Im Land des Herrn | 79. Jahrgang | 2025 - 3

3/2025 21 Historische und theologische Anmerkungen Die jüdischen Vätergeschichten dürfen nicht als Geschichtsschreibung im heutigen Sinn verstanden werden. Aus der nomadischen Vorzeit Israels (rd. 1500–1200 v. Chr.) gibt es ja keine schriftlichen Dokumente, sondern nur mündliche Überlieferungen. Diese Überlieferungen waren zunächst sehr zahlreich, eigenständig und disparat. Verschiedene Stämme und Gruppen, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, erzählten jeweils ihre eigenen Ur- und Stammesgeschichten. – Als dann aber (seit dem Jahr 1000 v. Chr.) die verschiedenen vorisraelitischen Wanderhirten und nomadisierenden Stämme das Land Kanaan in Besitz nahmen und sich zu dem Verband „Volk Israel“ zusammenschlossen, gingen schriftkundige Leute daran, die verschiedenen Vorgeschichten aufzuzeichnen und dabei zu systematisieren. Aus der nun bestehenden nationalen Einheit (die ihren Höhepunkt unter den Königen David und Salomo erreichte) zog man den Schluss, dass diese Einheit schon immer „keimhaft“ in den Stämmen angelegt war. Das aber drückte man so aus, dass man sagte: Die Stammväter der bedeutendsten Verbände, nämlich Abraham, Isaak und Jakob, standen in genealogischer Reihenfolge, d. h. sie waren Großvater, Vater und Enkel. – Ebenso betonte man die Gleichberechtigung der späteren „zwölf Stämme Israels“, indem man feststellte: Ihre Ahnherren waren alle Söhne desselben Vaters, nämlich das Patriarchen Jakob. Durch Einführung verschiedener Mütter gewann man die Möglichkeit, weitere Beziehungen zu anderen Stämmen (denken wir an Hagar, Ismael und die Ismaeliter) verständlich zu machen. Was wir eben von irdischen Beziehungen gesagt haben, gilt auch „im Himmel“. Die verschiedenen Nomadengruppen verehrten ursprünglich verschiedene Götter. Es gab einen „Gott Abrahams“, einen „Gott Isaaks“ und einen „Gott Jakobs“ – und noch so manchen anderen. Diese Götter trafen bei der Einnahme Kanaans auf lokale Heiligtümer, in denen wieder andere Gottheiten und Mächte (unter dem Namen „El“) verehrt wurden. Die jüdische Theologie ist nun so vorgegangen: Sie hat die heidnischen Götter jüdisch gedeutet und die unterschiedlichen Stammesgottheiten (die „Vätergötter“) als Erscheinungsformen des einen wahren Gottes Jahwe aufgefasst. – Ähnlich hat es übrigens später auch das Christentum gemacht, das heidnische Vorstellungen übernommen, aber mit einem neuen Sinn erfüllt hat (der Sonnengott Helios oder Sol z. B. wurde zu „Christus, der Sonne des Heils“). – Indem die Autoren der Bibel eine einheitliche Linie in die ihnen vorliegenden vielfältigen Überlieferungen brachten, erreichten sie etwas, das für ihre Frömmigkeit äußerst wertvoll war: Sie konnten sich selbst und ihren Lesern einsichtig machen, dass in der reichhaltigen und verwirrend erscheinenden Geschichte ihres Volkes ein einheitlicher Sinn waltete. Denn in allen Vorgängen war letztlich die eine Hand Gottes am Werk, die alles ordnete und lenkte. Die Stammväter abstammend von Abraham, Kirche Hl. Kreuz München Esau und Jakob Esau und Jakob

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