem Orient mitgebracht hat, wissen wir etwas genauer. Folgen der Begegnung Kurze Zeit nach seiner Rückkehr schreibt er einen Rundbrief mit dem Titel »An die Lenker der Völker«. Darin fordert er die Würdenträger der verschiedenen Städte und Fürstentümer auf, jeden Abend die Bevölkerung durch einen Herold zum Lobe Gottes aufzurufen. Eine Idee, die mit großer Wahrscheinlichkeit vom Ruf des Muezzins inspiriert wurde. Franziskus selber dringt mit dieser Forderung aber nicht durch. Etwa 100 Jahre nach seinem Tod greift einer seiner Mitbrüder im Orden die Idee auf und ersetzt den rufenden Herold durch Glockengeläut. Wenn die Glocken dreimal täglich läuten, fordern sie die Gläubigen auf, den Engel des Herrn zu beten. Ein Gebet, das an die Menschwerdung Christi erinnert. Das Läuten hat die Jahrhunderte überlebt und ist zum Kulturgut geworden. Wahrscheinlich ist nur wenigen Personen bewusst, warum die Glocken morgens, mittags und abends läuten. Von jenen, 8

die den Grund für das Läuten kennen, wissen die wenigsten, dass es die christliche Antwort auf den Ruf des Muezzins und damit eine der Folgen der Begegnung des Franz von Assisi mit der islamischen Welt ist. Eine weitere, laut einigen Forschern direkte Folge des Zusammentreffens mit dem Sultan ist ein Gebet, das Franziskus auf dem Berg von La Verna verfasst hat. Es ist eines der wenigen handschriftlichen Dokumente des Heiligen und besteht ausschließlich aus Du-Anrufungen. Das Gebet beginnt mit »Du bist der heilige Herr, der alleinige Gott, ›der du Wunderwerke vollbringst‹. Du bist der Starke. Du bist der Große. Du bist der Höchste. Du bist allmächtig, du ›heiliger Vater, König des Himmels und der Erde‹.« All diese Anrufungen sind auch in den 99 Namen Gottes enthalten, die in der mystischen Tradition des Islam häufig rezitiert werden. Auch in der sogenannten nicht bullierten Regel, die Franziskus nach seiner Rückkehr verfasste, findet sich ein Echo der Begegnung. Er legt darin die Art fest, wie Mission gelebt werden soll: »Die Brüder, die hinausgehen, können auf zweifache Weise unter ihnen (den Sarazenen) geistlich wandeln. Eine Art besteht darin, dass sie weder zanken noch streiten, sondern um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind. Die andere Art ist die, dass sie, wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt, das Wort Gottes verkünden.« Gelingen der Begegnung Was genau bei dem Treffen zwischen Franziskus und dem Sultan geschehen ist, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Alles, was darüber in den Chroniken der Kreuzfahrer und in den Biografien des Heiligen berichtet wird, ist reine Spekulation. Was man aus meiner Sicht aber beurteilen kann, sind die Voraussetzungen, die es Franziskus ermöglicht haben, mitten in einer Kriegssituation unbewaffnet ins feindliche Lager zu gehen und unbeschadet zurückzukehren. Franziskus hat in den ersten Jahren seiner Bekehrung die einschneidende Erfahrung gemacht, dass die Begegnung mit dem fremden, vielleicht sogar abschreckenden Menschen, eine ungeahnte Qualität entwickeln kann. Er selbst sagt, dass Gott ihn unter die Aussätzigen geführt hat. Diese »wundervolle« Begegnung mit dem Aussätzigen hat bei Franziskus eine Verwandlung bewirkt: »Da wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit verwandelt.« Franziskus hatte schon vorher Kontakt mit Aussätzigen. Der Weg nach Foligno, einem der größeren Handelszentren der Gegend, führte mitten durch ihr Aufenthaltsgebiet unterhalb Assisis. Auf einmal scheint sich etwas verändert zu haben. Franziskus nennt es: »Ich habe ihnen Barmherzigkeit getan.