Herbst 2025 Weitere Themen: Wehrdienst Zwischen Freiwilligkeit und Pflicht +++ Gregor Geiger OFM Ein franziskanischer Santiago-Pilger +++ Geistlicher Wegbegleiter www.franziskaner.de Franziskaner Seid Menschen
»Franziskaner« Unser Magazin für franziskanische Kultur und Lebensart erscheint viermal im Jahr und wird klimaneutral auf 100 % Recyclingpapier gedruckt. Sie können es sich kostenlos nach Hause liefern lassen. Deutsche Franziskanerprovinz Provinzialat Frau Viola Richter Sankt-Anna-Straße 19, 80538 München zeitschrift@franziskaner.de Tel.: 0 89 2 11 26-1 50, Fax: 0 89 2 11 26-1 11 Spenden zur Finanzierung dieser Zeitschrift erbitten wir unter Angabe des Verwendungszwecks »Spende Zeitschrift« auf das Konto der Deutschen Franziskanerprovinz, IBAN DE49 5109 0000 0077 0244 09, BIC WIBADE5W bei der Wiesbadener Volksbank. WEHRDIENST © JULIANE SONNTAG | PICTURE-ALLIANCE.COM; PILGER © IGOR HOLLMANN OFM Inhalt 4 Abschied Agentur meinhardt 5 Angebote und Anregungen 6 Seid Menschen • Was ist der Mensch? • Der Mensch: Bestimmung und Wirklichkeit • Pilger auf dem Weg: Eine franziskanische Anthropologie • Wie Krisen uns vereinzeln – und was wieder zusammenführen kann • Margot Friedländer »Seid Menschen« • Das Abbild Gottes in jedem Menschen erkennen 23 Geistlicher Wegbegleiter 27 Provinzkapitel 28 Neuer Wehrdienst Zwischen Freiwilligkeit und Pflicht 32 Franziskanische Geschichte Eine Kirche der Armen, in der Heiligen Schrift verwurzelt 34 Hoffnungszeichen House of One 36 Franciscans International (FI) Madagaskar: Die erste vom Klimawandel verursachte Hungersnot 38 Franziskaner werden Gregor Geiger – Ein franziskanischer Santiago-Pilger 40 Kulturelles Erbe Damian Bieger – Der Mann fürs Liegengebliebene 42 Nachrichten 43 In memoriam 44 Kursangebote 45 Bruder Rangel kocht 46 Kommentar 47 Impressum Germanicus auf Reisen Ein franziskanischer Santiago-Pilger 4000 Kilometer zu Fuß: Gregor Geiger OFM berichtet von seiner Pilgerreise von Jerusalem nach Santiago. Er erzählt von interessanten Begegnungen auf dem Weg und Lektionen über das Leben und sich selbst. Seite 38 Neuer Wehrdienst Die Gesellschaft diskutiert über Wehrdienst und Wehrpflicht. Wir fragen diejenigen, die heute direkt betroffen sind: den Bund der Deutschen Katholischen Jugend und den Deutschen Bundeswehrverband. Seite 28
3 FRANZISKANER 3|2025 FAMILIE © SKYNESHER| ISTOCK.COM Was ist der Mensch? »Seid Menschen!« – unermüdlich hat Margot Friedländer diesen Satz gesagt. Eine Frau, die die dunkelste Zeit unserer Geschichte überlebt hat. Ein Satz, der einfach klingt – und doch viel verlangt. Was ist der Mensch? Für Immanuel Kant war das die größte aller Fragen. Die Bibel gibt eine erstaunlich klare Antwort: Wir sind Bild Gottes. Nicht weil wir stark oder klug sind, sondern weil Gott uns so geschaffen hat. Unvollkommen zwar – aber fähig zu lieben, zu hoffen, zu vergeben. Franz von Assisi sieht den Menschen als Pilger und Fremdling. Nie ganz angekommen und immer unterwegs. Fragend, tastend, staunend. Nicht Herr über alles, sondern Bruder bzw. Schwester unter Mitgeschöpfen – Teil eines großen Ganzen, das uns anvertraut ist. Dieses Bild wirkt in einer Welt, in der die Stärken von künstlicher Intelligenz propagiert werden, wie ein Gegenentwurf. Die KI-Programme können viel: schreiben, rechnen und sogar entscheiden. Faszinierend, keine Frage. Aber empfinden diese Programme Dankbarkeit? Freuen sie sich über ein Wiedersehen? Können sie trauern oder verzeihen? Wohl kaum. Menschsein kann man nicht programmieren. Menschsein heißt: Herz zeigen. Gewissen haben. In Beziehung leben. Es heißt, einander zu brauchen – trotz aller Brüche. Es heißt, Fehler zu machen und trotzdem wieder aufzustehen – und anderen ihre Fehler zu verzeihen. Menschsein heißt zu lachen, zu weinen, zu hoffen. Franziskus lädt uns ein, genau darin unsere Würde zu erkennen: als Geschenk und Aufgabe. Bild Gottes zu sein heißt, sich berühren zu lassen – vom Leben, vom Leid der anderen, von Gottes leiser Stimme in uns. »Seid Menschen!« – dieser Satz ist mehr als ein ehrwürdiges Vermächtnis. Er ist ein Auftrag für heute: Fehler und Schwächen einzugestehen, ohne zu verzweifeln. Mutig zu sein, wenn es um die Verteidigung der Menschenwürde geht. Und hoffend und vertrauend miteinander im Gespräch zu bleiben. Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre, einen schönen Herbst und viele echte Begegnungen von Mensch zu Mensch! Br. Markus Fuhrmann OFM (Provinzialminister)
4 FRANZISKANER 3|2025 Time to say goodbye Wer in Projekten mitarbeitet, weiß, was es heißt, über einen langen Zeitraum dranzubleiben, auch Durststrecken zu überstehen und kreativ immer wieder nach neuen Ansätzen und Aktualisierungen zu suchen. Dies gilt auch für das Projekt »Franziskanische Zeitschrift«. Ende der 90er Jahre hatte Helmut Schlegel als damaliger Provinzial der Thüringischen Franziskanerprovinz die Idee, eine Zeitschrift herauszugeben. Mit dieser Idee trat er an Kerstin und Thomas Meinhardt heran, die damals bereits den Verlag und die Agentur Meinhardt führten. Gemeinsam entwickelten sie ein Konzept, und daraus entstand die Zeitschrift »Wege mit Franziskus«. Die erste Redaktion bildeten Hadrian Koch, Bernardin Marker, Helmut Schlegel sowie Kerstin Meinhardt und Thomas Meinhardt. Das erste Heft der neuen Zeitschrift erschien mit der Frühjahrsausgabe 1/1999. Zehn Jahre später zeichnete sich dann der Zusammenschluss der vier Provinzen in Deutschland zu der einen Deutschen Franziskanerprovinz ab. Da lag es nahe, auch über die Zeitschrift neu nachzudenken. Anstatt sie nur auf das gesamte neue Provinzgebiet auszudehnen, wurde ein Neuanfang konzipiert, den auch ein neuer Namen verdeutlichen sollte: »FRANZISKANER«. Die Ausgabe 4/2009 bildete den Auftakt dieser bis heute bestehenden Zeitschrift. Die