Franziskaner Frühling 2026 Weitere Themen: Wenn Hoffnung gefährlich wird Venezuela aus franziskanischer Sicht +++ Franziskanische Stätten San Damiano +++ Geistlicher Wegbegleiter www.franziskaner.de Versöhnung
»Franziskaner« Unser Magazin für franziskanische Kultur und Lebensart erscheint viermal im Jahr und wird klimaneutral auf 100 % Recyclingpapier gedruckt. Sie können es sich kostenlos nach Hause liefern lassen. Deutsche Franziskanerprovinz Provinzialat Frau Viola Richter Sankt-Anna-Straße 19, 80538 München zeitschrift@franziskaner.de Tel.: 0 89 2 11 26-1 50, Fax: 0 89 2 11 26-1 11 Spenden zur Finanzierung dieser Zeitschrift erbitten wir unter Angabe des Verwendungszwecks »Spende Zeitschrift« auf das Konto der Deutschen Franziskanerprovinz, IBAN DE49 5109 0000 0077 0244 09, BIC WIBADE5W bei der Wiesbadener Volksbank. Inhalt 4 Franziskanische Orte entdecken 5 Angebote und Anregungen 6 Versöhnung • Verständigung statt Konflikt • Verzeihen, vergeben und versöhnen • Sag Ja zu deinem Weg • Beichte: Sakrament der Versöhnung • Streit und Versöhnung im Buch Genesis • Versöhnung bei Franziskus • Beziehungen zwischen Staaten und Völkern 21 Geistlicher Wegbegleiter 25 LebensKunst Ausstellung würdigt 800 Jahre Franz von Assisi 26 Wenn Hoffnung gefährlich wird Venezuela aus franziskanischer Sicht 30 San Damiano Kraftort für verwundetes Leben 32 Franciscans International (FI) Gerechter Übergang: wie ein menschenwürdiger Umbau der Wirtschaft gelingt 34 Franziskanische Lebensgeschichten Sr. Jakoba Zöll 36 Haus Ohrbeck Ein Ort zum Lernen 38 Abschlussbericht zu sexualisierter Gewalt 39 In memoriam | Nachrichten 40 Kursangebote 41 Bruder Rangel kocht 42 Kommentar 43 Impressum Germanicus auf Reisen Gerechter Übergang Die Transformation von Wirtschaft und Energiesystemen ist essenziell, um die Klimakrise zu stoppen. Doch zu oft vollzieht sie sich auf den Rücken der Schwächsten. Seite 32 San Damiano San Damiano markiert den Wendepunkt in Franziskus’ Leben und war erste Heimat für Klara mit ihren Schwestern. Noch heute zieht der Kraftort zahlreiche Besucherinnen und Besucher an. Seite 30
3 FRANZISKANER 1|2026 EGLI-FIGUREN © MARKUS FUHRMANN Die Kraft einer Umarmung – von Umkehr und Versöhnung Eine Umarmung kann alles verändern. Sie kann Streit beenden, Schuld relativieren, Nähe neu entstehen lassen. Und manchmal sagt sie mehr als viele Worte. Ein solches Bild begleitet mich bis heute aus meiner Zeit als Kaplan. In der Fastenzeit stand in der Erstkommunionvorbereitung jedes Jahr ein Thementag zur Beichtvorbereitung an: »Umkehr und Versöhnung«. Höhepunkt war die Darstellung der biblischen Erzählung vom barmherzigen Vater und vom verlorenen Sohn. Mit Egli-Figuren und vielen Requisiten wurde der Weg des jüngeren Sohnes im Pfarrsaal sichtbar: Der Aufbruch aus dem Elternhaus – endlich den eigenen Weg gehen. Das Leben in der Fremde – leidenschaftlich, unbedacht, grenzenlos. Die Krise – Hungersnot, Schuldgefühle, Einsamkeit, Scham. Die Einsicht – So kann es nicht weitergehen. Ich kehre um. Die Umarmung von Vater und Sohn – ein kraftvolles Bild für Versöhnung. Dieses Bild stellt mir bis heute eine Frage: Wie oft habe ich selbst eine solche versöhnende Umarmung erlebt oder miterlebt – in der Familie, im Freundeskreis oder darüber hinaus? Mir fallen nur wenige Momente ein. Vielleicht gerade deshalb berührt mich diese Erzählung immer wieder neu. Franziskus von Assisi wusste, dass Versöhnung Mut braucht. Er ermutigte seine Brüder, einander ihre Not anzuvertrauen. Wo Menschen sich nicht verstecken müssen, kann Umkehr wachsen und ein neuer Anfang möglich werden. Doch was im persönlichen Miteinander schon schwer genug ist, erscheint angesichts gesellschaftlicher Spannungen und politischer Konflikte unserer Zeit oft noch anspruchsvoller. Wie kann Versöhnung dennoch gelingen? Die Beiträge dieser Ausgabe nähern sich dieser Frage aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre, einen lebendig-frohen Frühling – und immer wieder Momente, in denen Versöhnung spürbar wird. Br. Markus Fuhrmann OFM (Provinzialminister)
4 FRANZISKANER 1|2026 Garten der Stille im Franziskanerkloster Freystadt Das Franziskanerkloster in Freystadt bestand von 1453 bis 1553, 1681 bis 1802 sowie von 1835 bis heute. 1999 haben polnische Franziskaner das Kloster übernommen. 2007 gab die Bayerische Franziskanerprovinz das Nutzungsrecht für die Gebäude an die Stadt Freystadt zurück, die das Kloster 2005–2008 grundlegend sanierte. Der Klostergarten wurde zu einem »Garten der Stille« umgestaltet und am 22. September 2018 eingeweiht. Entstanden ist ein meditativer Rückzugsraum, der der Bevölkerung und Stillesuchenden zur Erholung und Gesundheitsprävention dient. In ihm findet sich auch eine Skulptur des hl. Franziskus und erinnert an die spirituellen Wurzeln des Ortes. Garten der Stille Kontakt: Allersberger Str. 33 | 92342 Freystadt ▶▶ www.kirche-freystadt.de Öffnungszeiten: In den Monaten März bis November, Montag bis Sonntag, 10.00 bis 18.00 Uhr Franziskanische Orte entdecken
5 FRANZISKANER 1|2026 KATHOLIKENTAG © KREMER – KATHOLIKENTAG.DE 13. bis 17. Mai 2026 Katholikentag in Würzburg Unter dem Motto »Hab Mut, steh auf!« findet im Mai 2026 der Katholikentag in Würzburg statt. Besucherinnen und Besucher können sich auf mehr als 700 Veranstaltungen wie Workshops, Ausstellungen, Konzerte und Theaterabende an den Ufern des Mains freuen. Und natürlich ist auch die franziskanische Familie mit dabei: Die Netzwerkinitiative clara.francesco, ein Zusammenschluss von Schwestern und Brüdern aus verschiedenen franziskanischen Gemeinschaften sowie MitarbeiterInnen franziskanischer Einrichtungen, organisiert verschiedene spirituelle Angebote, um das franziskanische Charisma auf den Katholikentag zu bringen. Als wichtigste Anlaufstelle dient dabei der »Informationsstand« auf der Kirchenmeile, der zu Besinnung und Reflexion einlädt. Zudem bieten die Schwestern und Brüder zahlreiche Workshops zu verschiedensten Themen an. Höhepunkt ihres Programms ist dann der franziskanische Gottesdienst, der am Samstag, 16. Mai, um 14 Uhr stattfindet. Das ausführliche Programm des Katholikentags finden Sie unter: ▶▶ www.katholikentag.de 10. bis 15. Mai 2026, Wanderexerzitien in der Rhön »Du führst mich hinaus ins Weite …« Wir laden Sie auch in diesem Jahr wieder ein, in der Rhön zu wandern. Die Rhön ist ein