14 1/2026 IM LAND DES HERRN me ich aus Schlesien, wo der deutsche Einfluss sehr stark ist. Aber hier bin ich offener geworden, dank der Pilger aus allen Kontinenten mit ihren Bräuchen und Traditionen. Soll ich wirklich einen Pilger aus Nigeria tadeln, weil er im Winter in der Kirche seinen Hut nicht abnimmt? Es kann sein, dass er drei oder vier Kopfbedeckungen übereinander trägt, weil es ihm kalt ist. Das bedeutet keinesfalls, dass er dem Herrn keinen Respekt zollt! Er hat sich einfach nicht auf die Kälte eingestellt. Ich könnte auch ein Mädchen mit zu kurzem Rock tadeln, aber sie kniet und ist im Gespräch mit dem Herrn vertieft… Ich schließe dann die Augen im wörtlichen und im übertragenen Sinne.“ Auch wenn jemand etwas in der Sakristei oder der Kirche klaut, zeigt sich Br. Eléazar relativ tolerant. „Die Volksfrömmigkeit verleitet bestimmte Pilger dazu, überall und in allem Reliquien zu sehen. Es gibt sogar Priester, die die Kelche mitgehen lassen.“ Da wird es ihm dann doch zu bunt. So etwas passiert aber nicht in seiner Gegenwart. Der Gastgeber Zurzeit ist aber Krieg. Br. Michaël und Br. Eléazar sind fast zu einsamen Mönchen geworden. 2024 haben sie nur 42 Gruppen und etwa 1294 Pilger empfangen. „In 18 Jahren erschöpfen sich die Gesprächsthemen und wir haben keine Pilgeranekdoten mehr, die uns amüsieren könnten“, gibt Br. Eléazar zu. Seine neueste Entdeckung sind die Hörbücher. „Ich habe welche für die nächsten Jahre“. Er ist ein großer Fan von Tolkien und seiner Fantasy-Bücher und schätzt den Humor von Terry Pratschett: „Er glaubt nicht an Gott, aber ich sehe in seinem Werk Analogien mit dem Christentum.“ Er fährt fort: „Im Zeitalter sozialer Netzwerke kann man sich übrigens mit der ganzen Welt verbinden.“ Beim Kapitel der Kustodie im vergangenen Sommer bat er nicht um seine Versetzung. „Wenn ich da sein kann, wo meine Mitbrüder nicht so gern hinkommen wollen…“ Meditiert er noch über das Leben, das er an dem Ort führt, an den Jesus kam, um sich zu erholen, mit seinen Freunden gemeinsame Zeit zu verbringen, sich auf die Passion vorzubereiten und sie vorwegzunehmen? „Ja, aber was zählt, ist weniger, sich an das zu erinnern, was Jesus getan hat oder dass er vor 2000 Jahren hier lebte, sondern heute der Ort zu sein, an dem Pilger empfangen werden, um ihm zu begegnen.“ Br. Eléazar und Br. Michaël leben in der Nachfolge des wieder auferweckten Lazarus, sie verkörpern seinen Geist im Hier und Jetzt, und das ist sehr angenehm. Kommen also auch Sie nach Betanien! Leicht gekürzt aus „Terre sainte“ 3-2025, die Übersetzung besorgte Marie-Rose Eisenkolb Alte Ansicht des Dorfes von einem Dia (Hentschel-Ausstellung)
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