« Auch hier wissen wir nicht genau, was »Barmherzigkeit tun« konkret bedeutet. Es meint sicherlich, den anderen in seinem Menschsein und seiner Not wahrzunehmen und der Not Abhilfe zu schaffen. Das erste ist Voraussetzung für das zweite, und dies hat Franziskus nachhaltig geprägt. Aus meiner Sicht war es diese Erfahrung, auch in einer entstellten Person vorrangig den Mitmenschen als Schwester und Bruder zu sehen. Dies ermöglicht ihm, jedem Menschen vorurteilslos zu begegnen. Auch dem Sultan, dessen Bild in den Chroniken der Kreuzfahrer völlig verzerrt wird. Das ist die erste Voraussetzung für das Gelingen dieser Begegnung. Sultan Al-Malik al-Kamil Muhammad war ein weltoffener und sehr gebildeter Mann, der der Sufibewegung nahestand, die inhaltlich viele Berührungspunkte mit der christlichen Mystik hatte. Es gibt Gedichte aus dieser Strömung des Islam, die auch einem christlichen Mystiker zugeordnet werden könnten. Zudem war es an den mittelalterlichen Höfen des Vorderen Orients üblich, Vertreter verschiedener Religionen einzuladen, um über den Glauben zu diskutieren. Al-Malik al-Kamil Muhammad scheint diese Praxis auch während der Kreuzzüge weitergeführt zu haben. Das ist die zweite Voraussetzung des Gelingens dieser Begegnung. Ich meine, diese Grundprämisse ist auch heute noch gültig. Ob ich von der Begegnung mit anderen Kulturen oder Denkweisen berührt und gewandelt werde, hängt wesentlich von meiner inneren Offenheit und meiner Bereitschaft ab, mich darauf einzulassen. Nicht nur Mission braucht heute diese Voraussetzung, auch jeder von uns ist in seinem Alltag gefordert, über seine Blase hinaus anders Denkenden und Handelnden als Menschen zu begegnen – selbst wenn deren Denken und Handeln meinem widerstrebt. Die Autorin Elisabeth Bäbler gehört seit 1999 der Kongregation der Franziskanerinnen von Sießen an. Sie leitet das »Geistliche Zentrum Eremitage Franziskus«. Zudem ist sie in der geistlichen Begleitung, Exerzitienarbeit und als Referentin für franziskanische Themen aktiv. 9

Ich nehme Sie mit in mein Arbeitszimmer in Dortmund Brackel. In meinem Arbeitszimmer hängen seit circa 40 Jahren dieselben Bilder. Beide sind Schwarzweiß-Bilder, einfache Drucke. Eine Illustration vom gekreuzigten Campesino – dem lateinamerikanischen Bauern – oder anders, von Jesus, der Campesino, am Kreuz. Es ist ein typisches Bild aus der Zeit der 60er und 70er Jahre. Und direkt daneben das Bild von den Kindern, den lateinamerikanischen Kindern – mit der Unterschrift: »Der Wohlstand der Reichen basiert auf dieser Situation. Diese Kinder werden wissen, wie man sie verändert.« Flüchtlingsarbeit 50 Jahre Engagement Warum hänge ich mir solche alten oder alt gewordenen Bilder in mein Zimmer? Sie sind einfach da. Ich sehe sie mir nicht ständig an. Sie sind da und begleiten mich. Sie sehen mich an. Sie erinnern mich. Sie sagen mir, dass ich nicht vergessen soll. Was? Das Jahr 1973, das für mein Leben prägend wurde. Wohnungen für Flüchtlinge Meine Freundin machte einen Studienaufenthalt im Tiefland in Bolivien und arbeitete in einem Umsiedlungsprojekt. Zur gleichen Zeit wurde der chilenische sozialistische Präsident Salvador Allende mit Hilfe der USA aus dem Amt geputscht. Viele Menschen starben, wurden gefoltert. Eine grausame Militärjunta unter General Pinochet nahm die Arbeit auf, und die Oppositionellen, die nicht umgebracht wurden, mussten fliehen – wurden zu TEXT UND FOTOS: Paul Gerhard Stamm Flüchtlingen. Ich war Student in Münster und half in meiner Heimatstadt Dortmund, Wohnungen für chilenische Flüchtlinge einzurichten. Flüchtlinge wurden seitdem zu einem wichtigen Thema in meinem Leben. In Münster lebte eine chilenische Flüchtlingsfamilie neben uns. In Berlin hatte ich Kontakt zur christlichen Linken – einer chilenischen Partei. Ein Mitglied der Partei musste Chile verlassen – wie viele andere auch. In Dortmund betreute ich mit meiner Frau eine Familie mit zwei Kindern – suchte eine Wohnung für die Familie, organisierte viele Jahre später die Rückkehr nach Chile. Chile und Lateinamerika sollten mich weiter begleiten – damals nach 1973. Ich interessierte mich als Theologiestudent für die katholische Kirche in Lateinamerika und war beeindruckt von der Haltung vieler Bischöfe. 10

