20 FRANZISKANER 3|2025 Das Abbild Gottes in jedem Ein geistlicher Impuls Ein Festtag im Zeichen des Friedens Am 22. August 2025 feierte die Kirche den Gedenktag Maria Königin – und auf dem Zion in Jerusalem zugleich den Oktavtag unseres Patroziniums, der Dormitio Mariae. Papst Leo XIV. hat diesen Tag in diesem Jahr als einen weltweiten Tag des Gebetes und Fastens für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung ausgerufen. Er tat dies in einer Zeit, in der die Welt viele Wunden trägt – und er nannte ausdrücklich auch den weiterhin andauernden Krieg im Heiligen Land. Wenn die Kirche einen solchen Tag begeht, geht es nicht um bloße Frömmigkeit. Es geht um eine existenzielle Erinnerung: Wir Menschen sind Geschöpfe Gottes, nach seinem Bild geschaffen. Das Ebenbild Gottes in jedem Menschen Schon auf der ersten Seite der Bibel lesen wir: »Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Abbild Gottes schuf er ihn« (Gen 1,27). Das ist einer der kühnsten Sätze der Menschheitsgeschichte. Er bedeutet: Kein Mensch ist ein Zufallsprodukt. Niemand ist »überflüssig«. Jeder Mensch – ob Freund oder Feind, ob uns nah oder fern, ob vertraut oder fremd – trägt in sich ein geheimnisvolles Abbild Gottes. Diese Wahrheit verändert den Blick: Wer einem Menschen begegnet, darf darin ein Spiegelbild des Schöpfers erahnen. Wer hingegen einen Menschen verachtet, verletzt oder tötet, greift das Ebenbild Gottes selbst an. Hier liegt der Grund, warum die Kirche nicht müde wird, die unantastbare Würde jedes Menschen zu betonen. Die besondere Herausforderung des Heiligen Landes Gerade im Heiligen Land ist diese Einsicht von größter Bedeutung. Hier, wo seit Jahrtausenden Völker und Religionen aufeinandertreffen, wo Hoffnung und Schmerz, Erwählung und Konflikt so dicht beieinanderliegen, ist die Erinnerung an die Gottesebenbildlichkeit kein theologisches Ornament, sondern ein Schlüssel zum Überleben. Wenn Juden, Christen und Muslime einander im anderen das Abbild Gottes erkennen könnten, würde sich die Logik der Gewalt durchbrechen lassen. Benediktinische Gottsuche und Menschensuche Als Benediktiner weiß ich: Die Suche nach Gott gehört zu unserem Lebensauftrag. Aber diese Suche geschieht nie im Alleingang. Wer Gott sucht, findet ihn nicht ohne den Mitmenschen. Die Gottsuche ist immer auch Menschensuche. Und wer im Mitmenschen Gott erkennt, hat den Kern der Gottsuche berührt. Liturgie der Versöhnung In meinem Gebet an diesem besonderen Tag habe ich deshalb versucht, Bibel, Liturgie und Gegenwart miteinander zu verweben. Besonders inspiriert hat mich dabei das Eucharistische Hochgebet zum Thema »Versöhnung«. Dieses Hochgebet ist der großen Sehnsucht gewidmet, dass Gott die Menschheit trotz aller Trennungen und Verwundungen zusammenführt. Es bekennt: Trennung und Schuld haben nicht das letzte Wort, weil Gott selbst uns versöhnt hat. Diese Hoffnung möchte ich auch für das Heilige Land in Anspruch nehmen. Maria – Tochter Israels und Königin von Palästina Besonders nahe stehen mir zwei Marientitel, die tief im Land verwurzelt sind: Maria, die Tochter Israels, und Maria, die Königin von Palästina. Ersterer erinnert daran, dass Maria untrennbar in die Geschichte Israels hineingehört, verbunden mit Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob und Rahel. Der zweite Titel wird seit über hundert Jahren im Lateinischen Patriarchat von Jerusalem gepflegt und im Heiligtum von Deir Rafat festlich gefeiert. Beide Titel machen deutlich: Maria gehört in diese Erde, in diese Geschichte, in diese Sehnsucht nach Frieden. Ein Gott für alle Völker Wenn wir an diesem Festtag beten, dann nicht zu einem »kleinen Gott«, der nur einer Religion oder einem Volk gehört. Der Gott Abrahams ist von Anfang an ein Gott für alle Menschen. Schon Abraham wurde berufen, »zum Segen für alle Völker der Erde« zu werden (Gen 12,3). Dieser universale Horizont darf in unserer Gebetssprache nicht verloren gehen. Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Menschlichkeit bedeutet für mich: Zusammen mit anderen Menschen das Leben und ein gelingendes Miteinander gestalten, Höhen und Tiefen dieses Miteinanders zu durchmessen und die Fülle des Lebens zu erleiden, zu erfahren und zu feiern« Bernd Backhaus, Leiter der Suppenküche in Berlin Nikodemus C. Schnabel OSB
RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=