19 FRANZISKANER 3|2025 Margot Friedländer »Seid Menschen« Maximilian Feigl »Seid Menschen« – mit diesem Appell hat sich die Holocaust-Überlebende und -Zeitzeugin Margot Friedländer im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik verankert. Bei ihrer Arbeit für Freiheit, Demokratie und Toleranz hat sie stets die Menschlichkeit in den Mittelpunkt gestellt. Adolf Friedländer traf, einen ehemaligen Arbeitskollegen vom Jüdischen Kulturbund. Die beiden heirateten und emigrierten nach der Befreiung des KZs in die USA. Erst nach dem Tod ihres Mannes 1997 begann Margot Friedländer damit, ihre Geschichte zu erzählen und autobiografisch zu schreiben. 2010 kehrte sie im Alter von 88 Jahren – nach mehreren Besuchen – dauerhaft nach Berlin zurück. Bis zu ihrem Tod am 9. Mai 2025 tritt sie vor Schulklassen auf, hält Reden und spricht vor dem Bundestag und dem EU-Parlament – zuletzt am 7. Mai auf einer Veranstaltung zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung vom Nationalsozialismus vor 80 Jahren. Für ihr Engagement wurde sie mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter eine Ehrendoktorwürde der FU Berlin, das Bundesverdienstkreuz in mehreren Stufen und die Ehrenbürgerschaft Berlins. Die Margot-Friedländer-Stiftung führt ihr Lebenswerk fort. Margot Friedländer wurde nie müde, ihre Botschaft der Menschlichkeit zu wiederholen. »Wir können nicht alle Helden sein, aber wir können wenigstens menschlich sein«, sagte sie oft. Danach gefragt, was es denn heißt, Mensch zu sein, antwortete sie einmal: »Menschen sein heißt: Tut nicht etwas, das euch wehtun würde.« »Es gibt kein christliches, kein muslimisches, kein jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Wir sind alle gleich. Wir kommen auf die gleiche Art und Weise auf die Welt, also respektiere die Menschen.« Margot Friedländer ging es nie darum anzuklagen. Wenn sie vor Schülerinnen und Schülern sprach, wollte sie nicht wissen, was deren Großväter und Urgroßväter getan hatten. In Interviews sagte sie immer wieder: »Was war, war. Das können wir nicht ändern. Aber es sollte nie, nie, nie wieder passieren.« Ihre Mission war es, »für die zu sprechen, die nicht mehr sprechen können … «. Gemeint hat sie damit nicht nur die sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden. Sondern »auch die vielen Millionen Menschen, die umgebracht worden sind, weil das Regime sie nicht als Menschen betrachtet hat.« Margot Friedländer wurde 1921 als Anni Margot Bendheim in Berlin in eine jüdische Familie geboren. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten versuchte die Familie mehrere Male auszuwandern, jedoch erfolglos. Im Jahr 1943 – kurz bevor die Familie zu Verwandten nach Oberschlesien fliehen wollte – wurde Margots jüngerer Bruder Ralph von der Gestapo verhaftet. Mutter Auguste stellte sich daraufhin der Polizei, um ihren Sohn zu begleiten. Beide wurden nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet, wie schon ein Jahr zuvor der Vater, der sich 1937 von der Mutter getrennt hatte und nach Frankreich geflohen war. Margot selbst entging der Verhaftung und tauchte in Berlin unter. Von den Nachbarn erhielt sie eine Handtasche ihrer Mutter, die diese dort deponiert hatte. Darin fand sie unter anderem die Bernsteinkette, die sie bis an ihr Lebensende oft bei öffentlichen Auftritten tragen sollte. Zudem übermittelten ihr die Nachbarn die letzten Worte ihrer Mutter: »Versuche, dein Leben zu machen.« Dieses Leben fand nun im Untergrund statt, Margot kam bei Gegnern des Nationalsozialismus unter. Dass diese Familien ihr Leben riskierten, um ein anderes Leben zu retten, zeigte, dass es nicht alternativlos war, im Zeichen der faschistischen Ideologie Rassist zu werden. Stattdessen erlebt sie Deutsche mit Zivilcourage und Menschlichkeit. Im April 1944 wurde sie dann von sogenannten Greifern verhaftet – Juden, die im Auftrag der SS andere Juden aufspüren und ausliefern sollten. Sie wurde ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie auf PORTRÄT © FLORIAN GÄRTNER | PICTURE-ALLIANCE.COM
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