Hoffnung als Motor Am 6. September 1968 kamen sie, die Bischöfe Lateinamerikas, im Priesterseminar von Medellín in Kolumbien zusammen. Am Ende der Beratungen stand eine flammende Anklage gegen die Armut: Ganze Gesellschaftsteile auf dem Kontinent würden sozial an den Rand gedrängt – ein Ergebnis von Strukturen der Abhängigkeit und Unterdrückung. »Dieses Elend als Massenerscheinung ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit«, heißt es im Abschlussdokument der 2. Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats (CELAM). Bei ihrem Treffen in Medellín verpflichteten sich die Bischöfe Lateinamerikas im Sommer 1968, künftig Anwälte der Armen und Entrechteten zu sein. Sie waren von einer unglaublichen Hoffnung angetrieben. Sie glaubten fest an eine grundlegende Veränderung in der Kirche und der Gesellschaft. Es sollte zu Ende sein, die Entrechtung, die Unterdrückung, die Ausbeutung – endlich – endlich sollten die Menschen frei sein und nicht in Armut leben müssen. Medellín 1968 war die Geburtsstunde der Theologie der Befreiung, die Geburtsstunde der Kirche an der Seite der Armen. Und diejenigen, die diese Tage geprägt sowie die Theologie verändert haben, die die Bibel neu gelesen haben, ja, welche die Option an der Seite der Armen gelebt haben – sind sehr alt geworden. Da ist der Priester und Dichter Ernesto Cardenal aus Nicaragua, der mit seinen Bauern, den Campesinos in Solentiname, die Bibel gelesen hat – neu gelesen hat, aus der Sicht der Bauern. Da sind ferner der Peruaner Gustavo Gutiérrez und der Brasilianer Leonardo Boff, beide Theologen der Befreiung, und auch Dom Hélder Câmara, brasilianischer Bischof aus Recife. Câmara gründete die ersten kirchlichen Basisgemeinden in Brasilien und gehörte zu den profiliertesten Vertretern der Befreiungstheologie. Und schließlich ist da Óscar Romero, Märtyrer-Bischof in El Salvador. In dieser Zeit entstand das neue Christusbild: Christus, an der Seite der Armen, Jesus, einer von uns. Und wenn er gestorben ist, dann sind wir mit ihm gestorben. Darum der Campesino am Kreuz. Jesus an unserer Seite, an der Seite der Armen – das Plakat in meinem Arbeitszimmer. Als Gemeindepfarrer in Dortmund Asseln hat mich die Befreiungstheologie und das Thema Flüchtlinge weiter begleitet. Vielseitige Hilfe 1991 eröffneten wir in der Gemeinde das Café International mit einem Beratungsangebot in Asseln – 320 bis 500 Geflüchtete lebten damals in Dortmund Asseln in Containern. 1999 haben wir eine kurdische Familie ins Kirchenasyl aufgenommen und vor der Abschiebung geschützt. 2014 habe ich mich beim Diakonischen Werk Dortmund zum Vormund ausbilden lassen und dann die Vormundschaft für zwei syrische Jugendliche übernommen. Ende 2014 habe ich auf der Welle der Zuwanderung von Geflüchteten mit anderen zusammen die Koordinierungsgruppe für die Flüchtlingsarbeit in Dortmund gegründet – das Netzwerk der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit. Wir haben Sprachkurse in der Sammelunterkunft Morgenstraße in Wickede organisiert – später das Café International in Wickede –, dazu Fortbildungen für Ehrenamtliche bei der Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche Dortmund durchgeführt. Schließlich habe ich den Vorsitz im Verein Flüchtlingshilfe Aplerbeck übernommen. Im Juni gestalteten wir aktuell den Weltflüchtlingstag 2026 in Dortmund – mit dem Mahnmal der Erinnerung an die über 72.000 Geflüchteten, die an den europäischen Außengrenzen – überwiegend im Mittelmeer – gestorben sind. Warum machen wir das alles, warum engagiere ich mich? Die Bilder in meinem Arbeitszimmer erinnern mich. Ich zitiere dazu den Soziologen Professor Ludger Pries aus Bochum: »Sei ein Mensch! Achte die Würde aller Menschen! Es gibt weder ›Rassen‹ noch rassistisch definierte ›Völker‹. Migration ist Teil unserer Evolution. Sie hat seit Jahrmillionen zur Vermischung und Vielfalt des Homo Sapiens geführt. Was wir sind, sind wir durch Migration. Wir können Migration ebenso wenig exakt steuern, wie die menschliche Evolution selbst. Wir können aber versuchen, unser Zusammenleben unter Beachtung der Gleichwertigkeit und Würde aller Menschen gerecht und nachhaltig zu gestalten.« Genau das versuchen wir. Der Autor Paul Gerhard Stamm ist Superintendent i. R. in Dortmund sowie Gründer und Vorsitzender der Flüchtlingshilfe im Stadtbezirk Aplerbeck e. V. 11