Erstbesetzung der Redaktion startete mit Michael Blasek, Natanael Ganter, Andre Madaus, Kerstin Meinhardt, Thomas Meinhardt, Jürgen Neitzert und Helmut Schlegel. Somit bildeten Kerstin und Thomas Meinhardt inklusive der Ausgabe 2/2025 das Rückgrat von 26,5 Jahren Redaktionsarbeit. Wie viel Herzblut und Engagement in das Projekt geflossen ist, kann jeder ermessen, der die Zeitschriften zur Hand nimmt und ihre Entwicklung verfolgt. Wir in der Redaktion durften erleben, wie oft intensiv um ein gutes und ansprechendes Produkt gerungen wurde. So manche Kabbelei zwischen Kerstin und Thomas durfte nicht fehlen, entlockte uns ein Schmunzeln und gehörte zur konstruktiven Atmosphäre unserer Redaktionssitzungen einfach dazu. Neben der Zeitschrift gehörten weitere Dienstleistungen für die Provinz zu den Aufgaben der Agentur Meinhardt, wie die Konzeptionierung und Realisierung von Ausstellungen oder die Gestaltung des Programmheftes des Exerzitienhauses in Hofheim. Für Euch, Kerstin und Thomas, war es aber stets mehr als nur eine Dienstleistung. Es war die spirituelle Verbundenheit mit der franziskanischen Sache und die freundschaftliche Verbundenheit mit uns Brüdern. Es war ein Miteinander- Unterwegssein im franziskanischen Geist und das Anliegen, diesen durch das Medium Zeitschrift in die Welt zu tragen. Liebe Kerstin, lieber Thomas, wir Mitglieder der Redaktion und wir Brüder der Deutschen Franziskanerprovinz danken Euch von Herzen für diesen gemeinsamen Weg, für alle kreativen Prozesse und die (Mit-)Gestaltung unserer Printmedien »Wege mit Franziskus« und »FRANZISKANER«. Euch für Euren weiteren Weg im (Un-)Ruhestand pax et bonum – Frieden und Gutes! Stefan Federbusch OFM
5 FRANZISKANER 3|2025 Kursübersicht auf Seite 44 Eines unserer Angebote DOM FULDA © JOSHUA KETTLE | UNSPLASH.COM Gemeinsam ins neue Jahr 29. Dezember 2025 bis 1. Januar 2026 »Schon läuft zu End die Zeit …« Zum Jahreswechsel bietet sich die besondere Gelegenheit, innezuhalten und das vergangene Jahr bewusst in den Blick zu nehmen. Was war wichtig, was schwer, wofür bin ich dankbar? Die Exerzitien auf dem Frauenberg in Fulda bieten Raum, um zur Ruhe zu kommen, im Gebet Kraft zu schöpfen und gemeinsam in das neue Jahr zu starten. So entsteht ein Rahmen, um das alte Jahr loszulassen, mit anderen auf dem Weg zu sein und voller Vertrauen in das neue Jahr hineinzuschreiten. Leitung: Max Rademacher OFM und Team Anmeldung: Tel.: 06 61 10 95 45, E-Mail: max.rademacher@franziskaner.de ▶▶ www.fulda.franziskaner.de Missionssammlungen ausgepackt Ausstellung mit franziskanischen Exponaten 3. Oktober 2025 bis 8. Februar 2026 im Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln Die Ausstellung »Missionssammlungen ausgepackt« widmet sich einer lange unbeachteten Sammlungspraxis: dem Sammeln von Objekten durch katholische und evangelische Missionsgemeinschaften – vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Im Zentrum stehen Objekte, die aus weiten Teilen der Welt nach Nordrhein-Westfalen gelangten. Die Ausstellung spürt kolonialen Machtverhältnissen nach und beleuchtet die Rolle von Missionarinnen und Missionaren in der Erfassung, Klassifizierung und Weitergabe materieller Kultur. Zu den Leihgebern der Ausstellung gehört auch die Deutsche Franziskanerprovinz, die Exponate aus dem Forum der Völker zur Verfügung stellt. »Herr, sei gelobt …« Fest zu 800 Jahren Sonnengesang Anlässlich des Jubiläums »800 Jahre Sonnengesang« feierten knapp 100 Mitglieder der Franziskanischen Familie vom 22. bis zum 24. August 2025 in Vallendar unter dem Motto »Herr, sei gelobt …« ein großes Fest mit vielfältigen kreativen Workshopangeboten und liturgischen Feiern. Beteiligt waren neben Ordensleuten und den Mitgliedern des Dritten Ordens (OFS) auch die Mitglieder der franziskanischen Bewegung Vivere, die auf zehn Jahre des Bestehens ihrer Gemeinschaft blicken können. Unser Schwestermagazin Die Ausgabe 3/2025 der »Franziskaner Mission« beschäftigt sich mit dem Thema »Geschmackssache – Kulturen machen Kleider«. Das Magazin kann kostenfrei bestellt werden in Dortmund, E-Mail: info@franziskanermission.de, oder in München, E-Mail: muenchen@franziskanermission.de
Was ist der Du bist ein Mensch wie jeder andere. Du bist kein Mensch wie jeder andere. Du bist wie jeder andere einmalig. Petrus Ceelen 6 FRANZISKANER 3|2025
7 FRANZISKANER 3|2025 Mensch? Stefan Federbusch OFM CREATION OD ADAM © MUSEI VATICANI/CLAUDIO PERI | PICTURE-ALLIANCE.COM Der Theologe Petrus Ceelen spricht davon, dass wir als Menschen etwas Gemeinsames haben und etwas Unterscheidendes. Etwas, das uns mit allen anderen Menschen verbindet, und etwas, das uns einmalig macht. Die Frage »Was ist der Mensch?« ist eine uralte Menschheitsfrage. Sie ist zunächst einmal recht abstrakt. Ich kann sie stellen mit dem berühmtesten deutschen Philosophen Immanuel Kant. Es ist die vierte von vier Grundfragen, denen er sich widmet: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Das sind Fragen, die über den Bereich der Philosophie weit hinausgehen. Ich kann die Frage »Was ist der Mensch?« aber nicht nur abstrakt, sondern sehr persönlich stellen: Wer bin ich als Mensch? Sie wird dann sehr existenziell, denn sie berührt mich als Einzelne, als Einzelnen in meinem Selbstverständnis. Wer bin ich? Wie verstehe ich mich selber? Wie definiere ich mich? Welches Bild habe ich von mir? Das Orakel von Delphi hat den Auftrag gegeben: Mensch, erkenne dich selbst! Mach dir Gedanken über dich, frage, wer du bist. Was macht dich aus? Wo kommst du her? Wo gehst du hin? Die Frage »Was ist der Mensch?« bleibt aber nicht beim Einzelnen stehen. Aus dem ICH wird das WIR – und entsprechend verändern sich die Kant’schen Grundfragen: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Was ist die Menschheit?
