Franziskaner Mission 2 | 2026

Das änderte sich in den 1920er Jahren, als französische Kolonialisten ein Insekt einführten, um das Land kultivieren zu können. Das Tier zerstörte die Kakteen. Die Folgen waren katastrophal: 1934 forderte eine schwere Hungersnot, bekannt als Marotolana – übersetzt »verstreute menschliche Skelette« – über eine halbe Million Menschenleben. Seitdem tritt durchschnittlich alle zwei Jahre ein Kéré auf. Mit diesem Hintergrund ist die aktuelle Hungersnot, die 2021 begann, noch einmal schwerwiegender. Denn ein weiterer menschengemachter Faktor kommt hinzu: Madagaskar liegt im Indischen Ozean und ist eines der Länder, die am stärksten unter dem Klimawandel leiden. Zyklone und unregelmäßige Niederschläge verstärken die Dürre. Von der Natur abhängig Das aktuelle Kéré ist die schlimmste Not seit vier Jahrzehnten, und sie zeigt keinerlei Anzeichen einer Abschwächung. Fast 1,5 Millionen Menschen wurden in Ernährungsunsicherheit und extreme Armut gestürzt. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen schätzt, dass 75 Prozent der Kinder die Schule verlassen haben, um nach Nahrung zu suchen. Die Krise wird als die erste Hungersnot der modernen Geschichte beschrieben, die durch den Klimawandel verursacht wurde. Die katastrophalen Bedingungen haben Zehntausende in den Norden des Landes getrieben. Obwohl saisonale Arbeitsmigration immer üblich war, kehren die Menschen immer seltener nach Hause zurück. Da Migration in dauerhafte Vertreibung aus der Heimat übergeht, steigen die Spannungen zwischen den Volksgruppen. Denn die überwiegend nomadischen Gemeinschaften aus dem Süden bringen kulturelle Praktiken mit, die mit denen der nördlichen gastgebenden Gemeinden kollidieren. Die von den Antandroy betriebene Brandrodungslandwirtschaft ist ein besonderer Grund für Konflikte und führt zu Vorwürfen, zum Beispiel dass sie der Umwelt weiter schaden. In einem Land, in dem 85 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängig sind, können diese Ängste schnell einen gefährlichen Kipppunkt erreichen. Zudem haben die von Afrikanern abstammenden Antandroy eine lange Geschichte von Stigmatisierung, Diskriminierung und Benachteiligung durch Behörden. Dies wird dadurch verstärkt, dass die Regierung bisher keine Pläne zur Lösung der aktuellen Krise zwischen den Volksgruppen vorgelegt hat. »Jedes Jahr hören wir, dass viele Hektar Land durch Buschbrände zerstört werden. Wir spüren, wie die Temperatur steigt und die Regenzeit kürzer wird«, erklärt Fetra Soloniaina OFS, Mitglied des Dritten Ordens der Franziskaner auf Madagaskar. Weiter fordert er: »Frauen und Männer der Franziskanischen Familie müssen an vorderster Front stehen, um die Umwelt zu bewahren und die Schwachen zu schützen. Denn das ist die Realität auf Madagaskar, wo das Leben vieler Familien von der Natur abhängig ist.« Veränderte Welt Davon waren auch viele andere junge Mitglieder der franziskanischen Gemeinschaft überzeugt. Frustriert über fehlende staatliche Maßnahmen, beschlossen sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen: Sie interviewten Vertriebene und gastgebende Gemeinden im Nordwesten, um ihre Herausforderungen und Probleme besser zu verstehen. Mit Hilfe von »Franciscans International« konnten sie ihre Ergebnisse und Lösungsvorschläge den Vereinten Nationen präsentieren. Armut und Migration durch Klimawandel in Madagaskar Hungersnöte, die den tiefen Süden Madagaskars heimsuchen, gibt es so regelmäßig, dass der dortige Volksstamm der Antandroy dafür das Wort Kéré – wörtlich »verhungert« – gebraucht. Trotz ständiger Trockenheit in dieser Region ist der Begriff relativ neu. In vergangenen Jahrhunderten waren die Antandroy auf den Raketa, einen Kaktus, angewiesen, der ihnen half, die Dürren zu überleben. TEXT: Thomas Kleinveld | FOTOS: Secular Franciscans in Madagascar; Panuga Pulenthiran »Kéré« – Hungersnot Migration durch Klimaveränderung in Madagaskar 30

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