wahres Wanderparadies. Deshalb wollen wir keine Mühe scheuen, um Schritt für Schritt im Pilgern zu uns selbst – und zu Gott zu finden. Wir erfahren das Leben als eine Weg-Geschichte, darin die uralten Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer geht mit uns? Wem begegnen wir? Mit wem gehen wir? Erlebnisse und Erfahrungen, Gespräche und Überlegungen geben immer wieder eine Antwort. Von der unendlichen Weg-Geschichte Gottes mit uns Menschen soll hier die Rede sein. Nicht nur in besonderen Ereignissen, sondern gerade im täglichen Leben dürfen wir ahnen und erfahren: Überall geht Gott mit uns. Leitung: Max Rademacher OFM, Annette Trabert Anmeldung: E-Mail: max.rademacher@franziskaner.de, Tel.: 06 61 10 95 45, ▶▶ www.fulda.franziskaner.de 25. Juli bis 4. August 2026, Jugendwallfahrt nach Assisi »Marcia Francescana« Die Marcia ist eine jährliche Fußwallfahrt nach Assisi mit jungen Menschen. In diesem Sommer sind Bruder Damian Bieger (Dortmund) und Bruder Johannes Küpper (Berlin) als Teamer mit dabei. Treffpunkt der Wallfahrt ist Bozen (Südtirol), von dort geht es dann gemeinsam mit dem Zug zum Ausgangspunkt Senigallia, nördlich von Ancona. Dann wird sechs Tage lang zu Fuß durch die Marken gepilgert. Die Tage sind geprägt vom Gehen, von gemeinsamen Zeiten des Gebets und dem Gespräch untereinander, wobei auch immer Zeit für sich selbst bleibt. Ein Tag ist stiller Tag der Einkehr. Zum Abschluss verbringt die Gruppe zwei Tage in Assisi. Organisation: Karl M. Schnepps OFM Anmeldung: E-Mail: karl.schnepps@gmx.at, Tel.: 00 43 6 64 55 25 7 02, ▶▶ www.franziskaner.at Unser Schwestermagazin Die Ausgabe 1/2026 der »Franziskaner Mission« beschäftigt sich in der ersten Ausgabe dieses Jahres mit Franziskus selbst. Das Magazin kann kostenfrei bestellt werden in Dortmund, E-Mail: info@franziskanermission.de, oder in München, E-Mail: muenchen@franziskanermission.de Anti-Rassismus Gleichheit für alle Menschen Das aktuelle »Tauwetter«-Heft widmet sich dem Phänomen der gruppenbezogenen Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit. Ziel ist eine Sensibilisierung für unser Handeln und die Schaffung eines Gegengewichts gegen rechtsextreme Tendenzen in unserer Gesellschaft. Der Bezug des Heftes ist kostenfrei: tauwetter@ franziskaner.de oder in digitaler Form auf ▶▶ www.franziskaner.de/ tauwetter
6 FRANZISKANER 1|2026 Geht da was?
7 FRANZISKANER 1|2026 Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Krankheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt. Franz von Assisi Im Gedenkjahr »800 Jahre Transitus des hl. Franziskus« widmen wir uns der Versöhnungsstrophe seines 1225/1226 gedichteten Sonnengesangs Sich zusammensetzen, um sich auseinanderzusetzen Sich auseinandersetzen, um sich zusammenzusetzen Die Perspektive wechseln, um die Sichtweisen der anderen einzunehmen Den Streitpunkt von außen betrachten, auch mal von oben draufschauen Sich zurücknehmen und doch miteinander ringen Es sich nicht zu leicht machen, aber auch nicht zu schwer Grenzen respektieren und zugleich das Risiko wagen Mit Verwundungen leben, ihnen aber eine Heilungschance geben Vergangenheit hinter sich lassen, damit das Herz sich auf Zukunft ausrichten kann Verzeihen – vergeben – versöhnen ein Weg ins Offene … Stefan Federbusch OFM © andrej lisakov – unsplash.com
8 FRANZISKANER 1|2026 Es eifre jeder seiner unbestochnen Von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag Zu legen! Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann in Osten, Der einen Ring von unschätzbarem Wert’ Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spielte, Und hatte die geheime Kraft, vor Gott Und Menschen angenehm zu machen, wer In dieser Zuversicht ihn trug. Maximilian Feigl Mit diesen Worten beginnt die Ringparabel in dem Stück »Nathan der Weise« (1779) von Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781). Das Werk gilt als einer der wichtigsten Texte der deutschen Literatur zum Thema Versöhnung – denn in ihm steht sie nicht am Ende der Geschichte, sondern sie bildet den Höhepunkt des Stücks. Die Ringparabel, mit der der titelgebende Nathan zur Versöhnung aufruft, markiert den Wendepunkt der Handlung. Sie macht aus der Versöhnung, die zu Lessings Zeit eher als private Tugend mit emotionalem Antrieb verstanden wurde, ein gesellschaftliches Programm basierend auf Perspektivwechsel und Erkenntnis. Ausgangspunkt im Stück ist die Frage von Sultan Saladin, welche der drei abrahamitischen Religionen die wahre sei. Die Frage stellt den Juden Nathan vor ein Dilemma: Benennt er seine eigene Religion als die richtige, wäre dies eine Majestätsbeleidigung des muslimischen Sultans, und er müsste mit Konsequenzen rechnen. Nennt er hingegen eine andere Religion, müsste er die Frage beantworten, warum er selbst dann noch Jude ist. Statt eine direkte Antwort zu geben, erzählt er dem Sultan das Gleichnis vom Ring. Dieser wird über viele Generationen hinweg vom Vater an denjenigen Sohn weitergegeben, den jener am meisten liebt. So wird das kostbare Schmuckstück über Generationen hinweg vererbt, bis sich ein Vater nicht zwischen seinen drei Söhnen entscheiden kann. In seiner Gutmütigkeit verspricht er aber jedem den Ring. Um niemanden zu enttäuschen, lässt er zwei exakte Kopien anfertigen und gibt vor seinem Tod jedem der Söhne einen der Ringe. Dabei lässt er jeden von ihnen im Glauben, den echten Ring bekommen zu haben. Das fällt den drei Brüdern natürlich auf, und es kommt zum Konflikt: Da jeder von ihnen davon ausgeht, selbst den echten Ring zu besitzen, hält ein jeder seine Brüder für Lügner. Um also herauszufinden, wer denn nun den echten Ring hat, ziehen sie vor Gericht. Der Richter erinnert zuerst daran, dass der Stein im Ring die Macht habe, den Träger bei allen anderen Menschen beliebt zu machen, wenn man nur entsprechend handle. Einer der Brüder müsse daher mehr geliebt werden als die beiden anderen. Da dem aber nicht so ist und jeder nur sich selbst liebt, kann er keine Entscheidung fällen. Stattdessen bietet er den Brüdern einen Rat an: Da man nicht weiß, wer den echten Ring hat, sollten doch alle drei so handeln, als wäre ihrer der richtige. Verständigung statt Konflikt