8 FRANZISKANER 3|2025 Die erste Frage ist eher naturwissenschaftlicher Art und Antworten geben uns beispielsweise die Biologie, die Medizin, die Soziologie und die Psychologie. Die zweite Frage ist die der Moral und der Ethik, die dritte die der Philosophie und der Theologie. Aus der vierten Frage, was der Mensch ist (Indikativ), leitet sich ab, was der Mensch tun soll (Imperativ). Du bist Mensch, also sei menschlich! Doch was, bitte, ist menschlich, was ist human? Wir Menschen sind Individuum und Person, verfügen über Bewusstsein und somit Reflexionsvermögen, über Sprache und Kultur und handeln dennoch höchst unterschiedlich. Wir sind Beziehungs- und Gemeinschaftswesen, der Philosoph Arnold Gehlen nannte uns aber zugleich »Mängelwesen«. Wir sind Geist-, Vernunft-, Gefühls-, Instinkt- und Triebwesen. Für den Soziologen Peter L. Berger waren wir »Ordnungswesen«, der Kulturhistoriker Johan Huizinga sah den Menschen als »homo ludens«, also spielendes Wesen. Wir haben die Gabe des Humors, sind mit Aristoteles ein »animal rationale«, also ein vernunftbegabtes Tier, was Ernst Cassirer zum »animal symbolicum« erweiterte, als Abbild einer inneren Wirklichkeit. Wir sind Glaubende, Hoffende und Liebende und dennoch fähig zu all den Abgründen, die die verschiedenen Formen von Gewalt mit sich bringen. Wir fühlen uns gekränkt durch die Astronomie, durch die Erkenntnis von Galileo Galilei, nicht der Mittelpunkt der Welt zu sein. Wir fühlen uns gekränkt durch die Biologie, durch die Erkenntnis von Charles Darwin, dass der Mensch nicht von Anfang an in seiner heutigen Form existierte. Wir fühlen uns gekränkt durch die Psychologie, durch die Erkenntnis von Sigmund Freud, dass wir nur bedingt Herr im eigenen Hause sind und von vielerlei Faktoren, etwa von unserem Unbewussten, bestimmt sind. Und dennoch fühlen wir uns als »Krone der Schöpfung« und benehmen uns, als ständen uns viele weitere Lebenswelten zur Verfügung. Wir sind die eine Menschheitsfamilie und separieren einander, grenzen uns voneinander ab und grenzen andere aus, bekämpfen und bekriegen uns und schrecken vor der Vernichtung kostbaren menschlichen Lebens nicht zurück. Die alte Katechismusfrage bekommt hier neue Aktualität: »Wozu sind wir auf Erden?« Herbert Grönemeyer hat in seinem Lied »Mensch« einige Dimensionen benannt, warum der Mensch Mensch heißt: weil er vergisst und verdrängt, irrt und kämpft, hofft und liebt, mitfühlt und vergibt, schwärmt und glaubt, anlehnt und vertraut… Mensch sein heißt Mensch werden. Menschwerdung bleibt eine lebenslange Aufgabe und zugleich eine massive Herausforderung in unserer gesellschaftlich und politisch schwierigen Situation. Mensch sein ist ein dynamischer Prozess mit vielfältigen Veränderungen. Wie kann ich mir da meine Menschlichkeit bewahren? Es bleibt die Frage: Was ist der Mensch? Es bleiben die Fragen: Wer sind wir? Was sollen wir tun? Wer bin ich? Was soll ich tun? Was heißt es, wenn Margot Friedländer immer wieder gemahnt hat: Seid Menschen! Dem nachzuspüren, laden die folgenden Beiträge ein. Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Friedrich Nietzsche soll auf die Frage, was das Menschlichste sei, geantwortet haben: ›Was ist das Menschlichste? Jemanden Scham ersparen.‹ (Friedrich Nietzsche, in: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 273-275). Dieser Ausspruch begleitet mich seit Jahren. Beschämt werden verletzt die Grundbedürfnisse eines Menschen nach Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit, ja, seine Würde. Auch Franziskus ermahnt seine Brüder, andere nicht zu beschämen. Damit ermahnt er auch mich: Egal, welches Fehlverhalten du an anderen feststellst – du darfst sie nicht bloßstellen, nicht beschämen!« Sr. Pernela Schirmer OSF, Franziskanerin von Dillingen, Bildungsreferentin und Geistliche Begleiterin ADAM AND EVE IM GARTEN EDEN © TON KOENE | PICTURE-ALLIANCE.COM
9 FRANZISKANER 3|2025 Der Mensch: Bestimmung und Wirklichkeit Die biblische Urgeschichte und die Gottesebenbildlichkeit Der moderne Mensch blickt nach vorn: in die Zukunft, auf das, was noch kommen wird. Die Autoren und Erstleserinnen und -leser der Bücher des Alten Testaments, des ersten Teils der zweigeteilten christlichen Bibel, hatten hingegen eine andere Perspektive: Sie gestalteten ihre Zukunft mit dem Blick in die Vergangenheit. Sie schritten sozusagen rückwärtsgewandt in die kommende Zukunft. Sie teilten die altorientalische Grundüberzeugung, dass alles Gegenwärtige und alles Zukünftige sein Wesen im Anfang erhalten hat. Doch während die alten Kulturen des Vorderen Orients bei ihrem Blick auf die Uranfänge den Fokus auf die Götter- und Weltwerdung legten, nahm in der Bibel die Erschaffung des Menschen und seine Stellung in der Welt eine zentrale Rolle ein. Die sogenannte Urgeschichte am Anfang der Bibel erklärt die Grundgegebenheiten menschlicher Existenz anhand der Welt- und Menschenschöpfung (Genesis 1–3), der Ausbreitung der Menschheit in der Welt (Genesis 4–5) und der Sintflut bzw. dem Neubeginn der Menschheit mit Noah als neuem Urahnen (Genesis 6–9). Der Mensch wird als Ebenbild Gottes geschaffen – was allerdings nicht als Eigenschaft, sondern als Auftrag zu verstehen ist. Das Herrschaftsmandat In der ersten Schöpfungserzählung (Genesis 1,1–2,3) ist der Mensch, der am sechsten Tag erschaffen wird, das letzte Werk Gottes. Doch er ist weder das Ziel noch die Krone der Schöpfung. Der siebte Tag – der Schabbat –, den Gott durch seine Ruhe segnet und heiligt, ist die Vollendung der Weltordnung, in der der Mensch lebt. Die Schöpfung des Menschen wird nicht bildlich beschrieben, sondern in einer bis heute für die Diskussion über die Würde eines jeden Menschen grundlegenden Aussage formuliert: »Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!« (Genesis 1,26a). Die in diesen Worten zum Ausdruck kommende sogenannte Gottesebenbildlichkeit definiert den Menschen als Repräsentation Gottes in der Welt – zugespitzt formuliert: Das Alte Testament verbietet Statuen von Gott, denn der Mensch selbst steht für die Sichtbarkeit der Anwesenheit Gottes in der Welt. Diese Aussage ist in der ersten Schöpfungserzählung keine abstrakte Idee, sondern ein klar definierter Auftrag. Die Menschen werden als Repräsentanten Gottes erschaffen, um über die Erde – nicht über andere Menschen – zu herrschen: »Sie sollen walten über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen« (Genesis 1,26b). Somit wird eine Eigenschaft, die zum Beispiel dem gottgleichen Pharao im alten Ägypten zukam, demokratisiert auf alle Menschen übertragen: Der Mensch soll in der Welt die göttliche Gewalt, die lebensförderlich ist, ausüben und die göttliche Ordnung aufrechterhalten. So betrachtet ist die Gottesebenbildlichkeit keine Qualität des Menschen, sondern eine Funktionsbeschreibung. Mehr als nur Gott und Mensch In der zweiten Schöpfungserzählung (Genesis 2,4–25) liegt der Fokus stärker auf dem Verhältnis des Menschen zu Gott und der Menschheit untereinander. Nun wird die Schöpfung des Menschen bildlich beschrieben. Gott formt ihn wie ein Töpfer aus dem Staub des Ackerbodens und verleiht ihm den göttlichen Lebensatem. Während in der ersten Schöpfungserzählung die Menschheit als Ebenbild Gottes »männlich und weiblich« erschaffen wurde (Genesis 1,27), ist der Mensch in der zweiten Schöpfungserzählung am Anfang unvollständig und Das Öl-Gemälde »Adam and Eva im Garten Eden« von Wenzel Peter (1745–1829) hängt in den Vatikanischen Museen
