Franziskanische Zeitschrift für das Heilige Land 79. Jahrgang 2025 / Heft 3 Ein Franziskaner als Lehrer in Betlehem
Sie werden mir gewiss zustimmen: was sich momentan im Heiligen Land abspielt, ist unbegreiflich und alles andere als „heilig“! Zur Situation in Gaza etwas zu schreiben ist fast unmöglich: täglich verschlechtert sich die Lage der Menschen. In dieser Zeitschrift soll etwas über Taybe im Westjordanland berichtet werden, denn jüdische Siedler greifen nun auch christliche Dörfer und Kirchen an. Der israelische Staat zeigt keinerlei Willen, dem Einhalt zu gebieten. Eher kann man den Eindruck gewinnen, dass extreme Siedler von den Behörden geschützt werden. Ohrenbetäubend das feige Schweigen unserer „christlichen Politiker“ – mutig und entschieden die scharfe Kritik Papst Leos. „Längst handelt es sich nicht mehr um Einzelfälle, sondern um die Alltagserfahrung der dort ansässigen Bevölkerung, die eingeschüchtert werden soll, um sie zur Auswanderung zu veranlassen“, so der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten, Erzbischof Bentz von Paderborn. Sehr verehrte Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Heiligen Landes! In unserem biblischen Artikel „Esau und Jakob“ berühren wir einige wichtige Stätten im Westjordanland: Beitin (Bet El), nur wenige Kilometer von Taybe entfernt, Nablus, Hebron. Alle diese Orte kann man zur Zeit nicht besuchen, es ist einfach zu gefährlich. Nach Ostern hatte ich die Gelegenheit, eine Woche in Jerusalem zu verbringen und ich kann Ihnen sagen, dass selbst in der Altstadt eine sehr angespannte Atmosphäre herrscht. Unter diesen Bedingungen sind auch auf absehbare Zeit keine Pilgerfahrten möglich. In unserer Serie über Orte am See Gennesaret kommen wir dieses mal nach Chorazin, etwas nördlich des Sees. Und wir machen einen weiteren Abstecher nach Westen, wenn Sepphoris und die Verehrung der Heiligen Anna in zwei Artikeln behandelt wird. Es grüßt Sie im Namen der deutschsprachigen Kommissare des Heiligen Landes,
3/2025 3 Inhalt Taybe Das letzte christliche Dorf Palästinas steht unter Druck Andrea Krogmann Francesco Ielpo wird neuer Kustos für das Heilige Land Maximilian Feigl Biblische Gestalten Esau und Jakob Sigfried Grän OFM Das Heilige Grab in Laupheim Petrus Schüler OFM Die Kirche St. Anna in Sepphoris Noel Muscat OFM Der Nationalpark Sepphoris Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM Chorazin Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM Buchempfehlung P. Robert Jauch OFM Titelbild: Ein Franziskaner als Lehrer in Betlehem © Cecilie LemmoineTSM Rückseite: Taufe in der Ruine der Georgs-Kirche in Taybe © Cecilie LemmoineTSM Alle Fotos in der Zeitschrift (wenn nicht anders angegeben) © Petrus Schüler Seite 4 Seite 10 Seite 22 Seite 12 Seite 26 Seite 32 Seite 36 Seite 38
4 3/2025 achdem Jesus Lazarus von den Toten auferweckt hatte, zog er sich „in die Gegend nahe der Wüste zurück, zu einer Stadt namens Efraim“. So erzählt es das Johannesevangelium. Die Stadt ist heute ein Dorf und heißt Taybe. So will es die Lokaltradition. Und die Bevölkerungsstatistik sagt, dass es das letzte rein christliche Dorf Palästinas ist. Von 1.300 Einwohnern sind etwa 600 „Lateiner“, wie die einheimischen arabischen Christen die Zugehörigen zum römischen Ritus nennen. Die griechisch-orthodoxe Gemeinde zählt etwa 500 Gläubige und mit 200 Seelen die kleinste Konfession sind die griechisch-katholischen Melkiten. Sie alle leiden unter den Folgen der israelischen Besatzung – und zunehmend auch unter der Gewalt radikaler jüdischer Siedler. N Anfahrt nach Taybe, im Vordergrund ein Olivenhain Taybe Das letzte christliche Dorf Palästinas steht unter Druck Andrea Krogmann
3/2025 5 Taybe Taybe Idyllisch zieht sich Taybe mit seinen traditionellen Steinhäusern über den Hügelkamm inmitten der typisch südlevantinischen Landschaft. Olivenhaine umgeben den Ort, Mandelbäume und Feigen, und seit 2013 auch Rebstöcke. Die Altstadtgassen stammen aus Zeiten, in denen man sich zu Fuß fortbewegte. Selbst geübten Autofahrern sind sie eine Herausforderung. Omnipräsent: Kreuze, Marias und der Dorfpatron „Al Khader“, wie der Heilige Georg hier genannt wird. Unzweideutig sagen sie: Hier wohnen Christen, und sie sind stolz auf ihren Glauben. Taybe sei „zur letzten Verteidigungslinie für eine lebendige christliche Präsenz im Land Jesu geworden“, formuliert es der lateinische Pfarrer Baschar Fawadleh. Seit Jahrzehnten lasten die israelische Besatzung, Sperrmauer und Checkpoints auf den Palästinensern, auch in Taybe. Ein Besuch in der Grabeskirche in Jerusalem? Nicht ohne vorherige Genehmigung, wie es sie unter strikten Bedingungen zu Ostern oder Weihnachten gibt. Ein Nachmittag am Mittelmeer? Unmöglich. Der Weg zur Geburtskirche in Betlehem, dem südlichen Teil des besetzten Westjordanlands: eine Odyssee. Es ist ein „Leben im Käfig“, sagt Baschar Fawadleh, und dessen Gitter werden immer enger. Seit die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel brutal angegriffen hat, schlägt Israel nicht nur im Gazastreifen zurück. Auch die Palästinenser im Westjordanland zahlen einen immer höheren Preis. Keine Arbeitserlaubnisse mehr für Israel. Immer neue Checkpoints und Barrieren, dazu tägliche Militärkontrollen und Razzien: Wie ein Krebs wuchern die Auswirkungen auch in und um Taybe. Apps, lokale WhatsApp-Gruppen mit Infos zu Straßensperren in Echtzeit und Kontakte vor Ort sind unerlässliche Werkzeuge der Navigation durch das sich konstant verändernde Labyrinth blockierter Straßen. Wann eine Schranke geschlossen, ein Checkpoint geöffnet wird, liegt im Ermessen israelischer Soldaten. Der Weg ins knapp 20 km entfernte Ramallah etwa hat sich verdoppelt. Und dann sind da die Siedler. Zu den vier völkerrechtlich illegalen israelischen Siedlungen Rimonim, Kochav HaShachar, Ofra und Neve David auf dem Land um Taybe kommen immer weitere Siedlungsaußenposten hinzu. Sie sind selbst nach israelischem Recht illegal. Unternommen wird jedoch nur seltenst etwas gegen sie. Seit dem fatalen 7. Oktober hat ihre Gewalt im gesamten Westjordanland zugenommen, ohne dass irgendjemand sie aufhielte – auch deshalb, weil Siedler und israelische Sicherheitskräfte oft Hand in Hand gehen. Zwischen beiden zu unterscheiden, sei unmöglich, so Baschar Fawadleh. „Wenn sie die Uniform anziehen, sind sie Polizei oder Militär, legen sie sie ab, sind sie Siedler.“ Immer wieder trifft die Gewalt auch den kleinen christlichen Ort. Mehrere Bewohner sind dabei so schwer verletzt worden, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. Gleichzeitig boten die Christen ihren muslimischbeduinischen Nachbarn auf der Flucht vor der Siedler- Pfarrer Baschar Fawadleh © Andrea Krogmann
