Franziskaner Mission 2 | 2026

Der Autor Chi Thien Vu gehört zur Deutschen Franziskanerprovinz und arbeitet als Seelsorger in der Franziskanergemeinde Dortmund. Außerdem pflegt er den Kontakt mit vietnamesischen Gemeinden in Deutschland und mit den Franziskanern in Vietnam. Der Autor heute vor dem Flüchtlingsboot, das Ende April 1984 von der Cap Anamur im Südchinesischen Meer aufgefunden wurde. Heute steht es als Denk- und Mahnmal in Troisdorf, um an die Rettungsaktion zu erinnern. Ich bekam Panik, und mehr und mehr zweifelte ich daran, dass die Flucht gelingen würde. So mussten wir das Angebot der Frau annehmen. In der Polizeistation wurden wir gut behandelt, da eine Person, die uns kannte, dort arbeitete. Die Nacht verlief für mich sehr unruhig, da ich nicht wusste, ob unser Vater und alle anderen Familienmitglieder nach uns suchten. Wenn, dann wäre alles umsonst gewesen. Am nächsten Morgen hörte ich beim Aufwachen die Stimme meines Großvaters, der unsere Namen rief. Ich lief schnell auf die Straße und sah ihn auf dem Fahrrad vorbeifahren und gleichzeitig laut nach uns rufen. Voller Freude und Erleichterung winkte ich ihm zu. Froh uns gefunden zu haben, wurden wir von ihm zurück nach Hause gebracht. Dort angekommen erfuhren wir, dass unser Vater mitsamt der Familie schon geflüchtet war. Unsere Großeltern erzählten uns, dass mein Vater zuerst nicht ohne uns fahren wollte. Aber dann wurde beschlossen, dass mein Onkel, der unseretwegen zurückgeblieben war, uns nachholen wollte. Meine Schwester und ich waren darüber zunächst sehr traurig und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Aber da waren ja unsere Großeltern und unser Onkel, die sich um uns gekümmert haben. Gegenseitige Akzeptanz Ein Jahr später versuchte mein Onkel, uns auf dem gleichen Weg in die Freiheit zu bringen. Es gelang uns jedoch Rettung vietnamesischer Boatpeople durch ein Schiff der US-Marine (1979) erst beim dritten Versuch, das Land zu verlassen. Unser Boot startete im Herbst 1982 an einem Oktobertag. Es war sehr stürmisch und der starke Wind machte die Bootsfahrt sehr gefährlich. Nach drei Tagen wurden wir von einem Öltanker gerettet. Man brachte uns am nächsten Morgen zu der Insel Kuku in Indonesien. In dem dortigen Lager für Flüchtlinge erfuhren wir, dass unsere Familie mittlerweile auf einer zweiten, größeren Insel namens Pulau Galang angekommen war. Leider war das Schiff, das alle Flüchtlinge von der kleineren auf die größere Insel bringen sollte, zur Reparatur, sodass sich alle Fahrten verzögerten. Nach drei Monaten Wartezeit konnten wir endlich auf die größere Insel fahren. Dort angekommen erfuhren wir, dass unsere Familie schon Richtung Singapur unterwegs war, um von dort per Flugzeug nach Deutschland gebracht zu werden. Die deutsche Botschaft konnte den Flug nicht verschieben. Unser Onkel flog sechs Monaten später nach Australien zu seiner Familie. Wir Kinder verbrachten ohne unseren Onkel noch rund 15 Monate auf Pulau Galang im Flüchtlingslager. Auf dem gleichen Weg wie unsere Familie kamen wir dann endlich im Jahr 1983 nach Deutschland. Zuerst wurden wir in dem Flüchtlingslager in Friedland bei Göttingen zur medizinischen Untersuchung untergebracht. Nach drei Wochen konnten wir unsere Familie endlich nach mehr als zwei Jahren in Wilhelmshaven wiedersehen. Die Freude darüber war sehr groß. In Deutschland angekommen, war für mich zunächst alles aufregend und anders. Eine neue Welt und ein neues Leben warteten auf uns. Wir Kinder lernten leicht die deutsche Sprache. Dadurch konnten wir uns ohne große Probleme an das Leben in Deutschland gewöhnen und waren schnell integriert. Uns war von Anfang an bewusst, dass wir nicht mehr nach Vietnam zurückkehren können, sondern Deutschland unsere Heimat, unsere zweite Heimat sein wird. Hier wollen wir leben und unsere Zukunft gestalten. Es stellt sich dabei die zentrale Frage, ob ich mich hier integrieren möchte oder nicht. Ich – als ein Teil der hiesigen Gesellschaft – habe den Auftrag, meinen Beitrag dazu zu leisten, damit wir in Frieden und gegenseitiger Akzeptanz leben können. Wir Flüchtlinge fühlen uns in Deutschland sehr wohl und sind dankbar für die freundliche Aufnahme. Das gibt uns eine sichere Zukunft, in der wir unseren Glauben in Freiheit praktizieren können. 25

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