»Benedettos« Kilometerzähler ist exakt: 91.723 Kilometer werden angezeigt. »Benedetto« ist das Auto, mit dem ich in Bolivien zur Begegnung mit Menschen in Schulen, Familien, Bischofshäusern oder Konventen unterwegs war. Wir haben Wege zu verschiedenen Treffen in Internaten, Waisenhäusern, Gesundheitsstationen oder Zentren für Katechese zurückgelegt; wir suchten Wege zu Landuniversitäten, Exerzitienhäusern, Bibliotheken, Krankenhäusern und zu Initiativen des Fairen Handels. Mission er-fahren Allen ein Bruder sein in Bolivien TEXT UND FOTO: Michael Meyer Die vielen Wege mit »Benedetto« waren mehr als eine Einbahnstraße, sie gehen in viele Richtungen. In allem scheint für mich dabei die wichtigste Erfahrung der Mission durch: Mission lebt von der direkten Begegnung als »misión con rostro«, als einer Mission mit einem konkreten Menschengesicht. Die Begegnungen von Menschen lassen ein globales Beziehungsnetzwerk im Dienst des Evangeliums wachsen. Mit »Benedetto« haben sich mir die Augen geöffnet. Wie sonst hätte ich die landschaftliche Schönheit des südamerikanischen Landes entdecken können: die Weite des Altiplano, die kurvigen Strecken durch die Region der Täler, das satte Grün im Tiefland. Die Erkundung der so reizvollen Landschaften beschränkt sich aber nicht nur auf eine landschaftliche Idylle. Die Sorge um das Gemeinsame Haus der Erde für die vielfach bedrohte Erde ist leitend. Gerade der franziskanische Auftrag der Schöpfungsbewahrung setzt an vielen Stellen des Landes besondere Akzente, etwa mit den Franziskanerschulen »Escuela de Cristo«, die sich für ökologische Themen starkmachen und dabei Projekte wie Baumpflanzaktionen umsetzen. Aber auch der neue internationale Zusammenschluss von zivilen und kirchlichen Verantwortungsträgern in Amazonien im Netzwerk REPAM (»Red Eclesial Panamzónica«, Kirchliches Netzwerk Panamazonien) ist ein Ansatzpunkt, um die Kultur der Indigenen zu verteidigen und um die Artenvielfalt der Natur zu schützen. Um die Menschen und ihre Kultur besser zu verstehen und um sie tiefer kennenzulernen, muss Bolivien »er-fahren« werden. Das ist mehr als ein Wortspiel. Wege des Friedens Er-fahren heißt: die Unwegsamkeit vieler Straßen entdecken, mit Überraschungen rechnen. Da sind die »Bloqueos«, die Blockaden. Ohne Ankündigung liegen Steine auf der Straße und um die Blockaden herum gruppieren sich aufgebrachte Demonstranten. Zuletzt hat eine Straßenblockade im Mai 2026 das Alltagsleben der Millionenstädte La Paz und El Alto wochenlang lahmgelegt. Die Lebensmittel waren knapp und teuer – und wurden es durch die Blockaden noch mehr. Wenn die offizielle Politik nicht reagiert, nicht auf die Anliegen der Bevölkerung eingeht und an der Spirale der Korruption weiterdreht, dann ist Politik auf der Straße wiederzufinden. Ultima ratio? Straßenblockaden als Druckmittel, als letztes Mittel für die Mächtigen? In den vielen gesellschaftlichen Konflikten Boliviens zeigt sich die bolivianische Kirche als Vermittlerin, um Wege des Friedens zu suchen. Aurelio Pesoa ofm, Bischof aus Trinidad und Vorsitzender der Bolivianischen Bischofskonferenz, bringt mutig seine Stimme in der nicht einfachen politischen Situation ein. Er steht glaubwürdig an der Seite der Armen und wird nicht müde, Gerechtigkeit einzufordern. Auch die franziskanische Bewegung »Justicia y Paz« (Gerechtigkeit und Frieden), die in Cochabamba ihren Sitz hat, fordert in ihren nationalen Initiativen, die Würde des Menschen zu achten. Die Verteidigung der Menschenrechte und die Mission gehen hier Hand in Hand. 12

Mission ist Sendung Er-fahren heißt aber auch: Gastfreundschaft spüren. Das gehört zu den schönsten »Erfahrungen«. An wie vielen Stellen habe ich echte Gastfreundschaft erlebt? Das Zeugnis der Gastfreundschaft ist für mich ein wichtiger Impuls der Kirche Boliviens für uns in Europa. Die Offenheit für Fremde, die Einladung zu teilen – sei es auch nur wenig – und das Interesse am anderen und seiner Lebensgeschichte stehen im Vordergrund. »Unser tägliches Brot gib uns heute!« ist keine Floskel. Dazu fallen mir die vielen großen Kochtöpfe aus einfachem Metall ein, in denen allerorts das Essen zubereitet wird. In aller Einfachheit oder auch im Kontext der Armut reicht es für alle, weil Menschen teilen. Der aus Italien stammende Fray Marcos ofm ist Tag für Tag unterwegs, um mit Bedürftigen eine einfache Mahlzeit zu teilen und sagt ein wenig verschmitzt: »Unsere Mission ist wie bei Franziskus: Ich möchte Bruder aller sein.