6 3/2025 IM LAND DES HERRN gewalt Zuflucht auf ihrem Land, in der Hoffnung, dass bald eine für alle bessere Lösung gefunden werden kann. Für Pfarrer Fawadleh herrscht „Stufe vier“ der immer hemmungsloseren Gewalt. Zuerst griffen die Siedler die Bewohner bei der Olivenernte an. Dann trieben sie ihr Vieh durch die Stadt, für den Pfarrer ein eindeutiger (und erfolgreicher) Versuch, Angst und Schrecken zu verbreiten. Dann wurden Brände in den Feldern entlang des Friedhofs und der historischen Georgskirche gelegt. Sie konnten gelöscht werden, ohne dass materieller Schaden entstand. Es folgten angezündete Autos und Hassgraffiti. Systematisch seien die Angriffe der Siedler, warnte der lateinische Pfarrer zusammen mit seinen griechisch-orthodoxen und melkitischen Amtskollegen. Als nächstes, befürchtet Fawadleh, könnten „Häuser brennen und Menschen sterben“. In den Nachbardörfern Kafr Malik und Al-Mazraa al-Scharkija, die beide kaum 4 km Luftlinie von Taybe liegen, wurden zuletzt insgesamt fünf junge Palästinenser von Siedlern getötet. Das alles löst einen „ständigen Auswanderungsstrom“ von Dutzenden Familien jährlich aus, so der Pfarrer. Langsam verfallende Häuser in der Altstadt erzählen davon. Ein stiller Aderlass, sagt Fawadleh, der Angst davor hat, dass das Dorf ein versteinerter Zeuge einer ausgelöschten christlichen Existenz statt Hass-Graffiti von jüdischen Siedlern in der Ortschaft © Andrea Krogmann Sperranlage an einer Siedlung, hier im Bild in Hebron
3/2025 7 eines blühenden christlichen Lebens wird. Im Laufe der Jahrzehnte israelischer Besatzung hat sich die Einwohnerzahl mehr als halbiert. Rund 15.000 palästinensische Christen, die ihre Wurzeln in Taybe haben, leben heute in der Diaspora, so Fawadleh. Den Kampf aufgeben will er nicht. Die Christen von Taybe seien wie überhaupt die palästinensischen Christen keine Passanten oder Fremde in diesem ihrem Land. „Wir sind das Volk, das Olivenbäume in Gebete, das Land in einen Altar und Standhaftigkeit in ein Evangelium verwandelt hat.“ Viele Gruppen kamen in der Vergangenheit zu Besuch. Besichtigten die als „Haus der Gleichnisse“ bekannte historische Stätte auf Fawadlehs Pfarreigelände. Und vielleicht blieben sie über Nacht, im Gästehaus der Schwestern vom Heiligen Kreuz von Jerusalem ebendort. Bis zu vier Pilgergruppen pro Tag bis über das Jahresende 2023 hinaus standen in seinem Kalender. Seit dem 7. Oktober vor 22 Monaten jedoch herrscht eine Leere, die der palästinensische Geistliche nur schwer hinnehmen mag. In der westlichen Welt habe man es sich in einem Nullrisiko-Denken bequem gemacht. Dass zu einer Pilgerfahrt seit jeher auch ein Risiko gehöre, sei dabei vergessen gegangen. Der Appell an die westlichen Christen ist unüberhörbar. Und Taybe hätte dem Besucher viel zu bieten. Die Ruine der Georgskirche aus dem 5. Jahrhundert, zum Beispiel, eines der ältesten religiösen Wahrzeichen Palästinas. An manchen Tagen mögen blutige Handabdrucke an ihren Wänden den Besucher befremden. Der Ort ist einer der wenigen, an denen bis heute Tiere als Opfer geschlachtet werden. Zum Dank für die Rettung aus Gefahr, das gesund geborene Kind oder die bestandene Prüfung. Als Segensbitte für die Fahrten mit dem neuen Auto und den Schutz vor weiteren Gefahren. Christen machen mit dem in Opferblut getauchten Hände Kreuze auf die Mauern der Kirche, Moslems benutzen die Form der Hände. Georg ist so etwas wie der palästinenKirchenpforte der Georgskirche mit Platz der Opfer, Ansicht nach Osten Taybe Taybe
IM LAND DES HERRN 8 3/2025 sische Lieblingsheilige. Vielleicht auch, weil er in der im Heiligen Land gepflegten Personalunion mit der muslimischen Figur von Al Khader, einem mystischen Begleiter Moses im Koran, eine geistig-geistliche christlichmuslimische Koexistenz ermöglicht und die gemeinsamen Wurzeln über das Trennende stellt. Auch Charles de Foucauld, der Taybe 1888 und 1897 besuchte, hat den Muslimen eine besondere Hochachtung entgegengebracht. Das Haus und die Kapelle, die dem unlängst Heiliggesprochenen in Taybe als physisches Dach und spirituelle Heimat dienten, können ebenfalls besichtigt werden wie die Reste einer Kreuzfahrerburg aus dem 12. Jahrhundert. Eine neuere Sehenswürdigkeit, die 2004 gegründete „Friedenslampeninitiative“ musste aufgrund der Lage zwischenzeitlich gestoppt werden. Die Pfarrei arbeite daran, so schnell wie möglich wiederzueröffnen, sagt Baschar Fawadleh. Dann können Besucher wieder eine der kleinen Öllämpchen aus Keramik in Taubenform aus Taybe mitbringen, die Christen auf der ganzen Welt im Gebet für den Frieden im Heiligen Land und im Nahen Osten vereinen sollen. Wem nach dem Bummel durch Taybe christliche Vergangenheit und Gegenwart der Sinn nach einer erfrischenden Pause steht, der kann von der Altstadt ein Stück in nordwestlicher Richtung den Hügel herunterspazieren, bis ein linsensuppenähnlicher Geruch ihm die Nähe zu den Braukesseln der „Taybeh Brewery“ verrät. Seit 30 Jahren braut hier Nadim Khoury Bier nach deutschem Reinheitsgebot. „Schmecke die Revolution“, heißt es auf den Werbeplakaten für das palästinensische Bier, dass für die muslimischen Nachbarn auch in einer alkoholfreien Variante daherBierproduktion im Dorf © Andrea Krogmann
3/2025 9 kommt. Für Weinliebhaber produziert Familie Khoury inzwischen auch echt palästinensischen Wein. 2007 trat Nadims Tochter Madees als erste und bisher einzige Braumeisterin in Nahost in die Fußstapfen des Vaters.. „Viermal schwieriger“ sei es für sie als Palästinenserin, sich zu beweisen, beschreibt Madees Khoury die Herausforderung. „Wir leben in einer anormalen Umgebung unter Besatzung, wir leben in einem Land, in dem Frauen immer noch untergraben werden, wir arbeiten in männerdominierten Branchen, und jung zu sein, ist nur eine zusätzliche Herausforderung.“ Seit Madees Braumeisterin ist, hat die Brauerei ihr Sortiment und den Markt ausgeweitet. Deutschland, Skandinavien, Japan, die USA und Lateinamerika: Die Flaschen mit dem „feinsten Bier des Nahen Ostens“ ziehen in die weite Welt. Und anders als bei den Töchtern und Söhnen des Ortes ist das durchaus gewünscht. Das letzte christliche Dorf sollte aufgrund seines einzigartigen Charakters in internationale Schutzprogramme für religiöses und lokales Kulturerbe aufgenommen werden, appelliert Baschar Fawadleh an die Schutzmächte des Heiligen Landes. Seine Bewohner bräuchten nachhaltige und direkte Hilfe. Ähnlich formuliert es der palästinensisch-christliche Journalist Sanad Sahlije: „Was Taybe benötigt, ist keine saisonale Solidarität, sondern ein langfristiges Engagement, das den Status der Stadt als Symbol und nicht nur als Ort wiederherstellt.“ Die Christen in Taybe, Palästina, benötigten eine echte Partnerschaft, die ihnen Schutz und Anerkennung biete und den Raum, „wie bisher eine lebendige Brücke zwischen Ost und West, zwischen Erde und Himmel, zwischen Schmerz und Hoffnung zu sein“. Taybe heißt übersetzt so viel wie „schön“ oder „gut“ und in der Tat begegnet man im Ort immer wieder freundlichen Menschen Taybe Taybe
