Franziskaner Mission 2 | 2026

In der Menschheitsgeschichte gab es immer wieder Völkerwanderungen, die durch Kriege, Hunger und Naturkatastrophen verursacht worden sind. Auch heute noch machen sich Menschen auf den Weg, weil sie in ihren eigenen Ländern nicht sicher leben können. Ein Stück meiner Geschichte reiht sich in die Geschichte dieser Menschen ein. Freiheit und Würde Die Geschichte eines Bootsflüchtlings aus Vietnam wir das Lokal erreichten, fragte uns die Besitzerin, warum wir Kinder so spät noch unterwegs waren. Ich musste eine Ausrede finden und antwortete, dass wir nach der Kirche Spielen gegangen seien und in der Dunkelheit nicht mehr den Weg nach Hause gefunden haben. Der Plan zu fliehen durfte auf gar keinen Fall aufgedeckt werden. Die Wirtin erlaubte uns, bei ihr zu bleiben, bis sie Feierabend machte. Dann wollte sie uns zur nächsten Polizeistation bringen. TEXT: Chi Thien Vu ofm | FOTOS: Wikipedia / CC-PD-Mark / PD-USGov-Military-Navy; Chi Thien Vu ofm Nach dem Vietnamkrieg (1955 bis 1975) leiden auch heute noch viele Menschen unter der politischen Situation im Süden Vietnams. Das Land wurde um Jahrzehnte wirtschaftlich und auch gesellschaftlich zurückgeworfen. Unterdrückung und Einschränkungen herrschten im Leben der Menschen vor, insbesondere bei den katholischen Christen, die schon vorher negative Erfahrungen, wie Inhaftierung aufgrund ihres Glaubens, mit den im Norden lebenden Kommunisten gemacht haben. Sie erkannten sofort, dass dieses System den Menschen in seiner Freiheit einschränkt. Die Christen konnten und können bis heute nicht frei ihren Glauben praktizieren. So versuchten hunderttausende Christen und Menschen anderen Glaubens über verschiedene Wege in die Freiheit zu flüchten. Und hier beginnt die Geschichte der sogenannten Boatpeople. Die Welt nannte uns Boatpeople, weil wir mit kleinen Booten über das Meer fliehen mussten. Wie viele andere Landsleute auch, war mein Vater Fischer. In den 1980er Jahren wurden wir als Christen in unserem Glauben eingeschränkt und unterdrückt. Aus dieser Situation heraus suchten wir Möglichkeiten, um das Land zu verlassen und ein neues Leben führen zu können, ein Leben in Freiheit und Würde. So bot das Meer uns die Chance herauszufahren. Uns war bewusst, dass der Seeweg nicht ungefährlich war, aber es gab keine Alternative für uns. Das ganze Unternehmen musste natürlich streng geheim organisiert werden, denn es war bei Strafe verboten, das Land ohne behördliche Genehmigung zu verlassen. Missglückte Flucht So plante mein Vater im Jahr 1981 alles im Hintergrund. Die Flucht geschah nachts. Wir verabredeten uns an einem bestimmten Ort am Hafen, der circa zehn Kilometer von unserem Dorf entfernt liegt, um von dort gemeinsam zu starten. Meine Schwester und ich, wir waren zu dem Zeitpunkt 7 und 8 Jahre alt, kamen von der SonntagsabendMesse zurück und erfuhren von unserer Großmutter, dass wir zum Hafen gehen sollten. So machten wir uns auf den Weg. Nach einer halben Stunde fing es an, stark zu regnen, und der Himmel wurde so stockdunkel, dass ich das Gesicht meiner Schwester nicht mehr sehen konnte. Ich hielt sie an der Hand, und wir gingen nur noch geradeaus. In der Zeit gab es auf den Straßen keine Beleuchtung. Total durchnässt tappten wir mit großer Angst immer weiter im Dunkeln. Wir sahen keine Fahrzeuge oder Ähnliches, aber auch keine Menschen auf den Straßen. Irgendwann dachte ich mir, so kann es nicht weitergehen. Nach einer Stunde sahen wir plötzlich ein Licht aus der Ferne. Es war eine große Erleichterung. Wir wollten den unsicheren Weg nicht mehr weitergehen, und so gingen wir direkt auf das Licht zu. Nach einer Weile erkannten wir, dass es ein Restaurant war. Als 24

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