42 FRANZISKANER 1|2026 karneval : © matias basualdo – picture.alliance.com Welt(un)ordnung Stefan Federbusch OFM »Stark ist der König, er liebt das Recht. Du hast die Weltordnung fest begründet, hast Recht und Gerechtigkeit in Jakob geschaffen.« So rühmt der Beter im Psalm 99 Gott als denjenigen, der eine Weltordnung geschaffen hat, die auf Recht und Gerechtigkeit beruht. Eine Ordnung, die Schutz und Sicherheit bietet. Das jüdische Volk hat über Jahrhunderte dennoch schmerzhaft die Erfahrung gemacht, dass sich das Recht des Stärkeren durchsetzt: Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser und Römer haben auf je eigene Weise ihre Weltreiche gegründet. Zur Zeit Jesu herrschte die »Pax Romana«, die Epoche, in der die Römer den Mittelmeerraum prägten. Kulturell entwickelte sich das Christentum daher im griechisch-römischen Denken. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die Menschen in Deutschland diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs zwei unterschiedliche Weltsichten und politische Systeme. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West zementierte über Jahrzehnte die Weltwahrnehmung. Die Hoffnung, dass sich nach dem Fall der Mauer eine gemeinsame friedlichere Weltordnung errichten ließe, erfüllte sich leider nicht. Die Vereinten Nationen (UNO) als gemeinsame Institution zum Erhalt des Friedens konnten diese Aufgabe nur unzureichend wahrnehmen. Ihre Strukturen sind dringend reformbedürftig. Der UNO-Sicherheitsrat ist bedingt durch das Vetorecht der fünf ständigen Mitglieder ein zahnloser Tiger, der sich selbst blockiert. Im September 2022 plädierte der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz vor der UNO für eine neue Weltordnung des Respekts. Mittlerweile erleben wir das genaue Gegenteil der von ihm eingeforderten Prinzipien: das Recht der Macht statt die Macht des Rechts, ein imperialistisches Vorgehen, die Verletzung völkerrechtlicher Prinzipien sowie die Missachtung internationaler Institutionen. Auf dem Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos hat US-Präsident Donald Trump im Januar 2026 nun seinen eigenen umstrittenen »Friedensrat« gegründet. Ein bewusster Affront gegenüber der UNO. Das Logo des »Board of Peace« spiegelt wider, worum es geht: Der goldumrahmte Wappenschild zeigt lediglich Teile von Nord- und Südamerika mit den USA nahe dem Zentrum. »America first« ist die Devise. »Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.« In Anlehnung an Pippi Langstrumpf geht es aber nicht um kindliche Freiheit und Kreativität, sondern schlicht um Machtinteressen. Nach der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie werde die »amerikanische Dominanz in der westlichen Hemisphäre niemals wieder infrage gestellt«, so Trump. Dass ein US-Präsident ein anderes NATO-Land (Dänemark) bedroht, nur weil er Teile (Grönland) von ihm »haben« möchte und aus Sicherheitsinteressen »brauche«, ist eine Ungeheuerlichkeit. Sein Selbstverständnis als großer »Friedensstifter« zeugt von einer verzerrten Realitätswahrnehmung. Die regelbasierte Weltordnung ist vorläufig dahin. Der Multilateralismus, die gleichberechtigte Zusammenarbeit von Staaten, bröckelt. Demokratische (europäische) Systeme werden angegriffen, autokratische ermutigt. Nach Einschätzung der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch leben bereits 72 Prozent der Menschheit in Autokratien. Konfrontation und Konkurrenz statt Kooperation. Eine Welt, in der die drei stärksten Weltmächte USA, China und Russland mit ihren Herrschern Trump, Xi und Putin ihre Machtsphären aufteilen, wird jedoch keine friedliche sein. Die Frage ist, wie sich die autoritäre Welle brechen lässt und ob es die von Human Rights Watch geforderte »entschlossene, strategische und koordinierte Reaktion« von Zivilgesellschaften, multilateralen Institutionen, Wählerinnen und Wählern sowie Regierungen, die das Recht achten, tatsächlich gibt und ob sie genügend Kraft hat. Wir alle sind als Teil der Zivilgesellschaft aufgefordert, im Rahmen des Möglichen das Unsrige zu tun, unsere christlich-franziskanischen Wertvorstellungen zu erhalten und für eine Weltordnung der Geschwisterlichkeit, der Solidarität und des Respekts einzustehen.
RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=