10 3/2025 ls Kustos des Heiligen Landes ist Pater Francesco Wächter über die Heiligen Stätten. Die von ihm geleitete Kustodie des Heiligen Landes ist unter anderem für die Basiliken des Heiligen Grabes, der Verkündigung und der Geburt Christi sowie zahlreiche weitere bedeutende Heiligtümer verantwortlich. Die Sorge der Franziskaner gilt dabei auch den „lebendigen Steinen“ in den wichtigsten Pfarreien, in Schulen und weiteren sozialen Einrichtungen. Diesen Auftrag führen die Franziskaner bereits seit dem Jahr 1342 aus. Damals wurden sie von Papst Klemens VI. zu den „Hütern der Heiligen Stätten“ ernannt und sind seither ununterbrochen im Heiligen Land vertreten. Der Kustos ist eine der wichtigsten christlichen Autoritäten im Heiligen Land und – neben dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem – der wichtigste Repräsentant der katholischen Kirche vor Ort. Zur Kustodie des Heiligen Landes gehören die Brüder mit ihren Klöstern und Einrichtungen in Israel, Palästina, Libanon, Syrien, Jordanien sowie in Zypern, in Rhodos und ein Kloster in Kairo; das Hauptkloster St. Salvator ist in Jerusalem. Aktuell zählt sie rund 270 Missionare aus über 30 Ländern. Sie sind in 55 Heiligtümern, 22 Pfarreien, sechs Pilgerherbergen und fünf Krankenhäusern und Waisenhäusern tätig. Darüber hinaus betreibt die Kustodie 15 Schulen mit 12.000 Schülern, über 500 Stipendienprogramme und drei akademische Einrichtungen, beschäftigt etwa 1.100 lokale Arbeitskräfte und verwaltet rund 630 Wohneinheiten für bedürftige Familien. Der neue Kustos Pater Francesco Ielpo Pater Francesco wurde am 18. Mai 1970 in Lauria, Süditalien geboren. Nach seiner Feierlichen Profess (1998) und Priesterweihe (2000) war er im franziskanischen Bildungsbereich tätig, von 2000 bis 2010 als Rektor des Instituts Franciscanum Luzzago in Brescia. In dieser Zeit (2006–2010) war er auch Mitglied des Nationalrats des Bildungsinstitutes FIDAE (Föderation der Institute für pädagogische Aktivitäten). 2007 wurde er zudem zum Definitor der Franziskanerprovinz Lombardei gewählt. Nach einer kurzen Tätigkeit als Pfarrer in Varese wurde er 2013 zum Kommissar des Heiligen Landes für die Lombardei gewählt. Als die norditalienischen Franziskanerprovinzen 2016 A Francesco Ielpo wird neuer Kustos für das Heilige Land Maximilian Feigl
3/2025 11 vereinigt wurden, wurde er als Kommissar der Norditalienischen Provinz bestätigt. Dieses Amt hielt er bis 2023 inne. In diesen Funktionen begleitete er viele Pilgergruppen ins Heilige Land und ist den dortigen Brüdern gut bekannt. Zudem ist Pater Francesco seit 2014 Mitglied des Verwaltungsrats der Vereinigung Pro Terra Sancta und seit 2022 Präsident der Stiftung Terra Santa. Er bekleidete das Amt des Delegaten des Kustos für Italien und war zudem mit der Neustrukturierung der süditalienischen Franziskanerprovinzen beauftragt. Pater Francesco tritt dieses Amt in einer sehr schwierigen Zeit an; so kann man ihm nur Gottes Segen und tatkräftige Unterstützung wünschen, ist er doch zuständig für eine Ordensprovinz, die in Israel und Palästina, in Syrien, dem Libanon, Jordanien und auf den Inseln Rhodos und Zypern tätig ist und noch andere Niederlassungen weltweit unterhält. Pater Francesco Ielpo folgt auf Pater Francesco Patton, der für neun Jahre das Amt als Kustos in Jerusalem innehatte. Dessen Vorgänger, Pater Pierbattista Pizzaballa, war zwölf Jahre im Amt und ist heute Lateinischer Patriarch von Jerusalem. Der Kustos wird vom Generalminister und dem Generaldefinitorium des Franziskanerordens gewählt. Die Wahl von Pater Francesco Ielpo wurde am 24. Juni 2025, dem Hochfest des hl. Johannes des Täufers, durch Papst Leo XIV. bestätigt. P. Francesco Ielpo, Kustos des Heiligen Landes © CTS Francesco Ielpo Francesco Ielpo
12 3/2025 ir bleiben noch wie im letzten Artikel unserer Reihe in der Familie des großen Abraham. Wir beschäftigen uns mit seinen Enkeln Esau und Jakob, den Söhnen des Isaak und der Rebekka, die für die biblischen Schriftsteller die Linie der Verheißung fortsetzten, während Ismael, der erste Sohn Abrahams, auf einen theologischen Nebenweg geraten ist und als „Sohn der Sklavin Hagar“ nur geringe Wertschätzung erfahren hat. – Wir werden übrigens, wenn wir uns Esau und Jakob näher ansehen, auf Motive stoßen, die wir schon kennen: wieder einmal geht es um Geschwister-Rivalität, und wieder treten unfruchtbare Frauen in Erscheinung, die ihrem Mann eine Magd zuführen, um durch sie Mutter zu werden. – Aber setzen wir bei dem Ehepaar an, das wir im letzten Heft ausführlich vorgestellt haben: bei Isaak und Rebekka. Eine dramatische Geburt Der biblische Text sagt über sie: „Isaak betete zum Herrn für seine Frau, denn sie war kinderlos geblieben. Und der Herr ließ sich von ihm erbitten. Als Rebekka schwanger war, stießen die Söhne einander im Mutterleib. Da ging Rebekka zum Herrn, um ihn darüber zu befragen. Und Gott gab ihr diese Antwort: Zwei Völker sind in deinem Leib ... Ein Stamm ist dem anderen überlegen. Der ältere muss dem jüngeren dienen. – Als Rebekka niederkam, zeigte es sich, dass sie Zwillinge im Leib trug. Der erste, der geboren wurde, war rötlich und mit Haaren bedeckt wie mit einem Fell. Man nannte ihn Esau. Darauf kam sein Bruder. Seine Hand hielt die Ferse Esaus fest. Man nannte ihn Jakob. – Isaak aber war 60 Jahre alt, als sie geboren wurden“ (vgl. Gen 25,19–26). An dieser knappen Erzählung ist einiges bemerkenswert. Wieder haben wir einen Umstand, den wir schon gut kennen. Ein bedeutender Mann (ein „Gottesmann“) verdankt nach biblischer Vorstellung sein Dasein nicht einfach seinen Eltern und ihren „biologischen Möglichkeiten“ (das Johannesevangelium wird später vom „Willen des Fleisches und dem Wollen des Mannes“ sprechen), sondern es geht auf einen ausdrücklichen Beschluss GotAbraham, Isaak und Jakob, Mosaike im Linzer Dom Biblische Gestalten Esau und Jakob Sigfried Grän OFM W