« Das ist eine Mission unter dem Vorzeichen der Geschwisterlichkeit. Fratelli tutti. Er-fahren heißt dann auch: Nicht nur auf dem Stuhl hocken zu bleiben. Mission ist Sendung. »Mission heißt, aufhören sich um sich selbst zu drehen, als wären wir allein der Mittelpunkt der Welt und des Lebens. Die Menschheit ist viel größer.« Der Text von Hélder Câmara ist für mich ein Schlüsseltext. In Bolivien bezeichnen sich viele Menschen in den Gemeinden als »Misioneros«, als Missionare. Sie gestalten als Getaufte das Leben der Kirche vor Ort mit und organisieren sich eigenverantwortlich. Mich haben die Beispiele der vor Ort engagierten Menschen stets ermutigt. Und dann aber auch der Austausch mit den »Missionaren« aus allen Teilen dieser Welt. Welch ein großer Schatz an internationaler Verbundenheit in großem und kleinem Format, mit Asiaten, Afrikanern und Europäern. Ich habe Missionare in ihrem Einsatz bis hinein in die letzten Gemeinden des Landes angetroffen, wo es an Luxus, Annehmlichkeiten und Selbstverständlichkeiten wie Strom oder fließendem Wasser fehlt. Von Internetzugang erst gar nicht zu sprechen. Sollte ich diese Erfahrungen, diesen Einsatz vergessen? Ich sehe Gesichter von Menschen vor mir, mit denen ich arbeiten, leben, nachdenken, diskutieren, beten und feiern konnte. Ich denke an Manuel Eguiguren ofm in Trinidad. Die Teilnehmer einer Begegnungsreise verwechselten ihn und dachten, er sei lediglich der Chauffeur für die Gäste. Sie staunten nicht schlecht, als sie allmählich merkten, dass der aus dem Baskenland stammende Franziskaner nicht nur Chauffeur, sondern Weihbischof des Vikariates El Beni ist. Seine Schlichtheit, seine Option für die Armen, aber auch sein Humor waren einzigartig. Ich sehe Don Marcelino vor mir, ein Katechet, der im Dienst der Prälatur Coro-Coro steht. Er kennt die Prälatur wie seine Westentasche, hat in den vergangenen Jahrzehnten die Landgemeinden zu Fuß besucht. Kälte und Unwegsamkeit des Altiplano waren ihm kein Hindernis. Oder Doña Pascuala in einem Andenort im Grenzland zu Peru. Sie ist ehrenamtliche Gemeindeleiterin mit einem rührenden Engagement für die Jugendlichen. Hat sie je die Stunden ihres Einsatzes aufgelistet? Leere in der Fülle? Ich höre aber nicht auf zu fragen: Was bedeuten die existenziellen Erfahrungen für meinen Alltag in Europa, wo ich mit einem Dach über dem Kopf gut abgesichert leben kann? Wie lebe ich in einer gesättigten Gesellschaft, die materiell kaum Not leidet, wo sich aber die Fragen jenseits der Oberfläche nach einem erfüllten Leben neu auftun? Während eines Abschlusstreffens am Ende einer internationalen Begegnungsreise hat eine Teilnehmerin der bolivianischen Delegation angemerkt: »Wir haben bei euch in Deutschland die Leere in der materiellen Fülle gespürt.« Das mag vielleicht holzschnitzartig klingen, trifft aber den Kern. Die Mission stellt die Frage nach dem Wesentlichen. Wofür lässt du dich in den Dienst nehmen? Was motiviert dich? Ein Liedvers aus »Pintame Bolivia« des bolivianischen Liedermachers Christian Benítez klingt in mir nach. »Es braucht ein Motiv«, wiederholt der Sänger mehrfach. Im Evangelium nennt Jesus das Motiv seiner Mission (Lk 4,18-21): Er ist dazu gesandt, den Armen eine Frohbotschaft, den Trauernden Freude und den Gefangenen Freiheit zu bringen. Dieses Lebensmotiv nehmen Missionare als Weltgeschwister auf. In Bolivien, in Deutschland und bis an die Grenzen der Erde. Der Autor Michael Meyer ist Priester der Diözese Trier (Fidei Donum) und war zuvor Geschäftsführer in der Partnerschaftskommission der Bolivianischen Bischofskonferenz und Grundlagenreferent bei missio, Aachen. 13

1992 verbrachte ich als Seminarist ein Jahr in Cochabamba in Bolivien. »Mit dem Volk und wie das Volk leben«, so mein Ideal. Also verließ ich das sichere Seminar der Steyler Missionare und zog in eine Lehmziegelhütte mit Wellblechdach in ein Armenviertel am Stadtrand. Ohne fließendes Wasser. Die Welt braucht unsere Mission! Ein persönlicher Erfahrungsbericht TEXT UND FOTO: Robert Hof Heute staune ich über so viel jugendlichen Mut und wohl auch Leichtsinn! Und ich bekenne: Ich habe nie wirklich »wie das Volk« gelebt. Wie auch? Ich hatte ein Rückflugticket und Eltern in Deutschland, die mir im Notfall geholfen hätten. Medizinisch geht für diejenigen, die Geld haben, immer mehr als