9 FRANZISKANER 1|2026 Der Richter mutmaßt, dass der Vater alle drei Söhne gleich geliebt habe und keinen von ihnen bevorzugen wollte. Damit gibt er den Brüdern die Möglichkeit, die Situation aus der Sicht ihres verstorbenen Vaters zu betrachten – und ermöglicht ein versöhnliches Ende für ihren Streit. Um die Frage nach dem richtigen Ring beantworten zu können, verweist der Richter am Ende der Parabel auf die Zukunft: Und wenn sich dann der Steine Kräfte Bei euern Kindes- Kindeskindern äußern: So lad ich über tausend tausend Jahre, Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen, Als ich; und sprechen. Ob er glaube, dieser weise Mann zu sein, will Nathan anschließend vom Sultan wissen, was Saladin emotional verneint. Stattdessen bittet er Nathan demütig darum, sein Freund zu sein. Daraufhin bietet Nathan ihm an, dessen Staatskassen mit einer Schenkung aufzubessern, nachdem er es zuvor abgelehnt hatte, dem Sultan einen Kredit zu gewähren. Damit findet auch die Konfrontation zwischen den beiden ein versöhnliches Ende. Und auch für Lessing geht es mit der Ringparabel um Versöhnung. Als Dichter der Aufklärung dem Toleranzgedanken verpflichtet, wollte er mit »Nathan der Weise« einen Beitrag zur Versöhnung zwischen den Religionen leisten. Was in der Dichtung einfach erscheint, ist in der Realität aber meistens deutlich komplizierter. Denn Versöhnung ist mehr, als nur einen Konflikt zu lösen und beizulegen. Es geht auch darum, dass sich die Einstellung auf beiden Seiten ändert. Das macht Versöhnung zu einem langen und vielschichtigen Prozess, der erst beginnen kann, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. In den nachfolgenden Beiträgen spüren wir den verschiedenen Aspekten der Versöhnung nach – mit anderen Menschen, mit sich selbst und mit Gott. Sultan Saladin und Nathan der Weise im Gespräch, Stahlstich von Ferdinand Rothbart (1823–1899) sultan und nathan : © sammlung richter – picture-alliance.com
10 FRANZISKANER 1|2026 Verzeihen, vergeben In seinem berühmten Sonnengesang lobt Franz von Assisi Gott den Schöpfer für Sonne, Mond und Sterne, für Wind, heiteres und jegliches Wetter, für Wasser und Feuer. Sie alle nennt er Bruder oder Schwester. Die Erde benennt er als Mutter, aus der alles hervorgeht. Besonders bemerkenswert ist, dass das Verzeihen, das Aushalten in Drangsal, Krankheit und Leid und auch der Tod in diesem Schöpfungslied einen wichtigen Platz bekommen haben. Dieser Weisheit des Heiligen aus Assisi, vor allem der Kraft echter Vergebung, möchte ich hier nachgehen. Am 10. September 2025 wurde einer der wichtigsten Unterstützer von Donald Trump, der Influencer Charlie Kirk, auf offener Bühne erschossen. Seine Frau Erika Kirk, die dies mit ihren Kindern miterleben musste, fand Tage später bei der Gedenkfeier aufrichtige, versöhnliche und dem Täter verzeihende Worte, die aus einer echten christlichen Spiritualität genährt waren. Der anwesende US-amerikanische Präsident Trump, der sich so gerne auf christliche Werte beruft, verhielt sich da ganz anders. Vor laufenden Kameras sagte er: »Ich hasse meinen Gegner und wünsche ihm nicht das Beste …« Offen propagierte er Hass anstelle von Vergebung. Funktioniert aber dieses »Auge um Auge, Zahn um Zahn«? Die Kriege in Gaza oder der Ukraine zeigen uns, wie sinnlos und zerstörend eine solche Haltung ist. Mit einem Beispiel will ich zeigen, dass ein solches unversöhnliches Verhalten nicht nur Menschen verhärten und verbittern kann, sondern auch unheile Auswirkungen auf andere hat. Ich arbeite seit gut neun Jahren als Klinikseelsorger im Klinikum Ingolstadt. Einmal wurde ich zu einer 80-jährigen Frau gerufen, die im Sterben lag. Vier Töchter waren im Raum und einige Enkel. Wie so oft nahm ich Kontakt mit der Sterbenden auf, spendete ihr die Sakramente der Versöhnung (Absolution) und der Krankensalbung. Sehr oft können Menschen, auch wenn sie nicht mehr bei Bewusstsein sind, dann innerlich »umschalten« und sich befreit auf den Weg des Übergangs in die Ewigkeit machen. Nach ein bis zwei Tagen sterben dann viele in Frieden. Hier war es anders. Ich wurde innerhalb von gerade einmal zehn Tagen insgesamt fünfmal gerufen. Dabei erlebte ich, wie diese alte Dame wegen der Unversöhnlichkeit ihrer Kinder nicht sterben konnte. Eine Tochter wollte mich sogar in der Vorwurfsspirale dem nicht anwesenden Sohn gegenüber instrumentalisieren, was ich erkannte und nicht zuließ. Ich bat dringend darum, sich wenigstens im Sterbezimmer um eine versöhnliche Atmosphäre zu bemühen. Meine Botschaft kam mehr oder weniger an. Die alte Dame konnte dann endlich sterben. Im Frieden leben, im Frieden sterben. Der innere und äußere Friede ist die Frucht von Versöhnung und Verzeihung. Franz von Assisi hatte das richtig erkannt und schrieb in seinem Sonnengesang: »Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Krankheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.« Verzeihung, Vergebung, Versöhnung sind innere Einstellungen, die zu äußerem Verhalten führen. Ihre Kraft wird in der Theologie, Philosophie, Psychologie, Therapie und Sterbebegleitung neu entdeckt und als wichtiger Baustein von Befreiung, Wandlung, Neuwerdung und Heilung erfahren. Wer nicht vergeben kann, kreist immer wieder und immer enger um die erlittene Verletzung, die Person, die die Verletzung zufügte, die eigene Opferrolle und das Prinzip der Vergeltung. So jemand wird vom erlittenen Schmerz und der Aufregung über das zugefügte Unrecht bestimmt. Christoph Kreitmeir OFM Schritte auf dem Weg der Heilung frau im krankenhausbett : © aquaarts studio – istock.com