10 FRANZISKANER 3|2025 einsam, und Gott erkennt: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht« (Genesis 2,18). Die Beziehung des einzelnen Menschen zu Gott genügt nicht. Der Einzelne bedarf einer »Hilfe«, das heißt: eines menschlichen, starken Beistands. Er ist somit schwach und benötigt an seiner Seite einen zweiten Menschen. Gegen ein mögliches Verständnis, dass die gesuchte »Hilfe« überlegen ist, steht die zweite Beschreibung »ihm entsprechend«; die Frau ist ein Gegenüber, das dem einzelnen Menschen ebenbürtig ist. Menschsein ist geprägt durch gegenseitige Hilfe und Entsprechung. Erkenntnis und Autonomie Mit den beiden Schöpfungserzählungen ist die Erzählung der Menschwerdung jedoch noch nicht beendet. Erst durch den sogenannten Sündenfall der Menschen werden Adam und Eva zu autonomen Wesen mit den damit einhergehenden ambivalenten Auswirkungen (Genesis 3). Die altbekannte Geschichte über die verbotene Frucht und die Schlange im Garten Eden benennt die Übertretung des göttlichen Gebotes nicht explizit als Sünde. In der Logik der Erzählung ist durch die göttliche Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Gut und Böse überhaupt erst die Ermöglichung von Sünde gegeben. Die Erlangung dieser Fähigkeit beschreibt im Alten Testament den Übergang zum Erwachsensein (vgl. Deuteronomium 1,39–40) und wurde durch das Essen der verbotenen Frucht erreicht. Dieser Erkenntnisgewinn, der das Wesen des Menschen als ein autonomes Wesen zutiefst ausmacht (vgl. Amos 5,14–15), geht aber einher mit einem doppelten Verlust: Erstens verlieren die Menschen die innige und furchtlos-kindliche Beziehung zu Gott – sie verstecken sich vor ihm –, und zweitens stehen sie einander bloßgestellt gegenüber – sie bedecken ihre Schambereiche; sie haben ihre kindliche Unbefangenheit verloren. Doch selbst nachdem sie die Fähigkeit der Unterscheidung von Gut und Böse gewonnen haben, wird noch im Garten Eden deutlich, dass der Mensch im Angesicht seiner Schuld dazu tendiert, diese von sich abzuwälzen, anstatt sie auf sich zu nehmen. Der Mann schiebt seine Schuld für seine Tat auf die Frau, und sie beschuldigt die Schlange. Der Niedergang der Menschheit Als Leserin oder Leser von Genesis 1–3 stellt man ernüchtert fest: In der guten Schöpfungsordnung, in die der Mensch als Repräsentant Gottes eingesetzt ist, um lebensförderlich zu herrschen, erlangt die Menschheit die hierfür notwendige Fähigkeit zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – aber sowohl Mann als auch Frau sind scheinbar unfähig, Verantwortung zu übernehmen, und die Menschheit wendet sich nicht dem Guten, sondern dem Bösen zu. In Genesis 4 wird dann erzählt, wie die Beziehung des ersten Brüderpaares direkt zum ersten Mord führt, obwohl Kain noch von Gott gewarnt wurde: »Wenn du gut handelst, darfst du aufblicken; wenn du nicht gut handelst, lauert an der Tür die Sünde. Sie hat Verlangen nach dir, doch du sollst über sie herrschen« (Genesis 4,7). Kain entscheidet sich als erster Mensch bewusst für die Sünde; er erschlägt seinen Bruder und wird somit zum Sinnbild der Menschheit, über die Gott in Genesis 6,1 ein fatales Urteil fällt: »Der Herr sah, dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war« – mit diesen Worten beginnt die Sintflutgeschichte, an deren Beginn die radikale und katastrophale Aussage steht, dass es Gott reute, die Menschheit erschaffen zu haben. Am Ende der Erzählung bereut Gott seine Absicht, die Menschheit auszulöschen, aber das schlechte Zeugnis, dass er den Menschen ausstellt, bleibt bestehen. Auch nach der Sintflut gilt: »Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an« (Genesis 8,21) – woran auch Noah, der als einziger gerechter Mensch gepriesen wird, nichts ändern kann. Trotz allem: Gottesebenbild Mit der Sintflutgeschichte wird auch deutlich, dass der Mensch das Ideal seiner Gottebenbildlichkeit verfehlt hat. Denn unter seiner Herrschaft hat sich die gesamte gute Schöpfung ins Böse verkehrt: »Gott sah sich die Erde an und siehe, sie war verdorben; denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben« (Genesis 6,12) – und Gott trägt dieser veränderten weltlichen Ordnung Rechnung, wenn er die dem Menschen verliehene lebensbejahende Gewalt zu einer Schreckensherrschaft wandelt: »Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf dem Erdboden regt, und auf alle Fische des Meeres; in eure Hand sind sie gegeben« (Genesis 9,2). Den ursprünglich vegan lebenden Menschen wird nun gestattet, dass sie auch Tiere essen dürfen. Gewalt zwischen Tieren und Menschen und den Menschen untereinander ist nun eine Gegebenheit in der Schöpfung, die von Gott durch Gesetze geregelt wird. Dabei fällt auf, dass auch nach der Sintflut weiterhin der Mensch als Ebenbild Gottes gilt. In einem Erzählerkommentar zum Verbot der Tötung eines Menschen, Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Mensch sein ist für mich eine Grundhaltung. Zugewandt und offen für andere zu sein, Ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, niemanden in eine Schublade zu stecken auch wenn der erste Eindruck vielleicht dazu verleiten kann.« Ursula Clemm OFS, Nationalvorsteherin des Ordo Franciscanus Saecularis
wie sie durch Kain geschehen war, wird auf sie verwiesen: »Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht« (Genesis 9,6). Trotz allem verliert der Mensch dieses Merkmal nicht – unabhängig von nationaler Herkunft, Geschlecht oder sonstigen gesellschaftlichen Unterscheidungen bleibt der Mensch, obwohl sein Herz und damit sein menschliches Erkennen, Wollen und Fühlen eher nach dem Bösen als dem Guten strebt, immer das Ebenbild Gottes, das mit göttlicher Fürsorge über die Schöpfung herrschen soll. Oder anders formuliert: Die Bedeutung des Menschen in dieser Welt ist eine aus der Sicht der Urgeschichte bisher uneingelöste Zusage – die Menschheit muss erst noch werden, was sie von Anfang an eigentlich schon sein soll: ein würdiger Repräsentant Gottes in seiner Schöpfung. Vom Anfang bis zum Ende Diese Forderung – trotz der allgemein erfahrbaren Realität – bleibt auch bestehen, wenn sich das Verständnis der Gottesebenbildlichkeit mit der Übersetzung in das griechische Denken und durch eine christliche Interpretation verändert hat. Bereits das im ersten Jahrhundert v. Chr. auf Griechisch verfasste Buch der Weisheit Salomos lässt diese Sinnverschiebung erkennen: »Denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören« (Weisheit 2,23–24). In dieser der Urgeschichte in Genesis 1–9 widersprechenden Leseart ist die