Franziskaner - Herbst 2025

32 FRANZISKANER 3|2025 Eine Kirche der Armen, in der Heiligen Wie sehr theologische Konzepte und ihre Ausformulierung mit historischen Entwicklungen verflochten sind, wird anhand des Kirchenbildes der Franziskaner im Übergang vom 13. ins 14. Jahrhundert deutlich. Dieser Zeitraum wird geprägt durch die Theologen Petrus Johannis Olivi (1247–1296), Johannes Duns Scotus (1265–1308) sowie Wilhelm von Ockham (1288–1347) und ihre teils heftigen Auseinandersetzungen mit dem Papsttum. Nach dem Tod von Papst Nikolaus IV. (1288–1292) erhofften sich viele die Befreiung der Kirche aus den politischen Verwicklungen und die Rückbesinnung auf die spirituellen Werte des Evangeliums. Denn dieser erste Franziskanerpapst war wie seine direkten Vorgänger sehr politisch und mischte sich in die kriegerischen Auseinandersetzungen der französischen und süditalienischen Herrscher ein. Um die Wende zu vollziehen, wurde 1294 nach langer Suche der hochbetagte fromme Eremit Pietro da Marone (Coelestin V.) als Kompromisskandidat zum Papst gewählt. Er stand für Bescheidenheit, Armut und die Rückführung der Kirche auf das Evangelium. Doch er hielt dem politischen Druck und den Einflüssen des Juristen Benedetto Caetani nicht stand und trat nach wenigen Monaten zurück. Nach einem kurzen Konklave wurde Caetani als Bonifatius VIII. zum Papst (1294–1303) gewählt. Unter ihm kehrte die Kirche wieder zur Ausübung ihrer weltlichen Macht zurück. Er sah sich als über allen Herrschern und Ländern stehend und vertrat die Lehre »Außerhalb der [institutionellen] Kirche kein Heil«. Nach seinem Tode folgten die Päpste Benedikt XI. (1203–1204) und Clemens V. (1305–1314). Letzterer verlegte die Papstresidenz nach Avignon, seine Zeit war geprägt durch Korruption und Vetternwirtschaft. Erst zwei Jahre nach dessen Tod wurde Johannes XXII. (1316–1334) gewählt, der in Avignon verblieb. Er führte das kirchliche Selbstverständnis als weltliche Macht auf den Gipfel und lehnte die Lehre von der Armut Jesu und der Apostel ab – und damit die Berechtigung einer freiwilligen Lebensform der Armut. Gleichzeitig begründete er aber die päpstliche Armenfürsorge. Vor dem Hintergrund dieser kirchenpolitischen Entwicklung sind die Stellungnahmen unserer Franziskanertheologen einzuordnen. Der Erste, der sich entschieden mit den kirchenpolitischen Entwicklungen auseinandersetzte, war der zu seiner Zeit nicht unumstrittene Bonaventuraschüler Petrus Johannis Olivi. Er war ein vehementer Vertreter des franziskanischen Ideals der freiwilligen Armut und der Solidarität mit den Armen. Er propagierte den maßvollen Gebrauch der materiellen Dinge (»usus pauper«), warnte vor überflüssigem Luxus und vertrat eine Ökonomie des Gemeinwohls, das auch den wirtschaftlich Benachteiligten zugutekommt. Eine weltlich herrschende und reicher werdende Kirche passte nicht in diese Vision. Stattdessen forderte er die Konformität mit dem armen und demütigen Jesus Christus nach dem Vorbild des Franziskus von Assisi. Vor allem die franziskanische Bewegung sollte die Stimme der Armen und Ausgegrenzten in der Kirche und in der Welt sein. Und von den Kirchenführern erforderte diese Rückkehr zu den evangelischen Anfängen eine Übereinstimmung mit dem ursprünglichen apostolischen Leben. Olivi nahm die in der Bibel angekündigte Rückkehr Christi ernst und wollte daher Johannes-Baptist Freyer OFM Darstellung von Johannes Duns Scotus in der Seitenkapelle von St. Barbara in Mönchengladbach

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