für die, die keines haben. Und wenn es einem zu trist wurde, konnte man in die Stadt fahren und sich einen Eisbecher kaufen. Armut bedeutet gerade, kein solches »Hintertürchen« zu haben. Damals lernte ich Pater Paco kennen, einen spanischen Missionar, der seinen Reisepass verbrannt hatte, um auf Gedeih und Verderb mit dem bolivianischen Volk verbunden zu sein. Ganz im Sinne des Jesuiten Luis Espinal: Mission heißt, »die Schiffe hinter sich zu verbrennen«. Ich habe meinen Reisepass behalten. Aber Bolivien hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Glaube schenken! »Wir tragen einen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen« (2 Kor 4,7), so lautet mein Primizspruch. Ein Wort, das mir immer wichtiger geworden ist. Der Schatz ist für mich der Glaube an Jesus Christus und sein Evangelium. Eine Botschaft, die Menschen Würde und Freiheit verleiht, besonders den Armen. Das Gefäß allerdings ist zerbrechlich. Die Kirche ist allzu menschlich und hat sich schuldig gemacht, ist ein angeschlage14

nes Gefäß, hat ein reichlich ramponiertes Image. Und auch jeder Missionar ist ein zerbrechliches, irdenes Gefäß, unvollkommen, unzulänglich, aber doch Träger eines Schatzes. Bei einer Reise mit dem Bus durch das karge Hochland Boliviens hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich sah Bauern, die Campesinos, vor ihren ärmlichen Hütten und die mühsam bestellten Felder. Mitten in dieser Landschaft stand ein gigantisches Werbeschild: »Diet Coke«. Wozu brauchen die ausgezehrten Bewohner des Altiplano eigentlich die neueste Diät-Cola? Bis heute stelle ich fest: Man kann stundenlang auf holprigen Wegen in ein entlegenes Dorf fahren – Coca-Cola war schon da! Wirtschaftskonzerne sind ausgesprochen »missionarisch«. Politische Ideologien sind es. Die sozialen Medien sowieso. Und evangelikale Sekten warten auch nicht bescheiden am Ortseingang und fragen, ob sie vielleicht stören. Warum sollte sich ausgerechnet der christliche Glaube, wie ihn die katholische Kirche heute verkündet, zurückhalten? Mission darf niemals bedeuten, einem Menschen etwas aufzudrängen. Glauben wir aber, einen Schatz zu haben, der Menschen beschenkt, und sie letztlich befreit und heilt, dann müssen wir ihn anbieten. Morgens im Urwald Von 2008 bis 2015 lebte und arbeitete ich in Concepción im bolivianischen Tiefland. Dort bedeutete Mission erst einmal: Hitze, Schweiß, Staub, Schlamm und Diesel. Um fünf Uhr früh ging es los, direkt in den Urwald. Der Jeep war überfüllt und überladen: Ordensschwestern, Katecheten, Musiker, manchmal ein Arzt oder eine Krankenschwester. Messkoffer, Medikamente und Lebensmittel. Axt und Spaten durften auch nicht fehlen. Wir fuhren in abgelegene Dörfer, in die Politiker nicht einmal vor den Wahlen kamen. Allein die Tatsache, dass wir ankamen, war bereits Botschaft: Ihr seid nicht vergessen! Ihr seid wichtig! Die Kirche kommt zu euch! Die Glocke läutete, die Menschen versammelten sich zur Messe. Danach reflektierten wir im Sinne von Sehen – Urteilen – Handeln: Was braucht das Dorf? Trinkwasser? Medikamente? Menschenwürdige Häuser? Dort habe ich gelernt: Leib- und Seelsorge lassen sich nicht trennen. Was nützt eine fromme Predigt über die Liebe Gottes, wenn neben mir eine alte Frau mit offenen Wunden an den Füßen sitzt? Die Franziskaner haben diese Art von Mission über Jahrzehnte gelebt. Namen wie Bischof Antonio Eduardo Bösl und Pater Reinaldo Brumberger stehen für eine Generation von Missionaren, die nicht nur predigten, sondern anpackten. Sie bauten nicht nur Kirchen, sondern auch Schulen und Internate, bohrten Brunnen, förderten Landwirtschaft und Viehzucht und kümmerten sich um Kranke. Papst Franziskus forderte von den Hirten, den »Geruch der Herde« anzunehmen. Die Priester und Ordensschwestern in Concepción brauchten dafür keine päpstliche Erklärung. Wenn sie nach einem Einsatz vom Campo, einem Besuch in den Dörfern, zurückkamen, nachdem sie Wunden versorgt, Kinder von Parasiten befreit, Kranke umgebettet und vielleicht eine Runde Fußball gespielt hatten, trugen sie den Geruch ihrer Herde im wörtlichen Sinne an sich. Verschwitzt, voller Staub, aber glücklich, kehrten sie in den Konvent zurück. Mission ganz