Franziskaner - Herbst 2025

46 FRANZISKANER 3|2025 KINDERSPIEL © ROMRODINKE | ISTOCK.COM Menschlichkeit – quo vadis? Stefan Federbusch OFM Unsere Welt scheint beherrscht von Diktatoren und Autokraten, von Narzissten und Egomanen. So manches Mal möchte ich rufen: »Oh Herr, wirf Hirn vom Himmel!« Die zahlreichen Kriegsgräuel, der Terror gegen die Zivilbevölkerung, das Verhungern von Kindern, Massenvergewaltigungen als Kriegswaffe, Vertreibungen als Kriegsziel, gewalttätige Grenzkonflikte statt diplomatischen Lösungen … Die Bilder und Nachrichten aus den zahlreichen Konfliktgebieten dieser Erde, die bewussten Verstöße gegen das Völkerrecht machen mich wie viele andere zunehmend sprachlos, ratlos und hilflos. Die Schwäche bislang stabilisierender Institutionen wie der UNO oder der Europäischen Union trägt zur Orientierungslosigkeit und Perspektivlosigkeit bei. Auch in unserer Gesellschaft nehmen die Rücksichtslosigkeit im Verhalten und eine Verrohung in der Sprache zu. Andere werden in ihrem Menschsein abgewertet. Menschlichkeit – wohin gehst du? Menschen, die sich für eine andere, eine aus ihrer Perspektive »bessere« Welt einsetzen, haben es augenblicklich schwer. Was tun, wenn sich viele zunehmend den Herausforderungen nicht gewachsen fühlen und mit Ohnmacht, Angst oder sich überforderndem Aktivismus reagieren? In einem Grundlagenseminar zu Themen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung habe ich dieses Jahr die Tiefenökologie kennengelernt. Ihr geht es um eine veränderte Haltung und die Frage, wie ich trotz aller Resignation wieder ins Handeln komme. Die Tiefenökologie beschreibt in einer Spirale vier Schritte: die Dankbarkeit, den Schmerz in der Welt würdigen, einen neuen Standort einnehmen und zum Handeln kommen. Indem ich zunächst einmal das Positive wahrnehme, kann ich auch das Leid in der Welt anerkennen, kann mit neuen Augen sehen und den Weg weitergehen. Das ist kein Patentrezept, sondern ein Übungsweg. Mir bewusst zu machen, dass ich in einer langen Kette von Ahnen stehe, lässt mich dankbar sein für alles Lebendige vor mir und das, was ich ihnen verdanke. Und indem ich auf kommende Generationen schaue, nehme ich Verantwortung für sie wahr. Ein Grundsatz der Tiefenökologie lautet: »Glaube niemandem, der von sich behauptet, er weiß, wo es langgeht.« Es gilt, die Unwissenheit lieb zu gewinnen. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht. Und dennoch: Was ich tue, wie ich handle, ist ein Beitrag dazu und nicht zu unterschätzen. Ich bin als Knotenpunkt ein wichtiger Teil im Netzwerk des Lebens. Vertraue dir selbst! Klingt so einfach und ist doch so schwer. Wie lässt sich in unserer aufgewühlten Zeit mit der Verunsicherung politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und meteorologischer Art umgehen? Der Jesuit Bertram Dickerhoff beschreibt als Hilfe die Meditation. »Wenn der äußere Rahmen des Lebens destabilisiert wird und die gewohnte Weise, mit Belastungen zurechtzukommen, nicht mehr möglich ist oder nicht mehr hilft, dann ist es an der Zeit, Halt und Grund in sich selbst zu finden und eine Praxis des Innehaltens zu etablieren.« Für meinen Geschmack ziemlich ernüchternd, aber vielleicht der einzig realistische Weg, der gangbar ist und wieder Hoffnung gibt, um – in Anlehnung an einen Buchtitel von Bertram Dickerhoff – an Grenzen innezuhalten und Grenzen zu überwinden. Die Rückbesinnung auf die Wurzeln, auf die Quellen, auf die Kraftströme gibt mir Stärkung und Ermutigung, Gelassenheit und Geduld. Die Religion als Rück-Bindung und der Glaube als Vertrauen können Kraftquellen sein, aus denen sich schöpfen lässt. Meditation als Weg zur Mitte führt ähnlich wie das Labyrinth wieder nach außen, verbindet letztlich Mystik und Politik, Kontemplation und Aktion. Wem das zu abstrakt und überdimensioniert erscheint, mag sich die Spirale der Tiefenökologie vor Augen halten und auch im kleinen Alltagsgeschehen mit der Stufe der Dankbarkeit beginnen. Es gibt sie weiterhin, die Menschlichkeit, und sie kann von mir und von Ihnen im praktischen Handeln erfahrbar werden. Bleiben Sie zuversichtlich!

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