3/2025 13 tes zurück, der allerdings von Eltern erbeten sein will. – Als nächstes fällt uns die bereits erwähnte Geschwister-Rivalität auf, die in unserem Fall schon im Mutterleib beginnt. – Scharf herausgearbeitet ist dann der Unterschied zwischen den beiden Neugeborenen. Der erste ist „struppig und behaart“, und das hebräische Wort für diese Eigenschaft lautet „Esav“, bzw. Esau. – Der zweite Sohn umklammert mit seinen kleinen Händchen die Ferse des Bruders, als wolle er verhindern, dass Esau vor ihm das Licht der Welt erblickt. Die Historiker sagen: Mit diesem Zug unserer Erzählung soll der Name Jakob, den der Zweitgeborene bekommen hat, erklärt werden: Das hebräische Wort „aqeb“ heißt Ferse. Ein sehr nahe verwandtes Wort, nämlich „aqab“, heißt Betrüger. Beide Wörter würden ja auf Jakob passen, da er nicht nur die Ferse seines Bruder festgehalten, sondern diesen Bruder später auch um sein Erstgeburtsrecht betrogen hat. – Die Fachleute für alte Sprachen sind freilich der Ansicht, dass beide Anspielungen für eine Namenserklärung nicht recht überzeugen. Sie sehen in „Jakob“ einen verkürzten „Satz-Namen“, d. h. einen Wunsch mit dem Inhalt: „Die Gottheit möge dich schützen.“ – Es ist hilfreich, wieder einmal daran zu erinnern, dass die vorliegenden Erzählungen keine Tatsachenberichte sind, sondern Versuche, reale Zustände historisch und theologisch zu deuten. Nun gab es in der jüdischen Welt Nomaden und Viehzüchter auf der einen, und Jäger auf der anderen Seite. Die Jäger waren (bzw. galten als) grobschlächtig und ungestüm, den Tieren nahestehend, die sie täglich jagten. Ihren Typ verkörpert der haarige Esau, der triebhaft und etwas stumpf wirkt. – Der glatthäutige Jakob wird als ruhig und nachdenklich geschildert, er hält sich gern bei den Zelten auf und ist der Liebling seiner Mutter Rebekka. Freilich kann er auch (und das lässt ihn charakterlich fragwürdig erscheinen), aalglatt, berechnend und verschlagen sein. Unsere weitere Darstellung wird dafür Belege liefern. – Was uns noch auffällt: Gott sagt zu Rebekka: „Der Ältere muss dem Jüngeren dienen“, mit anderen Worten: Von Anfang an ist in der göttlichen Vorsehung festgelegt, dass der jüngere Sohn dem älteren überlegen sein wird. Jakob ist der Auserwählte. Esau spielt die zweite Geige. Noch einmal anders ausgedrückt: Es gibt eine Vorherbestimmung zum Erfolg, zum Aufstieg. Und es gibt eine Bestimmung zum Dienst im zweiten Glied, zum Unterlegen-Sein. Dem Menschen aber ist es verwehrt, zu durchschauen, nach welchen Regeln diese Erwählung verfährt. Gott ist uns keine Rechenschaft schuldig. Seine Gedanken und Wege sind nicht die unseren. Der unterlegene Esau Was wir eben über Esau angedeutet haben (er steht an „zweiter Stelle“), das zeigt sich an konkreten Vorfällen. Gewiss hat Esau als erster Sohn Isaaks das Licht der Welt erblickt. Aber er kann sein „Erstgeburtsrecht“ nicht wahrnehmen und verteidigen. – Eines schönen Tages kommt er erschöpft und hungrig von der Jagd nach Hause. Jakob hat gerade ein Linsengericht bereitet und der hungrige Esau sagt zu ihm: Gib mir bitte etwas zu essen von der roten Speise, die du vor dir stehen hast, denn ich bin ganz erschöpft. – Jakob ergreift sofort die Chance, die sich ihm hier bietet. Er sagt: Du kannst mitessen, wenn du mir dafür dein Erstgeburtsrecht überlässt. – Der ausgehungerte Esau sagt verständlicherweise: Ich sterbe in diesem Augenblick vor Hunger. Was soll mir da das Erstgeburtsrecht! – Und er schwört seinem Bruder: Ich verkaufe dir dieses Recht, wenn ich hier und jetzt endlich etwas zu essen kriege. – Beduinenzelt vor 100 Jahren in Palästina, Sammlung Benzinger Kommissariat München Esau und Jakob Esau und Jakob
14 3/2025 IM LAND DES HERRN Und dann betrügt Jakob seinen etwas schwerfälligen Bruder noch um den damals wichtigen „Erstgeburtssegen“. Als Isaak, der Vater der beiden Brüder, alt, schwach und erblindet war, verkleidete sich Jakob (auf Anstiften seiner Mutter Rebekka) als Esau, indem er mit einem Ziegenfell dessen haarige Haut vortäuschte, und erschlich sich auf diese Weise den väterlichen Segen. – Der ungeschickte, aber in seinem Charakter sehr heftige Esau, war über diesen Betrug so wütend und hasserfüllt, dass er Jakob umzubringen beschloss. (Jakob floh vor dem Zorn seines Bruders ostwärts, nach Haran, ins nördliche Mesopotamien.) – Aber auch in der Strategie der Versöhnung war Jakob seinem Bruder überlegen. Es geling ihm (rund zwanzig Jahre später) mit Geschenken und freundlichen Worten, seinen aufgebrachten Zwillingsbruder zu beruhigen und von seinen Racheplänen abzubringen. Esau lebt in der Bibel weiter als Ahnherr der Edomiter, einem Volk das zwischen dem Toten Meer und dem Golf von Akaba wohnte. Wir hören in der folgenden Zeit von einem Krieg zwischen König Saul und Edom, auch von einer Eroberung Edoms durch König David, der es zu einem jüdischen Verwaltungsbezirk machte. Davids Sohn, König Salomo, heiratet Edomiterinnen. – Später dringen Edomiter beim Fall Jerusalems (im Jahre 587) in die Heilige Stadt ein und plündern sie aus. – Kurz gesagt: Edom, das Volk Esaus, wird immer mehr zum „Erbfeind Jerusalems“. Die feindlichen Brüder der Urzeit, Esau und Jakob, setzen ihren Konkurrenzkampf in ihren Nachkommen fort. – Aber wenden wir uns damit von Esau ab und richten wir unsere Aufmerksamkeit auf Jakob, dessen Schicksal den biblischen Autoren mehr am Herzen liegt. Jakob, ein bedeutungsreicher Name Wer ein biblisches Lexikon aufschlägt, um sich über Jakob zu informieren, wird folgendes feststellen: Während Esau in den Hintergrund tritt, erstrahlt der Name „Jakob“ zunehmend in hellerem Licht. Jakob gilt als „untadeliger Mann“, als ein von Gott Erwählter, man nennt ihn „den Gerechten“. Seine Betrügereien werden als Erfüllung des göttlichen Heilsplanes gedeutet, so dass er im Neuen Testament (von der Samariterin, Joh 4,12) „unser Vater“ genannt werden kann. – Schließlich steigt der Name Jakob auf zur Gesamtbezeichnung des Volkes Israel: Die Juden verstehen sich als „Haus Jakob“, als „Söhne Jakobs“ oder „Stämme Jakobs“. Andere Bildworte für Israel sind „Geschlecht Jakobs“, „Weinberg Jakobs“ oder „Gemeinde Jakobs“. – Das Heilige Land heißt öfter „das Erbe Jakobs“, „der Stolz Jakobs“ oder „die Zelte Jakobs“. – Und schließlich dient der Name Jakob noch zur Kennzeichnung des jüdischen Gottes, der als der „Heilige Jakobs“, der „Starke Jakobs“, der „König Jakobs“ oder der „Herrscher in Jakob“ angesprochen Erschleichung des Erstgeburtsrechtes, Scala Santa Rom „Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ vgl. Mt 22.32 Altarbekrönung Stift Göttweig
