dem Lehrer ein Lernender, aus dem Helfer eine Schwester und ein Bruder der Armen.« Beim Schreiben dieser Zeilen merke ich, wie schwer ein Vermitteln und Andocken solcher Gedanken in meine heutige Arbeit ist. Wissen und Erfahrung Zuhören – ein mit dem Herzen hören – ist ein Lernprozess! Sich Zeit nehmen, um sich einzulassen und zu spüren. Zuhören ist Ausdruck der Begegnung, die es erlaubt, andere Gedanken nachzudenken, vielleicht sogar, sich verunsichern zu lassen, Wahrheiten aufzugeben, andere sprechen zu lassen, sich Romantisierungen und Vorurteilen zu stellen. Zuhören, Zeit, um alte Geschichten zu hören, und Zeit, um gemeinsam neue Geschichten zu schreiben. Heute kann ich sagen, dass dieser Lernprozess schmerzhaft war und ist, herausfordernd bleibt, verwundbar macht und verunsichert, aber Solidarität wachsen lässt. »Wann war das nochmal, das Geburtsdatum von Joao, Comadre?« »Weiß nicht genau! Ich kann mich erinnern, dass er am Ende der Regenzeit geboren ist, Fátima!« »Welcher Monat?« »Es war die Nacht vor dem Vollmond.« Jahre zurück liegt diese Begebenheit und diese hat sich immer wieder wiederholt. Mir hat sich das eingeprägt. Mit Schwester Lucinete im Interior in der Diözese Bacabal in Nordostbrasilien unterwegs, wollen wir die Papiere zur Taufe ausfüllen in einer der Comunidades. Im Gespräch nähern wir uns dem Geburtsdatum von Joao an, um dies dann gemeinsam festzulegen! Ich lernte: Leben! Comadre Fátima, Maria und die Hebamme, Feiern, Überleben, gegenseitige Hilfeleistung, Geburtswehen einer weiteren Hoffnung – das exakte Datum hat nicht erste Priorität. Ortswechsel; Kontinent-Wechsel; (globales) Lernen; Weisheit; Lebensqualität; Widerstand; Mission integral. Von einer Erfahrung in Bangladesch will ich erzählen, einem Land, in dem 170 Millionen Menschen leben und das etwa 2/5 der Fläche der Bundesrepublik ausmacht; geprägt durch den Monsun, durch ausgedehnte Sumpfgebiete, flaches Tiefland, Überflutungen, den steigenden Meeresspiegel, durch klimabedingte Migration. Hier geht es um Ernährung, Ernährungsvielfalt, Leben und Überleben, um Reis, um Mystik; um eine von Frauen geleitete Kooperative im Inneren des Tieflandes. Wir stehen vor einer Samenbank mit mehr als 60 verschiedenen Reissorten. Stolz zeigen die Frauen auf eine der Reissorten, die mit Salzwasser zurechtkommt, auf ein anderes Samenkorn, das nicht verfault, auch wenn es tagelang unter Wasser steht und viel mehr. Wir kommen über wesentliche Aspekte der Biodiversität ins Gespräch, über die Stabilität von Ökosystemen. Ich erlebe und erfahre, dass eine hohe Biodiversität eine hohe Resilienz bei Krisen (wie Naturkatastrophen, Klimaänderungen) bedeutet und damit Lebensqualität. »Alles auf eine Karte zu setzen« beziehungsweise nur wenige Arten zuzulassen, sei ein enormes Risiko und die Geschichte weise Beispiele auf, wo dies bereits für die Menschen fatal war. »Mission« kann Menschen befähigen und dazu beitragen, sich als Teil einer größeren, über die Grenzen des eigenen Staates und der eigenen Kirche hinausreichenden Gesellschaft wahrzunehmen und daraus resultierende Verantwortlichkeiten zu erkennen. Unsere Kirche hat dafür richtig gute Bedingungen und Möglichkeiten: unterschiedliche Produktionen von Wissen und Erfahrungen, von Glauben und Spiritualität. »Mission« lädt uns ein zu fragen, aus welcher geschichtlichen Lage heraus andere handeln, welche Brüche und Umbrüche sie selbst erlebten, welche Glaubens- und Hoffnungsgeschichten sie ausmacht. Heutzutage kann ich in Brasilien nicht genauso Christ oder Christin sein wie im Brasilien vor 100 Jahren. Man ist nicht auf gleiche Weise Christ in Bangladesch, auf Fidschi oder in Rom. Die Mystik, schreibt Papst Franziskus, »schließt auch das liebevolle Bewusstsein ein, nicht von den anderen Geschöpfen getrennt zu sein, sondern mit den anderen Wesen des Universums eine wertvolle allumfassende Gemeinschaft zu bilden« (LS 220). Dom Pedro Casaldáliga, 2020 im Alter von 92 Jahren gestorben, Dichter und Theologe der Befreiung, Bischof und Prophet, legte mir 2011 die Hände auf und sandte mich zur Aufgabe bei Misereor mit den Worten: »Bleibe den Armen und Indigenen nahe – mit deren Orientierung, Weisheit und Glauben im Herzen wirst Du Dich nicht verlieren.« Der Autor Pirmin Spiegel war von 2012 bis 2024 Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender von Misereor, dem Werk für Entwicklungszusammenarbeit der katholischen Kirche. Er wurde 1986 zum Priester geweiht, lebte und arbeitete 15 Jahre als Missionar in Brasilien. Seit Januar 2025 arbeitet er in seiner Heimatdiözese Speyer im Bereich »Innovation und Transformation«. Information zu Fidei Donum Die Gruppe ist benannt nach einer Missionsenzyklika von Pius XII. aus dem Jahr 1957 mit dem Namen »Fidei Donum«, »Geschenk des Glaubens«. Es gibt drei unterschiedliche Gruppen: a) die temporär in Lateinamerika und der Karibik leb(t)en und arbeite(te)n; b) die in der lateinamerikanischen Ortskirche inkardiniert sind; c) die nach Ablauf ihres Zeitvertrags wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind. 7
RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=