Diese Option hat zu tun mit einer Kirche, die nicht über Leiden und Verletztheit hinwegsieht, sondern in ihnen ihren Ausgangspunkt nimmt. Ich kann von Erfahrungen erzählen, die bereits weit vor dem Schreiben von Papst Franziskus die oben genannten Haltungen und Optionen umarmten. Ab 2003 erarbeiteten verschiedene »Fidei Donum Gruppen« ein Papier zur eigenen Selbstvergewisserung über »Dienst und Leben von Fidei Donum«. Das Endpapier diente einer internen Bestandsaufnahme und war zugleich ein Werbepapier, um neue und weitere Interessierte in unterschiedlichen Berufsgruppen für diesen Dienst anzusprechen. An der Erstellung des Textes, der mehr als 20 Jahre zurückliegt, arbeitete ich mit. Der Text hat unter anderem den Wandel im Missionsverständnis, eine Bekehrung durch die Kirche der Armen und Herausforderungen durch die Globalisierung zum Inhalt. Was heißt Mission? Einige Zitate aus dem Papier von 2003 sind hilfreich zur Annäherung an das Wort und Verstehen von »Mission«, im Wissen, dass dessen Inhalte und praktische Bedeutung prozesshaft sind und nicht an ein definitives Ende kommen werden. In einer Positionsbestimmung fragten wir: »Wo ist unser Platz?« Unsere Antwort war: »Es gibt keinen Zweifel: bei den Armen, in Lateinamerika wie in Deutschland. Anfangs verstand man uns als Vertreter einer reichen Kirche für die arme Kirche.« Wir definierten uns als »Brückenbauer unter den Völkern (…), als Botschafter verschiedener Kulturen. In eine sind wir hineingeboren, in eine andere hineingewachsen. Wir wurden verpflanzt, haben neue Wurzeln geschlagen, uns inkulturiert. Wir sind in Lateinamerika im biblischen Sinne Mensch geworden.« Ambitioniert verstanden wir unsere »Mission« als eine »Com- Passion (…) in unserem Mit-Leiden mit den Armen, Jesu Auferstehung erleben wir in einer österlichen Befreiung, seiner Liebe zu den Armen folgen wir in unserer Solidarität mit den Not- leidenden, seine prophetische Kraft treibt uns an in unserer Verkündigung, sein Charisma der Heilung stärkt uns, die Wunden der Gesellschaft zu heilen.« Früher, so schrieben wir im Jahre 2003, »konzentrierte sich Mission auf die Überwindung des Mangels. Die Sorge der Mutterkirche für die Tochterkirchen (...). Transfer von Kapital und Personal galt als Abhilfe für die Not. Auf dieser alten Einbahnstraße der Mission wurden wir noch in den 50er und 60er Jahren als Lückenbüßer für den Priestermangel nach Lateinamerika geschickt, als Ersatzpriester für die fehlenden Einheimischen (…). Aus dem Projektmanager (…) und Spendenverteiler wird ein Bruder und TEXT: Pirmin Spiegel | FOTOS: Elmar Noe / Misereor; Kathrin Harms / Misereor Begleiter, aus dem Geber ein Beschenkter, aus dem Lehrer ein Lernender. Solche neuen Früchte hängen am Baum der Inkulturation.« Das war sehr ambitioniert und nicht weniger als ein Paradigmenwechsel: von der Mutterkirche zu Schwesterkirchen, von Filialkirchen zu Ortskirchen, von der Volkskirche zur Basiskirche, von der Kleruskirche zur Gemeindekirche, von einer eurozentrischen Kirche zur Kirche der Befreiung und Inkulturation. Wir schrieben überzeugt, dass »die Inkulturation unser Berufsverständnis verändert hat (…), aus dem Veränderer wurde ein Veränderter, aus Mit »Evangelii Gaudium« schenkte uns Papst Franziskus ein Manual, ein »vade mécum«, eine missionarische Handreichung. Er unterstreicht darin: »Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient« (EG 27). »Evangelisieren bedeutet, das Reich Gottes in der Welt gegenwärtig machen« (EG 176). Im Blick: das Reich Gottes Mission ist zuhören, lernen, gemeinsam handeln 6
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