11 FRANZISKANER 1|2026 Wichtig ist es, dabei Verzeihung, Vergebung und Versöhnung zu unterscheiden. Ein erster Mosaikstein auf dem Weg von innerer und äußerer Befreiung ist das Verzeihen, wie es bereits Franziskus formulierte. Verzeihung verzichtet bewusst auf Vorwürfe, Vergeltung und Rache. Sie akzeptiert nach einem inneren Reifungsprozess die Situation, ohne sie zu billigen. Die Verletzung wird dabei nicht vergessen, sie ist aber nicht mehr bestimmend. Man befreit sich dadurch selbst von Fremdbestimmung. Die Selbstwirksamkeit, innere Stärke und Widerstandsfähigkeit nehmen zu. Verzeihen ist ein Ausdruck von innerer Stärke. Verzeihen ist der erste Schritt hin zu Vergebung und Versöhnung. Vergebung ist primär ein innerseelisches Geschehen, ein innerer Prozess. Groll, Hass, Wut oder »Zurückzahlen« werden abgelegt. Es geht darum, die negativen Gefühle hinter sich zu lassen oder anders mit ihnen umzugehen. Dies geschieht innerlich, auch ohne Bezug zur Person, die die Verletzung zufügte. Sie muss also gar nicht unbedingt dabei sein. Der Neurologe, Psychiater und Psychosomatiker Konrad Stauss benennt in einem Vergebungs- und Versöhnungsprozess von sieben Phasen die ersten sechs als der Vergebung zugehörig: • Bestimmung der traumatischen Schlüsselszene • Heilung der Ich-Beziehung (Akt der Selbstliebe) • Heilung der Du-Beziehung (Akt der Selbstbefreiung) • Heilung der Beziehung zum Ewigen Du (Einbindung in befreiendes Größeres über mir und dem Konflikt) • Durchführung des Vergebungsrituals und • Aufrechterhaltung der Vergebung Die siebte Phase ist dann der Weg der Versöhnung. Diese ist ein gemeinsamer Prozess. Beschädigte Beziehungen zwischen verletzender und verletzter Seite werden interaktiv einer Heilung anvertraut. Gegenseitiges Vertrauen will dabei wachsen. Einsicht, Reue, Entschuldigung und Wiedergutmachung durch die Person, die die Verletzung zufügte, sind dabei die Voraussetzung. Das Annehmen des Vergangenen, das Abstandnehmen von Rache und die gemeinsame Gestaltung einer positiven Zukunft sind Teilziele. Der US-amerikanische Psychologe und Vergebungsforscher Robert D. Enright forschte über die Wirkung von verzeihen und ergeben auf die menschliche Psyche. Wer nicht verzeihen und vergeben kann, schadet sich selbst und seiner Gesundheit psychosomatisch. Die negative Energie macht krank und stört auch das zwischenmenschliche Zusammenleben. In seinem Aufsatz »8 Keys to Forgiveness« (dt. »Acht Schlüssel zur Vergebung«) benennt er konkrete und heilende Wege zu einem von Unversöhnlichkeit befreiten Leben: 1. Erkennen Sie, was Vergebung ist und warum sie wichtig ist. 2. Werden Sie »verzeihend fit«. 3. Sprechen Sie Ihren inneren Schmerz an. 4. Entwickeln Sie durch Empathie einen verzeihenden Geist. 5. Finden Sie einen Sinn in Ihrem Leiden. 6. Wenn die Vergebung schwerfällt, greifen Sie auf andere Stärken zurück. 7. Verzeihen Sie sich selbst. 8. Entwickeln Sie ein verzeihendes Herz. Für gläubige Christinnen und Christen kommt zu dieser psychologisch-therapeutischen Wegbeschreibung der Glaube hinzu, dass die eigentliche Befreiung aus der Zusage Gottes kommt: Du bist von mir geliebt! Sich dessen immer wieder zu versichern, befreit von negativen Verletzungen und Befreiungen. Martin Luther King, Bischof Desmond Tutu, Nelson Mandela und viele andere lernten und lebten diese Kraft der Verzeihung, Vergebung und Versöhnung, welche die vielfältigen Teufelskreise durchbrach und neue Wege ermöglichte. »Vergebung ist keine einmalige Sache. Vergebung ist ein Lebensstil.« (Martin Luther King) und versöhnen Christoph Kreitmeir ist Franziskaner, Priester und zertifiziert ausgebildet in Gesprächsführung, Logotherapie und klinischer Seelsorge. Er ist als Krankenhausseelsorger im Klinikum Ingolstadt tätig.
12 FRANZISKANER 1|2026 Sag Ja zu deinem Weg Der Theologe und Autor Pierre Stutz ist dafür bekannt, die Menschen mit seiner Arbeit zu einer geerdeten und befreienden Spiritualität zu inspirieren. Er sagt, dass jeder und jede Einzelne einen eigenen Weg von Spiritualität und Glauben finden soll, was auch dank der Inspiration durch andere gelingen kann. Als Blaupause dafür dient ihm sein Ringen um den eigenen Weg im Leben – und seine persönliche Lebenskrise. Hier berichtet er, wie er diese Krisenzeit erlebt und was ihn hindurchgeführt hat. »In meinem zweijährigen Burn-out hatte ich monatelang keine Zukunft mehr. Es war die schmerzvollste Zeit meines Lebens. Wochenlange Schlaflosigkeit, jeden Morgen völlig erschöpft mit der großen Frage ›Schaffe ich es heute bis zur Zahnbürste?‹ konfrontiert. Es war zermürbend, mit 38 Jahren umzingelt zu sein von einer Ohnmacht, die mein erfolgreiches Leben nur noch defizitär deutete: ›Alles falsch gemacht, nie frei entschieden, kein Körpergefühl, zu spät für einen Neuanfang!‹ In dieser Krisenzeit haben mich eine Atemtherapeutin und ein Benediktinerpater, der auch Psychotherapeut war, begleitet. Sie haben mir den Blick und mein Herz geöffnet für eine Versöhnung mit meinem ureigenen Weg. Es war ein langer, harter, befreiender Prozess. Was für ein Glück im Unglück, in meiner Verunsicherung vielen mystischen Biografien begegnet zu sein, in denen es darum geht, sich mit seiner Geschichte und seinen durch-kreuzten Lebensplänen zu versöhnen! Versöhnung mit dir selber wünsche ich dir jene tiefe Einsicht deinem Verhalten auf den Grund zu gehen um dich besser verstehen zu können. Diesen Bewusstseinswandel, dass Frieden und Versöhnung in mir beginnt, halte ich für ein besonderes Erkennungszeichen in einer mystischen Lebensgestaltung. Ich kann die anderen nicht ändern, doch ich kann in mir eine wohltuende Grundhaltung fördern, um zu erkennen, welche Wachstumschance sich mir in meiner Verlorenheit zeigen kann. Deshalb erinnere ich mich täglich daran, mehr zu sein als meine Kindheitsverwundungen und als die jahrhundertlange, homophobe Diskriminierung, die mich hinderte, meiner tiefen Sehnsucht nach einer liebenden Partnerschaft mit einem Mann zu folgen; mehr noch, sie dankbar als Gottesgeschenk anzunehmen. In den meisten mystischen Lebenserfahrungen scheint auf, wie Menschen durch einen Zusammenbruch zu einem neuen Durchbruch in ihrer Gottesbeziehung und ihrer Beziehung zu sich selbst und zu den anderen gelangen können. Um sich nicht in einen Feindbildmechanismus zu verlieren, schaffen sie immer wieder Distanz zum Alltag, und sie verweilen an ihrem inneren Ruheort. Juan de la Cruz (1542–1591), ein Weggefährte von Teresa von Avila, ist mir bis heute ein wertvoller Wegbegleiter auf meinem Versöhnungsweg, der nie ein für alle Mal abgeschlossen sein wird, sondern wie mein Lebensfreund aus Nazareth es voller Güte und Weisheit ausdrückt: ›siebzigmal siebenmal‹ (Mt 18,22). Juan de la Cruz wird von seinen reformunwilligen Mitbrüdern in einem Kloster in Toledo unter unmenschlichsten Bedingungen neun Monate gefangen gehalten. Er war physisch, psychisch und auch spirituell in einer totalen Dunkelheit. Er erduldet dieses Unrecht nicht einfach so, sondern hält nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau, und er schreibt tiefsinnige Hymnen an die Nacht, die ihm nach seiner Flucht ermöglichen, eine Spiritualität der ›dunklen Nacht der Seele‹ zu entfalten. Auch dank ihm kann ich meine Autobiografie ›Wie ich der wurde, den ich mag‹ mit den Worten beenden: JETZT ist das ganze Leben vor mir.« Pierre Stutz Pierre Stutz, Theologe und Autor vieler spiritueller Bücher, lebt mit seinem Lebensgefährten in Osnabrück. ▶▶ www.pierrestutz.ch pierre stutz : © jannick mayntz