3/2025 15 wird. – Bei Mt 22,32 gebraucht Jesus für seinen himmlischen Vater die Bezeichnung „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“. – Es besteht kein Zweifel: auch wenn uns nicht alles zusagt, was wir in der Bibel über Jakob lesen: Er ist für die jüdische und frühchristliche Theologie eine positive Gestalt, ein Stammvater und Patriarch, der seinem Großvater Abraham, dem „Vater des Glaubens“, kaum nachsteht. Jakob „bei den Zelten“ In jungen Jahren erscheint Jakob als ruhiger und besinnlicher Mensch, der sich nicht in der Steppe herumtreibt und Jagd auf das Wild macht (wie sein Bruder Esau), sondern gerne zu Hause bleibt und sich mit seiner Mutter unterhält. So wird er zu Rebekkas Lieblingssohn, während der alte Isaak mehr den widerborstigen Esau schätzt, weil er gerne das Wildbret isst, das ihm dieser erjagt. – Als Esau eines Tages völlig erschöpft von der Jagd heimkehrt, kommt es zu der Szene die wir schon erwähnt haben. Jakob überrumpelt den ausgelaugten Bruder und listet ihm für ein Linsenmus das Recht der Erstgeburt ab. Um zu verstehen, worum es hier geht, muss man wissen: Nach jüdischem Recht erhielt der Erstgeborene einen doppelten Anteil vom väterlichen Vermögen, er erfreut sich einer gewissen Autorität über seinen Brüdern und Schwestern, folgte seinem Vater als Familienoberhaupt nach und hatte Anspruch auf einen besonderen Segen seines Vaters. – All das bedenkt der geistig etwas plumpe Esau nicht. Und ohne recht zu wissen, was er tut, verzichtet er zugunsten Jakobs auf seine Privilegien. Dieser aber bleibt konsequent auf dem Weg, den er eingeschlagen hat. Als sich Isaak dem Tode nahe fühlt (er ist schon seit längerer Zeit blind), will er seinem Erstgeborenen Esau den Segen spenden, der ihn zum Haupt der Großfamilie machen soll. Wie schon angedeutet, gelingt es auch jetzt dem schlauen Jakob wieder, den Bruder auszustechen und den blinden Vater zu überlisten. Wie das im einzelnen vor sich geht, ist in der Bibel so spannend geschildert, dass man sich bei der Lektüre an eine moderne Kriminal-Erzählung erinnert fühlt. (Wer ein Altes Testament zur Hand hat, mache sich das Vergnügen und lese Gen 27, überschrieben „Der Erstgeburtssegen“!). – Wer am Schluss der Episode den Schmerz des betrogenen Esau miterlebt, sein Aufschreien in höchster Verbitterung, sein lautes Weinen, als der Vater gesteht: Ich habe deinem Bruder alle Vollmachten übertragen, die ich weitergeben konnte – der wird spontan Mitleid mit dem betrogenen Esau haben und in Jakob nicht unbedingt einen gerechten Freund Gottes sehen. Flucht nach Haran Jedem Leser ist verständlich, was Esau nach dieser Episode in bitteren Selbstgesprächen überlegt: Mein Vater wird nicht mehr lange leben. Wenn wir seinen Tod betrauert haben, muss ich keine Rücksicht mehr nehmen. Dann werde ich Jakob umbringen! In dieser Situation gibt Rebekka ihrem bedrohten Lieblingssohn den Rat, nach Haran ins nördliche Mesopotamien zu ihrem Bruder Laban zu fliehen und dort abzuwarten, bis sich Esaus Zorn gelegt hat. Dem blinden Isaak erklärt sie, sie schicke Jakob in ihre Heimat, damit er sich aus ihrer Verwandtschaft eine Frau suche und nicht etwa wie Esau eine Kanaaniterin heirate. Isaak ist das Beduinenjunge bei Betlehem Esau und Jakob Esau und Jakob
16 3/2025 sehr recht, und entlässt Jakob mit seinem Segen. Wir müssen es uns versagen, alle Erlebnisse und Abenteuer auszubreiten, die Jakob bei seiner Reise und seinem zwanzigjährigen Aufenthalt begegnet sind. Wir können nur ein paar ausgewählte Episoden (vor allem solche, die theologisch interessant sind) darstellen. Die Himmelsleiter Als der flüchtige Jakob eines Tages von der plötzlich hereinbrechenden Dunkelheit überrascht wird, sieht er sich in einer ihm unbekannten Gegend zu einem improvisierten Nachtlager gezwungen. Er nimmt einen von den herumliegenden Steinen als Kopfkissen, streckt sich auf der Erde aus und ist bald eingeschlafen. Da hat er einen bedeutsamen Traum: Er sieht eine von der Erde bis in den Himmel reichende Treppe (oder Rampe), auf der Engel auf- und niedersteigen. Ganz oben aber erscheint Gott selber, spricht Jakob an und versichert ihm, er würde ihn wieder wohlbehalten nach Hause zurückführen, um ihm und seinen zahlreichen Nachkommen das Land Kanaan zu geben. – Als Jakob erwacht, ist er zutiefst erschüttert und sagt: „Wirklich, der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht!“ – Er nennt den Ort „Bet-El“, d. h. „Haus Gottes“, stellt den Stein, auf dem er geruht hatte, als Denkmal auf und salbt ihn mit Öl. Dann macht er das Gelübde: „Wenn Gott mich auf meinem Weg behütet und mir Erfolg verleiht, soll aus diesem Stein ein Gotteshaus werden, und von allem, was Gott mir schenkt, will ich ihm den Zehnten opfern.“ – Für die Fachleute ist die Absicht leicht zu erkennen, die hinter dieser Erzählung steckt: Als unser biblischer Text aufgeschrieben wurde, war Betel längst ein berühmter Kultort. Unsere Geschichte will begründen, wie in früher Zeit schon die Heiligkeit dieses zunächst unbedeutenden Ortes erkannt wurde, und wie der „Stein von Betel“ (den man in späteren Jahrhunderten immer noch verehrte) aufgerichtet und durch Salbung geweiht worden ist. Natürlich war auch die Abgabe des Zehnten für dieses Heiligtum wichtig, und die späteren Wallfahrer waren leichter zu Spenden zu bewegen, wenn man ihnen sagen konnte: Ihr setzt mit eurer Gabe fort, was unser Ur-Vater Jakob seinem Gott gelobt hat. – Noch ein Wort zur „Himmelsleiter“ in Jakobs Traum. Nach dem Weltbild der Alten gab es zwischen Himmel und Erde eine schmale Stelle Jakob und die Himmelsleiter, Fresko Basilika Vierzehnheiligen IM LAND DES HERRN Moschee in Beitin, dem biblischen Bet El, im rechten Teil noch Strukturen eines byzantinischen christlichen Kultbaues zu erkennen
