33 FRANZISKANER 3|2025 Schrift verwurzelt Argumente für diejenigen liefern, die sich für die Erneuerung der Kirche einsetzten, den Gehorsam gegenüber dem Evangelium forderten und dafür eventuell von der Kirche verfolgt wurden – so wie er selbst, der mehrfach inhaftiert und der Ketzerei angeklagt wurde, jedoch nie verurteilt. Aus seiner eigenen Erfahrung heraus förderte er den gewaltfreien Widerstand und bot auf den Heiligen Geist vertrauend spirituelle Bildung und Hilfestellung an. Sein Anliegen einer armen Kirche, die an der Seite der Armen steht, hallte zuletzt auch in der Botschaft und im Verhalten des verstorbenen Papstes Franziskus wider. Auch Johannes Duns Scotus vermittelte ein Kirchenbild, dass sich nicht an der weltlichen Macht, sondern an der Heiligen Schrift orientierte. Sie ist, als Offenbarung Gottes, immer die Grundlage des Glaubens und damit der Kirche. Die Kirche ist das Instrument dieser Offenbarung und muss durch ihre Institutionen und vor allem durch ein glaubwürdiges Leben die Authentizität der Schrift und der Glaubenstradition garantieren. Scotus entwickelte eine dynamische Sichtweise der Schriftinterpretation in der Kirche. So muss der biblische Text immer wieder neu im historischen und kulturellen Kontext interpretiert werden, um die tatsächliche Bedeutung zu finden. Diese immer wieder aktualisierte Interpretation wird in der Gemeinschaft der Kirche verwirklicht. Scotus war überzeugt, dass die wahre Bedeutung der Offenbarung auf diesem Wege zunehmend tiefer und klarer erkannt werden kann. In der Kraft des Heiligen Geistes, der die Kirche anleitet und in ihr die Authentizität der Auslegung garantiert, wird ein jeweils zeit- und kulturbezogenes Verständnis der Schrift ermöglicht. Dabei ist es immer die Gemeinschaft der Kirche, die, unter Anleitung ihrer Amtsträger, den für die jeweilige Zeit und Ort geltenden Sinn der biblischen Botschaft garantiert. Damit vermittelt Scotus in der Nachfolge seines Ordensvaters Franziskus ein Kirchenbild, das zutiefst in der Heiligen Schrift verankert ist. Ihm folgt der streitbare Franziskaner Wilhelm von Ockham. Als Theologe des Ordens erhielt er den Auftrag, vor Papst Johannes XXII. – dem Gegner des jesuanischen Armutsideals – das freiwillige Armutsgelübde der Franziskaner in den Fußspuren des armen und demütigen Jesus Christus zu verteidigen. Dabei vertrat Ockham folgende Eigentumstheorie: Eigentum ist eine Folge der Sünde des Menschen, denn aufgrund der Sünde unterscheiden die Menschen zwischen »Meinem« und »Deinem«. Dabei ist Eigentum an sich nicht schlecht, aber es entspricht nicht der Vollkommenheit, weil es Menschen voneinander trennt, Gemeinschaft zerstört, Allgemeinwohl verhindert und Anlass zu Gier, Streitigkeiten und sogar Kriegen bietet. Am schlimmsten aber ist, dass sich die Kirche und ihre Prälaten mit ihrem Eigentum bereichern und, um es zu verteidigen, auch vor Streit und Krieg nicht zurückschrecken. Die freiwillige Beschränkung auf das Notwendige und die Armut dagegen versinnbildlichen die Rückkehr zur paradiesischen Situation, in der alle lebensnotwendigen Güter allen zur Nutzung gehörten. Jesus hatte zusammen mit den Aposteln diese ursprüngliche Situation vorgelebt und damit wiederhergestellt. Auch angesichts der extremen Klerikalisierung erhebt Ockham seine Stimme. Für ihn existiert die Kirche, weil es Gläubige gibt, die im selben Glauben vereint sind. Der Glaube basiert nicht allein auf der Autorität einer sterblichen Person (dem Papst), sondern die Pluralität und Vielfalt der von Gott berufenen Gläubigen sind die Grundlage des Glaubens. Daher vertreten auch Laien und nicht nur Priester den Glauben. Es besteht vielmehr eine wechselseitige Beziehung zwischen Glaubensgehorsam und dem Konsens der Gläubigen (»sensus fidei«). Damit vertrat Ockham erste Ansätze, die heute den Synodalen Weg der Kirche rechtfertigen. Zu seiner Zeit wurde er für solche Thesen jedoch eingekerkert. Er floh aus der päpstlichen Gefangenschaft, suchte Schutz bei Kaiser Ludwig IV., dem Bayern (1282–1347), der ihn in München unterbrachte, wo er im Franziskanerkloster starb. Im heutigen Münchner Kloster St. Anna erinnert eine Gedenktafel an ihn, und im Gebeinhaus liegen vermutlich seine sterblichen Überreste. »Die franziskanische Bewegung sollte die Stimme der Armen und Ausgegrenzten in der Kirche und in der Welt sein«
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