13 FRANZISKANER 1|2026 Athanasius Spies OFM Beichte Im vergangenen Heiligen Jahr war die Marienkirche in Düsseldorf als Kirche der Franziskaner einer der Orte der Gastfreundschaft und Versöhnung im Erzbistum Köln. Wie schon zuvor stieg die Zahl derer, die kamen, um das Sakrament der Versöhnung zu empfangen, an. Das zeigt deutlich die Sehnsucht nach einer Versöhnung mit Gott und den Menschen während der Beichte oder des Beichtgesprächs – besonders dann, wenn das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe als eine Art »Beichtspiegel« dient. Dabei geht es zumeist weniger um konkrete Taten oder Unterlassungen, sondern um die Feststellung, dass sich in der Beziehung zu Gott und den Menschen etwas verändert hat – zumeist in eine gefühlt nicht gute Richtung: »Das war früher einmal anders.« Wenn es möglich ist darüber zu sprechen, zeigt sich meistens, dass die dritte Komponente des Gebotes der Gottes- und Nächstenliebe vernachlässigt wird – »wie dich selbst«. Die jeweiligen Be- und Empfindlichkeiten unseres Lebens prägen unser Verhältnis zu Gott und den Menschen oft mehr, als uns lieb und bewusst ist. Einer der wesentlichen Schritte der Versöhnung scheint also zu sein, zunächst mit sich selbst versöhnlicher umzugehen. Dies braucht Zeit. Für viele Dinge, die wir uns oft unbewusst angewöhnt haben, gilt es, sie sich nun bewusst wieder ab- oder sich umzugewöhnen. Aber wo finde ich die Kraft dazu, wer hilft mir dabei? Neben der Bitte um Vergebung geht es auch im Sakrament der Versöhnung – wie bei jedem Sakrament – um das, was wir im Glauben »Gnade« nennen. Wie oft bitten wir darum, dass Gott mit seiner Gnade das ergänzen möge, was uns in menschlicher Schwachheit fehlt. Diese Bitte beinhaltet interessanterweise zunächst keine moralische Aussage, sondern eine Feststellung: Ohne Gottes Hilfe komme ich in der einen oder anderen Angelegenheit meines Lebens nicht weiter. Es ist schön zu erleben, wenn Menschen in der Beichte einen »Perspektivwechsel« vollziehen oder zumindest erahnen. Wir sind in und durch Christus erlöste Menschen, deshalb gilt: Ich muss nicht erst (fertige) Lösungen finden, um erlöst zu werden, sondern aus der Erfahrung von Erlösung ergeben sich Lösungen – vor allem für die Beziehungen eines glaubenden Menschen zu Gott, den anderen und sich selbst. Dies darf die/der Beichtende sich im Sakrament der Versöhnung unverbrüchlich zusagen lassen. Das Zusagen-Lassen ist aus der Erfahrung gesprochen ein weiterer wesentlicher Aspekt der Beichte. Häufig sprechen Menschen davon, dass sie über das eine oder andere, was in und mit ihrem Leben nicht in Ordnung ist, schon oft und gewissenhaft nachgedacht haben. Es ist aber ein Unterschied, ob ich über etwas, das mich beschäftigt, nur nachdenke oder es auch ausspreche. Denn das gesprochene Wort ist nicht zurückzuholen. Das gilt dann auch für die menschlich vermittelte Antwort Gottes darauf in der Lossprechung. Letztlich geht es im Sakrament der Versöhnung wohl vor allem darum, mein Leben vor Gott zur Sprache zu bringen. Dazu braucht es Mut – möge das Sakrament der Versöhnung stets eine Ermutigung sein. Letztendlich ist es gut, auch den Dank nicht zu vergessen – wie es bei vielen auch geschieht. Es gibt zahlreiche Formulierungen und Anregungen dazu, die nach der Lossprechung gebetet werden können. Eine, die einer alten Tradition entstammt, bete ich gerne bewusst vor der Lossprechung: »Die Menschwerdung, das Leiden, Sterben und die Auferstehung unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, die Fürsprache der Gottesmutter Maria und aller Heiligen, alles, was Sie Gutes getan und Schweres getragen haben, gereiche Ihnen zur Vergebung der Sünden, lasse die Gnade in Ihnen wachsen und schenke Ihnen Anteil am göttlichen Leben.« Athanasius Spies OFM ist Theologe und Erziehungswisssenschaftler. Er lebt seit 2014 in Düsseldorf mit den Schwerpunkten: Katechese, Begleitung in der kgi FIDES und Mitarbeit in der Citypastoral. Sakrament der Versöhnung
14 FRANZISKANER 1|2026 Streit und Versöhnung im Buch Genesis Bereits im ersten Buch der Bibel, im Buch Genesis (Gen), taucht der Streit als ein zentrales Motiv auf. Während die beiden Anfangskapitel des Buches mit den zwei Schöpfungserzählungen von einem harmonischen Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf handeln, kommt es bereits im dritten Kapitel durch den ersten Menschen und seine Frau zu einer Störung dieser Beziehung. Das Buch Genesis folgt dabei einer bestimmten Fokussierung: Zuerst nimmt es in der Urgeschichte (Gen 1–11) die gesamte Menschheit in den Blick. Danach wird in der Erzelternerzählung (Gen 12–50) ein einzelnes Volk, das später zum Volk Israel wird, in vier Generationen näher betrachtet. Es beginnt in der ersten Generation mit Abram und Sarai bzw. Abraham und Sara. Die zweite Generation sind die Brüder Ismael und Isaak (Gen 12–26) und die dritte Generation Isaaks Söhne Esau und Jakob (Gen 27–36). Danach folgt mit der Josefsgeschichte (Gen 37–50) eine Erzählung über die vierte Generation: Josef und seine Brüder. Im Buch Genesis entstehen die Konflikte meistens zwischen Brüdern, denn hier wird die Geschichte der Menschheit als Verwandtschaftsgeschichte präsentiert. Das hebräische Wort ach meint dabei aber nicht nur den Bruder im engeren Sinn, sondern auch weiter entfernte männliche Verwandte wie Neffen und Cousins. Der erste Konflikt entsteht in der Urgeschichte zwischen den Brüdern Kain und Abel, den Söhnen von Adam und Eva (Gen 4,1–16). In der Erzelternerzählung gibt es in jeder Generation einen Streit: zwischen Abram und seinem Neffen Lot Ausschnitt aus der Pax-Christi-Ikone zum Thema »Versöhnung in der Bibel«. Sie zeigt die versöhnende Begegnung zwischen Esau und Jakob. Darunter ist der Schriftzug »Christus ist unsere Versöhnung« zu sehen. ikone : © pax christi international
