Franziskaner - Frühling 2025

27 FRANZISKANER 1|2026 So kommen wir mit Bruder Rafael (Name geändert) in Kontakt. Er bittet darum, anonym zu bleiben, da jeder im Land mit Repressionen rechnen müsse. Seit der Entführung Maduros sei Venezuela von einer großen Angst, sogar Panik, die eigene Meinung zu äußern, geprägt, erklärt er. »Damals hatten wir geglaubt, die Festnahme des Diktators würde all diesem Leiden unseres Volkes ein Ende setzen«, sagt der Franziskaner. »Aber das Gegenteil ist der Fall. Sie hat zu einer verstärkten Unterdrückung durch die Interimsverantwortlichen geführt. Seit dem 3. Januar sind unsere Straßen militarisiert. Es ist mittlerweile ›normal‹, dass Beamte oder Militärangehörige dein Handy auf Nachrichten oder Propaganda gegen Maduro überprüfen.« Man werde umgehend wegen Anstiftung zum Hass festgenommen, falls entsprechendes Material gefunden werde. Ein sofortiges Strafverfahren sei die Folge, durch das von der Vizepräsidentin erlassene Dekret zum Ausnahmezustand seien sämtliche Grundrechte außer Kraft gesetzt. Nur diejenigen, die das System von Maduro unterstützen, hätten das Recht, frei zu demonstrieren oder ihre Meinung zu äußern. Besonders beschäftigt ihn dabei der Fall eines 17-Jährigen aus einer ihm bekannten Gemeinde. Er wurde inhaftiert, weil auf seinem Handy eine gegen die Regierung gerichtete Werbung gefunden wurde. »Seit über einem Jahr haben wir nichts mehr von ihm gehört«, erklärt Bruder Rafael. »Seiner Mutter wurde nur gesagt, dass er nun, da er 18 Jahre alt und volljährig ist, nicht mehr als ›inhaftierter Minderjähriger‹ betrachtet werden kann. Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, damit wir ihn zumindest als Priester sehen dürfen oder einfach die Möglichkeit haben, einen physischen Beweis dafür zu erhalten, dass er lebt. Aber es war unmöglich.« Den Druck spüren auch die Kirche und die Brüder selbst. So berichtet Bruder Rafael, dass die Mitarbeitenden der franziskanischen Schulen vom Staat dazu verpflichtet werden, an Demonstrationen für die Freilassung von Maduro und seiner Frau teilzunehmen. Bewohnerinnen und Bewohner von Altenheimen würden dazu gezwungen, in Fotos und Videos Parolen gegen den US-Präsidenten zu rufen und die Rückkehr von Maduro zu fordern. Und auch er selbst wurde dazu gezwungen, »Werbung für Maduro zu verteilen«. Zu umstrittenen Szenen kam es auch während der alljährlichen Divina Pastora in Barquisimeto, die mit drei bis vier Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu den größten Marienwallfahrten der Welt zählt. So kam es bereits während der Prozession zu zeitweisen Stromausfällen, was die Live-Übertragungen lokaler Sender und zahlreicher Stationen entlang der Route beeinträchtigte. Während der abendlichen Eucharistiefeier kam es erneut zu einem Stromausfall – die Liturgie wurde unter dem Schein der Taschenlampen der Mobiltelefone von Geistlichen und Gläubigen fortgeführt. Als Grund für die Stromausfälle werden häufig der Zustand des örtlichen Stromnetzes und die Überlastung durch die große Zahl an Pilgern angegeben. Bruder Rafael ist sich hingegen sicher, dass es sich um absichtliche Stromabschaltungen handelte, da während der Feierlichkeiten über Freiheit und Grundrechte gepredigt wurde. Ähnliches geschehe immer wieder. Während die meisten dieser Vorfälle nur lokale Beachtung finden, erwecken andere internationale Aufmerksamkeit. Dazu zählt der Fall des Journalistikstudenten Juan Francisco Alvarado. Der 31-Jährige hatte in sozialen Netzwerken und über die App »VenApp« angeprangert, dass in seiner Gemeinde die Abwasserkanäle überliefen und die Stromtransformatoren beschädigt waren, ohne dass sie repariert wurden. Genau für solche Fälle hatte die venezolanische Regierung VenApp eigentlich auch entwickeln lassen. Tatsächlich nutzt sie die App als Instrument der Unterdrückung: Alvarado wurde aufgrund seiner mutter und tochter : © carlos oyon – franziskaner helfen

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