anders Seit 2021 bin ich wieder in Bolivien, diesmal in San Julián. Und wieder muss ich Mission neu denken. San Julián ist eine schnell gewachsene, staubige und laute Provinzstadt. Die Menschen kommen aus allen Ecken Boliviens. Auf den vier Türen unserer Pfarrkirche steht deshalb das Vaterunser in vier bolivianischen Sprachen: Quechua, Aymara, Guaraní und Chiquitano. Alle sollen sich beheimatet fühlen! Mission bedeutet hier für mich: Heimat schaffen. Und Bildung! Hunderte Kinder und Jugendliche begleiten wir auf dem Weg zu den Sakramenten. Wir haben eine Musikschule aufgebaut. Musik ist beste Jugendarbeit. Das Erlernen eines Instruments oder das Singen im Chor, soll Kinder und Jugendliche zum Schönen und Guten führen. Junge Menschen werden heute vor allem von sozialen Medien wie TikTok, Facebook & Co. beeinflusst. Influencer vermitteln Werte und Ideen, verkaufen Produkte, aus eigenem Interesse. Die Welt ist ein Wettbewerb. Mission bedeutet in San Julián aber auch, Strukturen zu schaffen. Eine Gemeinde braucht nicht nur schöne Gedanken, sondern Räume und ein Dach. Unter politisch nicht immer einfachen Bedingungen bauen wir ein neues Gemeindezentrum auf. Vielleicht ist das sehr franziskanisch: klein anfangen. Mit dem arbeiten, was da ist. Und Gott den Rest zutrauen! Wer missioniert wen? Nach all den Jahren in Bolivien hat sich mein Missionsverständnis weiterentwickelt. 1992 wollte ich »wie das Volk« leben. Später verwirklichte ich Projekte, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Heute versuche ich, Menschen zusammenzuführen und ihnen in Kirche Heimat zu geben. Dabei missionieren die Menschen auch mich! Die Chiquitanos in Concepción mit ihrer Herzlichkeit und Gelassenheit haben mich geprägt. Die Menschen in San Julián lehren mich, nicht lange über schlechte Bedingungen zu jammern, sondern anzupacken. Das Evangelium wird mir hier oft von den Menschen selbst ausgelegt – ganz ohne viele Worte. Mission bedeutet, den Schatz des Evangeliums anzubieten, den Armen nahe zu sein, Bildung zu ermöglichen, Gemeinschaft und Heimat zu schaffen und den Menschen in Wort und Tat die Liebe Gottes zu verkünden. In diesem Sinne braucht die Welt Mission, in Bolivien wie in Deutschland. Der Autor Robert Hof ist seit 2021 als Missionar in der Stadt San Julián (circa 180 Kilometer östlich von Santa Cruz, Bolivien) tätig. Zuvor war er bereits von 2008 bis 2015 als Missionar in Bolivien im Einsatz, bevor er zwischenzeitlich als Pfarrer in der Münchner Herz-JesuKirche arbeitete. 15

TEXT: Augustinus Diekmann ofm | LOGO: sec Der Spenderdialog ist für eine Organisation wie die Franziskaner Mission das A und O. Unterstützergruppen und Einzelspenderinnen und -spender machen unsere weltweite Projektarbeit erst möglich. Doch wer hilft, möchte auch sichergehen, dass diese Hilfe nicht versickert und wofür genau die Spenden eingesetzt werden. Ideal ist natürlich der persönliche Kontakt. Darüber hinaus helfen Telefongespräche und E-Mail-Austausch. Ein Projektkalender stellt jedes Jahr zwölf längerfristige Projekte vor. Aber die Zeitschrift »Franziskaner Mission« ist schon seit Jahrzehnten die wichtigste Informationsquelle. Sie erscheint viermal im Jahr und hat heute eine Auflage von mehr als 30.000 Exemplaren. In diesem Beitrag soll dargestellt werden, wie sich, mit der Entwicklung des Missionsverständnisses, auch dieses Kommunikationsorgan immer wieder verändert hat. Kommunikation im Wandel der Zeit Missionsvereine Mit der verstärkten Missionstätigkeit der deutschen Franziskaner in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurden in den verschiedenen Ordensprovinzen nach und nach sogenannte »Missionsvereine« gegründet. Es ging zunächst darum, den Kontakt zwischen den Missionaren und ihren Provinzen, mit Familien und Freunden lebendig zu halten. Dazu diente zunächst eine Art Faltblatt mit Fotos und Berichten, das vom zuständigen Missionsprokurator zusammengestellt und in kleinerer Auflage veröffentlicht wurde. Die Beiträge kamen vor allem aus den Briefen der Missionare. Die Post erreichte die Heimat auf Schiffen und später per Flugzeug mit blauem Luftpostpapier. Ein großer Schritt Aufgrund der wachsenden Unterstützung der Brüder, am