Franziskaner Mission 2 | 2026

Die Lebensgeschichte des heiligen Franziskus von Assisi ist eng mit dem Thema der Heimatlosigkeit verbunden. Er selbst beschreibt seine Abkehr von seiner Beheimatung in der bürgerlichen Welt seines Elternhauses als einen bewussten Schritt in ein Leben ohne materielle Sicherheit. Friedfertig durch die Welt Franziskanische Spiritualität als Begegnungskultur TEXT: Dr. Johannes Baptist Freyer ofm | FOTO: Deutsche Franziskanerprovinz In seinem Testament schreibt er im Anschluss an seine Begegnung mit dem Aussätzigen: »Und danach verließ ich diese Welt« – eine Welt, die ihm durch die Enge der Stadtmauern und gesellschaftliche Zwänge und die Erwartungen seines Vaters keine wahre Heimat bot. Stattdessen wählte er ein Leben als Pilger und Fremdling, das ihn in die Nähe derer brachte, die ebenfalls keine Beheimatung hatten: der Armen, der Bettler und der Ausgegrenzten. Diese Haltung des heiligen Franziskus bietet heute eine wertvolle Perspektive für die Auseinandersetzung mit den Themen Migration und Flucht. Seine Spiritualität der Heimatlosigkeit und der Solidarität mit den »Unbehausten« kann als Inspiration dienen, um die Herausforderungen der modernen Migrationsbewegungen zu verstehen und zu bewältigen. Die Ausgegrenzten Franziskus’ Entscheidung, alle Besitzansprüche aufzugeben und sich in aller Öffentlichkeit als »nackt und heimatlos« zu bezeichnen, war nicht nur ein radikaler Akt der Armut, sondern auch ein bewusster Schritt in die Solidarität mit den Marginalisierten seiner Zeit. Er erkannte, dass Jesus Christus selbst als Fremdling in diese Welt kam – »weil es keinen Platz in der Herberge hatte« (Lk 2,7). Diese Identifikation mit den Heimatlosen und Ausgegrenzten prägte sein ganzes Leben und das seiner Brüder. Für Franziskus und seine Gefährten wurde die Erfahrung der Heimatlosigkeit zu einer neuen Lebensform. Sie lebten als »Pilger und Fremdlinge in dieser Welt« (BR 6,1), ohne Besitz und ohne feste Bleibe, angewiesen auf den guten Willen, die Hilfsbereitschaft und die Freundschaft von ihnen wohlgesonnenen Menschen. Doch gerade in dieser scheinbaren Unsicherheit fanden sie eine neue Art von Geborgenheit: in der Geschwisterlichkeit. Die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern wurde zu einem Ort der Sicherheit und des Vertrauens, der nicht an materielle Besitzverhältnisse gebunden war. Pilgersein als Haltung Die Lebensform, Regel und Spiritualität der Minderbrüder, deren erste Generationen im wahrsten Sinne des Wortes »Itineranten« (»wandernde Brüder«) waren, betont auch den Transitus – das Hinübergehen, das Unterwegssein. Die franziskanischen Quellen beschreiben diese Haltung mit dem für die franziskanische Spiritualität wichtig werdenden lateinischen Wort transire, transeo, transitus (hinübergehen, überqueren, vorbeiziehen). Das Wort bringt zum Ausdruck, dass die Welt als Durchgang, nicht als Heimat verstanden werden soll, denn das Leben des gläubigen Christen ist ein fortwährender Transitus. Als Wanderprediger, die das Evangelium verkünden, verstehen sich die ersten Brüder mit Franziskus allerdings nicht als ungeborgene Vagabunden, vielmehr erschließt sich ihnen die zeitgenössisch verbreitete Frömmigkeit des Pilgerseins auf neue Weise. Als Pilger und Fremdlinge in dieser Welt wollte Franziskus, dass die Brüder unter fremdem Dach wohnen, friedfertig durch die Welt gehen und Verlangen nach dem eigentlichen Vaterland tragen. Die Welt wird nicht als endgültige Heimat verstanden, sondern als ein Durchgangsort auf dem Weg zu einer höheren Bestimmung. Dennoch ist diese Haltung des Pilgerseins nicht weltflüchtig. Wie der Text des nach dem Tode von Franziskus entstandenen Mysterienspiels »Sacrum Commercium – Der Bund des Heiligen Franziskus mit der Herrin Armut« berichtet, verstanden die Brüder die ganze Welt als ihr Kloster. Folglich war die Haltung des Transitus keine Weltflucht, sondern folgte in den Fußspuren Jesu dessen Inkarnation in der Welt. Die Lebensgestaltung als Itineranten in der Welt bewegte die Brüder und Schwestern aber, die bestehende Ordnung kritisch zu hinterfragen und sich für die Verwirklichung der Werte des Evangeliums einzusetzen. Franziskus und seine Brüder sahen sich als »Pilger, die nach den für Pilger geltenden Gesetzen lebten« (2C 59). Das bedeutete, friedfertig durch die Welt zu ziehen und sich für die wahre »Heimat» – das Reich Gottes – zu engagieren. Diese Vision einer zukünftigen Heimat, die in der Gerechtigkeit, im Frieden und in der Verbundenheit mit der ganzen Schöpfung verwirklicht wird, ist auch heute noch relevant. Sie erinnert uns daran, dass wahre Heimat nicht in Besitz oder geografischen Grenzen liegt, sondern in der Gemeinschaft und der Solidarität mit allen Menschen und Geschöpfen, wie sie von Jesus Christus vorgelebt wurde. Geschwisterlichkeit Die Antwort der Brüder auf die Frage, wo denn nun ihr Kloster sei, »das ist unser Kloster« – und dabei auf die ganze Welt (SC 63) zeigend, unterstreicht die Vision einer universalen Geschwisterlichkeit, die alle Menschen einschließt, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Status. Für Franziskus war die ganze Welt ein Ort der Beheimatung, 8

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