15 FRANZISKANER 1|2026 (Gen 13); zwischen den (Halb-)Brüdern Isaak und Ismael bzw. eigentlich zwischen deren Müttern Sara und Hagar (Gen 21,9–21); zwischen den Zwillingen Esau und Jakob (Gen 27,1–45) und schließlich zwischen den zwölf Söhnen Jakobs (Gen 37–50). Die Konflikte werden unterschiedlich gelöst und enden nicht immer versöhnlich. Sie nehmen aufeinander Bezug, setzen einander voraus und stehen in Beziehung zueinander. Dabei ist eine Entwicklung in der Beendigung der Konflikte erkennbar, von der maximal negativen hin zur maximal positiven Lösung. Der erste Streit entsteht, weil das Opfer Abels von Gott angenommen wird und das Opfer Kains nicht. Deshalb tötet Kain seinen Bruder Abel auf dem Feld. Dieser Konflikt endet also maximal negativ, und der erste Tod in der Bibel ist ein Mord. Damit ist eine Versöhnung der beiden zu Lebzeiten ausgeschlossen. Danach folgt der Streit zwischen Abram und seinem Neffen Lot, der ersten Generation der Erzeltern. Beide haben einen sehr großen Besitz an Vieh erworben, und das Land war nicht mehr groß genug, dass beide dort siedeln und ihre Herden ernähren konnten. Deshalb kommt es zum Streit. Dieser Konflikt wird schnell gelöst, indem Abram Lot die örtliche Trennung der beiden Herden vorschlägt, und er endet mit einem Kompromiss. Der dritte Konflikt besteht zwischen den beiden (Halb-)Brüdern Isaak und Ismael, aber eigentlich entzündet er sich zwischen deren Müttern Sara und Hagar, der Magd Saras und Nebenfrau Abrahams. Sara hat Angst um Isaaks Erbe. Deshalb beauftragt sie Abraham, Ismael und Hagar im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste zu schicken. Abraham ist nicht sehr begeistert von dieser Idee. Es bedarf erst der Überzeugung Gottes und dessen Zusage, dass er auch Ismael »zu einem großen Volk machen« werde. Auch dieser Streit wird durch eine räumliche Trennung gelöst, bevor er eskalieren kann. In der dritten Generation der Erzeltern stehen sich Jakob und Esau wegen des Erstgeburtssegens gegenüber. Diesen erschleicht sich Jakob mithilfe seiner Mutter Rebekka, indem er seinem blinden Vater Isaak vorspielt, Esau zu sein. Aber auch zuvor kommt es schon zu Reibereien zwischen den Zwillingen. Eigentlich beginnt der Konflikt bereits im Mutterleib, wo sich die beiden gegenseitig stoßen. Es herrscht Streit anstatt der bei Zwillingen üblichen geschwisterlichen Vertrautheit. Nach der Eskalation des Streits muss Jakob vor Esau fliehen und hält sich einige Zeit im Ostjordanland auf. Später zieht Esau nach Seïr, während Jakob in Kanaan siedelt. Es kommt aber auch zu einer emotionalen Begegnung der beiden: Jakob wirft sich siebenmal vor Esau nieder, und Esau läuft Jakob entgegen, umarmt und küsst ihn. Beide beginnen zu weinen. Dies kommt einer Aussöhnung, ja sogar einer Versöhnung nahe, auch wenn sie danach wieder getrennte Wege gehen. Erneut ist eine räumliche Trennung nötig, um den Konflikt zu lösen. Im dritten Teil des Buches, der Josefsgeschichte, bevorzugt Jakob seinen Sohn Josef, indem er ihm einen bunten Ärmelrock schenkt. Deshalb beneiden ihn die anderen Söhne. Außerdem zieht Josef Johannes Roth OFM ihren Hass durch seine Träume und deren Deutung auf sich. Seine Brüder unternehmen einen regelrechten Anschlag auf Josef, werfen ihn in eine leere Zisterne und verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten. Dort steigt Josef im Haus des Pharaos schnell auf. Wegen einer Hungersnot schickt Jakob seine Söhne, bis auf Benjamin, nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Dort begegnen sie auch ihrem verhassten Bruder Josef. Während Josef sie sofort erkennt, bleibt seine Identität für sie aber wegen seiner Stellung, Kleidung und Sprache verborgen. Statt sich an ihnen zu rächen, täuscht Josef ihnen überraschend eine Anklage vor und unterstellt ihnen, dass sie Spione seien. Er behält einen der Brüder als Pfand bei sich und verlangt von den anderen, mit Benjamin zurückzukehren. Da der Hunger immer größer wird, muss Jakob seine Söhne erneut nach Ägypten schicken, um Getreide zu kaufen – dieses Mal kommt auch Benjamin mit. Dessen Anblick rührt Josef sehr an, und er lässt sofort ein Festmahl für sich und seine Brüder zubereiten. Zuvor zieht er sich aber zurück, um zu weinen. Trotzdem stellt Josef seine Brüder noch einmal auf die Probe. Infolgedessen bittet sein Bruder Juda ihn um Erbarmen für Benjamin und auch für seinen Vater Jakob. Dies rührt Josef erneut an, er beginnt laut vor seinen Brüdern zu weinen und offenbart sich ihnen. Die nichts ahnenden Brüder können es kaum glauben. Josef stellt ihnen seine damalige Situation vor Augen, aber nicht als Vorwurf, sondern als von Gott gelenkte Geschichte, der auf diese Weise Leben erhalten und retten will. Am Ende kommt es zur Versöhnung und zur Zusammenführung der Familie. Hier wird die optimale Lösung für einen Konflikt vorgestellt. Die Josefsgeschichte ist vermutlich der biblische Text, der am eindringlichsten und stärksten ausgefaltet die Möglichkeit zur Versöhnung beschreibt, auch wenn das Wort Versöhnung nicht fällt. Der Streit zwischen Josef und seinen Brüdern sowie der Konflikt zwischen Jakob und Esau machen deutlich, dass Versöhnung in der Regel nicht innerhalb weniger Minuten geschieht, sondern ein Prozess von Jahren oder sogar Jahrzehnten ist. Es zeigen sich hier zwei Dimensionen von Versöhnung: »Zuerst ist es ein Weg, den Menschen untereinander zu gehen und zu klären haben. Dabei aber helfen Gott und auch, an ihn zu glauben, ganz wesentlich mit. Das Vertrauen auf den Gott, der die ganze Geschichte umfängt, ermöglicht Versöhnung.« (Georg Fischer SJ)
16 FRANZISKANER 1|2026 Versöhnung bei Franziskus Der Begriff Versöhnung scheint nicht zum Wortschatz von Franziskus gehört zu haben. Man sucht ihn in seinen Schriften vergeblich. Das ist erstaunlich bei einem Mann, der so sehr mit Frieden und Versöhnung in Verbindung gebracht wird wie der Heilige aus Assisi. Bei genauerem Hinsehen findet man jedoch eine ganze Reihe von Haltungen, also Einstellungen und Verhaltensweisen, die eine Voraussetzung für Versöhnung darstellen, und Begebenheiten, bei denen diese Haltungen zum Tragen kommen. Poggio Bustone: Frieden mit der eigenen Geschichte Wenige Jahre nach seiner Bekehrung wandert Franziskus mit den ersten Brüdern Richtung Süden. Sie helfen den Bauern auf den Feldern und sind mit wenigen Lebensmitteln als Lohn zufrieden. Bald eilt ihnen deshalb ein guter Ruf voraus. In einem kleinen Ort im Rietital, Poggio Bustone, werden sie von den Bewohnerinnen und Bewohnern freudig empfangen. Franziskus trägt zu dieser Zeit immer noch Schuldgefühle aus seinem früheren Leben mit sich herum. Schließlich war Franziskus am Bürgerkrieg in Assisi beteiligt und dabei vermutlich auch in Kampfhandlungen verwickelt. Das hinterließ Spuren. In Poggio Bustone zieht er sich in die Einsamkeit zurück und ringt im Gebet darum, ob Gott ihm wirklich vergeben hat und ob sein neuer Lebensweg richtig ist. Was daraufhin geschieht, schildert sein Biograf Thomas von Celano folgendermaßen: Elisabeth Bäbler OSF franziskus und wolf : © uta poss – picture-alliance.com