Gottesebenbildlichkeit des Menschen seine eigentliche Unsterblichkeit, die er jedoch im Garten Eden verloren hat. Diesem Verständnis folgt auch der Apostel Paulus, wenn er in seinem Brief an die Gemeinde in Rom schreibt: »Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren« (Römer 3,23). Für ihn ist Jesus Christus der einzige Mensch ohne Sünde, und somit ist er das »Bild Gottes« (Römer 8,29), und nur durch den Glauben an ihn können die Menschen wieder teilhaftig der Gottesebenbildlichkeit werden (vgl. 1 Korinther 15,49). Paulus verschiebt damit die Gottesebenbildlichkeit des Menschen von einer Funktionsbeschreibung hin zu einer Qualitätsaussage und von der Schöpfungswirklichkeit des Anfangs zur Erlösungswirklichkeit des Endes. Paulus hofft darauf, dass die Gläubigen durch Jesus Christus wieder zum Ebenbild Gottes werden. Zieht man nun theologisch eine Linie von dem Anfang der Schöpfung hin zur Erlösung des Endes, bedeutet dies: Der als Ebenbild Gottes geschaffene Mensch soll zum Repräsentanten Gottes in seiner Schöpfung, zu einem besseren Menschen werden, sodass Gott wieder alles, was er geschaffen hat, ansehen kann und feststellen wird, dass es sehr gut ist. SIXTINISCHE KAPELLE © MARCO BRIVIO | PICTURE-ALLIANCE.COM Till Magnus Steiner Dr. Till Magnus Steiner ist katholischer Theologe, Bibelwissenschaftler und freier Journalist. Er lebt mit seiner Familie in Jerusalem. Das Deckenfresko »Die Erschaffung Adams« von Michelangelo Buonarroti, geschaffen zwischen 1508 und 1512, ist eines von neun Einzelfresken an der Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom. Sie zeigen Szenen aus dem Buch Genesis, insbesondere der Schöpfungsgeschichte. 11 FRANZISKANER 3|2025
12 FRANZISKANER 3|2025 PILGERN © NATANAEL GANTER OFM Pilger auf dem Weg Eine franziskanische Anthropologie »Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch« – dieser Satz prägt oft unterschwellig das heutige Menschenbild. Im Original von dem römischen Komödiendichter Titus Maccius Plautus verfasst, ist vor allem die Version »homo homini lupus« des englischen Philosophen Thomas Hobbes bekannt. Aufgrund dieses Zitats wird dem Menschen oft ein von Grund auf böser Charakter zugeschrieben, der ihn zum Feind seines Nächsten macht. Die franziskanische Sichtweise nimmt hier einen anderen Ausgangspunkt ein – und kommt so zu einem positiven, dynamischen Menschenbild. Das franziskanische Menschenbild ist durch die Theologie geprägt, entsprechend den Vorstellungen der Zeit von Franziskus und Klara von Assisi und ihrer grundlegenden Spiritualität. An seiner Entwicklung hatten zudem auch Antonius, Alexander von Hales, Bonaventura, Petrus Johannis Olivi, Johannes Duns Skotus und andere großen Anteil. Im Gegensatz zu einer negativen Interpretation des Menschen als Wolf sehen sie den Menschen als möglichen Freund der Welt und Gottes. Diese franziskanische Anthropologie setzt bei der Grundlegung des Lebens in einer schöpfungsgemäßen Dynamik der Liebe an. Ausgehend von biblischen Texten wird Gott als dynamische und schöpferische Liebe in der Beziehung zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist gedeutet. Diese Betrachtung des Dreifaltigen Gottes als beziehungsstiftende Johannes Baptist Freyer
kommunizierende Liebe wird zur Keimzelle des theologischen Denkens. Die Liebe wird als Anfang des Schöpfungsaktes gesehen – ihr Fokus ist der freie Wille, den anderen in seinem Anderssein zu wollen und so, wie er ist, anzunehmen. Der Mensch wird als das Geschöpf dieser wollenden Liebe interpretiert. Seine Gottesebenbildlichkeit wird in der Freiheit gesehen, andere Mitgeschöpfe anzunehmen, sich ihnen empathisch zu öffnen und mit ihnen Gemeinschaft zu haben – sie zu lieben. Diese Freiheit des Wollens und Liebens erreicht ihren Höhepunkt da, wo der Mensch Gott selbst als den ganz anderen annehmen oder zurückweisen kann. Denn der Mensch ist nicht von Natur aus auf Ablehnung oder gar Hass gepolt. Er ist nicht dazu verurteilt, dem Mitmenschen als Wolf zu begegnen; er kann sich für die Liebe entscheiden. Da die franziskanische Theologie den Menschen als Geschöpf der erschaffenden Liebe denkt, sieht sie seine Existenz nicht nur als Geschenk, sondern auch als Aufgabe. In seiner sozialen und kulturellen Umgebung, der Mitwelt, ist er somit für sich selbst verantwortlich und dazu aufgefordert, sein Leben und seine Welt auf Zukunft hin zu gestalten. Und als Gottes Ebenbild ist er aufgerufen, sein Leben in Harmonie mit der ihm geschenkten Schöpfung sinnvoll zu gestalten. Damit verdankt er eben nicht alles sich selbst und seinem Tun. Vielmehr werden ihm sowohl seine eigenen Voraussetzungen als auch die seiner Lebenswelt geschenkt. So erfährt Franziskus sich selbst als durch Gott reich beschenkt und gleichzeitig herausgefordert, dem Geschenk des Lebens und der Mitwelt in Demut und Liebe zu begegnen. Das Leben und die Welt als Geschenk wahrzunehmen, bestärkt die Haltung der Ehrfurcht, der Zuneigung und der Dankbarkeit. Alles Grundhaltungen, mit denen Franziskus das Selbstverständnis der Geschwisterlichkeit begründet, weil er weiß, dass er sich selbst dem anderen, dem Bruder, der Schwester und vor allem aber Gott verdankt. Je mehr es gelingt, diese Geschwisterlichkeit zu verwirklichen, desto stärker wird die egoistische Aneignung von Besitz und Ressourcen – die das Leben vieler sowie die Umwelt zerstört – durch eine solidarische Freigebigkeit und lebensfördernde Großzügigkeit abgelöst. Aus der Grunderfahrung, von Gott beschenkt zu sein, schließt Franziskus zurück auf Gott als das »höchste Gut«. Aus dieser Perspektive hat die franziskanische Tradition ihr Gottesbild entfaltet. Gott ist das in freier Liebe sich selbst verschenkende höchste Gut. Deshalb kann alles, was von ihm geschaffen wurde, nur dieser Gutheit entsprechen. Von diesem Gottesbild her wird jeder Gegensatz zwischen einer guten spirituellen Dimension und einer zum Bösen hinneigenden Materie überwunden. Die ganze Schöpfung, also Geist und Materie, Seele und Körper, sind gut. Der Mensch ist folglich in seiner Gesamtheit gut geschaffen. Die Seele verweist auf seine Fähigkeit, über sich selbst hinaus auf eine transzendente Wirklichkeit zu wachsen. Und der Leib ermöglicht es ihm, in der zu Welt sein. Auch wenn das Gute, das in allen steckt, durch die menschliche Sünde deformiert, unterdrückt oder behindert wird, so kann es doch im Kern nicht zerstört werden. Es bleibt in jeder und jedem ein guter Kern. Schon in der Schöpfungserzählung tragen die Menschen Namen und erhalten den Auftrag, den Tieren Namen zu geben und so mit ihnen in Beziehung zu treten. Von Anfang an wird der Mensch damit als ein Geschöpf interpretiert, welches sowohl eine eigene Individualität besitzt als auch in einer Beziehung zur Mitschöpfung steht. Um die Individualität zu betonen, greifen die franziskanischen Autoren auf den philosophischen Begriff der Person zurück – sie sehen den Menschen als ein Wesen, das Träger von moralischer Verantwortung ist, über Vernunft und Selbstbewusstsein verfügt und in soziale Beziehungen eingebunden ist. Zunächst wird damit die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit zum Ausdruck gebracht. Jeder Mensch ist einmalig. Gerade aber in seiner Einmaligkeit ist er auf die Beziehung zu seiner Mitwelt angewiesen, da sich die Einzigartigkeit nur so entfalten kann. Nicht nur aus spiritueller Sicht gehört deshalb zum Menschen auch die Befähigung zur Kommunikation. Denn durch die Kommunikation nimmt er an seiner Mitwelt teil und entfaltet seine Individualität. Durch Beziehungen entdeckt er sich selbst, und in der Kommunikation bringt er sich in seiner Wesensart hervor. Eine solche lebensfördernde Beziehung kann letztlich aber nur in einer liebenden Kommunikation gelingen. Dies hat Prof. Dr. Johannes-Baptist Freyer OFM lehrte Theologiegeschichte und Franziskanische Theologie in Rom. Heute ist er Mitglied der Provinzleitung der Deutschen Franziskanerprovinz. 13 FRANZISKANER 3|2025
