Franziskaner Mission 2 | 2026

hen lassen, weil sein Herz verhärtet ist. So kommt es zum Exodus, zur Herausführung des Volkes Israel aus Ägypten und zur Befreiung aus der Sklaverei durch Gott. Weil das Volk aber immer wieder murrt und sich gegen Mose und Gott auflehnt, dauert die Wanderung durch die Wüste am Ende 40 Jahre – viel länger als ursprünglich gedacht. Mose darf nur vom Berg Nebo aus auf das verheißene Land schauen. Josua, sein Diener und Nachfolger, wird es sein, der nach dem Tod des Mose das Volk über den Jordan in das verheißene Land hineinführt. Verheißenes Land Das Land ist aber nicht leer, sondern es leben viele Menschen dort, und es ist bereits besiedelt. Trotzdem gelingt es dem Volk Israel unter der Führung Josuas in einem spektakulären und gewaltsamen Feldzug, das Land Kanaan zu erobern. Nach biblischer Darstellung werden dabei die einzelnen Städte militärisch eingenommen und die Bevölkerung ausgerottet. Danach werden die eroberten Gebiete unter den Stämmen Israels aufgeteilt und Israel besitzt zum ersten Mal als Volk eigenes Land. Somit erfüllt sich die Landverheißung, die an Abram ergangen ist. Bibel versus Archäologie Die biblische Darstellung des Exodus und auch der Landnahme lässt sich archäologisch nicht bestätigen und damit auch nicht historisch verifizieren. Es gibt weder archäologische Funde noch schriftliche Quellen, außer der Bibel, die einen so großen Menschenzug mit 600.000 Männern – dabei sind die Frauen und Kinder nicht mitgerechnet – bezeugen. Ein solch gewaltiges Ereignis hätte vermutlich zumindest in ägyptischen Quellen einen Niederschlag gefunden, und der 40-jährige Aufenthalt einer so großen Menschengruppe hätte in der Wüste irgendwelche Spuren hinterlassen. Außerdem machen es die archäologischen Befunde eher wahrscheinlich, dass das Volk Israel in einem längeren Prozess der Sesshaftwerdung und Umschichtung entstanden ist und dass es aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die bereits im Land waren und mit denen es zusammengelebt hat, gebildet wurde. Es ist also davon auszugehen, dass es statt einer gewaltsamen Landnahme mit einem großen einheitlichen Feldzug und militärischen Eroberungen wohl eher eine Gründungswelle von Dörfern zwischen den Stadtstaaten Kanaans und dem bis dahin wenig besiedelten judäisch-samaritanischen Gebirge gab. Somit entsteht das Volk Israel in und aus Kanaan. Die Posaunen vor Jericho waren demzufolge eher leise, melodisch und friedvoll. In den biblischen Fluchterzählungen machen Menschen immer wieder die Erfahrung, dass Gott ihr Leid sieht und hört und dass es andere Menschen gibt, die sie bei sich aufnehmen und ihnen helfen. Diese Erzählungen plädieren unabhängig von den archäologischen Befunden für eine gesellschaftliche Solidargemeinschaft. Menschliche Solidarität soll keine ethnischen Grenzen kennen. Und sie ist auch nicht durch gesellschaftliche Normen begrenzt, denn in ihr verwirklicht sich Gottes Handeln in dieser Welt. Der Autor Johannes Roth, Doktor der Theologie und Diplom-Pädagoge, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Exegese des Alten Testaments an der PhilosophischTheologischen Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main, sowie Seelsorger und VizeKommissar des Heiligen Landes der Deutschen Franziskanerprovinz. Er lebt im Konvent in Düsseldorf. 7

RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=