17 FRANZISKANER 1|2026 Da begann unsagbare Freude und höchste Wonne sich nach und nach in das Innerste seines Herzens zu ergießen. Auch wurde er allmählich ganz verändert; der Gemütssturm legte sich, die Finsternis wich, die infolge von Sündenangst sich über sein Herz gebreitet hatte; es wurde ihm die Gewissheit zuteil, alle seine Sünden seien ihm vergeben worden. Versöhnung beginnt hier ganz persönlich: Ein Mensch lernt, sich von Gott anschauen zu lassen, ohne sich zu verstecken. Die Zusage der Vergebung schenkt Franziskus inneren Frieden. Er wird sich seiner Würde bewusst. Das befähigt ihn, Gott als »den Guten« zu verkünden, andere zum Vertrauen zu ermutigen und sie »als Boten des Friedens« auszusenden. Unmittelbar nach diesem Ereignis wird er seine Brüder buchstäblich in alle Himmelsrichtungen in die Welt schicken, um ebendiese Botschaft zu verkünden. Der Brief an einen Minister und die Regeln: Voraussetzungen eines versöhnten Miteinanders Die ersten Franziskaner hatten keine festen Klöster. Sie hatten einige Orte, an die sie sich immer wieder zurückzogen, waren aber meistens unterwegs und übernachteten, wo sie einen Unterschlupf fanden. Was die Gemeinschaft zusammenhielt, waren die Beziehungen unter den einzelnen Mitgliedern. Umso wichtiger waren Haltungen, die diese Beziehung stärkten, darunter sicher auch jene, die Versöhnung ermöglichen. In den Schriften finden wir an mehreren Stellen Hinweise zum Umgang der Brüder untereinander, die die Grundlagen für ein versöhntes Miteinander beschreiben. Die bekannteste davon findet sich im sogenannten Brief an einen Minister. Darin wendet sich Franziskus an einen Verantwortlichen, der mit schwierigen Brüdern zu tun hat, und legt ihm zwei Haltungen ans Herz. Die eine ist: »Du sollst nicht wollen, dass er ein besserer Christ wird.« Damit sagt er ihm: Du kannst nicht wissen, was für den anderen gut ist und wie dieser sein Christsein leben soll. Deine Interpretation dessen, was gutes Christsein ist, ist nicht die einzig gültige. Und er fügt als wichtigsten Aspekt der Aussage hinzu: Der andere gehört dir nicht, somit hast du auch keine Verfügungsgewalt über sein Verhalten. Gelebte Augenhöhe und Gleichwertigkeit aller ist für Franziskus eine Voraussetzung für Versöhnung. Die zweite Haltung ist die, barmherzig zu bleiben – gerade dann, wenn ein Bruder immer wieder scheitert: Es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch gesündigt haben, so viel er nur sündigen konnte, der deine Augen gesehen hat und dann von dir fortgehen müsste ohne dein Erbarmen. Erbarmen bedeutet hier, den anderen immer zuerst als Menschen zu sehen, ihm entgegenzugehen und ihn nicht auf seine Schwächen zu reduzieren. Es bedeutet auch, nicht aufzugeben, wenn jemand schwierig ist, und ihm um der Beziehung willen immer wieder eine Brücke zu bauen. Wie wichtig ihm das ist, sieht man auch an folgender Anweisung: Und mag zu ihnen kommen, wer da will, Freund oder Feind, Dieb oder Räuber, so soll er gütig aufgenommen werden. Die Würde des anderen muss unter allen Umständen gewahrt werden. Die beiden Regeln (die frühe, nicht kirchlich bestätigte und die spätere, endgültig bestätigte Regel) fassen die Lebensweise der Brüder zusammen. Sie sind so etwas wie ein »Fahrplan« für eine versöhnte Gemeinschaft. Elisabeth Bäbler ist Franziskanerin von Sießen. Sie lebt derzeit gemeinsam mit einer Mitschwester in Siegen (NRW) und arbeitet dort im Geistlichen Zentrum Eremitage Franziskus. Die Felskapelle in Puggio Bustone
18 FRANZISKANER 1|2026 Beziehu Versöhnung hat nichts mit Gewöhnung zu tun oder mit einer resignierten Anpassung an die Verhältnisse. Und es geht auch nicht darum, erfahrenes Unrecht zu verdrängen oder sich mit der Lage, wie sie nun einmal da ist, einfach abzufinden. Im Gegenteil: Versöhnung ist ein aktives Geschehen, eine bewusste Auseinandersetzung mit dem, was war, und dem, was werden soll. Daher geschieht Versöhnung auch nicht nebenbei. Sie braucht die rechte Zeit und den richtigen Ort. Solange Unrecht herrscht, ist Widerstand angesagt; denn mit Strukturen der Unterdrückung gibt es keine Versöhnung. So können sich etwa Sklaven und Sklavenhalter erst dann versöhnen, wenn die Sklaverei überwunden ist. Nur wenn zumindest beide ihre alten Rollen aufgegeben haben und aus ihrer jeweiligen Mehr- und Minderposition herausgetreten sind, können sie sich auf Augenhöhe begegnen. Solange dies nicht möglich ist, bleiben Widerstand und Kampf angesagt. Wobei es hier natürlich zu bedenken gilt, dass die Mittel und Methoden des Widerstandes Auswirkungen auf einen späteren Versöhnungsprozess haben werden. Liegen die äußeren Voraussetzungen für die Versöhnung vor, geht der erste Blick zurück in die Vergangenheit. Es geht um die Suche nach Wahrheit in einem gemeinsamen Prozess der Aufklärung, des Zuhörens, der Bemühung zu verstehen, ohne entschuldigen zu wollen. Der zweite Blick ist dann auf die gemeinsame Zukunft gerichtet. Ohne den Willen, die Zukunft gemeinsam zu gestalten, werden sich beide Seiten der Anstrengung der Wahrheitssuche gar nicht unterziehen. Beim Blick in die Zukunft geht es um Gerechtigkeit. Diese ist nicht gleichbedeutend mit Vergeltung oder Strafe, stattdessen aber mit der Sicherung der Existenz, möglicherweise verbunden mit Schadensausgleich in einem Maß, das künftig beide Seiten in Würde leben können. Versöhnung braucht ein Gesicht. Sie geschieht zwischen Menschen, die sich schon kennen oder im Prozess der Versöhnung erstmals oder neu kennenlernen. Im Verhältnis zwischen Völkern und Staaten kann es zwar eine Friedenspolitik geben, die Elemente von Versöhnung enthält, aber die Begegnung von Personen nicht ersetzen kann. Daher ist die Rede von der »deutsch-französischen Aussöhnung« auch missverständlich, weil sie in diesem Kontext anonym ist. Dies schließt vorbildliche, versöhnende Gesten von Regierungsvertretern aber Die Brüder sollen sich gegenseitig achten, einander ihre Not offenbaren