3/2025 17 (eine Art Rampe), auf der sich der ganze Verkehr zwischen der himmlischen und irdischen Welt abspielte. Auf ihr gingen ständig Gottesboten hin und her, nicht nur um Gebete vor Gott zu tragen, sondern vor allem um göttliche Befehle auszuführen und die Erde zu überwachen. Jakob ist der Überzeugung, dass er genau an dieser besonderen Stelle der Welt geschlafen hat und im Traum in die jenseitige Sphäre hat blicken dürfen. Familiengründung in der Fremde In Haran verliebte sich Jakob sofort in seine Kusine Rahel, die Tochter seines Onkels Laban. An Stelle einer Brautgabe (die er nicht hatte), versprach er, sieben Jahre um das Mädchen zu dienen. – Bei diesem Geschäft fiel der kluge Jakob, der immer andere überlistet hatte, herein. Als sein Dienst um Rahel vorüber war und Jakob das geliebte Mädchen im Ehebett erwartete, führte ihm Laban seine ältere, weniger attraktive Tochter Lea zu. Jakob bemerkte den Betrug nicht, da Lea der damaligen Sitte gemäß das Brautgemach tiefverschleiert betrat. Jakob schlief mit Lea und war natürlich empört, als am nächsten Morgen die Wahrheit ans Licht kam. Laban reagierte kühl mit dem Hinweis, es sei in ihrem Volk nicht üblich, die jüngere Tochter vor der älteren zu verheiraten. Dann beruhigte er Jakob mit den Worten: „Verbring mit Lea noch die Brautwoche, dann soll dir auch Rahel gehören, allerdings nochmals um sieben Jahre Dienst.“ Jakob ging auf diesen Vorschlag ein und lebte von nun an mit beiden Frauen zusammen. Er liebte allerdings nur Rachel, um Lea kümmerte er sich wenig. Gott schuf jedoch zwischen den ungleichen Schwestern einen Ausgleich, indem er der hässlichen Lea große Fruchtbarkeit verlieh, die schöne Rahel aber ohne Nachkommen ließ. Von Lea hatte Jakob schließlich vier Söhne (Ruben, Simeon, Levi und Juda). Aber auch das weckte in ihm keine Zuneigung zu der von Anfang an ungeliebten Frau. – Die kinderlose Rahel nahm nun voll Eifersucht ihre Zuflucht zu einem Ritual, das wir schon kennen. Sie führte Jakob ihre Leibmagd Bilha zu, damit sie ihm an ihrer Stelle Kinder gebäre. Tatsächlich bekam Jakob von dieser Magd weitere zwei Söhne (Dan und Naftali). – Da Lea befürchtete, dass sie nach vier Geburten keine weiteren Kinder mehr zur Welt bringen würde, führte auch sie ihre Magd Silpa zu Jakob und er zeugte mit ihr Gad und Ascher. – Danach bekam Lea aber doch noch drei eigene Kinder, Issachar und Sebulon, sowie eine Tochter namens Dina. – Und jetzt endlich hörte Gott auf die heißen Gebete Rahels und schenkte auch ihr einen Sohn, nämlich Josef (den jeder Bibelleser als den „ägyptischen Josef“ kennt). – So wurden dem „Flüchtling Jakob“ in Haran elf Söhne und eine Tochter geboren. – Wir haben die Namen dieser Söhne (zu denen sich später noch „Benjamin“ gesellte, wieder ein Kind Rahels) deswegen genannt, weil sie für die Geschichte Israels sehr bedeutsam sind: Die Söhne Jakobs sind die Väter der „zwölf Stämme Israels“, die auch in der Theologie des Neuen Testamentes noch eine Franziskaner bei der Besichtigung der Ruinen eines byzantinischen Klosters in Beitin © Thomas Abrell Esau und Jakob Esau und Jakob
18 3/2025 Rolle spielen. (Viele Besucher des Heiligen Landes kennen wohl die berühmten Glasfenster von Marc Chagall in der Hadassa-Klinik zu Jerusalem, die dem Andenken dieser Stammväter gewidmet sind.) Jakob überlistet seinen Schwiegervater Jakob begann nun, seine Heimreise zu planen. Er verlangte von Laban, dessen Herden sich unter seiner Obhut stark vermehrt hatten, einen gebührenden Lohn. Dabei schloss er mit ihm folgenden Vertrag: Alle schwarzgestreiften und dunklen Schafe und alle weißgestreiften und hellen Ziegen, die ab heute in Labans Herden geworfen würden, sollten Jakob gehören. – Dem geizigen Laban war das recht, da die meisten Schafe weiß und die meisten Ziegen schwarzbraun, also einfarbig waren. Gesprenkelte und gestreifte Tiere gab es kaum. Und jeder Hirte wusste, dass von einfarbigen Muttertieren nur in seltenen Fällen gestreifte oder scheckige Junge geworfen werden. – Jakob aber, der noch sechs Jahre bei Laban diente, wandte einen magischen Trick an, um mit einfarbigen Elterntieren scheckige Junge zu züchten. Er legte Stäbe in die Tränkrinnen an denen die weiblichen Tiere von den Böcken besprungen wurden. Von diesen Stäben hatte er die Rinde in Streifen abgeschält. Dieser Anblick des „Gestreiften“ (so kalkulierte Jakob gemäß dem damaligen Volksglauben) geht im Augenblick der Empfängnis auf die Leibesfrucht über und bewirkt, dass auch das entstehende Junge „gestreift“ wird. – Was immer man von dieser Methode halten mag, im vorliegenden Fall hatte sie Erfolg. Jakob kam in wenigen Jahren zu einem großen Bestand an scheckigen Schafen und Ziegen. Und Laban mit seinen Söhnen konnte nur neidisch auf den wachsenden Wohlstand des einst mittellosen Flüchtlings blicken. Schließlich gab Gott dem Jakob im Traum die Weisung, sich von Laban zu trennen und mit seiner ganzen Familie und Habe in die alte Heimat zurückzukehren. Als Laban eines Tages bei der Schafschur war, machte sich Jakob heimlich davon. Laban setzte ihm mit seinen Brüdern nach, holte ihn ein und machte ihm heftige Vorwürfe. Er wagte aber nicht, Gewalt gegen Jakob anzuwenden; denn auch ihm war Gott im Traum erschienen und hatte gesagt: Hüte dich, Jakob auch nur das Geringste vorzuwerfen (Gen 31,24). Nach längerem Hin und Her versöhnte sich Jakob schließlich mit seinem Schwiegervater. Er zog nun seines Weges, seinem schwierigen Bruder Esau entgegen. Jakobs Kampf mit Gott Zu den berühmtesten Szenen in der langen „Jakobsgeschichte“ gehörte das nächtliche Ringen Jakobs mit einem geheimnisvollen Mann. Die Bibel erzählt: Als eines Abends Jakobs Familie mit den Herden den Jabbok (einen Nebenfluss des Jordan, etwa 40 km nördlich des Toten Meeres) überquert hatte, blieb Jakob allein auf der verlassenen Seite des Flusses zurück. Da trat in der Dunkelheit ein Mann auf ihn zu und begann mit ihm zu ringen. Jakob, der sehr stark war, leistete heftigen Widerstand. Der Mann konnte ihn nicht bezwingen und bat schließlich: Lass mich los, denn die Morgenröte ist aufgestiegen. – Jakob entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. – Da fragte der Mann: Wie heißt du? und Jakob nannte seinen Namen. – Da sprach der Mann: Nicht mehr Beduinen beim Tränken der Herde vor ca. 100 Jahren, Sammlung Benzinger Kommissariat München IM LAND DES HERRN