Anfang vor allem in Nordostbrasilien, wurde aus dem einfachen Faltblatt eine richtige Zeitschrift, zunächst allerdings mit kleinerer Seitenzahl. Die Artikel stammten vor allem aus der Feder des Missionsprokurators selbst, der von seinen regelmäßigen Projektreisen auch passende Fotos mitbrachte. Um diese Arbeit zu erleichtern, bildete sich bald ein kleines Redaktionsteam, das neben Zitaten aus den Missionarsbriefen und Reiseberichten auch allgemeinere Themen zur Mission aufgriffen. Die Zeitschrift wurde praktisch allen Unterstützerinnen und Unterstützern viermal im Jahr per Post zugeschickt. Neue Möglichkeiten Mit der Weiterentwicklung der Kommunikationstechnik konnten bald auch Beiträge der Missionare zu bestimmten Themen und sogar einfache Fotos zur Veröffentlichung erbeten werden. Die wachsende Artikelanzahl führte zu einem größeren Volumen der Zeitschrift – jetzt mit dem Namen »Franziskaner Mission«. Die authentischen Zeugnisse der Brüder von ihrer alltäglichen Arbeit in den Gemeinden und Projekten überzeugte die Leserschaft, ihrer Unterstützung treu zu bleiben. Immer mehr deutsche Gemeinden sensibilisierten sich in Eine-Welt-Gruppen für Partnerschaften mit bestimmten franziskanischen Missionsprojekten. Das Interesse an persönlichen Begegnungen in den Partnerprojekten wuchs. So machten sich die ersten Reisegruppen per Flieger auf den Weg und berichteten später in der Zeitschrift von ihren Kontakten mit anderen Ortskirchen und Kulturkreisen. 16

TEXT ZUR MITTELSEITE Der Autor Augustinus Diekmann war als Franziskanermissionar 20 Jahre in den Bundesstaaten Maranhão und Piauí, Nordostbrasilien, tätig. Seit 2004 leitet er die Franziskaner Mission Dortmund. Seit 20 Jahren ist die Agentur sec in Osnabrück ein verlässlicher Partner, der 80 themenzentrierten Ausgaben der Zeitschrift »Franziskaner Mission« in Text und Bild ein einfaches und doch ausdrucksstarkes Layout geschenkt hat. Dabei steht auch für sec die Authentizität in der Öffentlichkeitsarbeit mit an erster Stelle. Auf der folgenden Mittelseite wird der Reichtum von Themen und Gestaltung eindrücklich sichtbar. Brückenschläge Neben dem Missionssekretär und den Missionaren wurden die Brücken zu den Missionsgebieten immer lebendiger. Wer einmal, wenn auch nur für ein paar Wochen, ein bestimmtes Projekt persönlich besuchen konnte, wurde zu einem soliden Motor für Gemeinde- oder Schulpartnerschaften. In den 1980er und 1990er Jahren entstand ein wachsendes Netz von Partnergruppen: Pfarreien, Schulen, Eine-Welt-Kreise und weitere. Durch diese Gruppen erreichte die Zeitschrift »Franziskaner Mission« immer mehr Verbreitung und Interesse. Mit dem Aufkommen von Missionarinnen und Missionaren auf Zeit, die bis zu einem Jahr in bestimmten Projekten mitlebten, wuchs die Zahl der Brückengänger. Auch sie berichteten in der Zeitschrift von ihren lebendigen Erfahrungen und wie menschliche Begegnung verändern kann. Nehmen und Geben Mit dem veränderten Missionsverständnis als Dialog auf Augenhöhe kamen mehr und mehr Artikel von einheimischen Projektträgerinnen und -trägern vor Ort. Neben den Redakteuren, Missionaren und Besucherkreisen waren die Verantwortlichen an der Basis nun nicht mehr nur Empfangende, sondern auch Gebende, die zu bestimmten Themen aus ihrem Alltag berichteten. Damit wurde die Redaktion immer mehr zum Übersetzerteam und die Authentizität der Beiträge nahm weiter zu. Aus der Kommunikationseinbahnstraße wurde ein Hin und Her von Informationen, Bildern und konkreten Lebenserfahrungen. Projektträger wurden und werden von deutschen Partnergruppen eingeladen, um in persönlichen Begegnungen lebendiges Zeugnis zu geben. Verwurzelung In den letzten Jahren hat sich noch eine weitere authentische Autorengruppe ergeben – die Menschen selbst, die von Partnerschaften und Projektarbeit unterstützt und gefördert werden. Sie geben auf sehr beeindruckende Art und Weise Zeugnis von der Wichtigkeit aller Arbeit vor Ort. Ihre Beiträge in der Zeitschrift »Franziskaner Mission« verstärken noch den authentischen Charakter und führen zur tieferen Verwurzelung einer lebendigen Kommunikation im Leben der unterstützen Menschen. 17

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