und diese zu beheben versuchen. Regeln sind hier nicht starr und hart, sondern Ausdruck eines Lebensstils, bei dem man lernt, sich immer wieder zu versöhnen – mit Gott, mit den anderen und mit sich selbst. Eine sehr herausfordernde Aufforderung, ohne die Versöhnung aber schlecht denkbar ist, findet sich fast identisch in beiden Regeln – ein Zeichen dafür, dass sie Franziskus sehr am Herzen lag. Die Brüder … müssen sich hüten, wegen der Sünde, die jemand begangen hat, zornig und aufgeregt zu werden; denn Zorn und Aufregung verhindern in ihnen selbst und in den anderen die Liebe. Die Liebe, das Wohlwollen dem anderen gegenüber ist eine Voraussetzung für tragende Beziehungen. Der Wolf von Gubbio: Versöhnung mit dem Andersartigen und Bedrohlichen In der bekannten Geschichte vom Wolf von Gubbio wird Versöhnung anschaulich erzählt. In dieser Legende kommen alle oben genannten Haltungen zum Tragen: die Offenheit dem anderen gegenüber, die Achtung seiner Würde, die einen Dialog ermöglicht, und nicht zuletzt der Verzicht auf Eskalation. Laut der Legende bedroht ein Wolf die Stadt. Er fällt jeden an, der sich vor die Tore wagt. Eine für mich schlüssige Interpretation dieser Geschichte ist, dass es sich bei dem Wolf nicht um ein echtes Tier, sondern um einen Banditen handelte, der das Umland der Stadt in Angst und Schrecken versetzte. Die Angst der Menschen führt zu Gewalt, und das Klima in der Stadt ist zunehmend von Misstrauen geprägt. Franziskus geht dem »Wolf« entgegen, nicht mit Waffen, sondern mit Vertrauen, Offenheit und der Bitte um Frieden. Er begegnet ihm als Geschöpf Gottes, verhandelt mit ihm und sucht einen Weg, wie Mensch und »Tier« friedlich miteinander leben können. Mit dem Verzicht auf Zorn und Aufregung ist er in der Lage, die Situation zu deeskalieren. Er erreicht, dass Wolf und Stadt so etwas wie einen »Friedensvertrag« schließen. Die Menschen sorgen für Nahrung, der Wolf lässt die Stadt in Ruhe. Impulse für die Gegenwart In einer Zeit, in der die Polarisierung innerhalb der Gesellschaft zunimmt und wir oft in »Blasen« von Gleichdenkenden unterwegs sind, scheinen die Haltungen, die der Heilige seinen Brüdern ins Stammbuch schreibt, eine ganz neue Aktualität zu haben. Franziskus lädt uns ein, aus der Gewissheit zu leben: Du bist angenommen – mit all deinen Ecken und Kanten. Aus dieser Gewissheit heraus sind wir in der Lage, den anderen in ihrer Andersartigkeit und vielleicht Fremdheit offen und neugierig zu begegnen und auch unsere herausfordernden Zeitgenossen als Mitmenschen zu sehen.
19 FRANZISKANER 1|2026 ng zwischen Staaten und Völkern natürlich nicht aus – wie etwa das Beispiel vom Kniefall Willy Brandts in Warschau 1970 zeigt. Soll es zur beiderseitigen Versöhnung kommen, setzt dieser Prozess auch die Bereitschaft zur Vergebung voraus. Nach Hannah Arendt ist die Vergebung überhaupt eine der beiden Grundvoraussetzungen menschlichen Zusammenlebens. Anders als Versöhnung kann sie aber auch einseitig geschehen. Die andere Voraussetzung ist das Versprechen und unser Vertrauen auf die Einhaltung von Versprechen. Weil wir aber als Menschen nicht in der Lage sind, alle unsere Versprechen zu halten, bedürfen wir der Vergebung, um mit den Enttäuschungen aus der Vergangenheit ohne Verbitterung weiterleben zu können. Ullrich Hahn Ullrich Hahn, Jahrgang 1950, Rechtsanwalt in VillingenSchwenningen mit Schwerpunkt Migrationsrecht, Mitglied im deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes, derzeit dessen Präsident, Pazifist seit 1973 nach vorangegangener Kriegsdienstverweigerung als Reservist Die beiderseitige Versöhnung ist– wie auch die Vergebung – nur freiwillig möglich. Sie können nicht angeordnet, ja nicht einmal von dritter Seite erwartet werden. Jeder Druck in Richtung Versöhnung enthält das Risiko geheimer Vorbehalte, die letztlich stärker sein können als eine äußere Erklärung oder Geste. Versöhnung braucht deshalb Zeit. Oft kann sich erst die nachfolgende Generation einer bitteren Wahrheit stellen. Denn der Preis für die Gerechtigkeit ist oft zu groß für die, die vom Unrecht und ihrer Mehrposition über die anderen profitieren. Deshalb ist in vielen Beziehungen zuvor noch der lange Weg des Widerstandes und der eigenen Umkehr angesagt, bevor wir von Versöhnung reden können. Der Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Ehrenmal für die Helden des Warschauer Ghettos. Diese Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs spielte eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen Ost und West. kniefall : © sven simon – picture-alliance.com | ullrich hahn: © benjamin pütter
HÄNDE © A C – UNSPLASH.COM Moment mal … Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Kolosser 3,13; Einheitsübersetzung (2016)
Liebe Leserin, lieber Leser, Sie finden wenig Beachtung in der patriarchalischen Geschichtsschreibung – die Frauen der Bibel. Und haben eine weitaus größere Bedeutung, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Zwischen Geschichten von Königen, Propheten und Kriegern prägen sie entscheidend den Verlauf der biblischen Erzählung. Manche treten kraftvoll in den Vordergrund, andere wirken im Verborgenen, einige handeln mutig gegen alle gesellschaftlichen Erwartungen oder religiösen Vorschriften, andere halten unbeirrbar an ihrem Glauben fest. Gemeinsam zeigen sie ein breites Spektrum menschlicher Erfahrung: Stärke und Verletzlichkeit, Zweifel und Vertrauen, Widerstand und Hingabe. Frühling 2026 | Der franziskanische Wegbegleiter in der Bibel Diese Frauen stehen nicht nur für ihre persönlichen Schicksale. Sie verkörpern Fragen, die bis heute relevant sind: Wie behauptet man sich in einer Welt, die Grenzen setzt? Wie findet man die eigene Stimme? Wie kann Glaube Orientierung geben – gerade in Zeiten von Unsicherheit und Wandel? In ihren Geschichten spiegeln sich die Herausforderungen des Alltags wie die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Freiheit, Sinn und Frieden. Entdecken Sie mit uns die vielfältigen Lebens- und Glaubenswege dieser Frauen. Jede von ihnen eröffnet eine eigene Perspektive auf Mut, Hoffnung und Gottvertrauen. In dieser Ausgabe stelle ich Ihnen die Frauen des Anfangs vor: Eva, Sara und Hagar. Ihr Andreas Brands OFM Frauen maria magdalena : © rijksmuseum – wikicommons
franziskaner.netRkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=