Liebe Leserin, lieber Leser! »Und, was macht das mit dir?« Diese Frage höre ich manchmal, wenn ich erzähle, was ich erlebt habe. Tatsächlich: Vieles, was mir passiert, prallt nicht einfach an mir ab. Es lässt mich nicht kalt. Es macht etwas mit mir – es ärgert oder freut mich, verunsichert oder bringt auf neue Ideen, verleiht mir Flügel oder macht mir Angst. Leben macht etwas mit uns. Darum werden zwei Menschen, wenn sie sich besser kennenlernen wollen, einander nicht mit ein paar dürren Begriffen ihre Eigenschaften präsentieren. Sie werden vielmehr erzählen – von ihrer Familie und ihrer Schulzeit, von Freundschaften und Schicksalsschlägen, von entscheidenden Begegnungen, Erfolgen und Enttäuschungen … Das, was ich erlebt habe, hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich bin, der ich bin – das kann nur Gott sagen. Wir sind, was wir durch Erfahrungen geworden sind. Vor 800 Jahren starb Franz von Assisi. Er hat viel in Bewegung gebracht. In seinem Testament erinnert er sich, wie alles begann: nicht im bloßen Nachdenken, nicht in einer Erleuchtung von oben, sondern in der Begegnung mit einem Aussätzigen. »Da wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit verwandelt«, schreibt er. Conversum fuit mihi – da wurde seine Lebensdatei konvertiert, neu formatiert, da hat sich eine echte Konversion ereignet. Umkehr geschieht normalerweise weder durch moralische Appelle (»Ändere Dich endlich!«) noch durch Vorsätze (»Ab jetzt werde ich mich ändern!«) oder ausgefeilte »Methoden« (»So kannst Du Dich ändern ...!«). Ich werde neu, wo ich Fremdes an mich heranlasse. Sie werden fragen, was das alles mit »Mission« zu tun hat, schließlich halten Sie eine Missionszeitschrift in den Händen. Sehr viel. Evangelisierung geschieht in Begegnungen. Da werden nicht einfach Informationen weitergegeben. Es geht vielmehr darum, miteinander Leben zu teilen und dabei dem Evangelium auf die Spur zu kommen. Das aber ist keine Einbahnstraße, da gibt es nicht die einen, die nur geben, und die anderen, die nur empfangen. Die Begegnung wird alle verändern. Anderen das Evangelium zu bezeugen bedeutet, sich selbst von diesem Evangelium verwandeln zu lassen. Ich habe das oft erlebt: Wenn ich versuche, jemandem etwas zu erklären, verstehe ich es selbst besser. So helfen wir uns auch in der weltweiten Kirche gegenseitig, Jesus besser zu verstehen. Nur einer ist Euer Lehrer, sagt Jesus. Alle anderen, wir alle, lernen. Miteinander und voneinander. Auch darum ist Mission kein Nice-to-have. In der Begegnung gemeinsam das Evangelium zu lernen, das ist Grundvollzug von Kirche. Alles ein bisschen theoretisch? Dann lesen Sie mal die vorliegende Ausgabe der »Franziskaner Mission«. Da erzählen Menschen, wie die Begegnung mit anderen Teilen der Weltkirche ihren Horizont erweitert hat. Wie das Engagement für andere die Sicht auf das eigene Leben verändert. Wie sie bei dem Versuch, etwas vom Evangelium weiterzugeben, dieses Evangelium selbst neu entdeckt haben. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre. P. Cornelius Bohl ofm Sekretär für Mission und Evangelisierung TITEL Das Bild auf der Titelseite zeigt einen Ausschnitt aus dem Missionsalltag von Augustinus Wehrmeier ofm in Malawi vor 21 Jahren. An diesem Tag gratulierte er im kleinen Dorf Gomani der Bewohnerin Marguerita zu ihrem 100. Geburtstag. Neben ihr sitzt ihr Enkel Veke. Zum missionarischen Dienst gehören, damals wie heute, auch die Besuche bei alten und kranken Menschen. Dabei bringen die Missionare ihnen die heilige Eucharistie und, wenn gewünscht, das Sakrament der Krankensalbung. Bei solchen Gelegenheiten versammelt sich oft auch die Gemeinde, um Gottesdienst zu feiern. 3
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