14 FRANZISKANER 3|2025 aus dem Menschen ein kulturelles Geschöpf gemacht, welches in seiner Dialogfähigkeit selbst kreativ wird. Im Entfalten dieser Veranlagung steht der Mensch vor einer ethischen Herausforderung, da die franziskanische Spiritualität davon ausgeht, dass Gott selbst mit dem Menschen Kontakt aufgenommen hat, um mit diesem zu kommunizieren. In Jesus Christus teilt Gott mit, wer er eigentlich ist. So entdeckt Franziskus in Jesus von Nazareth den Bruder der Menschen und aller Geschöpfe. Die Fähigkeit zum Dialog führt den Menschen durch den Glauben an Gott in Jesus Christus zu einer echten Geschwisterlichkeit mit allen Geschöpfen. Diese Sichtweise der franziskanischen Anthropologie lässt erahnen, dass es um kein statisches Menschenbild geht. Die franziskanische Tradition baut auf einer dynamischen Ansicht auf und interpretiert das Menschsein progressiv reifend und schließt dabei die Möglichkeit auf Neues mit ein. Der Mensch wird als ein Geschöpf gedeutet, das auf dem Weg ist. Franziskus beschreibt dies mit dem Begriff des Pilgerseins. Der Mensch ist angerufen, sich und seine Welt zu gestalten und zu verwirklichen. Dabei soll er seine Qualitäten entfalten. Zu diesen Qualitäten zählen auch theologische Werte wie die Fähigkeit, seine geistigen Möglichkeiten auch in den Glauben hinein zu entfalten und sich und seine Welt damit auf Gott hin auszurichten. Dazu ist der Mensch aufgerufen, seine körperlichen und intellektuellen Möglichkeiten durch die emotionalen Qualitäten des Herzens zu bereichern, um in einer ganzheitlichen Entfaltung des Lebens diese Welt positiv zu gestalten. Ebenso soll er sich und seine Welt auf eine Vollendung in der transzendenten Wirklichkeit ausrichten. Um in der eigenen Weise zu wachsen und zur Fülle des Daseins zu gelangen, bedarf es ethischer Verhaltensweisen. Dazu gehört die Offenheit zur Welt. Eine solche Offenheit ist nur möglich, wenn sie sich mit einer qualifizierten Toleranz verbindet. Qualifizierte Toleranz bedeutet die Bereitschaft, das Fremde, das in der Welt auf mich zukommt, zunächst so, wie es ist, zuzulassen und anzuerkennen. Ebenso bedarf dieses Auf-dem-Wege-Sein einer Freiheit des Lebensstiles. Eine Freiheit, die es ermöglicht, immer wieder loszulassen, sich nichts anzueignen oder gar sich beherrschend zu unterwerfen. Eine Freiheit, die sich so mit Einfachheit im Lebensstil und einer den anderen nicht dominierenden Verhaltensweise anfreundet. Wachsend unterwegs sein erfordert auch die Bereitschaft, eine Anstrengung des Weges ausdauernd auf sich zu nehmen. Dazu bedarf es der Hingabe, der Hoffnung und der Liebe. Auch wenn jeder Mensch seinen eigenen Weg zu gehen hat, so ist doch niemand allein unterwegs. Jeder ist mit anderen unterwegs. Das Miteinander-unterwegs-Sein erfordert ein Maß an Rücksichtnahme und Solidarität. Die Herausforderung der Solidarität verweist auf das Reich Gottes. Im Gegensatz zur Weltverachtung, die in den Epochen der Entstehung der franziskanischen Bewegung gepredigt wurde, entwickelte sich im Franziskanertum eine erstaunliche Weltzuwendung und Weltverantwortung. Die Welt wird als Ort verstanden, an dem das Reich Gottes angekündigt und vorbereitet wird. Das Alltagsleben, Beruf, Handel, Politik und soziales Leben wurden zu den Orten, wo, wenn nötig in prophetischer Haltung, das Wort Gottes und die sich daraus ergebenden ethisch-moralischen Verhaltensweisen gepredigt wurden. Dabei übernahmen die Franziskaner auch häufig den Dienst des Friedensstifters und ermöglichten auf dem Boden einer ausgleichenden Gerechtigkeit das friedvolle Zusammenleben. Dabei machten sie sich zu den Fürsprechern der Armen und Ausgegrenzten. Sie widmeten sich den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fragestellungen, um die Welt aus einer christlich verstandenen Haltung der Gerechtigkeit zu formen. Auch wenn diese historischen Handlungsweisen nicht immer heutigen Standards entsprechen, so waren sie doch entscheidende Schritte auf dem Weg zu den Menschenrechten und der Verantwortung für die Mitwelt. Ganz bewusst will das franziskanische Menschenbild auf dem Boden des christlichen Glaubens, trotz aller historisch gegebenen Ambivalenz der Umsetzung, eine Alternative des menschlichen Selbstverständnisses und der sich daraus ergebenden Lebens- und Weltgestaltung aufzeigen. Der Mensch ist nicht dazu verdammt, der Wolf des Menschen und seiner Mitwelt zu sein. Die franziskanische Tradition ist davon überzeugt, dass der Mensch, seinem von Gott geschenkten Sein folgend, diese Welt auch versöhnt, in Frieden, Gerechtigkeit und liebevoller Sorge im Blick auf das kommende Reich Gottes gestalten kann. Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Menschlichkeit ist für mich ein eindeutiges Ja zu meinem Leben, (so wie es geworden ist und dem, was ich jetzt gerade lebe), und ein Ja zu den Mitmenschen in aller Vielfalt. Freude und Dank, aber auch Auftrag verbinde ich mit der Menschwerdung Jesu: Gottes Ja zum Menschen ist unwiderruflich, erstaunlich und wunderbar! Menschlichkeit ist ein Geschenk und darf nicht negativ für unsere Unzulänglichkeit herabgesetzt werden.« Sr. Paulin Link OSF, Franziskanerin von Reute, Bildungsreferentin im Kloster Schöntal
