Eine zierliche Frau mit gütigem Blick begrüßt uns unter der Veranda ihres bescheidenen Hauses. Sie sitzt im Rollstuhl. Doña Eleonore, 88 Jahre alt, lud Joaquín Garay und mich zu sich nach Hause ein, um ihren Hausaltar zu segnen. Sie wohnt in La Patrona de Guadalupe, 400 Kilometer östlich von Mexiko-City. Las Patronas Engagierte Frauen am Gleis in Mexiko Zahlreiche Mariendarstellungen und Heiligenfiguren stehen zwischen brennenden Kerzen auf einem großen Tisch an der Wand. Mit jedem dieser Andachtsgegenstände verbindet die alte Dame eine persönliche Geschichte. Nach dem gemeinsamen Gebet und Segen beginnt sie mit brüchiger, aber fester Stimme zu erzählen: »Das hier ist mein Elternhaus. Hier bin ich und hier sind auch unsere fünf Kinder aufgewachsen. Hier begann auch unser Projekt: Als vor rund 30 Jahren immer mehr Menschen auf den Zügen saßen, hat mich das nicht mehr losgelassen.« Das Projekt, das sind »Las Patronas«: Frauen, die Flüchtlingen Essen und Trinken bringen. Die Flüchtlinge nutzen zur Flucht die schweren Güterzüge – im Volksmund »La Bestia«, das Ungeheuer, genannt. Die Züge donnern keine 50 Meter von Doña Eleonores Haus entfernt vorbei. Auf ihnen hockten, zumindest bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie, dicht gedrängt meist junge Männer. Sie alle hatten nur ein einziges Ziel: Möglichst schnell die US-amerikanische Grenze zu erreichen, weg von Armut und Gewalt ihres jeweiligen Heimatlandes. Essen für Migrierende Doch seit etwa zwei Jahren hat sich die Situation drastisch verändert. Viele Güterzüge nehmen heute einen anderen Weg. Durch La Patrona kommen jetzt nur noch in der Frühe ein oder zwei Züge vorbei, abends höchstens einer. Manches Mal stehen die Helferinnen vergeblich am Gleis, kein Mensch ist auf dem Zug zu sehen. Der Grund dafür ist erschütternd: Während in den letzten Jahrzehnten vorwiegend junge Männer ihre Heimat verließen, sind nun zunehmend ganze Familien unterwegs. Für Minderjährige und Kleinkinder ist die gefährliche Fahrt auf dem Dach der »Bestie« jedoch schlicht unmöglich. Sie weichen auf skrupellose Schleuserbanden aus, die sie per LKW – dicht gedrängt im Dunkel der Ladefläche – auf der Straße befördern. Doch die Gefahren bleiben bestehen: Im Inneren der Trucks ist es entweder drückend heiß oder lebensgefährlich kalt, wenn die Kühlung läuft. Manchmal werden die Trucks verlassen am Straßenrand aufgefunden – im Innenraum Frauen, Männer und Kinder kurz vor dem Ersticken oder bereits tot. Doña Eleonore erinnert sich an die Anfänge ihres Wirkens: »Als unsere Kinder in der Schule waren, habe ich Brot, Bohnen und Reis in Beutel gepackt. Damit sind wir dann am Nachmittag und Abend an das Gleis gegangen und haben es den Menschen auf der Bestie gereicht.« Das war in den 1980er Jahren – der Beginn des bis heute fast ausschließlich von Frauen getragenen Projektes »Las Patronas«. Dabei ist der Name bereits TEXT UND FOTOS: Frank Hartmann ofm vielsagend und mehrdeutig. »Las Patronas«, das sind die Einwohner des rund 400 Kilometer östlich von Mexiko-City gelegenen Ortes La Patrona de Guadalupe, benannt nach Maria, der Mutter Jesu, der Schutzpatronin Mexikos. Heute wird die Initiative von Norma Gonzales, der Tochter Doña Eleonores, geleitet. Zusammen mit ihrer Schwester Bernadina sowie mit Julia, Viki, Tita und Uriel – dem einzigen Mann im Team – leisten sie diesen Dienst. Sie alle arbeiten ehrenamtlich, manche sind Tag für Tag von morgens bis abends vor Ort. Es ist faszinierend, mit welcher Hingabe und Leidenschaft sie ihre Arbeit verrichten. Sie packen Brötchen, Kekse und was gerade gespendet wurde in weiße Plastiktüten mit dem Aufdruck: »Las Patronas, defensoras de la dignidad del migrante« (»Verteidigerinnen der Würde des Las Patronas rund um Leonila Vásquez Alvizat, freundschaftlich Doña Eleonore genannt (links vorne im Rollstuhl) 16
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