TEXT ZUR MITTELSEITE »Das Gleis, an dem sich Mut und Liebe verbinden.« (Titel der Wandmalerei) Der baskische Künstler Manuel Solis Leire Aranburu, geboren 1992, erinnert in seinem Wandgemälde im Innenhof der Einrichtung »Las Patronas« an dessen Gründerin Doña Eleonora. Aus ihren Händen gibt sie Mais, das wichtigste Grundnahrungsmittel der Region, und Liebe. Der Güterzug »La Bestia« (Die Bestie), mit den Nationalflaggen vieler Länder Zentral- und Lateinamerikas, steht für Hoffnung und Verzweiflung zugleich. Tausende Migrantinnen und Migranten reisen auf seinen Dächern durch Mexiko Richtung USA. Der Maler widmet sein Bild Kelvin, einem jungen Migranten, der auf der Fahrt tödlich verunglückte. »La Bestia« nahm ihm das Leben. Der Autor Frank Hartmann ist Guardian im Franziskanerkloster in Dortmund und Seelsorger im Pastoralen Raum Dortmund-Mitte. Von 2022 bis 2025 arbeitete er in der Herberge »Santo Hermano Pedro« für Migrierende in Mezquital, Guatemala. Migranten«). Daneben prangt die Silhouette einer Friedenstaube. Jeden Morgen überprüfen sie den Inhalt der Tüten streng: »Würde ich selbst essen, was da drin ist?«, lautet das Kriterium. Brötchen mit dem kleinsten Ansatz von Schimmel werden konsequent aussortiert. Die Frauen binden zudem jeweils zwei Plastikflaschen Wasser aneinander, die sie später auf einer Schubkarre ans Gleis fahren. Verteidiger der Würde Mich beeindruckt ihre tiefe Motivation. »Wir konnten doch Gott nicht die Tür verschließen«, sagt Norma Gonzales auf die Frage nach dem Umgang mit dem Lockdown während der CoronaKrise. Aus ihrem Mund klingt das absolut glaubhaft und bodenständig. »Wäre das, was wir hier tun, nicht von Gott, wären wir längst am Ende«, so ihre Überzeugung. Es hat nicht die geringste Spur von Überheblichkeit, wenn sie das sagt. In ihren Worten benennt die gläubige Christin ihren Beweggrund: »Auch die Menschen auf den Zügen sind unsere Schwestern und Brüder. Wir geben ihnen nur etwas zu essen und zu trinken. Das ist doch das Evangelium, oder?« Dabei stieß ihr Einsatz anfangs nicht überall auf Gegenliebe. Nachbarn beschimpften sie früher, wie sie denn »dieses Pack« auch noch unterstützen könnten. Heute ist es friedlicher geworden. Norma Gonzales wird mittlerweile zu Vorträgen weltweit eingeladen – von der Päpstlichen Gregoriana-Universität in Rom bis zur Harvard-University in den USA. Und andererseits sucht Norma Helfende. Sogar die Chefetage des nahen Krankenhauses wird von Norma zum Essen eingeladen, um die fachärztliche Unterstützung für Notfälle zu sichern – kostenlos. Am Beispiel von Rigoberto aus Honduras wird deutlich, wie dringend diese Hilfe benötigt wird. Der junge Mann floh vor sechs Wochen aus seiner Heimat, um der dortigen Gewalt zu entkommen. Sein linkes Bein ist komplett eingegipst. »Ich wollte vom Zug abspringen, bei voller Geschwindigkeit«, erzählt der 38-Jährige. »Dabei habe ich mir das Bein gebrochen. Wir waren mitten im Nirgendwo, weit weg von jedem Ort. Gott sei Dank kam ein Taxifahrer vorbei, der uns zu den Patronas brachte.« Dank Normas Kontakten bekam er sofort einen OP-Termin. Es ist zutiefst berührend, wie Julia, eine kleine Frau mit silbernem Haar, ihn tröstet: »Du hast den Sturz überlebt. Gott hat dir gute Menschen an den Weg gestellt. Jetzt kann dein Bein ausheilen. Wir sind für dich da.« Dann kommt der Moment, auf den alle gewartet haben. Aus der Ferne ertönt ein lang gezogener Pfeifton. »Der Zug!«, ruft Viki. Wir lassen alles stehen und liegen, packen die Kisten und die Schubkarre und laufen die 100 Meter zum Gleis. Es ist bereits dunkel, nur wenige LED-Taschenlampen werfen ein fahles Licht. Wir verteilen uns mit weitem Abstand am Schotterbett. Jeder hält einen Beutel bereit. Der Ton schwillt an, das Lichterdreieck der Lokomotive rollt auf uns zu. Mit gewaltigem Getöse rauschen die riesigen Loks an uns vorbei, gefolgt von einer nicht enden wollenden Schlange aus Stahlwaggons. Das Szenario flößt mir gewaltigen Respekt ein: Das also ist die »Bestie«. Ich suche die Waggons ab und entdecke eine vermummte Gestalt auf einem Trittbrett. Als sie auf meiner Höhe ist, ergreift sie blitzschnell den Beutel und ruft laut: »Gracias!«, bevor sie wieder in der Dunkelheit verschwindet. Dieser Moment der Übergabe, dieser flüchtige Kontakt von zwei Sekunden, wird mich wohl nie wieder loslassen. Diese Frau auf dem Zug – schutzlos dem eiskalten Fahrtwind, der Abschiebehaft oder kriminellen Banden ausgesetzt. Wie groß muss die Not sein, dass man sich dieser Gefahr stellt? Ich schaue den roten Rücklichtern des Ungeheuers noch lange nach. Wie den Patronas hier am Gleis, möge Gott den Migrierenden viele Verteidiger ihrer Würde an den Weg stellen. Frauen haben Mineralwasser zum Anreichen für die Migrierenden auf dem nächsten Zug vorbereitet. 17
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