Der Anlass für die Flucht und den Aufbruch war oft eine Hungersnot, aber auch manchmal die Suche nach einer neuen Heimat oder der Auftrag Gottes. In der Regel verlassen Menschen nicht ohne Grund und ohne Anlass ihre Heimat, weder in der Bibel noch in der heutigen Zeit. Auch wenn die biblischen Erzählungen schon sehr alt sind, sind sie immer noch aktuell, denn die Probleme der Menschen haben sich eigentlich nicht verändert. So gibt es auch heute viele Menschen, die auf der Flucht sind. Wahrscheinlich mehr als jemals zuvor. Wir brauchen nur Nachrichten zu hören oder die Zeitung aufzuschlagen. Schauen wir uns einige der biblischen Fluchterfahrungen etwas genauer an. Der Weg nach Kanaan Eine der ersten Personen, die sich in der Bibel auf den Weg gemacht hat und aufgebrochen ist, um seine Heimat zu verlassen, ist Abram. Sein Vater Terach beschließt, mit seiner ganzen Familie aus Ur in Chaldäa auszuwandern, um in das Land Kanaan zu gehen. Den Anlass dafür erfahren wir allerdings nicht. Auch nicht, warum sie in Haran – also ungefähr auf halbem Weg – bleiben und sich dort niederlassen. Nach dem Tod seines Vaters Terach erhält Abram von Gott den Auftrag, sein Land, seine Verwandtschaft und sein Vaterhaus zu verlassen – und damit seine ganze Vergangenheit. Gott verbindet diesen Auftrag mit der Verheißung von Land, Nachkommen und Segen. Abram reagiert unverzüglich, bricht mit seiner Familie nach Kanaan auf und siedelt sich dort an. Damit vollendet er sozusagen den ursprünglichen Plan seines Vaters Terach. Nach einer nicht genannten Zeit kommt eine Hungersnot über das Land. Deshalb verlässt Abram Kanaan und zieht mit allem, was zu ihm gehört, nach Ägypten, um sich dort als Fremder niederzulassen. Als die Hungersnot vorbei ist, kehren sie wieder nach Kanaan zurück. Erfolg und Leid Eine Hungersnot ist es auch, die die Söhne Jakobs veranlasst, nach Ägypten zu ziehen, um Getreide zu holen. Sie treffen dort auf ihren Bruder Josef, den sie aus Hass und Eifersucht nach Ägypten verkauft hatten und der beim Pharao sehr angesehen ist. Am Ende ist es Josef, der seine Familie vor dem Verhungern rettet. Sie alle siedeln gemeinsam mit ihrem Vater Jakob nach Ägypten über und lassen sich dort nieder. Ihnen scheint es dort zu gefallen und gut zu gehen. Die Söhne Israels sind sehr fruchtbar und bevölkern das ganze Land. Auch nach dem Tod Jakobs und seiner Söhne bleiben sie dort. Sie haben sich gut integriert, sind fleißig und haben eine neue Heimat gefunden, auch wenn es nicht ihr eigenes Land ist. Aber ihr Erfolg führt auch zur Missgunst beim neuen Pharao und seinem Volk. Die Ägypter haben Angst, dass die Söhne Israels sie aus TEXT: Dr. Johannes Roth ofm | ABB.: Wikimedia Commons, Giotto di Bondone »Flucht nach Ägypten« ihrem Land verdrängen könnten, weil sie so groß und stark sind. Der Pharao beschließt, sie mit schwerer Arbeit unter Druck zu setzen. Aber das macht sie noch stärker und größer. Deshalb macht er sie zu Sklaven und sie werden mehr und mehr unterdrückt. Schließlich ist es Gott, der die Not seines Volkes sieht und beschließt, es aus dem Sklavenhaus Ägyptens zu befreien. Dazu beruft er Mose und beauftragt ihn, mit dem Pharao zu verhandeln. Das ist keine leichte Aufgabe, und der Pharao will das Volk nicht zieIn der Bibel lesen wir im Alten wie auch im Neuen Testament an vielen Stellen und in vielen Büchern von Flucht- und Aufbruchserfahrungen, die Menschen in ihrem Leben gemacht haben – mal gewollt und oft ungewollt. Prominente Beispiele hierfür sind: Abram und Sara (Genesis 11,31–12,20); die Söhne Jakobs beziehungsweise die Brüder Josefs (Genesis 41–46); der Exodus, der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten (Exodus 12,1–18,27); Rut und ihre Schwiegermutter Noomi (Rut 1–4); die Heilige Familie bestehend aus Josef, Maria und Jesus (Matthäus 2,13–15). Diese Liste ließe sich noch verlängern. Am vertrautesten sind uns wahrscheinlich der Exodus und die Flucht der Heiligen Familie, die beide mit Ägypten verbunden sind. Auf fremden Wegen Biblische Fluchterfahrungen 6
RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=