Franziskaner - Frühling 2025

8 FRANZISKANER 1|2026 Es eifre jeder seiner unbestochnen Von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag Zu legen! Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann in Osten, Der einen Ring von unschätzbarem Wert’ Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spielte, Und hatte die geheime Kraft, vor Gott Und Menschen angenehm zu machen, wer In dieser Zuversicht ihn trug. Maximilian Feigl Mit diesen Worten beginnt die Ringparabel in dem Stück »Nathan der Weise« (1779) von Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781). Das Werk gilt als einer der wichtigsten Texte der deutschen Literatur zum Thema Versöhnung – denn in ihm steht sie nicht am Ende der Geschichte, sondern sie bildet den Höhepunkt des Stücks. Die Ringparabel, mit der der titelgebende Nathan zur Versöhnung aufruft, markiert den Wendepunkt der Handlung. Sie macht aus der Versöhnung, die zu Lessings Zeit eher als private Tugend mit emotionalem Antrieb verstanden wurde, ein gesellschaftliches Programm basierend auf Perspektivwechsel und Erkenntnis. Ausgangspunkt im Stück ist die Frage von Sultan Saladin, welche der drei abrahamitischen Religionen die wahre sei. Die Frage stellt den Juden Nathan vor ein Dilemma: Benennt er seine eigene Religion als die richtige, wäre dies eine Majestätsbeleidigung des muslimischen Sultans, und er müsste mit Konsequenzen rechnen. Nennt er hingegen eine andere Religion, müsste er die Frage beantworten, warum er selbst dann noch Jude ist. Statt eine direkte Antwort zu geben, erzählt er dem Sultan das Gleichnis vom Ring. Dieser wird über viele Generationen hinweg vom Vater an denjenigen Sohn weitergegeben, den jener am meisten liebt. So wird das kostbare Schmuckstück über Generationen hinweg vererbt, bis sich ein Vater nicht zwischen seinen drei Söhnen entscheiden kann. In seiner Gutmütigkeit verspricht er aber jedem den Ring. Um niemanden zu enttäuschen, lässt er zwei exakte Kopien anfertigen und gibt vor seinem Tod jedem der Söhne einen der Ringe. Dabei lässt er jeden von ihnen im Glauben, den echten Ring bekommen zu haben. Das fällt den drei Brüdern natürlich auf, und es kommt zum Konflikt: Da jeder von ihnen davon ausgeht, selbst den echten Ring zu besitzen, hält ein jeder seine Brüder für Lügner. Um also herauszufinden, wer denn nun den echten Ring hat, ziehen sie vor Gericht. Der Richter erinnert zuerst daran, dass der Stein im Ring die Macht habe, den Träger bei allen anderen Menschen beliebt zu machen, wenn man nur entsprechend handle. Einer der Brüder müsse daher mehr geliebt werden als die beiden anderen. Da dem aber nicht so ist und jeder nur sich selbst liebt, kann er keine Entscheidung fällen. Stattdessen bietet er den Brüdern einen Rat an: Da man nicht weiß, wer den echten Ring hat, sollten doch alle drei so handeln, als wäre ihrer der richtige. Verständigung statt Konflikt

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