3/2025 19 Jakob wird man dich nennen, sondern Israel (Gottesstreiter); denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen. – Als Jakob den Namen des Fremden wissen wollte, verweigerte der die Antwort. Aber er segnete Jakob. – Jakob nannte den Ort Penuel (Gottesgesicht) und sagte: Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen. – Jakob hinkte nach diesem Ringkampf, denn der Fremde hatte ihn aufs Hüftgelenk geschlagen und es ausgerenkt. – Soweit die Aussagen der Bibel. Bei der Deutung dieser urtümlichen Erzählung müssen wir verschiedene „Schichten“ unterscheiden. Der Text enthält wohl Elemente, die auf vorjüdische Zeit zurückgehen und von Nachtdämonen berichtet haben, die den Menschen in der Dunkelheit heimsuchen und quälen, die aber weichen müssen, wenn die Sonne aufgeht. – In der jüdischen Tradition wurde der geheimnisvolle nächtliche „Mann“ mit dem offiziellen Gott Jahwe gleichgesetzt, der seinem „Schützling“ Jakob in stiller Stunde gegenübertritt und ihm eine wichtige Lehre erteilen will. Erinnern wir uns: „Jakob“ hat vom Wortsinn her etwas mit „Betrüger“ zu tun und der reale Jakob ist ja wirklich sehr listig gewesen. Er hat sich z B. den Erstgeburtssegen des blinden Isaak erschlichen. Jetzt bittet er wieder um einen Segen. Aber der Segen des himmlischen „Mannes“ wird ihm erst gewährt, nachdem er einen anderen Namen angenommen hat. Erst als „Israel“ (Gottesstreiter) d. h. nach einer gewissen Bekehrung erhält Jakob vom Himmel den Segen für sein Leben und sein Werk. – Dass Jakob den Namen seines Partners wissen will, weist auf ein allgemein menschliches Verlangen hin: Den Namen einer Gottheit zu kennen, bedeutet: um das Wesen und die Absichten dieser mächtigen Person zu wissen. Man kann sie also in Zukunft anrufen, man kann sie sich durch Opfer verpflichten, und man kann mit der Kraft dieses Namens hantieren, d. h. zaubern. Dem Jakob unserer Erzählung werden allerdings solche Ansprüche verwehrt. Gott, bzw. der nächtliche Gottesbote, entzieht sich dem geistigen Zugriff des Menschen. Noch etwas ist zu bedenken: unser Jakob ist ganz erfüllt von Angst und Aufregung seinem tiefgekränkten Bruder Esau gegenüber: Wird Esau den Heimkehrer versöhnlich oder mit Hass empfangen? Wird er ihn umarmen oder erdolchen? – In dieser Situation begegnet Jakob eine himmlischen „Machtinstanz“, die ihn wohl bedrängt und schädigt (Lähmung der Hüfte), die ihn aber grundsätzlich akzeptiert und leben lässt. – Für Jakobs Kampf mit Gott am Jabbok, Bergkirche Schleiz Der Fluss Jabbok © G. Klaus Esau und Jakob Esau und Jakob
20 3/2025 Jakob ist das ein „Vorausbild“ seiner Auseinandersetzung mit Esau. Wörtlich sagt er nämlich bald zu Esau: „Ich habe dein Angesicht gesehen, wie man das Angesicht Gottes sieht, und du hast mich freundlich empfangen“ (Gen 33,10). – Im Übrigen müssen wir hinnehmen, dass wir nicht alle Züge unseres Textes mit letzter Klarheit verstehen und deuten können. Das weitere Schicksal Jakobs Nach der Aussöhnung mit Esau soll Jakob bei Sichem einen Brunnen gegraben haben (an dem Jesus später Rast gemacht und sich mit einer Samariterin unterhalten hat, und der heute noch existiert!), und er soll dann in Betel gelebt haben, wo er eine weitere Gotteserscheinung hatte. Schließlich musste er seinen Vater Isaak in der uns schon bekannten Höhle von Machpela neben Abraham und Sara begraben. Rebekka war wohl schon vor Jakobs Heimkehr verstorben. Auch sie hatte ihre letzte Ruhestätte in Machpela gefunden. Übersiedlung nach Ägypten Da Jakob den jungen Josef, den Sohn seiner Lieblingsfrau Rahel, allen seinen anderen Söhnen vorzog, verkauften ihn seine Brüder aus Neid bei einer günstigen Gelegenheit als Sklave nach Ägypten. Josef stieg dort zum mächtigsten Mann des Reiches auf und holte während einer Hungersnot seinen Vater und seine Brüder nach Ägypten. Jakob lebte dort noch 17 Jahre, bis er (auf dem Totenbett) seine zwölf Söhne gesegnet hatte. Im Alter von 147 Jahren verstarb Jakob. Er wurde nach ägyptischer Weise einbalsamiert und nach Kanaan überführt. Wie seine Vorfahren wurde er in Machpela beigesetzt. Jakobsbrunnen bei Nablus IM LAND DES HERRN Blick in Abrahams-Moschee Hebron auf die Gräber der Patriarchen
3/2025 21 Historische und theologische Anmerkungen Die jüdischen Vätergeschichten dürfen nicht als Geschichtsschreibung im heutigen Sinn verstanden werden. Aus der nomadischen Vorzeit Israels (rd. 1500–1200 v. Chr.) gibt es ja keine schriftlichen Dokumente, sondern nur mündliche Überlieferungen. Diese Überlieferungen waren zunächst sehr zahlreich, eigenständig und disparat. Verschiedene Stämme und Gruppen, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, erzählten jeweils ihre eigenen Ur- und Stammesgeschichten. – Als dann aber (seit dem Jahr 1000 v. Chr.) die verschiedenen vorisraelitischen Wanderhirten und nomadisierenden Stämme das Land Kanaan in Besitz nahmen und sich zu dem Verband „Volk Israel“ zusammenschlossen, gingen schriftkundige Leute daran, die verschiedenen Vorgeschichten aufzuzeichnen und dabei zu systematisieren. Aus der nun bestehenden nationalen Einheit (die ihren Höhepunkt unter den Königen David und Salomo erreichte) zog man den Schluss, dass diese Einheit schon immer „keimhaft“ in den Stämmen angelegt war. Das aber drückte man so aus, dass man sagte: Die Stammväter der bedeutendsten Verbände, nämlich Abraham, Isaak und Jakob, standen in genealogischer Reihenfolge, d. h. sie waren Großvater, Vater und Enkel. – Ebenso betonte man die Gleichberechtigung der späteren „zwölf Stämme Israels“, indem man feststellte: Ihre Ahnherren waren alle Söhne desselben Vaters, nämlich das Patriarchen Jakob. Durch Einführung verschiedener Mütter gewann man die Möglichkeit, weitere Beziehungen zu anderen Stämmen (denken wir an Hagar, Ismael und die Ismaeliter) verständlich zu machen. Was wir eben von irdischen Beziehungen gesagt haben, gilt auch „im Himmel“. Die verschiedenen Nomadengruppen verehrten ursprünglich verschiedene Götter. Es gab einen „Gott Abrahams“, einen „Gott Isaaks“ und einen „Gott Jakobs“ – und noch so manchen anderen. Diese Götter trafen bei der Einnahme Kanaans auf lokale Heiligtümer, in denen wieder andere Gottheiten und Mächte (unter dem Namen „El“) verehrt wurden. Die jüdische Theologie ist nun so vorgegangen: Sie hat die heidnischen Götter jüdisch gedeutet und die unterschiedlichen Stammesgottheiten (die „Vätergötter“) als Erscheinungsformen des einen wahren Gottes Jahwe aufgefasst. – Ähnlich hat es übrigens später auch das Christentum gemacht, das heidnische Vorstellungen übernommen, aber mit einem neuen Sinn erfüllt hat (der Sonnengott Helios oder Sol z. B. wurde zu „Christus, der Sonne des Heils“). – Indem die Autoren der Bibel eine einheitliche Linie in die ihnen vorliegenden vielfältigen Überlieferungen brachten, erreichten sie etwas, das für ihre Frömmigkeit äußerst wertvoll war: Sie konnten sich selbst und ihren Lesern einsichtig machen, dass in der reichhaltigen und verwirrend erscheinenden Geschichte ihres Volkes ein einheitlicher Sinn waltete. Denn in allen Vorgängen war letztlich die eine Hand Gottes am Werk, die alles ordnete und lenkte. Die Stammväter abstammend von Abraham, Kirche Hl. Kreuz München Esau und Jakob Esau und Jakob
