Franziskaner - Herbst 2025

Ein Gespräch zwischen zwei Menschen. Da ist der zwölfjährige Elieser und ein älterer Mann mit Namen Mosche. Sie kennen sich flüchtig. Sie beginnen ein Gespräch, weil Mosche Elieser fragt: Warum weinst du beim Beten? Warum betest du? Eigentlich intime Fragen, die man sich so auf der Straße nicht stellt. Im Dialog wird deutlich: Der junge Elieser weiß nicht richtig zu antworten, ihm fehlt die Sprache. Der Hauptteil des Gesprächs ist ein Monolog: Mosche versucht Elieser zu erklären, welche Kraft im Fragen steckt. Das Fragen macht den Menschen zum Menschen. Und Antworten, so Mosche, liegen in ihm selbst. Der Schluss des kurzen Gesprächs ist aufschlussreich: Elieser stellt Mosche die Frage, warum dieser betet. »Um die wahren Fragen zu stellen« – so die Antwort. Die wahren Fragen stellen – das ist die Pointe des Dialogs. Die Gottesfrage an sich bleibt außen vor, sie ist bereits positiv beantwortet. Was aber macht das Gespräch zwischen Mensch und Gott aus? Letztendlich, so Mosche, aus der Perspektive des Menschen gesehen, nur das Fragen. Die Sehnsucht des Menschen nach Antworten bleibt unerfüllt. Oder, anders formuliert: In die Antworten muss man hineinwachsen. So schreibt es Rainer Maria Rilke an einen jungen Freund. Was sind Ihre wahren Fragen, die Sie Gott stellen möchten? Herbst 2025| Der franziskanische Wegbegleiter »Warum weinst du beim Beten?«, fragte er, als kenne er mich seit Langem. »Ich weiß nicht«, erwiderte ich verstört. Die Frage war mir nie gekommen. Ich weinte, weil … Weil etwas in mir weinen wollte. Ich konnte nichts dazu sagen. »Warum betest du?«, fragte er mich eine Weile später. »Ich weiß es nicht«, antwortete ich noch verwirrter und befangener. »Ich weiß es wirklich nicht.« Von diesem Tage an sah ich ihn häufig. Er versuchte mir eindringlich zu erklären, dass jede Frage eine Kraft besitzt, welche die Antwort nicht mehr enthält. »Der Mensch erhebt sich zu Gott durch die Fragen, die er an ihn stellt«, pflegte er immer wieder zu sagen. »Das ist die wahre Zwiesprache. Der Mensch fragt und Gott antwortet. Aber man versteht seine Antworten nicht. Man kann sie nicht verstehen, denn sie kommen aus dem Grunde der Seele und bleiben dort bis zum Tode. Die wahren Antworten, Elieser, findest du nur in dir.« »Und warum betest du, Mosche?«, fragte ich ihn. »Ich bete zu Gott, der in mir ist, dass er mir die Kraft gebe, ihm wahre Fragen zu stellen.« Aus: Elie Wiesel, Die Nacht zu begraben, S. 18f., Ullstein-Verlag, 1990. Mit freundlicher Abdruckgenehmigung des Langen Müller Verlags.

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