15 FRANZISKANER 3|2025 »Aktuell sehen wir eine tiefe Krise der gesellschaftlichen Verbundenheit« Deutschland erlebt derzeit eine Krise der Verbundenheit: Die Menschen ziehen sich in sinnbildliche Schneckenhäuser zurück und erleben den Umgang miteinander zunehmend als aggressiv. Die Menschlichkeit bleibt dabei auf der Strecke. Zu diesem Ergebnis kommt die repräsentative »Grundlagenstudie ›Verbundenheit‹« des Rheingold-Instituts im Auftrag der Düsseldorfer Identity Foundation. Im Interview erklärt uns Studienleiter Frank Quiring die Probleme. Herr Quiring, in Ihrer Studie kommen Sie zu dem Ergebnis, dass immer mehr Menschen einen Verlust von Verbundenheit erleben: 87 Prozent der Befragten nehmen eine wachsende Trennung und Vereinzelung in der Gesellschaft wahr, 89 Prozent vermissen ein gemeinsames »Wir-Gefühl«, und ebenso viele Menschen empfinden das Miteinander in der Gesellschaft als aggressiv. Wie konnte es dazu kommen? Das hängt mit den Krisen zusammen. Zwar haben sich die Menschen auch in Zeiten mit weniger Krisen – in den 1980er-, 1990er-Jahren, vielleicht noch in den Nullerjahren – nicht immer stark miteinander verbunden gefühlt. Aber damals gab es mehr Durchlässigkeit und mehr Offenheit für den anderen. Die Auseinandersetzungen waren nicht so aggressiv, wie sie jetzt wahrgenommen werden. Es gab nicht so starke Rückzugstendenzen und so ein Verschlossen-Sein. Das ist neu und hängt mit den Krisen zusammen, und vor allen Dingen mit deren Kumulation seit Corona. Die Pandemie war der Startpunkt, Frank Quiring ist DiplomPsychologe und in der Geschäftsführung beim rheingold Marktforschungsinstitut Köln (rheingold GmbH & Co KG). Zu seinen Tätigkeitsfeldern gehört die Konsumforschung vor allem in den Bereichen Lebensmittel und Getränke, Pharma, Wohnen, Outdoor sowie Zielgruppenforschung zu GenZ, Männern, Frauen, Senioren und Gesellschafts- und Kultuforschung. sie begann mit der Zuspitzung von Rückzug und Vereinzelung – von außen verordnet und mit gesundheitsschützender Funktion, natürlich. Neben den Lockdowns spielten dabei die Masken eine wichtige Rolle. Durch das teilweise Verdecken des Gesichts konnten sich die Menschen nicht mehr wirklich sehen. Das hatte emotionale Konsequenzen: Es fehlte ein intuitives Bezogensein, das automatisch passiert, wenn man Menschen ins Gesicht schaut. Wenn man sieht, wie sie reden oder lachen, empfindet man Sympathie oder auch Antipathie. Als das dann aber fehlte, war man automatisch mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Dadurch entstand eine Rückzugsneigung, auch über die Angst vor Ansteckung hinaus. Und dann gab es mit den Protestierenden noch eine sehr deutliche, aggressive Ausdrucksform. Da entstand dieser erste Impetus einer stärkeren Polarisierung der Bevölkerung. Auf Corona folgten dann die nächsten Krisen: der russische Einmarsch in der Ukraine, die Energiekrise, die Inflation, … Wie Krisen uns vereinzeln – und was wieder zusammenführen kann BODEN © NADEZHDA KHARITONOVA | ISTOCK.COM; PORTRÄT © SIMIN KIANMEHR
16 FRANZISKANER 3|2025 Der Einmarsch in der Ukraine am 24. Februar 2022 war ein Schock für die Menschen. Sie bekamen eine wirkliche Existenzangst, auch weil Putin diese atomaren Drohungen von sich gegeben hat. Viele fragten sich: »Ist das bald das Ende?« Man hatte das Gefühl, man müsse Notvorräte anlegen, und hat sich weiter zurückgezogen. Im Herbst 2022 folgte dann in dem Kontext die Energiekrise, und es wurden erneut Existenzängste spürbar: Wird es genug Energie geben? Werden die Wohnungen und Häuser kalt bleiben? Es folgte die Inflation, besonders bei den Mieten und den Lebensmittelpreisen. Gleichzeitig wurden und werden die seit Jahrzehnten verschleppten Sanierungen in Deutschland – Infrastruktur, Pflege, Renten – immer drängender. Das hat alles dazu geführt, dass die Menschen immer weniger eine Zukunftsperspektive mehr sehen. Und jetzt haben wir noch gar nicht die Klimakrise erwähnt. Zu den Mieten: Wir haben im letzten Jahr eine große Gen-Z-Studie gemacht. Für diese Generation ist das ein Thema: Sie können sich die Mieten in den Städten nicht mehr leisten und nicht von zu Hause ausziehen. Und vor diesem Hintergrund zieht man sich dann zurück? Das alles beängstigt und erzeugt Ohnmachtsgefühle, und Rückzug und Selbstbestärkung sind dann die Krisenreaktionen. Die Menschen sagen sich, wir müssen uns um uns selbst kümmern, und ziehen Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Margot Friedländer erinnerte uns mit den Worten ›Seid Menschen! Wir sind alle gleich. Es gibt kein christliches, kein muslimisches, kein jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut‹ daran, dass niemand ausgeschlossen oder abgewertet werden darf. Im Umgang mit Obdachlosigkeit heißt das: Jeder Mensch hat die gleiche Würde. Sie darf niemals abhängig sein von Besitz, Herkunft oder Wohnsituation. Obdachlose Menschen sind nicht ›die Anderen‹ – sie sind Teil unserer Gesellschaft. Ihre Not ruft uns auf, hinzusehen, zu helfen und daran zu erinnern, dass wir alle die gleiche Würde in uns tragen. Wenn wir Friedländers Appell ernst nehmen, bedeutet das: Wir schützen die Würde jedes Menschen und begegnen obdachlosen Menschen mit Respekt, Solidarität und Mitgefühl.« Sr. Christina Klein, Franziskanerin von Olpe, Obdachlosenseelsorgerin in Köln sich in ihre privaten Kreise zurück. Dadurch haben die Familie und der engere Freundeskreis einen sehr hohen Stellenwert bekommen. Im Rückzug entstehen auf diese Weise kleine Inseln von Verbundenheit und Mitmenschlichkeit, aber eben nur im engeren Kreis, nicht in der Gesamtgesellschaft. Außerhalb davon ist die Art, Konflikte auszutragen, aggressiver geworden. Natürlich hat man sich auch früher mal gestritten, aber man hat sich nicht gegenseitig komplett entwertet. Und auch die Bereitschaft, die andere Perspektive nachzuvollziehen und sich ins Gegenüber einzufühlen, nimmt ab. Stattdessen bestärkt man sich in seiner Blase gegenseitig in seiner Ansicht. Deswegen sprechen wir auch von einer Silodarität statt einer Solidarität. Es gibt also keine flächendeckende Verbundenheit mehr, aber noch einzelne Inseln wie Familie und Freunde? Richtig. Es gibt darüber hinaus – das hat unsere Studie gezeigt – eine ganze Reihe ›kleinerer‹ Verbundenheitsformen, das heißt, im Kleinen lebt Verbundenheit durchaus noch. Sie kann bei vielen Gelegenheiten und in vielen Formen entstehen, bei Projektinitiativen, bei Veranstaltungen oder auch ganz zufällig. Wir unterscheiden hier zwischen Verbundenheiten, die aktiv hergestellt werden, und solchen, die sich einfach ereignen. Es gibt hier in Köln den sogenannten Rhine Cleanup Day. Da treffen sich die unterschiedlichsten Menschen am Rhein und sammeln den Müll an den Stränden auf. Dabei entsteht eine Form von Verbundenheit, die aktiv hergestellt wird. Auf Events wie Konzerten oder Festivals oder auch zum Beispiel bei einer einfachen Mitfahrtgelegenheit, wo man mit zunächst fremden Menschen einige Stunden zusammen im Auto sitzt, entsteht diese Verbundenheit im Nebenbei. In einer zweiten Dimension kann man zwischen öffnenden und abgrenzenden Verbundenheitsformen unterscheiden. Bei den abgrenzenden Formen ist die eigene Gruppe wichtig, die ihre Verbundenheit in der Auseinandersetzung ›gegen‹ etwas anderes konsolidiert: Das sehen wir etwa bei Solidaritätsgemeinschaften wie den Menschen im Ahrtal, die sich ‚gegen‘ das Widerfahrnis der Überflutung zusammenschließen, oder bei Institutionen wie Feuerwehr oder Polizei, die sich im Kampf gegen Feuer oder andere Bedrohungen untereinander eng verbinden. Bei öffnenden Formen wie etwa Projektinitiativen geht es hingegen darum, dass jeder kommen und sich beteiligen kann. Oder bei Naturerlebnissen wie dem Wandern, dem Tauchen etc., wo man sich für die Umwelt öffnet, sie in sich aufnimmt und dabei eine größere Verbundenheit erlebt.
