Franziskaner - Herbst 2025

30 FRANZISKANER 3|2025 FREIWILLIGENDIENST © JENS KALÄNE | PICTURE-ALLIANCE.COM Entwicklung aber nicht überrascht. »Bereits bei der Aufstellung der Bundeswehr, unmittelbar nach dem Krieg, gab es eine relativ große Protestbewegung«, erklärt er. »Das ist also nichts Ungewöhnliches. Und ich finde es gut, dass dieser Diskurs in Deutschland geführt wird. Er zeigt, dass wir solche Entscheidungen nicht leichtfertig treffen, sondern ernsthaft darum ringen.« Nicht wie in anderen Staaten, wo eine Wehrpflicht mit einem Fingerschnippen eingeführt werde. »Wozu ich noch keine Informationen habe, ist, was wir in Zukunft mit den Kriegsdienstverweigerern machen.« Auch das neue Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes beinhaltet das Recht auf Kriegsdienstverweigerung »im Falle einer verpflichtenden Heranziehung«. Anerkannte Kriegsdienstverweigerer werden demnach zum Zivildienst verpflichtet. Doch dessen Organisation steht vor dem gleichen Problem wie die Bundeswehr in Sachen Wehrpflicht: Die Strukturen dafür sind nicht mehr da. Andres erklärt dazu: »Wenn man einen Zivildienst 2.0 aufbauen will, braucht es klare Strukturen: geeignete Häuser, qualifiziertes Personal und gute Bildungsangebote. Junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr haben beispielsweise 25 Bildungstage – nicht nur zur Vorbereitung auf ihren Dienst, sondern auch zur Förderung ihrer Persönlichkeitsentwicklung.« Und natürlich brauche es auch Einrichtungen, in denen der Dienst absolviert werden kann: Krankenhäuser, Jugendhilfeeinrichtungen und Kindertagesstätten etwa. »Die Organisationen aus dem Bundesfreiwilligendienst haben sicher die Möglichkeit, noch mehr Freiwillige zu unterstützen. Aber auch da gibt es Grenzen, und die liegen nicht zuletzt bei den finanziellen Mitteln.« Tatsächlich fordert der BDKJ schon seit Langem mehr Mittel für Freiwilligendienste und zivilgesellschaftliche Akteure. »Trotz geringer Mittel wird hier sehr viel Output geleistet«, sagt Andres. Er prangert ein generelles Ungleichgewicht an: »Ein Bundesfreiwilligendienstleistender bekommt ein Taschengeld von ein paar Hundert Euro – damit sind wir weit weg von den rund 1800 Euro, die ein freiwillig Wehrdienstleistender ab Dienstbeginn bekommt. Für die Bundeswehr gibt es ein Sondervermögen über 100 Milliarden Euro, die Freiwilligendienste werden nicht einmal ausreichend gefördert. Warum ist das eine Engagement für die Gesellschaft finanziell so viel mehr wert als das andere?« Die sicherheitspolitische Lage lässt er hier als Argument nicht gelten. Denn die Freiwilligendienste stärken die gesamtgesellschaftliche Resilienz – also die Widerstandskraft der Gesellschaft –, nicht nur im Verteidigungsfall, sondern auch bei verschiedenen Katastrophen. Und auch das THW oder die Blaulichtorganisationen sind auf Freiwillige angewiesen. »Darum gehört es auch zu unseren Forderungen, dass in dem Brief, den die jungen Menschen bekommen sollen, auch über das Freiwillige Soziale Jahr, den Bundesfreiwilligendienst und den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst informiert wird.« Aber wie stehen eigentlich die Betroffenen selbst zu der Diskussion um die Wehrpflicht? Als BDKJ-Vorsitzender hat Andres beobachtet, dass sich die jungen Menschen Sorgen um einen Freiheitsverlust machen. Nicht nur in Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, sondern auch was den sukzessiven Rückbau der Freizügigkeit innerhalb der EU betrifft. Zudem sagt er: »Freiheit bedeutet, selbstbestimmt über das eigene Leben zu entscheiden. Viele junge Menschen befürchten derzeit jedoch, dass ihnen diese Möglichkeit genommen wird und sie stattdessen zum Dienst gezwungen werden. Das würde viel Motivation rauben. Was nützt ein Abiturient, der ohne Interesse in der Kaserne sitzt und dort eigentlich gar nicht sein will? Dagegen können diejenigen, die sich bewusst dafür entscheiden und die Rahmenbedingungen attraktiv finden, wirklich etwas beitragen.« Ob tatsächlich wieder eine Wehrpflicht eingeführt wird, bleibt weiterhin vage. Zwar wird sie mit dem vorliegenden Gesetzesentwurf nur vorbereitet, doch die CDU/CSU-­ Fraktion im Deutschen Bundestag hat hier bereits Gesprächsbedarf angemeldet. Und auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) rechnet noch mit Änderungen im parlamentarischen Prozess. Für Schwappacher ist dabei wichtig: »Eine Wehrpflicht einzuführen, kommt mit Herausforderungen und verursacht hohe Kosten. Aber ich sage ganz klar: Das ist unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung wert.« Während die Bundeswehr zusätzliche Mittel erhält, bleibt die Förderung der Freiwilligendienste begrenzt. Mit einer möglichen Rückkehr der Wehrpflicht müsste auch hier nachgebessert werden, denn sie würde den Zivildienst wieder einführen. 2009, kurz vor der Aussetzung der Wehrpflicht, entschieden sich über 90.000 junge Männer für den Zivildienst, rund 68.000 traten den Wehrdienst an.

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