22 3/2025 Leonhardskapelle er bekannte Palästina-Forscher Gustaf Dalman unterteilt in seinem Buch „Das Grab Christi in Deutschland“ die Nachbauten in drei Kategorien: Das Grab in der Byzantinischen Zeit (bis 1048), das Grab der Kreuzfahrerzeit (bis 1555) und „Das Heilige Grab der Franziskaner“ (seit 1555). In diese letzte Kategorie fällt das Heilige Grab in Laupheim, einer Stadt in Baden-Württemberg, etwa 20 km südlich von Ulm. Die Grabanlage befindet sich auf dem Alten Friedhof in der Wallfahrts- und Friedhofskapelle St. Leonhard, welche 1445 durch Burkhard II. von Ellerbach samt einer zugehörigen Kaplanei gegründet wurde. Mitpatron ist der hl. Leonhard, der dem Kirchlein am Gottesacker fortan seinen Namen gab. Kaplan David Fogger, der 1608 selbst in Jerusalem war, stiftete 1611 einen Anbau an diesem Kirchlein mit einer Heilig-Grab-Kapelle als Dank für seine Pilgerreise. Der ganze Kirchenbau ist, wie üblich bei Leonhardskirchen, mit einer Kette umgeben – hier in Laupheim besteht diese Kette aus Hufeisen. Die sehenswerte kleine Kirche wurde erst zur Jahrtausendwende renoviert und verbindet Altes und Neues in angenehmer Weise. Der Chorraum ist nach den Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils neu gestaltet worden, das Kirchenschiff hat dagegen seinen barocken Eindruck behalD Das Heilige Grab in Laupheim Petrus Schüler
3/2025 23 ten können. Auf der linken (Nord-)Seite öffnet sich ein Bogen zur besagten Heiliggrabkapelle. Diese Öffnung ist nicht ursprünglich, erst 1868 wurde dieser Zugang geschaffen, um das Grab sichtbarer zu machen, leidet doch die ganze Anlage am fehlenden Platz. Für einen Fotografen ist es unmöglich, die ganze Anlage aufzunehmen, darum soll an dieser Stelle die Skizze aus Dalmans Buch stehen. Wie in der Skizze und im nächsten Bild ersichtlich, öffnet sich dem Besucher das Grab von der Seite und gibt die Sicht auf die Grabbank, die später auch als Altar genutzte obere Platte, und ein Relief der Auferstehung Christi frei. Schon der Stifter Fogger (er wird später Pfarrer in Bellenberg) lässt die Anlage „zu Ehr der glorwirdigen Auferstehung Christi“ weihen. Bei seinem Besuch der Grabeskirche in Jerusalem war er besonders vom Golgothafelsen beeindruckt und schreibt: „… Gott der Allmächtige leihe mir und allen Rechtgläubigen eine fröhliche Auferstehung. Amen. Anno Domini 1611…“ Das findet seinen Ausdruck in einem Sandsteinrelief über der Grabbank, also wieder ähnlich der Grabkapelle in Jerusalem: der Auferstandene, Engel, Wächter und die Frauen am Grab sowie die immer wieder an Hl. Gräbern zitierte Stelle aus dem Buch Jesaja (11,10), die früher so übersetzt wurde: „Sein Grab wird prächtig sein“. Im 19. Jahrhundert wurde mit der Öffnung des Heiligen Grabes zur Kirche hin die Anlage leichter begehbar und verständlich, dafür wurde die Anlage der zwei Räume – Engelskapelle und der eigentliche Grabraum wie in Jerusalem – aufgegeben. Darum liegt der „Engelsstein“ heute etwas gegenstandslos an der Grabnische – früher lag er wirklich im Teil der „Engelskapelle“. Rechts und links sind zwei große, hölzerne Wächterfiguren angeordnet. Diese Figuren sind erst vor gut hundert Jahren aus dem Kunsthandel erworben worden, aber fügen sich gut in den Raum ein. Gustav Dalman, der Laupheim im Jahre 1916 besuchte, schreibt dann über die Grabesnische: „Man sagte mir, der ohne Platte 2 m lange, 80 cm breite und mit Platte 71 cm hohe Grabaltar wäre ursprünglich an der Vorderseite geschlossen gewesen. Als man sie öffnete, fand sich darin ein Glasbehälter mit Feuerstein und Holz, jedenfalls palästinischen Reliquien.“ Heute befindet sich in dieser Grabnische eine Figur des toten Heilands, die in den Ostertagen auch zu sehen ist. Die Platte darüber birgt noch eine weitere interessante Sache: wie in der Marmorplatte in Jerusalem, sieht man auch hier ein „Sprung“. Diese Kleinigkeit deutet darauf Heiliggrabkapelle im Norden der Leonhardskapelle Skizze aus Dalmans Buch, Seite 106, Bibliothek des Kommissariates München Heilige Grab in Laupheim Heilige Grab in Laupheim
24 3/2025 IM LAND DES HERRN hin, dass der Stifter David Fogger entweder diese Kleinigkeit gut in Erinnerung hatte oder sich aber in der damals schon reichhaltigen Literatur über die genaue Gestalt informierte. Dalman sah vor hundert Jahren noch ein fünfseitiges Tempelchen auf dem ansonsten flachen Dach des Grabbaues und auf alten Postkarten erkennt man auch eine pyramidenartige Struktur auf dem oberen Abschluss. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Gut sichtbar aber sind die prägnanten Blendarkaden, die den westlichen Teil des Baues umgeben. Gegenüber dem Kircheneingang befindet sich ein moderner Brunnen, der dem biblisch interessierten Besucher sicher Freude machen wird: der „Paradiesbrunnen“ des schwäbischen Künstlers Gerold Jaeggle zeigt auf den ersten Blick eine Ansammlung von Tieren, beim genauen Hinschauen findet man das „Kind, was mit der Natter spielt“ (Jesaja 11,8), Anklänge auf die Sintflut und vor allem die Vertreibung aus dem Paradies. Es lohnt, sich um den Brunnen herum zu bewegen und ein wenig „ins Paradies zu schauen“. Nur wenige Meter weiter im Westen, aber immer noch auf dem Gelände des Friedhofes, befindet sich ein schöner Kreuzweg mit kleinen „Häuschen“ im Stile des Historismus (1882) mit einer großen Ölbergkapelle. Die Reliefs sind aus Terrakotta modelliert und gefasst, alles aus der Hand des Laupheimer Künstlers Gabriel Lämmle. Die ganze Anlage ist sehr gepflegt und lädt zum Verweilen und Meditieren ein. Die Leonhardskirche mit dem Heiligen Grab liegt etwas außerhalb Ansicht der Kapelle nach Westen hin, die Grabkammer wird erleuchtet durch das Licht des Kirchenraumes
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