17 FRANZISKANER 3|2025 Was kann man denn tun, um die Verbundenheit zwischen den Menschen wieder zu steigern? Verbundenheit entsteht, wenn die Voraussetzungen stimmen, und davon gibt es mehrere: Es braucht ein gemeinsames Ziel, wie am Rhine Cleanup Day, oder auch ein gemeinsames Schicksal, wie es die Menschen im Ahrtal erlebt haben. Man muss sich den Menschen in einer Gruppe öffnen können und es auch zulassen, dass diese sich öffnen. Das bedeutet, dass man von sich erzählt und sich als Mensch in seiner Verletzlichkeit zeigt. Und natürlich gehört es auch dazu, dass man sich einbringt, indem man das Projekt und die Gemeinschaft mitträgt. Außerdem muss man der Verbundenheit die Möglichkeit geben sich zu entwickeln – man kann sie nicht erzwingen. Und dazu gehört es auch, dem anderen seine Freiheit zu lassen und ihm zuzugestehen, sich aus der Verbundenheit zu lösen. Die primäre Voraussetzung ist aber ein sicherer Rahmen. Denn nur dort, wo ich mich sicher fühle, kann ich mich öffnen und loslassen. Das Fußballstadion zum Beispiel ist im Großen und Ganzen ein sicherer Rahmen. Dort kann ich loslassen, schreien, auch mal anderen in den Armen liegen – da entsteht eine große Verbundenheit. Und genau so ist es auch mit Deutschland oder Europa: Es braucht das Gefühl, dass man sicher ist, damit man zum Beispiel unbelastet auf einen Weihnachtsmarkt gehen kann und offen ist für die anderen Menschen, die auch dort sind. Dafür ist der Staat zuständig. Und wenn das Gefühl überhandnimmt, er könne nicht für Sicherheit sorgen, wenden sich die Menschen an Parteien, die ihnen mehr Sicherheit versprechen. Und genau das beobachten wir gerade: Viele Menschen haben derzeit nicht das Gefühl von einem sicheren Rahmen. Dabei geht es nicht nur um die öffentliche Sicherheit. Auch bei der Wirtschaft, den Renten oder den Mieten gibt es Probleme, ich hatte das ja bereits angesprochen. Damit ist die Grundvoraussetzung für Verbundenheit im Moment nicht gegeben. Das macht es für die Menschen wiederum schwer, aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen und sich im gesellschaftlichen Maßstab einzubringen. Stattdessen verharren sie in Selbstbezüglichkeit. Deswegen haben wir auch keine universelle Aufgehobenheit, sondern eher ein Gefühl von Verlorenheit im Moment. Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Jeden Menschen als Geschöpf mit Wert und Würde zu sehen und ihm entsprechend zu begegnen. Ich glaube, dass jeder Mensch zur Bereicherung einer Gemeinschaft beiträgt, wenn sie ihm nur den Raum bietet. Ihm so das Gefühl zu geben, wertvoll zu sein, ist für mich ein wichtiger Aspekt von Menschlichkeit.« Br. Thomas Abrell OFM, Franziskaner, Geschäftsführer der Stiftung »Projekt Omnibus« Nach der Ahrtal-Katastrophe kamen allein über den Helfer-Shuttle bis November 2021 über 100.000 freiwillig Helfende in die Überschwemmungsgebiete um die Betroffenen und Einsatzkräfte zu unterstützen Im Fußballstadion kann man loslassen, schreien, und auch mal anderen in den Armen liegen – so entsteht eine große Verbundenheit HELFENDE AHRTAL © THOMAS FREY | PICTURE-ALLIANCE.COM; FUSSBALLFANS © ANDREAS GORA| PICTURE-ALLIANCE.COM
18 FRANZISKANER 3|2025 Die Menschen warten also in ihren Schneckenhäusern darauf, dass sich die Krisen in der Welt lösen? Bei den derzeitigen Krisen kann der Einzelne nicht viel ausrichten. Dann muss ein Staat da sein, der Entscheidungen trifft und auch Zumutungen abverlangt. Nur so wird das Gefühl vermittelt, dass der Staat stark ist, vorangeht und für Entwicklung sorgt. Und dann kann man auch wieder mehr Vertrauen in die Gesellschaft als Ganze schöpfen. Aber man muss schon auch selbst initiativ werden. Diese kleinen Formen von Verbundenheit, die ich geschildert habe, sind wie eine Graswurzelbewegung für eine größere Verbundenheit. Das zieht Kreise und kann wachsen. Wenn man sich zum Beispiel im Chor einbringt, singt man ja mit unterschiedlichen Menschen zusammen. Und vielleicht geht man mit ihnen danach noch einen trinken. Man ist dann in dieser Stimmung von Verbundenheit miteinander und redet mit anderen darüber, die nicht im Chor singen, und so entsteht ein Impuls in die Gesellschaft. Und wie kann man die Menschen nun aus ihrem Schneckenhaus locken? Tendenziell fällt es den Menschen derzeit schwerer, die Initiative zu ergreifen und selbst tätig zu werden. Die Erwartungshaltung ist da gerade stärker als die Eigeninitiative. Das heißt, niedrigschwellige Angebote sind jetzt gut für die Menschen. Da müssen jetzt Institutionen, Organisationen und Vereine Angebote machen, um die Menschen wieder aus ihren Schneckenhäusern zu locken. Dabei sollten sie natürlich auch auf die Entstehungsbedingungen für Verbundenheit achten: ein Ziel setzen, sich offen und menschlich zeigen und nicht versuchen, etwas zu erzwingen. In unserer Studie hatten wir zum Beispiel den Fall von einem kleinen Fußballverein, in dem Kinder aus verschiedenen Nationen spielen, auch Flüchtlingskinder aus Afghanistan. Die Eltern haben dann einen Abend organisiert, für den jeder etwas aus seinem Land kocht und das dann mitbringt. So haben sich alle Eltern und Kinder getroffen, und sich über das Kulinarische verständigen und austauschen können. Jeder hatte sich Mühe gegeben und etwas für die Gemeinschaft mitgebracht, und so wurde das ein wunderschönes Erleben von Verbundenheit. Ein anderes Beispiel ist die Weihnachtswunder-Initiative von WDR 2, die Spenden gegen den Hunger in der Welt sammelt: Das Moderationsteam sitzt in einem ‚Glashaus‘, das in jedem Jahr in der Weihnachtszeit woanders in Deutschland aufgebaut wird, in dem man das Team bei der Arbeit sieht und mit ihm Kontakt und Austausch haben kann. Dadurch entsteht eine große Verbundenheit der vielen Besucher mit dem Team, aber auch untereinander. Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Menschlichkeit bedeutet, den Blick auf das zu richten, was Menschen können, nicht auf das, was sie vermeintlich nicht können. Das hat uns unsere Stiftungsgründerin Maria Rang vor mehr als 120 Jahren gelehrt. Wer Potenziale freilegt, schafft Perspektiven für den Einzelnen und für die Gemeinschaft.« Rainer Sippel, Vorstand der Bürgerstiftung »antonius : gemeinsam Mensch« Interview und Bearbeitung: Maximilian Feigl PORTRÄT © SWANTJE DANKERT
franziskaner.netRkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=