Franziskaner - Frühling 2025

28 FRANZISKANER 1|2026 Meldungen wegen Anstiftung zur Rebellion angeklagt und wegen Aufstachelung zum Hass zu 15 Jahren Haft verurteilt. Am 25. Januar wurde er dann gemeinsam mit über 100 weiteren politischen Gefangenen wieder in die Freiheit entlassen. Freiheit, so Bruder Rafael, sei hier allerdings in Anführungszeichen zu setzen: »Sie dürfen sich nicht öffentlich äußern; sie müssen sich alle zehn Tage beim Richter melden; sie dürfen den Bundesstaat, in dem sie leben, nicht verlassen; sie dürfen öffentliche Orte wie Einkaufszentren oder Kirchen nicht betreten; und sie dürfen sich nicht in der Nähe der Grenze zu Kolumbien oder Brasilien aufhalten. Das ist keine Freiheit, sondern lediglich eine große politische Show, um die Verhandlungen mit Trump aufrechtzuerhalten.« Dies scheint sich erst mit der Mitte Februar verkündeten Amnestie zu verbessern. Sie soll alle Vorwürfe abdecken, die seit 1999 gegen politische Gegner der venezolanischen Regierung vorgebracht worden waren, unter anderem die Teilnahme an Demonstrationen oder Verbreitung von »Hass«. Doch die politische Verfolgung ist damit nicht beendet: So werden laut verschiedenen Nichtregierungsorganisationen etwa Arbeiterinnen und Arbeiter weiterhin strafrechtlich verfolgt, wenn sie ihre Rechte einfordern. Zudem wurden mit der Amnestie die gesetzlichen Grundlagen für die Verfolgung nicht abgeschafft – und Vorwürfe wie Hassverhetzung, Terrorismus oder Landesverrat willkürlich eingesetzt. Die staatliche Repression könne also jederzeit zurückkehren. Aber nicht nur die politische Situation in Venezuela bleibt angespannt. Auch wirtschaftlich liegt das Land am Boden. Laut dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) galten bereits 2021 90 Prozent der Bevölkerung Venezuelas als arm, fast 68 Prozent lebten in extremer Armut. Und die Wirtschaftskrise verschärft sich weiter, was sich vor allem durch steigende Preise und Produktknappheit zeigt. Bruder Rafael erzählt: »Die Wirtschaft bricht zusammen. Ein Brot, das früher einen Dollar gekostet hat, kostet jetzt vier Dollar. Wie sollen sich einfache Leute da noch jeden Tag etwas zu essen leisten können? Manche müssen stehlen, um ein wenig Essen für ihre Familie zu beschaffen.« Natürlich gebe es auch Bevölkerungsgruppen, die es nicht so schwer haben, führt der Franziskaner weiter aus. In Venezuela nennt man sie umgangssprachlich ›enchufados‹, was man als ›Privilegierte‹ oder auch ›Günstlinge‹ übersetzen kann. Zu ihnen zählen unter anderem Militärangehörige und deren Familien oder der Regierung nahestehende Unternehmer. »Sie schaffen es, ihre Geschäfte aufrechtzuerhalten, und führen dank Geldwäsche aus dem Drogenhandel einen relativ komfortablen Lebensstil.« Auch an den Medikamenten, die nun wieder vermehrt nach Venezuela kommen, bedienen sie sich. Rafael schätzt, dass rund die Hälfte der Lieferungen von Militärangehörigen gestohlen werden. Ende Januar öffnete Venezuela den Ölsektor für private Investitionen – ganz im Sinne der USA. Gleichzeitig begann das US-­ Finanzministerium damit, Sanktionen gegen die venezolanische Ölindustrie zu lockern. Allerdings beabsichtigt Washington, die Ölverkäufe »auf unbestimmte Zeit« selbst zu verwalten. Ob das venezolanische Volk also überhaupt von dieser Entwicklung profitieren wird, bleibt abzuwarten. Mitte Februar berichtete Rafael dann tatsächlich von ersten ganz kleinen Verbesserungen: Benzin sei inzwischen deutlich besser verfügbar. »Früher konnten wir nur alle drei Tage tanken und mussten dafür acht Stunden anstehen. Inzwischen können wir jeden Tag Benzin holen, ohne warten zu müssen.« In dieser Situation machen sich zahlreiche Menschen auf den Weg, das Land zu verlassen – wieder einmal. Denn Menschen fliehen bereits seit Jahren in Strömen aus Venezuela. Von 2017 bis Ende 2023 registrierte das UNHCR 7,3 Millionen Geflüchtete. Dann begann die Fluchtwelle abzuebben; bis Ende 2025 verließen laut vorläufigen Zahlen weitere 500.000 Menschen das Land. Angesichts der neuen Entwicklungen nimmt die Zahl der Geflüchteten wieder zu, auch wenn es hierzu noch keine belastbaren Daten gibt. Bruder Rafael sagt: »Angesichts der Wahrnehmung, dass es ›keine Zukunft gibt‹, haben Tausende junger Menschen und ganze Familien den Weg der Migration wieder aufgenommen und sehen die Flucht als ihre einzige Überlebenschance. Wir beobachten, wie immer mehr Menschen die Grenze überqueren, und haben sie gefragt, warum sie gehen. Ihre Antwort ist fast immer dieselbe: Solange die derzeitigen Regierungsvertreter an der Macht bleiben, wird alles so bleiben wie bisher – nichts als Lügen und Misshandlungen zulasten der Ärmsten.« Doch ein Regierungswechsel ist nicht in Sicht; die Regierung plant keine Neuwahlen. Die nächsten Präsidentschaftswahlen finden regulär im Jahr 2030 statt. Trotzdem ist der Franziskaner voller Hoffnung: »Ich sehe, dass bei vielen die Hoffnung sehr groß ist, dass etwas wirklich Positives geschehen könnte und dass all dies zu einem zukünftigen Wandel führen kann. Es ist etwas, das man spürt, über das man jedoch nicht sprechen und das man schon gar nicht auf der Straße kommentieren kann. In der Gegenwart müssen wir einfach noch ein wenig durchhalten.« Und weiter sagt er: »Was derzeit in Venezuela geschieht, ist nicht das Ende, sondern nur ein weiterer Schritt in dem Prozess, den dieses Volk durchlaufen muss, um das zu erreichen, was es sich wünscht und worauf es ein Recht hat: eine echte Demokratie, in der die grundlegendsten Rechte respektiert werden.«

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